Auf dem diesjährigen MarxIs’Muss Kongress vom 29. Mai bis zum 1. Juni waren über 1100 Genoss:innen aus dem ganzen Bundesgebiet in Berlin zugegen, um an Bildungs- und Diskussionsveranstaltungen teilzunehmen und um sich zu vernetzen. Wir haben vier Genoss:innen, die auf dem Kongress waren, im Anschluss folgende Fragen gestellt: Wie fandest du den Kongress? Was wurde richtig gemacht? Was hat gefehlt, bzw. was ist deine Kritik? Heute veröffentlichen wir ihre Antworten.
2025 war ich das erste Mal auf dem Kongress und war enorm begeistert. Im Besonderen über die Vielfalt und Fülle an Veranstaltungen – von Imperialismustheorie über verschiedene Buchvorstellungen bis hin zu Popkultur – für jede*n war an dem Wochenende etwas dabei. Die Referent*innen verstanden es, spannende neue Perspektiven auf verschiedenste Themen zu eröffnen. Lediglich die Diskussion zu diesen neuen Blickwinkeln fiel in fast allen Veranstaltungen zu kurz aus. Wer tiefer einsteigen wollte, konnte jedoch an den zahlreichen Bücherständen passende Lektüre finden – eine wahre Fundgrube, wenn auch gefährlich für den Geldbeutel. Für mich definitiv eines der Highlights des Kongresses. Neben dieser theoretischen Auseinandersetzung eröffnet der Kongress aber noch etwas viel Wichtigeres. Nicht nur bei den von marx21 geplanten Vernetzungstreffen, sondern auch in den Pausen oder beim gemeinsamen Ausklingen des Abends konnte man mit Menschen aus ganz Deutschland in Kontakt kommen. So wurde sich zu lokalen Kämpfen vernetzt, überregional zu Strategien ausgetauscht und die ein oder andere neue Kampagne ins Leben gerufen. Geprägt waren dabei alle Gespräche von einer solidarischen und kämpferischen Stimmung – etwas, was der ganze Kongress ausgestrahlt hat. Das Wochenende war für mich eine kleine Flucht aus dem Alltag in eine linke Utopie, die es gemeinsam auszuhandeln gilt. Eins ist dabei aber klar – Marx is muss!
Marit, Leipzig.
Wie fandest du den Kongress? Was wurde richtig gemacht? — Erstmal Kudos an die Orga – es war mit wenigen Ausnahmen ein sehr sehr professionell gemachter Kongress mit hochkarätigen Redner:innen, einem sehr breit gestreuten Programm (außer einem Thema, aber dazu gleich) und tollen Formaten – well done! Organizing: check. Besondere Props an die Küfa – leckeres Essen, genug für alle. Lieben wir! Das Gebäude war auch der Hammer, wenn auch innen sehr warm. Am besten hat mir gefallen, was für stabile Genossis ich auch bundesweit habe – auch bei M21.
Was hat gefehlt?/Was ist deine Kritik? — Rückgrat ist was mir fehlt. Es gab 1 Panel zum Thema Palästina. Meine Kritik ist, dass M21 sich kritiklos abgefeiert hat und kein Raum für Reflexion war – was im Wahlkampf abgezogen wurde, vor allem beim Thema Krieg und Frieden, ist absolut unentschuldbar. Sich dann 4 Monate später auf dem eigenen Kongress selbst zu beweihräuchern, wie revolutionär man ist, könnte sozialdemokratischer nicht sein.
Viola, Berlin.
Es war mein erstes Mal auf dem Kongress. Ich habe es sehr genossen. Es gab eine schöne Stimmung und es war eine gute Netzwerkmöglichkeit. Es gab ein breites Angebot an Themen. Am besten war meiner Meinung nach der Spotlight über den Genozid in Gaza.
Dass die Warteliste geöffnet wurde war sehr praktisch. Gleichzeitig waren die Räume aber fast zu klein angesichts der starken Nachfrage und der vielen Leute.
Die Diskussionen hätten vielseitiger organisiert werden können, aber das lag am Konzept der Veranstalter. Der MarxIs’Muss Kongress sollte in Zukunft versuchen, an die marxistische Tradition anzuknüpfen und sich noch stärker als bisher den migrantischen und marginalisierten Minderheiten annähern. Gerade in Zeiten, in denen Migranten und Minderheiten verfolgt werden, ist es keine bloße Sache der Repräsentation, migrantische und marginalisierte Genoss:innen in linken Räumen stark vertreten zu haben. Es ist vielmehr eine Bedingung für eine konsequente, horizontale und solidarische politische Perspektive. Es war beunruhigend zu merken, dass auf einem linken Kongress in Berlin, wo die größte palästinensische Diaspora in Europa lebt, Veranstaltungen zu Palästina organisiert werden, bei denen kaum Palästinenser:innen anwesend sind – weder im Publikum noch auf dem Podium. Tokenismus ist ein Ausdruck liberaler Politik, performative Demokratie. Wir sollten dagegen unsere Ansprüche heben.
Jafer, Essen.
Man sieht nicht alle Tage über 1100 Menschen bei einem marxistischen Kongress in Deutschland. Mit mehr als 80 Vorträgen, Workshops und Lesungen, mit Musik, Essen und Büchertischen organisierte das Netzwerk marx21 vom 29.05. bis 01.06.2025 einen erfolgreichen „Marx Is Muss“ Kongress in Berlin. Die Themenvielfalt von Imperialismus und Philosophie, über Feminismus, Faschismus und Klassenkampf bis Cyberpunk und Wirtschaftsplanung hat neuen Interessierten und langjährigen Genossen etwas geboten. Wie bei guten Kongressen üblich muss auch hier hervorgehoben werden, dass das Kennenlernen und die Vernetzung mit Genossen aus ganz Deutschland eine wichtige Rolle spielten. Das lockert den Kongress zwischen den Veranstaltungen auf, schafft neue und vertieft bestehende Beziehungen.
