Zum hundertsten Jahrestag von Lenins Tod im Jahr 2024 schrieb der kanadische Historiker Lars T. Lih eine dreiteilige Artikelreihe über den Lenin-Kult und seine verschiedenen Spielarten. Im ersten Teil befasst sich Lih mit der stalinistischen und trotzkistischen Lenin-Interpretation, sowie mit dem Lenin der akademischen Historiker. Wir haben Lihs Arbeit übersetzt und veröffentlichen hiermit den ersten Teil.
Obwohl Lenins Schlaganfall im Frühling 1923 ihn dauerhaft außer Gefecht setzte, starb er im Januar 1924. So fällt Lenins hundertjähriger Todestag auf das Jahr 2024. Doch ein weiteres Ereignis liegt nun ebenfalls hundert Jahre zurück. Es ist ein Ereignis, dem wir gedenken sollten, wenn auch nicht feierlich. 1924 war das Geburtsjahr des Lenin-Kults und seiner unterschiedlichen Ableger. Dieser Kult ist verantwortlich für viele der heute noch häufig auftretenden falschen Auffassungen über Lenin und die russische Revolution.
Auf meinem Tisch liegen drei kleine Bücher, alle 1924 veröffentlicht: J.W. Stalins Über die Grundlagen des Leninismus, Georg Lukács’ Lenin. Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken, und Leo Trotzkis 1917. Die Lehren des Oktober. Diese drei Bücher haben die ideologische Grundlage für den Lenin-Kult geschaffen, indem sie Lenin in einen genialen theoretischen Erneuerer und heldenhaften Kontrahenten seines eigenen sozialistischen Lagers verwandelten. Laut Stalin und Lukács lehnte Lenin den gesamten „Marxismus der Zweiten Internationale“ ab. Trotzki zufolge verwarf Lenin den „alten Bolschewismus“ seiner ehemaligen bolschewistischen Offiziere. In beiden Narrativen nimmt ein marxistischer „Anderer“ die Form einer traurigen und negativen Gestalt an: Karl Kautsky bei Stalin und Lukács, Lew Kamenew bei Trotzki. Ständig wird dasselbe heilige Narrativ wiederholt: Lenin besiegt den marxistischen (oder sollte ich besser „marxistisch“ in Anführungszeichen setzen?) Anderen und ebnet damit den Weg für den glorreichen Sieg der Oktoberrevolution. Ein weiteres Merkmal verbindet diese grundlegenden Texte des Lenin-Kults: Ihr Bild von Lenin steht in völligem Widerspruch zu dem Selbstbild der historischen Person Wladimir Uljanow.
Der Kult ist nicht etwas, das sicher verstaut liegt, irgendwo in der sowjetischen Vergangenheit. Viele Vorstellungen über Lenin, die heute als unumstritten gelten, stammen direkt oder indirekt aus diesen drei kleinen Büchern.
Meine Kritik des Lenin-Kults wird sich jedoch auf zwei unterschiedlichen Ebenen abspielen. Und ich bitte die Leserinnen, die beiden Ebenen klar voneinander zu unterscheiden. Eine Ebene richtet sich gegen eine Reihe von Vorstellungen über Lenin, die aus der Vergangenheit aufgegriffen wurden und einer empirischen Untersuchung nicht standhalten. Diese aufgegriffenen Vorstellungen sind für uns alle eine Belastung (mich selbst eingeschlossen!). Wer diese Vorstellungen teilt, ist darum nicht gleich Mitglied einer Sekte. Es ist jedoch kein Geheimnis, dass es Menschen gibt, deren vorrangiges Anliegen darin besteht, die überlieferte heilige Erzählung weiterzugeben, anstatt ein empirisch fundiertes Bild von Lenin und der russischen Revolution zu vermitteln. Diese Menschen bezeichne ich hier als Fundamentalisten, weil sie jeden Zweifel an der Unfehlbarkeit der überlieferten Erzählung als Ketzerei abtun.
