Michael Sommers Aufsatz Falsch aber wirkungsvoll. Moishe Postones „marxistische“ Theorie des Antisemitismus und der Bruch mit Antikapitalismus und Kapitalismuskritik (2014 erschienen in „Antifa heißt Luftangriff!” beim Laika Verlag) wurde 2021 von Maciej Zurowski ins Englische übersetzt (erhältlich bei Cosmonaut Press).1 Luis Badem hat für uns die Einleitung von Mike Macnair zur englischen Ausgabe von Sommers Aufsatz übersetzt.
Die Verleumdung von Antikapitalismus als antisemitisch und daher „faschistisch” erlangte in Deutschland Bedeutung in den Jahren der Wiedervereinigung2 und wurde dann verschärft mit dem Aufstieg der Partei Die Linke (PdL) ab 2007 (mit dem Ergebnis, dass die PdL für die Nahostpolitik der Vereinigten Staaten gewonnen wurde).3 Weitere Verbreitung erfuhr diese Idee im Zusammenhang mit der Kampagne zur Bekämpfung der kontinentaleuropäischen Opposition gegen die US-Invasion des Iraks, welche sich schließlich in der „Arbeitsdefinition von Antisemitismus” der zwischenstaatlichen Internationalen Allianz zum Holocaustgedenken niederschlug.4
Mit der Wahl Jeremy Corbyns zum Labour-Vorsitzenden 2015, der ein enger Verbündeter der Stop the War Coalition war, wurden verschiedene Verleumdungsstrategien ausprobiert: Corbyn sei ein Agent des bürokratischen Regimes in der ehemaligen Tschechoslowakei und/oder ein Terroristenfreund und/oder es wurde behauptet, die Linke sei männlich-chauvinistisch. Dieser Ansatz scheiterte, der versuchte Putsch der parlamentarischen Labour-Fraktion 2016 gegen Corbyn misslang und die Konservativen gewannen keine Mehrheit in den Wahlen 2017. Aber die Antisemitismus-Hetzkampagne ging unvermindert weiter und das Versagen der Corbyn-Führung, sie zu verurteilen oder die Betroffenen zu verteidigen, sowie der Umstand, dass sich die Führung in die Falle locken ließ, die „Remainer”-Fraktion in der Conservative Party in ihren Versuchen zu unterstützen, den Brexit durch verfahrenstechnische Manöver zu verhindern, ermöglichte einen überwältigenden Sieg der Tories im Dezember 2019. Darauf folgte eine nochmals verschärfte Hetzkampagne, um das Säuberungsprogramm der neuen Labour-Führung unter dem Polizei-Bürokraten Keir Starmer (ehemaliger Direktor des Crown Prosecution Service, d.h. der britischen Staatsanwaltschaft) zu untermauern.
Im Vereinigten Königreich ist das spezielle, von der Frankfurter Schule inspirierte Narrativ aus Postones Artikel relativ wenig verbreitet.5
Die Labour-Rechte begründet ihre Haltung größtenteils mit ganz üblichem Loyalismus gegenüber dem Vereinigten Königreich und dem „Westen” und plappert ohne weitere Erklärung das Mantra „Antizionismus ist ipso facto Antisemitismus” nach. Die „Eustonites” gingen den recht einfachen Schritt vom Eurokommunismus zum 08/15 Linksliberalismus und von dort aus weiter zu einer Wiederbelebung des „Liberal Imperialism” des späten 19./frühen 20. Jahrhunderts.6 Die Anhänger Sean Matgamnas (Socialist Organiser, später Alliance for Worker’s Liberty – AWL) schritten in den Jahren 1979-1983 vom „anti-pabloistischen” Dogma, dass Stalinismus „durch und durch konterrevolutionär” sei, weiter zum „Third Campism” im Stile Max Shachtmans, woraus konsequent die Theorie vom „Sowjetimperialismus” und damit ein Anti-Anti-Imperialismus folgte.7
Der Grund für diesen Unterschied liegt wahrscheinlich darin, dass die Kritische Theorie der Frankfurter Schule auch in der britischen akademischen Linken wenig Anklang findet.8 Trotz dessen machen in Großbritannien derweil verkürzte Lesarten von Postones Argument die Runde.9 In Nordamerika erfreut sich die Kritische Theorie wesentlich größerer Beliebtheit – daher die Bekanntheit des Artikels von Postone.
Michael Sommer liefert eine überzeugende systematische Kritik der Defizite von Postones Argumenten, insbesondere auch an seinem Hauptwerk, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft (nachfolgend: ZAGH).10 Zwei wohlwollende „Third Camp” Rezensenten dieses Werks, Martin Thomas von der AWL und der Linkskommunist Loren Goldner, lenkten beispielsweise die Aufmerksamkeit auf Postones spürbar fehlende Auseinandersetzung mit kritischer linker Literatur zur UdSSR. Goldner wies außerdem darauf hin, dass Postone ein äußerst selektives Zitat als zentrales Element seiner Theorie vom Kapital als System „abstrakter” Herrschaft angab.11 Die gesamte Passage mit dem entsprechenden Zitat wurde von Marx aus der finalen, französischen Version des Kapitals gänzlich entfernt. Ein weiteres Beispiel ließe sich hinzufügen: Postone schreibt Marx auf Seite 23 von ZAGH die Ansicht zu, dass Arbeit im Kapitalismus „die Quelle allen Reichtums” sei12 – eine Ansicht, die Marx in der Kritik des Gothaer Programms ausdrücklich verurteilt.13 Zahlreiche weitere Fehler ließen sich anführen. Zusammenfassend ist es offensichtlich, dass es keinen ernsthaften Grund gibt, Marx das unterzuschieben, was Postone „die kritische Theorie des späten Marx” bzw. „Marxens reifes Spätwerk” nennt, da Marx bis zu seinem Tode Standpunkte vertrat, welche Postones Interpretation widersprechen. Es erscheint gleichermaßen wahrscheinlich, dass Cambridge University Press ZAGH 1993 nicht wegen seiner (nicht vorhandenen) wissenschaftlichen Verdienste im Bereich der Marx-Forschung veröffentlichte, sondern weil die zentralen politischen Schlüsse aus diesem Werk (die Verwerfung jeglicher Form von Klassenpolitik) in der Zeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch der bürokratischen Regime in Osteuropa 1989 denjenigen im akademischen Beirat des Verlags entgegenkamen, die zur Veröffentlichung rieten.