Auf den Veranstaltungen könnte in Zukunft mehr Zeit für Diskussion eingeplant werden. Auch wenn es einige wenige explizite Vernetzungs- und Diskussionsveranstaltungen gab, sollte dies stärker in den Fokus rücken, wenn das Thema sich dafür anbietet. Irritierend war für mich die Selbsteinschätzung von marx21, die manchmal zum Vorschein kam. Vor allem beim Abendpodium am Sonnabend wirkte der Beitrag einer Referentin wie eine Motivationsrede in einem Start-Up Unternehmen. Die Genossin aus Berlin meinte, man habe in Neukölln im Wahlkampf „alles anders gemacht“ und sich „gegen alle Widerstände“ innerhalb und außerhalb der eigenen Partei durchgesetzt. Ich freue mich über den Wahlsieg von Ferat Koçak, aber das Rad wurde in Neukölln bisher nicht neu erfunden. Ebenfalls begrüße ich die Haustürgespräche als Methode, doch hier wurden sie ernsthaft zum politischen „Inhalt“ erhoben. Die Parteivorsitzende Ines Schwerdtner hat dagegen auf einem anderen Podium zwar die Bedeutung der Haustürgespräche unterstrichen, aber ehrlicherweise dazu gesagt, dass die Wahlkampfthemen Mieten und Preise eine Vorentscheidung waren. Auf demselben Podium hat die Genossin Marlen Borchardt ebenfalls betont, dass Die Linke weiterhin an den Haustüren zuhören soll, aber auch mutig vorangehen muss – wie mit dem Beschluss zur Jerusalemer Erklärung. Sie hat weitere, für mich erfreuliche Aspekte für die Partei aufgemacht: Opposition zu den kapitalistischen Verhältnissen, Machtressourcen außerhalb der Parlamente und die Frage nach der Kontrolle der Abgeordneten.
Der Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, Janis Ehling, hielt einen Vortrag zum Parteienverständnis im Marxismus. Als entscheidenden Faktor für die Trennung von Sozialdemokraten und Kommunisten benannte er das Verhältnis zum Staat. Wenn Sozialisten in bürgerlichen Staaten in die Regierung gehen, komme es zwangsläufig zu tiefgreifenden Problemen. Der bürgerliche Staat ist von der gelingenden kapitalistischen Wirtschaft abhängig, was eine sozialistische, ja schon eine konsequent soziale Politik unmöglich macht. Wenn historische sozialistische Parteien unabhängig oder gar ausgeschlossen von bürgerlichen Staaten waren, dann waren sie laut Janis stets größer. Daraus ziehen nicht alle Genossen die gleichen Schlüsse und eine Diskussion darum muss in der Breite geführt werden. Gefreut habe ich mich über die klare Haltung, die bei einer Veranstaltung mit Ingar Solty und Klaus Henning zum Imperialismus im 21. Jahrhundert herausgearbeitet wurde: Die EU kann mit ihrer aggressiven Außenpolitik, den schon lange bestehenden „Schutzzöllen“, der Aufrüstung, den militärischen Aktionen und den neoliberalen Grundsätzen auch nach innen kein positiver Bezugspunkt für Linke sein. Im letzten EU-Wahlkampf hat Die Linke ihre EU-Kritik quasi aufgegeben – das muss sich dringend ändern.
Der Altersdurchschnitt auf dem Kongress wirkte auf mich ziemlich niedrig. Auf der einen Seite wurden also viele junge Menschen erreicht. Auf der anderen Seite fehlte der wertvolle Austausch mit älteren Genossen, wobei es Ausnahmen gab. Birgit Mahnkopf hielt ein klares und eindrückliches Referat zu den aktuellen Krisen. Der US-Amerikaner Paul LeBlanc war für mich mit seiner Freundlichkeit und Leichtigkeit, seiner Diskussionsbereitschaft und der Fairness bei unseren unterschiedlichen Positionen ein kleines Highlight des Kongresses. Auch Volkhard Mosler von marx21 war beim Kongress und brachte sich als Referent und Diskussionsteilnehmer ein. Seine Geringschätzung der Diplomatie im Kapitalismus kann ich zwar nachvollziehen, teile sie taktisch aber nicht. Und die antisowjetische Haltung bezüglich Afghanistan ist mir schon bei einer Veranstaltung in Leipzig aufgefallen. Bei Paul LeBlanc und Volkhard Mosler, bei der Textauswahl im Workshop, am Büchertisch und bei der geforderten Weltrevolution – der Geist von Trotzki war auf dem Kongress.
Doch anhand geschichtlicher Einordnungen, Ideologien oder taktischen Erwägungen sollten wir uns als Sozialisten nicht spalten. Wir brauchen gemeinsame Ziele und eine Strategie, um diese zu erreichen. Dafür organisieren wir uns, gehen gemeinsam in die Praxis und diskutieren miteinander. Der „Marx Is Muss“ Kongress war für mich ein wichtiger und schöner Teil dieses Prozesses und ich freue mich schon jetzt auf das nächste Mal.
Clemens, Leipzig.
Die Positionen der vier Genoss:innen sind ihre eigenen. Sie vertreten nicht die Redaktion.