Dieser Essay besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil schauen wir uns die drei einflussreichsten Ausdrücke des Lenin-Kults an: Lenin gegen Kautsky und die Zweite Internationale (Stalin); Lenin gegen Kamenew und anderen bolschewistische Anführer (Trotzki); Lenin gegen allem Gute und Wahre (das umgedrehte Kult akademischer Historikerinnen). Teil II setzt sich mit neueren Narrativen, die aus diesem Kult hervorgehen, auseinander: Trotzki gegen die „Etappentheorie“ (ein Spin-off-Kult, in dem Trotzki der Hauptheld ist) und Lenin gegen undialektische Marxisten (ein neuere Legende, basierend auf Lenins Begegnung mit Hegel im Jahr 1914). Im dritten und letzten Teil wird eine konkrete Fallstudie vorgestellt, durch die aufgezeigt wird, wie diese unterschiedlichen Narrative die Analyse der politischen Dynamiken von 1917 verzerrt haben. Darin analysieren wir die ständig wiederholte Anekdote, wonach Kamenew und Stalin im März 1917, also vor Lenins Ankunft, den Krieg unterstützt hätten.
Stalin: Lenin gegen die Zweite Internationale
Stalins Über die Grundlagen des Leninismus, unmittelbar nach Lenins Tod verfasst, ist der mit Abstand einflussreichste Beitrag zur Lenin-Forschung aller Zeiten.1 Sein Einfluss hat nichts mit der eigenen politischen Einstellung zu tun. Tatsächlich sind die entschiedensten Antistalinistinnen (meistens aus der trotzkistischen Tradition oder akademische Historiker) oft diejenigen, die Stalins Verzerrungen am treuesten sind. Zweifellos wird Stalins Schrift heute nur wenig gelesen. Das sorgt im heutigen politischen Klima aber nur dafür, dass ihr Inhalt eher angenommen wird. Stalin führte drei Themen ein, die in starkem Widerspruch zu Lenins Selbstdarstellung und zu dem Bild standen, das seine Genossinnen zu Lebzeiten von ihm hatten: Lenins Haltung gegenüber der Zweiten Internationale vor dem Ersten Weltkrieg, sein Verhältnis zu Karl Kautsky, und Lenins Einschätzung seiner eigenen theoretischen und politischen Originalität.
1915 führte Lenin eine Polemik mit Alexander Potressow, einem russischen Sozialdemokraten am rechtesten Rand der Partei. Anbei Lenins Zusammenfassung der Meinung seines Gegners zur Zweiten Internationale:
„Es kommt so heraus, als wäre die heutige Demokratie [die Sozialdemokratie, Anm. des Autors] der gegebenen Epoche ein einheitliches Ganzes geblieben, das, allgemein gesprochen, von der Idee der schrittweisen Entwicklung durchdrungen worden sei, sich nationalisiert, der Störung der schrittweisen Entwicklung und der Katastrophen sich entwöhnt, mit Schimmel sich überzogen habe und verflacht sei.“2
Diese Beschreibung wird den meisten bekannt vorkommen. Denn diese Einschätzung der Zweiten Internationale liegt allen Erscheinungsformen des Lenin-Kults zugrunde. Doch Lenin widersprach dieser Darstellung Potressows scharf: Für ihn gab es innerhalb der Zweiten Internationale eine tiefe Spaltung zwischen dem linken und rechten Flügel, oder, um es mit den damaligen Begriffen zu sagen, eine Spaltung zwischen der revolutionären Sozialdemokratie und dem Opportunismus.
Lenin war stolzes Mitglied dieses linken Flügels. Er bemühte sich oft, zu betonen, dass der Bolschewismus die russische Version der revolutionären Sozialdemokratie war. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. So behauptete er 1907-1908 unmissverständlich: „Es muss nachdrücklich betont werden, dass der Bolschewismus die Taktik der revolutionären Sozialdemokratie in allen Bereichen des Kampfes, in allen Tätigkeitsfeldern ausführt.“3 Diese Äußerungen widerrief er nach seinem Bruch mit Kautsky im Jahr 1914 nicht. 1915 warf Lenin einen Blick auf die Geschichte der Bolschewiki und beschrieb dabei die frühen Auseinandersetzungen innerhalb der russischen Sozialdemokratie mit folgenden Worten:
„Der „Ökonomismus” war eine opportunistische Strömung in der russischen Sozialdemokratie. […] Die alte Iskra (1900-1903) führte im Namen der Prinzipien der revolutionären Sozialdemokratie siegreich den Kampf gegen den „Ökonomismus” durch. […] Die Epoche der bürgerlich-demokratischen Revolution [1905-1907] ließ einen neuen Kampf der Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie entbrennen, der eine direkte Fortsetzung des vorhergegangenen war. […] Die Revolution von 1905 unterzog die unversöhnlich revolutionäre sozialdemokratische Taktik in Russland einer Prüfung, stärkte, vertiefte und stählte sie.“4
Hier sehen wir, dass Lenin und sein Kontrahent Potressow völlig entgegengesetzte Einschätzungen der Zweiten Internationale hatten. Nun wenden wir uns Stalins Grundlagen zu, um herauszufinden, welche Stellung Stalin in dieser Debatte einnimmt. Anbei ein Auszug seiner Darstellung der Zweiten Internationale:
„Man darf nicht vergessen, dass zwischen Marx und Engels einerseits und Lenin andererseits ein ganzer Zeitabschnitt der ungeteilten Herrschaft [hervorgehoben durch den Autor] des Opportunismus der II. Internationale liegt, dessen rücksichtslose Bekämpfung eine der wichtigsten Aufgaben des Leninismus sein musste.“5
Und:
„Es war notwendig, die gesamte Tätigkeit [hervorgehoben durch den Autor] der II. Internationale, ihre ganze Arbeitsmethode einer Revision zu unterziehen und das Philistertum, die Engstirnigkeit, die Politikasterei und das Renegatentum, den Sozialchauvinismus und Sozialpazifismus auszumerzen. Es war notwendig, das gesamte Arsenal [hervorgehoben durch den Autor] der II. Internationale zu überprüfen, alles, was verrostet und morsch war, über Bord zu werfen und neue Arten von Waffen zu schmieden.“6
Stalins Beschreibung der Zweiten Internationale ist fast eine Kopie der Darstellung, die Lenin in seiner Polemik von 1915 scharf kritisiert hatte. Trotzdem wird diese Darstellung heutzutage von einer Mehrheit der einflussreichsten Autoren, die über Lenin schreiben, als eine Art Evangelium hingenommen, vor allem von denjenigen, die sich ihrer antistalinistischen Haltung rühmen. Die Manipulation historischer Fotografien, um Personen, die in Ungnade gefallen waren, zu entfernen, ist ein bekanntes Merkmal der Stalin-Ära. Stalin führt in den Grundlagen eine ähnliche Handlung durch, die aber umso spektakulärer ist: Er lässt die Geschichte des gesamten linken Flügels der Zweiten Internationalen aus.7
Im Großen und Ganzen vermittelt das Werk ein recht genaues Bild des politischen Lenin (mit Ausnahme der Fragen zum sogenannten „Sozialismus in einem Land“). Da Stalin jedoch die revolutionäre Sozialdemokratie vollständig von der Bildfläche verschwinden ließ, konnte er Lenin als einen großen innovativen Theoretiker darstellen, der eigenhändig die gesamte Weltanschauung des linken Flügels der Zweiten Internationale erschaffen hatte. Um das zu tun, musste Stalin jedoch eine unter Lenins eigenen Genossinnen weit verbreitete „komische Ansicht“ bekämpfen:
„Manche glauben, der Leninismus sei das Primat der Praxis über die Theorie in dem Sinne, dass das Wesentliche in ihm die Umsetzung der marxistischen Grundsätze in die Tat, die „Ausführung“ dieser Grundsätze sei, was dagegen die Theorie anbelangt, so sei der Leninismus in dieser Hinsicht ziemlich unbekümmert. […] Ich muss erklären, dass diese mehr als sonderbare Meinung über Lenin und den Leninismus ganz falsch ist und in keiner Weise der Wirklichkeit entspricht.“8
Eine gute Heldenerzählung braucht einen Antihelden, und Stalin gab Karl Kautsky diese Rolle. In den Grundlagen des Leninismus ist Kautsky mehr oder weniger die einzige bekannte Figur der Zweiten Internationale, die namentlich erwähnt wird. Dadurch verkörpert er alle Schwächen der Zweiten Internationale: ein Reformist, ein Fatalist, ein Revisionist, usw. In Wirklichkeit war Kautsky vor dem Krieg der führende Sprecher der internationalen revolutionären Sozialdemokratie und wurde als solcher von den Bolschewiki – einschließlich Stalin! – als Mentor angesehen. Als Kautsky nach der Revolution von 1905 sich in russische Debatten einmischte, befürwortete er zur großen Freude Lenins und seiner Genossen die Taktiken der Bolschewiki. Im Jahr 1909 schrieb Lenin:
„Rosa Luxemburg und Karl Kautsky — Sozialdemokraten, die des öfteren für die Russen schrieben und insofern Einblick in unsere Partei hatten — wurden von uns ideologisch gewonnen, obwohl zu Beginn der Spaltung (1903) alle ihre Sympathien auf seiten der Menschewiki waren. Sie wurden gewonnen, weil die Bolschewiki unnachsichtig gegen eine „Kritik“ am Marxismus auftraten, weil die Bolschewiki nicht den Buchstaben ihrer, unbedingt ihrer fraktionellen Theorie verfochten, sondern den allgemeinen Geist und Sinn der revolutionär-sozialdemokratischen Taktik.“9
Weitere Bemerkung derselben Art über Kautsky von Stalin aus derselben Periode gibt es in den ersten Seiten des zweiten Bands seiner Gesammelten Werke. Nach 1914 war Lenin von Kautsky als politischem Anführer schwer enttäuscht. Er wandte sich jedoch nicht von seinen früheren politischen Schriften ab! Ganz im Gegenteil: Lenin drückte weiterhin seine starke Bewunderung aus für „Kautsky, als er Marxist war“. Er betrachtete Kautsky als „Renegat“, gerade weil Kautsky seinen eigenen richtigen Positionen nicht gerecht wurde. Lenins Haltung gegenüber Kautsky ist eindeutig und öffentlich belegt, und Stalins Versuch, eine tiefe Kluft zwischen beiden zu schaffen, stellt eine erhebliche Verzerrung dar. Die bis heute andauernde Verteidigung dieser Darstellung durch Personen, die es eigentlich besser wissen müssten, lässt sich nur durch sture Treue zu einer heiligen Erzählung erklären.10
Lukács und andere „westliche Marxisten“ – Intellektuelle, die durch den Weltkrieg und die russische Revolution radikalisiert worden waren, aber keine besonderen Erinnerungen an die Zweite Internationale hatten und nicht persönlich Teil von ihr gewesen waren – trugen ebenfalls dazu bei, Kautskys in den „Anderen“ zu verwandeln. Das Bild des „fatalistischen“ Kautsky ist bei Lukács und Stalin identisch. Ebenso identisch ist die – bei Stalin bewusste, bei Lukács wahrscheinlich unbewusste – Verschleierung von Lenins tatsächlicher Haltung gegenüber Kautsky. Man muss fairerweise sagen, dass Kautskys unermüdliche Verurteilung des russischen Bolschewismus nach 1917 notwendig dazu beitrug, dass seine historische Rolle als Mentor der Bolschewiki paradox erschien. Es ist zu einem großen Teil Stalin zu verdanken, dass es uns bis heute paradox erscheint!
Stalin stellt Lenin als äußerst originellen Theoretiker dar, der sich im Alleingang mit dem „Marxismus der Zweiten Internationale“ anlegte und Karl Kautskys gesamtes Erbe verwarf. All diese Merkmale von Stalins grundlegender kultischen Porträtierung stehen in direktem Widerspruch zu Lenins eigenem Verständnis seiner politischen Identität. Dennoch wurden genau diese Merkmale schnell zu einem integralen Bestandteil der weiteren Varianten des Kults, zu denen wir nun übergehen.
„Wiederbewaffnung der Partei“: Lenin gegen den „Alten Bolschewismus“
Ende 1924 veröffentlichte Trotzki 1917. Die Lehren des Oktober.11 In diesem Essay erzählte er die Geschichte der russischen Revolution auf neue und unerwartete Weise: Im Mittelpunkt der Geschichte stand nicht mehr der Kampf der Bolschewiki um die Errichtung der Sowjetmacht, sondern ein interner Kampf innerhalb der bolschewistischen Partei. Lenin musste demnach gegen alle seine früheren Genossinnen ankämpfen, um die Verwandlung der Bolschewiki in eine antirevolutionäre Partei zu verhindern. Trotzkis Verachtung kommt deutlich zu Tage in seiner Beschreibung der Reaktion der Partei auf Lenins Vorschlag, sich in „Kommunistische Partei“ umzubenennen (eine Frage, die 1917 kaum eine Rolle spielte und Anfang 1918 ohne große Umstände gelöst wurde):
„[…] [D]er Widerstand bei den Spitzen der Partei ist so stark, daß ein ganzes Jahr, in welchem Russland die schmutzige Wäsche der Bourgeoisie-Herrschaft ablegte, vergehen mußte, ehe die Partei sich entschließen konnte, ihren Namen zu erneuern und so zur Tradition Marx’ und Engels’ zurückkehrte.