Der Vollständigkeit halber sollte man Sommers stichhaltiger Kritik von Postones Antisemitismustheorie und ihren Epigonen einige Bemerkungen über den wahrscheinlichen historischen und theoretischen Hintergrund von Postones Argumenten hinzufügen; einerseits bzgl. den 1970ern und Antisemitismus, andererseits bzgl. der Herkunft von Postones theoretischem Gerüst aus der Aneignung der Ideen der Frankfurter Schule durch die deutschen und amerikanischen SDS-Gruppen (Sozialistischer Deutscher Studentenbund, Students for a Democratic Society) in den 60er-Jahren.
Antisemitismus
Alle Ideologien brauchen etwas, das ihnen einen gewissen Grad an Plausibilität verleiht. Es gibt beispielsweise kein politisches oder religiöses Credo, das behauptet, die Sonne würde im Westen aufgehen und im Osten untergehen. Postones Ideologie dreht sich um Antisemitismus als ein Verfahren zur Erkenntnis von Kapitalismus als solchem, welcher mit „industrieller Moderne” und „Abstraktion” als der kapitalistischen Gesellschaftsform eigentümliches Merkmal identifiziert wird. Sommers Kritik dreht sich zentral um die Überspitzung des Begriffs „Abstraktion” bei Postone und seinen Epigonen.
Der rationale Kern dieser postoneschen Ideologie ist, dass im „klassischen” Antisemitismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts (wie Sommer hervorhebt) Geld und Finanzkapital als „der Jude” und „unproduktiv” vorgestellt werden, im Gegensatz zum potenziell rechtschaffenen „produktiven” und „nationalen” Industriekapital. Postone übernimmt einige Beweise für diese Klischees, verwandelt jedoch fälschlicherweise den begeisterten Einsatz der Antisemiten für das Industriekapital in engagiertes Eintreten für die Belange der Industriearbeit. In Teilen lässt sich diese Entscheidung Postones aus seiner früheren Ablehnung von Klassenpolitik nachvollziehen, wobei diese Verwerfung aus seiner SDS-Frankfurter Schule-Vergangenheit hervorgeht. Dies wird nochmal weiter unten ausführlich erörtert. Postone lehnt die Erklärung des Antisemitismus durch die Assoziation von Juden und Geld jedoch ab, da die Nazis behaupteten, auch Marxismus und Kommunismus seien „jüdisch”; außerdem könne die Besonderheit der Shoah als einziger Fall anhaltender Bestrebungen, eine ganze Kultur auszurotten, nicht durch kapitalistische (oder staatliche) Interessen erklärt werden.14
Das erste dieser Argumente ist gehaltlos und nutzlos: Der Kern des klassischen Antisemitismus war die katholische Soziallehre, und war bereits in den 1880ern genauso gegen die Sozialdemokratie wie gegen den Liberalismus gerichtet.15 Politische Opposition gegen das „Geldkapital” tritt in der Geschichte des Kapitalismus schon wesentlich früher auf, zum einen in den Einwänden der Tories gegen die Einbürgerung reicher jüdischer Einwanderer (Naturalisation of Jews Act 1753) und noch früher als Abneigung gegen den politischen Einfluss des angeblich instabilen und anti-nationalen „moneyed interest” (im Gegensatz zum tugendhaften und nationalen Gutsbesitzertum) während der 1690er-1700er.16 Das Argument versteckt klerikal-traditionalistische Interessen hinter nationalen und richtet sich genauso gegen den Internationalismus der Zweiten und Dritten Internationale wie gegen die Juden als Anti-Nation. Das Motiv der organischen Einheit der Nation wird von Postone auffallend kleingeredet, ist aber in tatsächlichen Antisemitismen äußerst präsent, einschließlich des Nationalsozialismus und der stalinistischen Kampagnen gegen „Kosmopolitismus”.
Das zweite Argument ist wichtiger: es ist eine Spielart der Idee von der „Singularität der Shoah”, welche zwar vor den 1970er-Jahren nur eine begrenzte Anhängerschaft hatte, jedoch ab den 70ern eine breite Öffentlichkeit fand.17 Postones Ausgangspunkt ist in der Tat ein Produkt dieser radikalen Expansion einer „Holocaustkultur”: die Wirkung der US TV-Miniserie Holocaust.18
Was auch immer die allgemeinen Vorzüge der Idee von der „Singularität der Shoah” seien, Postones Gebrauch davon ist historisch unhaltbar. Der Versuch der Ausrottung einer ganzen ethno-religiös-kulturellen Minderheit, welche als Verunreinigung der Nation erachtet wird, wurde bereits im 17. Jahrhudert mit den spanischen limpieza de sangre Verfahren gemacht. Dies endete nur deshalb nicht in einem Genozid, weil damals die Technologie fehlte, um die Landesgrenzen effektiv zu schließen.19 Der armenische Genozid 1915-17, zeitlich näher am Holocaust, hatte zweifellos das Ziel der „Reinigung“ der türkischen Nation. Es gelang im Großen und Ganzen die armenische Minderheit in der Türkei auszulöschen und das mit einem wesentlich niedrigeren technologischen Niveau als im Deutschland der 40er-Jahre.20 Ähnliche Ziele der nationalen und sozialen „Reinigung“ verfolgten die Jungtürken und Kemalisten in ihrer Politik gegenüber den Griechen in Anatolien vor und nach dem Ersten Weltkrieg, jedoch zwang sie das Kräfteverhältnis zu einer Politik der Massendeportationen statt Massentötungen.21
Postone schrieb während einer Zeit in der sowohl die propagandistische Ausschlachtung von „Antisemitismus” durch die USA und ihrem israelischen Vasallen als auch tatsächlich antisemitische Diskurse im Umlauf waren. Die propagandistische Seite war die Idee des „Neuen Antisemitismus”, propagiert durch den israelischen Außenminister Abba Eban 1973 und mit Begeisterung von US-amerikanischen Autoren übernommen. Der Gedanke war, dass Israel „der Jude unter den Nationen” sei, d.h. die feindliche Haltung der Linken dem israelischen Staat gegenüber sei an sich diskriminierend gegenüber Juden. Das Problem mit diesem Argument ist, dass selbst wenn der Sechstagekrieg 1967 zu Beginn wirklich ein Fall „präemptiver Selbstverteidigung” war, Israel durch seine Annexion Ostjerusalems und den Beginn des Siedlungsbaus in den besetzten Gebieten retrospektiv ein „unbefugter Eindringling ab initio” wurde, dadurch den Krieg in einen Angriffskrieg verwandelte und damit gegen die Nürnberger Prinzipien und die UN Charta verstieß. Israel beansprucht also nicht nur die Rechte, die allen Staaten/Völkern zustehen, sondern ein Sonderrecht auf territoriale Expansion, welches keinem anderen Staat/Volk zusteht. Die allgemeine Wahrnehmung dieser Tatsache spiegelte sich nicht nur in unmittelbarer Sympathie für die Palästinenser wider, sondern auch in einer weitverbreiteten retrospektiven negativen Neubewertung von 1948 durch Linke.