In dieser Geschichte der Namensänderung der Partei drückt sich symbolisch die Rolle Lenins während des ganzen Jahres 1917 aus: denn im allerentscheidensten Wendepunkte der Entwicklung muss er ununterbrochen im Innern einen aufreibenden Kampf führen gegen das Gestern im Namen des Morgen. Der Widerstand des Gestern, welcher unter der Flagge „Tradition“ auftritt, erreicht in einzelnen Momenten eine außerordentliche Schärfe.“12
Um eine Formulierung Trotzkis zu nutzen, können wir dies die Erzählung von der „politischen Wiederbewaffnung der Partei“ nennen. Folgende Geschichte wird ständig wiederholt: Beim Ausbruch der Revolution, im Februar und März 1917, blieben führende Bolschewiki wie Kamenew der alten bolschewistischen Doktrin, die sie von Lenin erhalten hatten, treu — einer Doktrin, die in der neuen revolutionären Situation heillos reformistisch geworden war. Als Lenin nach Russland zurückkehrte, sah er sich gezwungen, die Partei mit seinen Aprilthesen, die zu einer sozialistischen Revolution in Russland aufriefen, neu zu bewaffnen (obwohl Trotzki dies bescheidenerweise nicht ausdrücklich sagt, wird Lenin in seiner Erzählung so dargestellt, als hätte er den „alten Bolschewismus“ durch den „alten Trotzkismus“ ersetzt, nämlich die Theorie der „permanenten Revolution“ von 1906). Daraufhin begann ein Kampf zwischen den Befürwortern von Lenins innovativer „Wiederbewaffnung“ der Partei und seinen hartnäckigen, konservativen Gegnern, die von Kamenew angeführt wurden und mindestens die Hälfte der Partei ausmachten. Dieser Kampf erreichte im Herbst seinen Höhepunkt, als Lenin und Trotzki, trotz bolschewistischer Opposition, gemeinsam die Oktoberrevolution durchführten.
Diese Geschichte hat alle Merkmale einer guten Heldenerzählung. Erstens ist sie spannend, voller beeindruckender Details und dramatischer Episoden. Genauso wie Stalins Heldenerzählung, die einige Monate früher veröffentlicht worden war, präsentiert auch Trotzkis Erzählung Lenin als theoretischem Erneuerer und Rebellen, der sich gegen etablierte Dogmen auflehnt — wobei es in diesem Fall seine eigene, alte Doktrin war! Es wird ein neuer Anti-Lenin eingeführt: Lew Kamenew. Obwohl Kamenew über ein Jahrzehnt lang einer der wichtigsten Vertrauten Lenins war, wird er nun zum Prototyp des „halb-menschewistischen“ Bolschewiken.
Wie sich erkennen lässt, sind Stalins und Trotzkis Heldenerzählungen offensichtlich miteinander vereinbar. In der Tat hat die stalinistische Erzählung in ihrer völlig ausgereiften Form — dem berüchtigten Kurzen Lehrgang zur Geschichte der KPdSU(B)13 der späten 1930er — mehrere Dinge aus Trotzkis Erzählung übernommen.
Da Kamenew Mitte der 1920er Jahre in Opposition zu Stalin getreten war, übernahmen der Woschd14 und seine Historiker gerne Trotzkis Darstellung von Kamenew als symbolischen Anti-Lenin. Außerdem beschloss Stalin, die Aprilthesen zum Ausdruck einer theoretischen Erneuerung Lenins in Bezug auf den „Kurs auf die sozialistische Revolution“ zu machen. Der Kurze Lehrgang kann daher als „Wiederbewaffnung light“-Erzählung bezeichnet werden.
Nach Trotzkis Darstellung (und noch mehr nach der seiner späteren Anhänger) hatte Lenin natürlich keine wirkliche Neuerung eingeführt, sondern lediglich mit etwas Verspätung die Gültigkeit von Trotzkis älterem Szenario der permanenten Revolution erkannt.15 In den Lehren des Oktober schreibt Trotzki, dass wahrer Bolschewismus – als platonisches Ideal, sozusagen – aus einer wahrhaft revolutionären Doktrin und einem wahrhaft revolutionären Geist besteht. Was größtenteils unausgesprochen bleibt, für jede Leserin aber offensichtlich ist, ist die implizite Aussage darüber, wer in diesem platonischen Sinne der beste Bolschewik ist. Die Revolution von 1917 zeigt laut Trotzki, dass den meisten führenden Bolschewiki der Vorkriegszeit sowohl die richtige Doktrin als auch der revolutionäre Geist fehlten. Lenin hatte zwar immer den revolutionären Geist, vertrat und verbreitete aber viele Jahre lang die falsche Doktrin. Nur eine Person hatte immer revolutionären Geist und die richtige Doktrin: Trotzki.16 Die Schlussfolgerung ist unausweichlich: Obwohl er erst 1917 der Partei beitritt, ist Lew Trotzki die vollständigste Verkörperung des Wesens des Bolschewismus.
Die Lehren des Oktober sind der Ausgangspunkt für Trotzkis späteres, aus zwei Bänden bestehendes Hauptwerk Geschichte der russischen Revolution. An dieser Stelle möchte ich nicht auf die vielen hervorragenden Aspekte dieses Werks eingehen, sondern mich stattdessen auf das aus den Lehren übernommene Gesamtschema beschränken. Ist Trotzkis Wiederbewaffnungserzählung gute Geschichtsschreibung? Nein: Das von Trotzki gezeichnete Bild eines intensiven und verschärften Kampfes innerhalb der Partei über Grundsatzfragen entspricht nicht der historischen Realität. Er schrieb die Lehren als Einleitung zu dem Band seiner gesammelten Werke, der sich mit dem Jahr 1917 befasst. Ironischerweise stützen die in demselben Band veröffentlichten tatsächlichen Dokumente Trotzkis aus der Revolutionszeit seinen Aufsatz von 1924 kaum. So gibt es beispielsweise keine Anzeichen für einen titanischen innerbolschewistischen Kampf um die „sozialistische Revolution“. Im Gegenteil!17 Ich habe mit der Übersetzung des entsprechenden Bands von Trotzkis Gesamtwerk für die Historical Materialism series begonnen. Dort wird eine vollständige Analyse zu finden sein.
Hier möchte ich lediglich darauf hinweisen, dass erneut eine heroische Erzählung, die bis heute Gemüter bewegt, im direkten Widerspruch zu Lenins eigener Auffassung dessen steht, was er sagte und tat. Betrachten wir hierfür die wichtige Episode der Aprilthesen.18 Der Wiederbewaffnungserzählung zufolge kehrte Lenin nach Hause und beseelte die Partei mit einem neuen, radikalen Geist, um den trägen Halb-Menschewiki wie Kamenew entgegenzuwirken. Die Geschichte, die Lenin einige Jahre später selbst wiedergibt, sieht jedoch anders aus: „Am 7. April veröffentlichte ich meine Thesen, in denen ich zu Vorsicht und Geduld aufrief.“19 Er fährt fort und erklärt seinem Publikum von 1921, dass im April 1917 eine linke Strömung den sofortigen Umsturz der provisorischen Regierung forderte, dass er, Lenin, jedoch „von der Annahme ausging, dass die Massen erst gewonnen werden mussten. [Die Regierung] kann derzeit [im April 1917] nicht gestürzt werden, da sie die vlast innehat dank der Unterstützung der Arbeiterräte. Bislang genießt sie das Vertrauen der Arbeiter.“20
Laut der Wiederbewaffnungserzählung ging die Gefahr, mit der Lenin bei seiner Rückkehr konfrontiert war, von (angeblich) versöhnlerischen Halb-Menschewiki wie Kamenew und Stalin aus. Nach Lenins eigener Sicht aus dem Jahr 1921 ging die Gefahr von ungeduldigen Linken aus, die gebremst werden mussten. Und wenden wir uns zum Text der Aprilthese, erfahren wir, dass – Überraschung! – Lenins Gedächtnis ihn nicht getäuscht hatte. Die Notwendigkeit geduldiger Aufklärung (Lenins Mantra nach seine Rückkehr nach Russland) war die zentrale Neuerung der Aprilthesen. Hier ist ein Auszug aus den Thesen zur Veranschaulichung:
„Anerkennung der Tatsache, dass unsere Partei in den meisten Sowjets der Arbeiterdeputierten in der Minderheit, vorläufig sogar in einer schwachen Minderheit ist […]. [U]nsere Aufgabe, solange sich [die Sowjets als alternative Regierung] von der Bourgeoisie beeinflussen lässt, [kann] nur in geduldiger, systematischer, beharrlicher, besonders den praktischen Bedürfnissen der Massen angepasster Aufklärung über die Fehler ihrer Taktik bestehen […].“21