Der zentrale Antreiber für die Verbreitung antisemitischer Ideen war ebenfalls die Israel-Palästina-Frage. Das zugrundeliegende Problem war, dass die USA vorgaben, ihren israelischen Vasallen nicht zu unterstützen, sondern als „ehrlicher Vermittler” zwischen Israel und den arabischen Staaten bzw. Palästina zu agieren. Tatsächlich aber hatten und haben die USA ein geopolitisches Interesse an der Vetomacht über den Nahen Osten als Erdölfördergebiet, um sich potenzielle Rivalen militärisch unterzuordnen durch die Kontrolle über den Zugang zu Öl als wichtigsten militärischen Energieträger. Dieses Interesse veranlasste die Kennedy-Administration, mit massiven Militärhilfen für Israel zu beginnen. Seitdem wird die US-Nahostpolitik durch die Aufrechterhaltung von Israels militärischer Übermacht („qualitative military edge”) über seine Nachbarstaaten bestimmt.22
Der eklatante Widerspruch zwischen dem was die USA sagen (Bemühungen um „Frieden”), dem was sie nicht sagen, indem sie ihr Sicherheitsinteresse an der Vetomacht über die Region nicht offen aussprechen, und dem was sie tun, nämlich so ziemlich unbedingte Rückendeckung für Israel, erzeugt verständlicherweise Theorien, laut derer die US-Nahostpolitik nicht von amerikanischen Interessen, sondern von der „zionistischen Lobby” bestimmt wird – der israelische Schwanz wedelt mit dem amerikanischen Hund23 oder noch schlimmer, dass Washington von einer internationalen jüdischen Verschwörung oder „jüdisch-kapitalistischen Klasse”24 kontrolliert wird. Dies ist im Großen und Ganzen der Kontext, der die Verbreitung europäischen antisemitischen Gedankenguts im Nahen Osten ermöglicht.25
Zudem belebte die stalinistische Bürokratie in der Sowjetunion nach dem Sechstagekrieg den nationalistischen Antisemitismus der späten Stalinjahre wieder.26 Es muss hierbei angemerkt werden, dass Hilferdings Finanzkapital ein wenig in die Charakterisierung des Finanzwesens als unproduktiv abrutscht, was ihn für eine Lesart nach katholischer Soziallehre anfällig macht; bei Marx jedoch stellt das Finanzkapital eine notwendige Komponente der Zirkulation des Kapitals dar, welche lediglich zwecks Beschleunigung des Umlaufs des Kapitals eine separate Sphäre bildet. Lenin bedient sich ausgiebig bei Hilferding in seiner Imperialismusschrift, einem Text, der sehr einflussreich auf die Linke der späten 60er und 70er war.27
Der Sechstagekrieg fand für die Neue Linke am Ende der Periode ihrer Strategie der „demonstrativen direkten Aktionen” statt, nicht lange vor dem Abzug der Briten aus Aden (November ‘67) und der Tet-Offensive in Vietnam (beginnend am 31. Januar ‘68). Die Palästinenser, so wie viele Radikale auf der ganzen Welt, hofften daher, dass Guerilla-Methoden und das Konzept des „langandauernden Volkskrieg” zum Sieg führen könnten, d.h. in ihrem Fall den Sturz des zionistischen Staats. Doch die Kommandoangriffe über die israelische Grenze scheiterten an Israels militärischer Übermacht. Palästinensische Organisationen verlegten sich daher auf demonstrative Terroranschläge gegen weichere israelische Ziele im Ausland.28 Doch der israelische Staat ist in solchem Maße mit internationalen jüdischen Organisationen verstrickt, dass es verhängnisvoll einfach war, die Trennlinie zwischen israelischen und jüdischen Einrichtungen bei Anschlägen zu übertreten.29 Damit sind wir auch schon bei Postones Verweisen auf die Flugzeugentführung durch die PFLP in Zusammenarbeit mit den Revolutionären Zellen und die spätere israelische Geiselbefreiung in Entebbe 1976. Postone sah in diesen Aktionen der Revolutionären Zellen eine Form deutscher Schuldumkehr bzgl. der Shoah.30
Mir geht es hier nicht darum, antisemitische Ideen zu einer Art Sünde gegen den Heiligen Geist zu erklären. Nicht alle antisemitischen Ideen führen unweigerlich zum Holocaust. Aber was ich bisher dargestellt habe bzgl. linker Politik und „Anti-Imperialismus” ist hauptsächlich altmodische 70er-Jahre Politik – altmodisch aus heutiger Sicht wegen ihres radikalen Scheiterns. Aus der bisher dargestellten Geschichte folgt das genaue Gegenteil von Postones Argumenten: der fundamentale Fehler des „linken Antisemitismus” ist sein Vertrauen in den nationalistisch/traditionalistischen Teil der Kapitalistenklasse oder der staatlichen Bürokratie. Diejenigen, die Hoffnungen in den Populismus der Nationalisten/Traditionalisten setzen, werden unweigerlich verraten; so erging es einer großen Mehrheit der Iranischen Linken 1979-81 und in jüngerer Zeit jenen, die sich die Muslimbruderschaft als eine Alternative zum ägyptischen Militärregime vorstellten oder sich an die Hoffnung klammerten, dass Donald Trump den „Rust Belt” wiederbeleben würde.