Genauso wichtig wie das Dasein eines Aufrufs zu geduldiger Aufklärung ist das Nichtdasein eines skandalösen Aufrufs nach einer sofortigen sozialistischen Revolution in den Aprilthesen. Aufgrund des anhaltenden Einflusses Trotzkis Erzählung über die Wiederbewaffnung der Partei „weiß heute jeder“, dass Lenin genau das getan hat. Heute noch wird die folgende Beschreibung, die Kamenew am Tag nach der ersten Veröffentlichung der Aprilthesen abgab, als treffende Paraphrase von Lenins Argumentation angeführt:
„Was das allgemeine Schema des Genossen Lenin anbelangt, so halten wir es für unannehmbar, insoweit es davon ausgeht, dass die bürgerlich-demokratische Revolution abgeschlossen sei, und insoweit es auf die sofortige Umwandlung dieser Revolution in eine sozialistische berechnet ist.“22
Ignoriert wird wiederum Lenins schnelle und unmissverständliche Antwort:
„Er [Kamenew] wirft mir vor, mein Schema sei ‚berechnet’ auf die ‚sofortige Umwandlung dieser (der bürgerlich-demokratischen) Revolution in eine sozialistische‘. Das ist nicht richtig. Ich ‚rechne’ nicht nur nicht mit einer ‚sofortigen Umwandlung’ unserer Revolution in eine sozialistische, sondern warne geradezu davor, erkläre ausdrücklich in These Nr. 8: … ‚Nicht ‚Einführung‘ des Sozialismus als unsere unmittelbare Aufgabe …‘ Ist es nicht klar, dass ein Mensch, der auf die sofortige Umwandlung unserer Revolution in eine sozialistische rechnet, sich nicht gegen die unmittelbare Aufgabe der Einführung des Sozialismus wenden könnte?“23
In zahlreichen Berichten über das Jahr 1917 wird behauptet, Lenins Thesen hätten die Ersetzung der „bürgerlich-demokratischen Revolution“ durch eine „sozialistische Revolution“ gefordert. Doch trotz der allgegenwärtigen Verwendung von Anführungszeichen in diesen Berichten kommen weder diese Worte noch ein gleichwertiger Ausdruck in Lenins Text vor. Sie tauchen jedoch in Kamenews Text auf. Als Reaktion darauf erklärte Lenin, Kamenew habe seine Aussage verdreht. Seine Widerlegung ist vor allem dank Trotzkis Version des Lenin-Kults in Vergessenheit geraten, während Kamenews voreilige Deutung der Aprilthesen als Evangelium akzeptiert wird. Im dritten Teil der vorliegenden Serie werden die Ereignisse des März und April 1917 näher beleuchtet.
Der umgekehrte Kult: Lenin gegen alles Gute und Wahre
Der offizielle Lenin-Kult stellt Lenin als Helden dar, der die Partei fast im Alleingang aufbaut und die Revolution durchführt. Der umgekehrte Lenin-Kult, wie er heute in den meisten akademischen und populären Darstellungen zu finden ist, präsentiert Lenin hingegen als machiavellistische Figur des Grauens, die die Partei fast im Alleingang aufbaut und die Revolution durchführt. Dieser umgekehrte Kult stützt sich maßgeblich auf Stalins und Trotzkis Schriften aus dem Jahr 1924, kehrt jedoch die positiven und negativen Wertungen um.
Als ich vor zwanzig Jahren meine Analyse von Was tun? (1902) schrieb, kritisierte ich die „Lehrbuchinterpretation“ von Lenins Werk.23 Diese Interpretation sah den Kern von Lenins Weltanschauung in seiner Ablehnung von „Spontaneität“ und seinem Eintreten für eine „Avantgardepartei“. Nach dieser Interpretation waren diese beiden Merkmale höchst innovativ, handelte es sich ja demnach um einen umfassenden Angriff auf den Marxismus und die „demokratischen Massenparteien“ der Zweiten Internationale. Innovativ, aber auch prototyrannisch. Wie es in einem einflussreichen Lehrbuch für Politikwissenschaften der 1950er Jahre hieß: „Die Argumentation und der Tenor von Was tun? sind nach wie vor in den Werten und Überzeugungen des sowjetischen Systems verankert. Sie kommen in den Äußerungen Chruschtschows ebenso zum Ausdruck wie in denen Stalins und Lenins.“24
In Lenin Rediscovered zeigte ich, dass alle russischen Sozialdemokraten, bzw. Sozialdemokraten weltweit eine Ablehnung der „Spontaneität“ (die übliche aber sehr irreführende Übersetzung für den russischen Begriff stikhiinost) teilten; sahen sie doch ihre Aufgabe darin, der Arbeiterinnenklasse Organisation und eine sozialistische Perspektive zu vermitteln. Die primäre Bedeutung des russischen Wortes stikhiinost deutet auf chaotische Ausbrüche, primitive Desorganisation und richtungslose Wut hin – und wer will das schon? Tatsächlich waren es die Menschewiki, die sich am meisten darüber sorgten. Sie warfen den Bolschewiki regelmäßig und insbesondere 1917 vor, durch demagogische Manipulation der stikhiinyi-Wut der Massen an Popularität zu gewinnen. Lenin Rediscovered macht deutlich, dass Lenin westliche sozialdemokratische Parteien – wie etwa die deutsche SPD – keineswegs ablehnte, sondern sich leidenschaftlich dafür einsetzte, das SPD-Modell unter den gegebenen, vom zaristischen Absolutismus geprägten Umständen so weit wie möglich nach Russland zu übertragen. „Schaut auf die Deutschen!“ ist der Ruf, der durch Was tun? hallt. Die SPD war selbst eine „Avantgardepartei“, denn sie sah sich als Trägerin der wahren sozialistischen Lehre, die von der gesamten Arbeiterinnenklasse angenommen werden musste.
Beim Schreiben dieses Buches war mir jedoch noch nicht bewusst, dass die akademischen Lehrbuchinterpretationen direkt auf Stalins Grundlagen des Leninismus und denKurzen Lehrgang zurückgeht. In diesen Büchern preist Stalin die Ablehnung der stikhiinost und die Befürwortung einer Avantgardepartei als die originellen Beiträge Lenins, sowie als Rebellion gegen die öde Zweite Internationale. Selbstverständlich interpretiert Stalin diese Ideen nicht als Befürwortung einer elitären Verschwörungspartei, die den Arbeitern feindlich gesinnt und auf Intellektuelle beschränkt war. Diese Erfindung war das Ergebnis des umgekehrten Kults.
In ähnlicher Weise griffen die akademischen Historiker den aus der stalinistischen Geschichtsschreibung stammenden Ausdruck der „Partei neuen Typs“ auf. Lenin selbst hat diesen Ausdruck oder einen ähnlichen nie verwendet. Diese Tatsache hindert die meisten Menschen jedoch nicht daran, den Ausdruck in Anführungszeichen zu setzen (eine fast obligatorische typografische Maßnahme). Der verstorbene Carter Elwood war ein kanadischer Wissenschaftler, den ich als einen der empirisch fundiertesten Autorinnen schätze, die über Lenin und die sozialdemokratische Untergrundbewegung geschrieben haben. Doch selbst Elwood präsentierte seine faktischen Erkenntnisse in unbewusster Nachahmung der Kult-Erzählung aus Stalins Grundlagen. In seiner Beschreibung von Lenins Versuch, 1914 einen 6. Parteitag einzuberufen, stellte Elwood fest, dass dieser Parteitag „sehr wahrscheinlich die Aufgabe des Aufbaus einer vollständig bolschewistischen ‚Partei neuen Typs‘ vollendet hätte, mit der Lenin mehr als ein Jahrzehnt zuvor begonnen hatte“.25 Diese Interpretation baut direkt Stalins Narrativ in den Grundlagen und im Kurzen Lehrgang. In einer Stelle, die Stalin selbst in den Kurzen Lehrgang einfügte, heißt es:
„Die Bolschewiki wollten eine neue, eine bolschewistische Partei schaffen, geeignet, ein Vorbild für alle die zu sein, die eine wirklich revolutionäre marxistische Partei haben wollten. Die Bolschewiki arbeiteten an der Schaffung einer solchen Partei schon in den Zeiten der alten „Iskra“. Sie arbeiteten hartnäckig, standhaft daran, allen Hindernissen zum Trotz. Die wichtigste und entscheidende Rolle spielten in dieser Vorbereitungsarbeit Werke Lenins wie „Was tun?“, „Zwei Taktiken“, usw.“26
Trotzkis Wiederbewaffnungserzählung aus den Lehren des Oktober wurde auch schnell von antibolschewistischen Autoren übernommen. Aha! – schrieben Beobachter wie Kautsky und Irakli Zereteli (