Die andere Seite der Medaille ist nicht schöner: die Linke zum Anhängsel des Liberalismus zu machen. Tony Blairs New Labour entpuppte sich als eine Verbindung von Privatisierungen, rigoroser Sicherheitspolitik im Inneren und Krieg im Ausland. Obamas Wahlslogan versprach „Hoffnung” und seine Wahl erreichte… mehr Drohnenmorde und die kleinstmögliche Gesundheitsreform. Die Nominierung Hillary Clintons wegen ihrer “Wählbarkeit” brachte der Welt Trump. Aber die Linke an den Wagen der Liberalen anzuhängen war bereits die logische Folge von Postones theoretischem Ansatz, welcher hinter das Niveau der Frankfurter Schule selbst zurückfällt.
Die Neue Linke der 60er-Jahre
Auf den ersten Blick scheint Postone eine reine Theorie ohne politische Vorgeschichte oder Verstrickungen (abseits der Kritik des „traditionellen Marxismus”) zu liefern. Dies ist irreführend oder genauer gesagt: Der Anschein einer reinen Theorie spiegelt den Umstand wider, dass das Scheitern jener politischen Strömung, in welcher Postone involviert war, so vollständig war, dass außer Spuren im akademischen Bereich so gut wie nichts übrig geblieben ist. Gemeint sind die deutschen und amerikanischen SDS-Gruppen.
Postones Verbindungen sind nicht vollständig aus Online-Quellen nachvollziehbar, lassen sich jedoch anhand der Danksagungen in ZAGH erschließen, insbesondere: sein Zeitgenosse Helmut Reinicke, Koautor von Postones frühester Veröffentlichung, aktiv in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung 1963-64 und ab 1965 im deutschen SDS; Wolfram Wolfer-Melior, Verfasser einer 1981 erschienen Einleitung zu einer Neuauflage von Rudi Dutschkes Schriften über Organisation; und Dan Diner, welcher von sich sagt, seine ersten politischen Erfahrungen in der Neuen Linken der 60er-Jahre gemacht zu haben.31 Die Beziehung wird einerseits sichtbar durch Postones frühe Texte für die Zeitschrift Telos, welche ursprünglich 1968 als „Theoriezeitschrift der Neuen Linken”32 gegründet wurde, und andererseits in der Struktur und dem Gehalt seiner Argumente.
In einem seiner Interviews sagte Postone, dass er in den frühen bis mittleren 60er-Jahren radikalisiert wurde, also in der Hochphase des SDS:
„Ich war Student in jenen sagenumwobenen 60er Jahren und wie viele Studenten dieser Generation in einem sehr allgemeinen Sinne politisch progressiv. Eine (rückblickend sehr merkwürdige) Aufbruchstimmung war weit verbreitet, wahrscheinlich hing diese zusammen einerseits mit der Wahl John Kennedys (diese Wahl schien die generelle Atmosphäre im Land geändert zu haben) und andererseits mit der Bürgerrechtsbewegung. Viele von uns waren fest davon überzeugt, dass Rassentrennung und Rassismus nicht bloß falsch waren, sondern auf der Verliererseite der Geschichte standen.“33 (meine Übersetzung; L. B.)
Den gemeinsamen ideologische Kitt der beiden SDS-Organisationen lieferte der links-weberianische Soziologe C. Wright Mills zusammen mit Der eindimensionale Mensch (1964) von Herbert Marcuse, einem Vertreter der Frankfurter Schule. Der allgemeine Rahmen war die (weberianische) Bestimmung der gesellschaftlichen Problemlage als „industrielle Rationalität” (im „Osten” und „Westen“) und die Verwerfung der Idee der führenden Rolle der Arbeiterklasse in der Emanzipation der Menschheit, zugunsten einer führenden Rolle der Intellektuellen und Studenten oder der Randgruppen.34
Trotz des beachtlichen Erfolgs des SDS und ähnlicher Projekte Mitte der 60er-Jahre musste man 1969 den Bankrott dieser Strategie konstatieren. „Wilde Streiks“ ab Mitte der 60er erschütterten die Vorstellung von einer vollständig in den Kapitalismus integrierten Arbeiterklasse. Mai ‘68 in Frankreich, der „schleichende Mai” in Italien und die Streikwelle der späten 60er/frühen 70er in Britannien gaben ihr den Todesstoß. Unterdessen verlieh die chinesische „Kulturrevolution” dem Maoismus ein trügerisches radikales Image, während Vietnam und andere Ereignisse die Strategie des „langandauernden Volkskriegs” noch plausibler erscheinen ließen. Sowohl der amerikanische als auch der deutsche SDS spalteten sich 1969 und brachen infolgedessen zusammen. Zurück blieben einige (vulgär-) maoistische Gruppen, bekanntlich auch ein paar Terroristen (Weather Underground in den USA, die RAF in der BRD). Von den durch Marcuse/Mills inspirierten Gruppen blieb jedoch nur noch ein politischer Schutthaufen übrig.35 Die (vermutlich informelle) Gruppe, die Theoriearbeit im Sinne der Frankfurter Schule betrieb, müsste daraus entstammen und findet sich in Postones Danksagungen in ZAGH, sowie in den Koautorenschaften mit deutschen Kollegen wieder.
Es ist also offensichtlich, dass Postones Ablehnung von Klassenpolitik, explizit in ZAGH und implizit in seinen Artikeln zu Antisemitismus, keine Schlussfolgerung aus dem Werk sondern seine dogmatische Voraussetzung für das Werk ist, welche wiederum aus dem SDS-Millieu und dessen Aneignung von Marcuse, Wright Mills etc. entstammt. Dies ist bereits erkennbar in der Kritik an Nicolaus‘ Einleitung zu dessen Übersetzung von Marxens Grundrissen, welche Postone (sein frühestes Werk) und Reinicke 1974 veröffentlichten:
„Die Grundrisse wurden […] bekannt, als die Revolte der sechziger Jahre bereits abflaute und ein großer Teil der Linken sich einer traditionellen marxistischen Theorie und Praxis zuzuwenden begann, deren Unangemessenheit sich bereits durch die neueren Formen der Kämpfe angekündigt hatte.“36 (meine Hervorhebung; M. M.)
Diese Behauptungen konnten in der Zeit in der sie verfasst wurden (1973-74, d.h. bspw. während der portugiesischen Revolution) nur Sinn ergeben, wenn mit „Revolte” die Studentenbewegung der 60er und sonst nichts gemeint war, ebenso die „neueren Forme der Kämpfe”.
Dieser historische Hintergrund – die Niederlage der zugrundeliegenden politischen Perspektiven – erklärt die kuriose Behauptung von Postone/Reinicke, die Postone in späteren Werken erneut aufgreift, dass die „Marxsche Kritik” im Wesentlichen eine Erkenntnistheorie sei, welche jede Erkenntnis ausschließt, die nicht aus der Entfaltung der Widersprüche der Warenform abgeleitet werden könne. Daher heißt es:
„Die Marxsche Dialektik stellt mithin eine Erkenntniskritik dar, in der Denkformen historisch begriffen werden und nicht als Ergebnis der Wechselwirkung übergeschichtlicher oder außergeschichtlicher Subjekte und Objekte […] außerhalb von Gesellschaft und Geschichte.“37
Und:
„Die ökonomiekritische Gestalt der Marxschen Dialektik begreift die entwickelte Gesellschaft als die erste wirkliche gesellschaftliche Totalität, deren gänzlich ökonomisch bestimmte Realität logisch aus einer Abstraktionsform entfaltet werden kann, die sie strukturiert – das totale System der Ware in ihrem Doppelcharakter.“38
Diese Zitate dienen bloß der Veranschaulichung einer Aussage, nicht ihrer Begründung.
Dieses Argument ist eine Weiterführung eines Arguments, welches bereits in den Anfängen der Frankfurter Schule verankert ist. Gleich zu Beginn von Georg Lukacs’ Geschichte und Klassenbewusstsein heißt es:
„[A]ngenommen – wenn auch nicht zugegeben –, die neuere Forschung hätte die sachliche Unrichtigkeit sämtlicher einzelnen Aussagen von Marx einwandfrei nachgewiesen, so könnte jeder ernsthafte »orthodoxe« Marxist alle diese neuen Resultate bedingungslos anerkennen, sämtliche einzelnen Thesen von Marx verwerfen – ohne für eine Minute seine marxistische Orthodoxie aufgeben zu müssen. Orthodoxer Marxismus bedeutet also nicht ein kritikloses Anerkennen der Resultate von Marx’ Forschung, bedeutet nicht einen »Glauben« an diese oder jene These, nicht die Auslegung eines »heiligen« Buches. Orthodoxie in Fragen des Marxismus bezieht sich vielmehr ausschließlich auf die Methode.“39
Es ist nötig darauf hinzuweisen, dass diese Argumentation schon damals ein Mittel zur mentalen Abschottung gegen jede Form gegenteiligen empirischen Beweismaterials darstellte. In dem obigen Zitat tritt es bloß am transparentesten auf. Max Webers Einfluss auf Lukacs erklärt diese Vorgehensweise: Lukacs gibt hier größtenteils der weberschen und anderen zeitgenössischen Kritiken an Marx nach, hält jedoch gleichzeitig an einer Vorstellung vom Proletariat als imaginierten „revolutionären Subjekt” fest. Nur dieses fiktive Proletariat kann der weberschen „industriellen Rationalität” entkommen.40 Hier geht es nicht um die wirkliche, ungeschminkte Arbeiterbewegung mit ihren Gewerkschaften, Genossenschaften, Kampagnen und kollektivistischen Parteien, erwachsen aus dem Klassengegensatz, welcher wiederum durch das Streben der Kapitalisten nach Steigerung der Ausbeutung angetrieben wird. Diese wirkliche, profane Bewegung zeigte für Marx und Engels die mögliche emanzipatorische Rolle des Proletariats auf, da sie, wenn auch in sehr grober Form, die Möglichkeit menschlicher Kooperation auf großer Stufenleiter andeutet. Lukacs jedoch postulierte ein imaginiertes proletarisches Bewusstsein, welches nur die „leninistische Partei” erlangen kann, als hegelianisches Subjekt in einer Subjekt-Objekt-Dialektik. In der Zeit des Kalten Krieges machten der Stalinismus im Osten und die offensichtliche Integration der Gewerkschaften durch die kapitalistischen Staaten im Westen dieses utopische Bild der Arbeiterklasse als emanzipatorisches „wissendes Subjekt“ zunichte; daher der Marcusianismus der SDSler.41
Das Scheitern der SDS-Projekte erzeugte die Notwendigkeit, sich noch stärker als Lukacs gegenüber einer widrigen Beweislage geistig abzuschotten. Bei Postone und Reinicke und später in weiteren Werken Postones erhalten wir zusätzliche und immer ausgefeiltere Theorien über die absolute Immanenz der Arbeiterbewegung im Kapitalismus, dazu ein theoretischer Abwehrmechanismus gegen jegliche, seiner Interpretation widersprechenden Beweise aus Marx’ Werken selbst. Postone und Reinicke bekräftigen: Selbst wenn die SDS-Projekte mausetot sind, sollen wir uns immer noch am marcusianisch-„marxschen” Denken festhalten, trotz aller Evidenz die für „traditionellen Marxismus” spricht. Aber woher soll dann ein emanzipatorisches Projekt aus dieser „Kritischen Theorie” entspringen? Der nächstliegende Ansatz findet sich in Postones „Antisemitismus”-Artikel:
„Die abstrakte Herrschaft des Kapitals, wie sie besonders mit der raschen Industrialisierung einhergeht, verstrickte die Menschen in das Netz dynamischer Kräfte, die, weil sie nicht durchschaut zu werden vermochten, in Gestalt des „Internationalen Judentums“ wahrgenommen wurden. […] Was Deutschland betrifft, ist von der besonders raschen Industrialisierung mit ihren weitreichenden sozialen Umwälzungen und dem Fehlen einer vorausgegangenen bürgerlichen Revolution mit ihren liberalen Werten und ihrer politischen Kultur auszugehen.”42
„Bürgerliche Revolution” kann in diesem Falle nur die Amerikanische Revolution meinen, angesichts der Schwierigkeiten, die Englische Revolution in dieses Schema einzuordnen und der ausgedehnten Kollaboration der Franzosen während der Shoah. Und „liberale Werte und Kultur” – erneut ein Bezug auf die USA, angesichts des gewichtigen Einfluss des Konservatismus in der Britischen Politik – stellen hier die unverzichtbare Prophylaxe gegen Antisemitismus als „verkürzten Antikapitalismus” dar.43
Der Untergang des Ostblocks und die kurzzeitige Vorherrschaft der liberalen Vorstellung vom „Ende der Geschichte”44 ließen diesen Gedankengang wieder plausibel erscheinen. Daher bspw. die Anhänger Postones in der Platypus Affiliated Society.45 Aber Klasse und Klassenkampf sind wieder zurück, wenn auch nicht in der Form von Arbeiter-Massenaktionen wie in den späten 60er und 70er Jahren, sondern als Wiederherstellung der „industriellen Reservearmee” und der zunehmenden Ausbeutung immer prekärerer Arbeit, also eine Art Rückkehr zu den Bedingungen des 19. Jahrhunderts. Und der mit diesem Projekt verschärfter Ausbeutung verbundene Liberalismus erzeugte folgerichtig wachsenden Nationalismus und Illiberalismus weltweit. Diese Seite der Medaille spiegelt in ideologischer Form das Element persönlicher Herrschaft im Kapitalismus wider, ein Aspekt, dem Marx in seiner Analyse des Kapitalismus genauso viel Platz einräumt wie die Sphäre der Freiheit und unpersönlichen Gesetzmäßigkeiten. Postone jedoch versuchte genau dieses Element aus der „marxschen” Analyse auszuklammen durch seiner Definition von Dialektik, die bloß der intellektuellen Abschottung dient.
Diese geistige Abwehrhaltung führt uns dann zurück an den Anfang: die schweren Mängel des Arguments des Antisemitismus-Artikels, und die seiner Epigonen, welche sich sowohl der Empirie als auch alternativen Analysen gegenüber verschließen.
Übersetzung von Luis Badem
- Zurowskis Vorwort: cosmonautmag.com/2022/01/anti-postone-translators-preface. ↩︎
- Erwähnenswert ist hierbei, dass in den USA Bemühungen, Palästina-Solidarität zu kriminalisieren und ihr die Plattform zu entziehen, bis in die 70er zurückreichen, siehe bspw. www.bis.doc.gov/index.php/enforcement/oac, zitiert in Anon Note, ‘Wielding antidiscrimination law to suppress the movement for Palestinian rights’ 133 Harv. L. Rev. 1360 (2020) Fußnote 33. ↩︎
- Siehe z.B. www.die-linke.de/partei/parteidemokratie/parteivorstand/parteivorstand/detail/stoppt-die-gewalt-in-israel-und-palaestina (15. Mai 2021); www.jns.org/german-politicians-sound-unprecedented-pro-israel-rhetoric-at-berlin-rally (25 Mai 2021). ↩︎
- www.holocaustremembrance.com/resources/working-definitions-charters/working-definition-anti-Semitism. Für die Vorarbeiten, welche mit dem American Jewish Committee und der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit begannen, siehe www.ohchr.org/Documents/Issues/Religion/Submissions/JBI-Annex1.pdf. ↩︎
- Kritik und Krise Nr. 4/5, Sommer 1991, S. 6-10 oder bei https://www.krisis.org/1979/nationalsozialismus-und-antisemitismus/. Ältere Fassung in Diskus. Frankfurter Studentenzeitung Heft 3 (Juni 1979). ↩︎
- Bequemer Abriss bei Wikipedia ‘Euston manifesto’: en.wikipedia.org/wiki/Euston_Manifesto. Bzgl. ‘Liberal imperialism’: HCG Matthew, The Liberal Imperialists. The ideas and politics of a post-Gladstonian elite (Oxford: Oxford University Press, 1973). ↩︎
- Als Zeitzeuge dieses Wandels erscheint es mir, dass der Grund darin liegt, dass die trotzkistisch-mandelistische International Marxist Group (ab 1982: Socialist League) sich 1980 aus der Hochschulpolitik zurückzog, um eine „Wende in die Betriebe” durchzuführen. Die Matgamna-Anhänger sahen eine politische Marktlücke und machten Anstalten, diese zu füllen. Jedoch besaßen sie als rein britische Gruppe nicht das Alleinstellungsmerkmal der Ernest-Mandel-Anhänger gegen die Tony-Cliff-Anhänger der Socialist Workers’ Party (SWP), nämlich Internationalismus in Form der Vierten Internationale. Um diese Lücke zu füllen, verbündeten sie sich mit der „Union of Jewish Societies” (UJS) gegen die SWP-Linie „keine Plattform für Zionisten”. Diese Position war an sich korrekt (no-platforming richtet nichts gegen Faschismus aus, gibt aber dem Staat mehr Mittel in die Hand; „keine Plattform für Rassisten” besaß noch nicht mal die selbe Pseudo-Begründung wie „Keine Plattform für Faschisten”). Jedoch unterstützten die Matgamna-Anhänger (und tun das heute noch) die Losung „Keine Plattform für Faschisten” und mussten daher ihren vorherigen „anti-imperialistischen” Standpunkt revidieren, um ihr Bündnis mit der UJS zu rechtfertigen. ↩︎
- Über den nur beschränkten Einfluss der Frankfurter Schule in Britannien siehe bspw. Douglas Kellner:pages.gseis.ucla.edu/faculty/kellner/Illumina%20Folder/kell16.htm; Tom Steele ‘Critical theory and British cultural studies’ Counterpoints Vol 168 (2003), S. 222-237. ↩︎
- Bspw. labourlist.org/2019/03/siobhain-mcdonagh-links-anti-capitalism-to-anti-Semitism-in-labour. ↩︎
- Moishe Postone, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, ça-ira Verlag. Freiburg im Breisgau 2003. Ursprünglich 1993 auf Englisch erschienen bei Cambridge University Press. ↩︎
- Martin Thomas (aus Anlass von Postones Tod) : www.workersliberty.org/story/2018-12-30/postone-capitalism-and-working-class; Goldner: breaktheirhaughtypower.org/review-time-labor-and-social-domination-by-moishe-postone – siehe dort Fußnote 1. ↩︎
- Anmerkung des Übersetzers: Postone drückt sich zugegebenermaßen an dieser Stelle missverständlich aus, jedoch schreibt er diese Ansicht nicht Marx zu, sondern dem sogenannten „Traditionellen Marxismus”, siehe bspw. S. 28-29, 34, 96 und insbesondere S. 298-299. ↩︎
- https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1875/kritik/randglos.htm. ↩︎
- Kritik und Krise 1991 S. 6, 7. ↩︎
- David I. Kertzer, Die Päpste gegen die Juden. Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus. Propyläen Verlag, Berlin/München 2001. ↩︎
- Bzgl. der Einbürgerung von Juden siehe bspw. Avinoam Yuval-Naeh ‘The 1753 Jewish Naturalization Bill and the Polemic over Credit’ 567 J Brit. Stud. S. 467–492 (2018). Bzgl. „moneyed interests” versus Gutsbesitzertum (“landed interest”) bspw. Richard I Cook, Jonathan Swift as a Tory pamphleteer (University of Washington Press, 1967). Dieser Diskurs setzte sich in Burkes Betrachtungen über die französische Revolution fort und hielt an bis hin zu der Debatte im Parlament 1854 rund um die Aufhebung der Usury Acts (Wuchergesetze): api.parliament.uk/historic-hansard/commons/1854/aug/04/usury-laws-repeal-bill. ↩︎
- Siehe Kapitel 2 von Norman Finkelstein, Die Holocaustindustrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird. Piper, München 2001. Die Einwände gegen Finkelsteins Erörterung, soweit diese in gutem Glauben geschehen, berühren die Datierung nicht. ↩︎
- Zusammenfassende Darstellung der Miniserie und ihres Einflusses: en.wikipedia.org/wiki/Holocaust_(miniseries). ↩︎
- Siehe bspw. François Soyer Antisemitic conspiracy theories in the Early Modern Iberian world Brill 2019. ↩︎
- Siehe bspw. Donald Bloxham, ‘The Armenian genocide of 1915-1916: cumulative radicalization and the development of a destruction policy’ Past & Present No181 November 2003 S. 141-191. ↩︎
- Siehe bspw. Sarah Shields ‘The Greek-Turkish population exchange’ Middle East Report No267 Summer 2013: merip.org/2013/06/the-greek-turkish-population-exchange. ↩︎
- www.washingtoninstitute.org/policy-analysis/us-foreign-policy-and-israels-qualitative-military-edge-need-common-vision. Dort wird zumindest der Terminus „qualitative military edge” auf die Zeit nach dem Sechstagekrieg datiert, die entscheidenden Schritte der Kennedy-Administration als Teil ihrer Strategie im Kalten Krieg sind nachzulesen bei Vaughn P Shannon Balancing act: US foreign policy and the Arab-Israeli conflict Ashgate 2003 S. 55-57. ↩︎
- Hierzu Moshé Machover ‘Imperialism, Palestine and Israel’ Weekly Worker September 6 2007:weeklyworker.co.uk/worker/687/imperialism-palestine-and-israel; und ‘A very special relationship’ The Project 2. Mai 2015. ↩︎
- Ein triviales Beispiel: commexplor.com/2014/09/06/draft-theses-on-the-jews-and-modern-imperialism. ↩︎
- Siehe bspw. Norman A Stillman ‘New attitudes toward the Jew in the Arab world’ Jewish Social Studies Vol 37 1975 S.197-204. ↩︎
- Vergleiche Trotzki Thermidor und Antisemitismus in: Schriften Bd. 1.2 S. 1040-1053 oder online: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1937/02/antisemit.htm; Konstantin Azadovskii und Boris Egorov ‘From Anti-Westernism to Anti-Semitism’ Journal of Cold War Studies Vol 4 2002 S. 66-80; William Korey ‘The origins and development of Soviet anti-Semitism: an analysis’ Slavic Review Vol 31 1972 S. 111-135. ↩︎
- David Harvey The Limits to capital Verso 2006 Kapitel 10; Matari Pierre Manigat ‘Finance capital and financialization: a comparative reading of Marx and Hilferding’: journals.openedition.org/oeconomia/9122 (2020). ↩︎
- Nützliches zur Strategie der „Direkten Aktion” bei der Neuen Linken: Todd Gitlin, The whole world is watching: mass media in the making and unmaking of the New Left 2003 edition, University of California Press. Bzgl. der Palästinensischen Guerilla siehe Daniel L. Byman ‘The 1967 war and the birth of international terrorism’ 30. Mai 2017:www.brookings.edu/blog/markaz/2017/05/30/the-1967-war-and-the-birth-of-international-terrorism. ↩︎
- An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass dieser Umstand nicht bloß in Bezug auf Israel von Relevanz ist. Staaten verfügen im Allgemeinen über weitaus mehr Ressourcen als es private Vereine tun, weswegen letztere dazu tendieren, mittels staatlicher Förderungen „gekapert” zu werden, solange in diesen Vereinigungen kein klarer Widerstand gegen die Entgegennahme derartiger Subventionen existiert. Als Beispiel seien die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und den verschiedenen „moskautreuen” Kommunistischen Parteien genannt. ↩︎
- Diskus 1979 Nr. 3-4 S. 40. ↩︎
- Zu Reinicke: de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Reinicke; zu Wolfer-Melior: ‘Organisation als Problem revolutionärer Existenz’ in: Basisgruppen Internationalismus-Tage Tübingen 11 Dez bis 13 Dez 1981 Köln/Bonn 1981; über Diner siehe Jeffrey Herf ‘The struggle continues’ New Republic 5. August 2002: newrepublic.com/article/66401/the-struggle-continues. ↩︎
- Postones Veröffentlichungen in Telos: ‘On Nicolaus “Introduction” to the Grundrisse’ Telos Nr. 22 1974 S. 130-148; ‘Revolt im bürgerliche Erbe: Gebrauchswert und Mikrologie’ Telos 1976, S. 239-245’; John Alt ‘Radical and conservative critique: a conference report’ Telos 1985 Nr. 63 S. 121-138 (Postones Beitrag zur Diskussion auf S. 134-35). Das Zitat zu den Ursprüngen von Telos ist aus kennethandersonlawofwar.blogspot.com/2007/11/telos-critical-theory-journal-and-its.html; vgl. auch Danny Postel, ‘The metamorphosis of Telos’ In these times 1991: dev.autonomedia.org/node/3049; Timothy Luke, ‘The trek with Telos’ fastcapitalism.uta.edu/1_2/luke.html. ↩︎
- ucpr.blog/2018/09/13/an-interview-with-moishe-postone-marx-capitalism-and-the-possibility-of-activism-today. Zwei andere Interviews geben 1969 an: www.workersliberty.org/story/2018-12-30/postone-capitalism-and-working-class, und:www.chicagomaroon.com/article/2018/10/19/moishe-postone-marxist-scholar-social-theorist-194. Postone schloss sein Studium mit einem Bachelor in Biochemie 1963 ab und kehrte dann zur University of Chicago zurück, um schließlich 1967 einen Master in Geschichte zu erlangen (ABD 1969). Dies legt nahe, dass das frühere Datum im UCPR Blog Interview das richtige ist. ↩︎
- Siehe bspw. Wright Mills’ Letter to the New Left von 1960: www.marxists.org/subject/humanism/mills-c-wright/letter-new-left.htm; Marcuse Der eindimensionale Mensch insbesondere Kapitel 2. Allgemeinere Darstellung der politischen Vorstellungen beider SDS bspw. in Martin Klimke The other alliance: student protest in West Germany and the United States in the global sixties Princeton UP 2010; Paul Heideman, ‘Half the way with Mao Zedong’ Jacobin 23. Mai 2018:jacobinmag.com/2018/05/half-the-way-with-mao-zedong. ↩︎
- Eine Sichtweise aus dem Third-Camp-Trotzkismus („Independent Socialist Clubs”) auf die Spaltung findet sich unter:www.workersliberty.org/story/2019-11-13/split-sds. Feministische Perspektive auf die Spaltung des deutschen SDS feministberlin1968ff.de/leftist-debates/1968er-movement-splits-1969. ↩︎
- Postone/Reinicke, Dialektik und Proletariat in: Claudio Pozzoli (Hg.), Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 4: Faschismus und Kapitalismus, Frankfurt am Main: Fischer Verlag. 1976, S. 261 oder online unter https://www.krisis.org/1976/dialektik-und-proletariat/. Ursprünglich auf englisch erschienen als ‘On Nicolaus “Introduction” to the Grundrisse’ Telos Nr. 22 1974 S. 130-148. ↩︎
- Jahrbuch Arbeiterbewegung 1976 S. 268. ↩︎
- Jahrbuch Arbeiterbewegung 1976 S. 269. ↩︎
- Georg Lukács, Was ist Orthodoxer Marxismus? In: Werke Bd. 2 Aisthesis Verlag Bielefeld S. 171. ↩︎
- Siehe bspw. Gareth Stedman Jones ‘The Marxism of the early Lukacs: an evaluation’ NLR I/70 1971 S. 27-64; Zoltan Tarr ‘A note on Weber and Lukács’ Int J Politics, Culture, and Society Vol 3 1989 S. 131-139. ↩︎
- Einige nützliche kritische Perspektiven auf diese Entwicklung bei Tom Bottomore The Frankfurt School and its criticsRoutledge 2003; außerdem Stuart Jeffries: Grand Hotel Abgrund. Die Frankfurter Schule und ihre Zeit. Klett-Cotta, Stuttgart 2019. ↩︎
- Kritik und Krise 1991 S. 7, 10. Anm. d. Ü.: Mike Macnair arbeitete beim Verfassen seines Artikels mit der Fassung, welche 1980 in der New German Critique erschienen ist. In einer späteren deutschen Übersetzung des Textes schreibt er nämlich:
„Die Geschichte Frankreichs von der Dreyfus-Affäre bis zum Vichy-Regime scheint aber zu zeigen, daß eine bürgerliche Revolution vor der Industrialisierung keine ausreichende „Immunität” gegen den modernen Antisemitismus gibt. Andererseits war der moderne Antisemitismus in Großbritannien nicht sehr verbreitet, obwohl es dort natürlich auch Rassentheorien und Sozialdarwinismus gab. Der Unterschied könnte in dem Grad der Entwicklung der gesellschaftlichen Abstraktheit von Herrschaft vor der Industrialisierung liegen.” (Kritik und Krise 1991 S. 10)
Diese Passage findet sich wohlgemerkt nicht in der englischen Neufassung von 1986 in Anson Rabinbach und Jack Zipes (Hg.), Germans and Jews Since the Holocaust. New York: Holmes and Meier. ↩︎ - Für ein offeneres Bekenntnis Postones zur Unverzichtbarkeit von Liberalismus siehe ‘Review: Jean Cohen on Marxian critical theory’ Theory and Society Vol 14 S. 233-246. ↩︎
- Francis Fukuyama ‘The end of history?’ The National Interest No. 16 1989 S. 3-18 ist nur das berühmte Produkt. ↩︎
- Beispielsweise Chris Cutrone, ‘Lenin’s liberalism’ 2011: platypus1917.org/2011/06/01/lenins-liberalism. ↩︎

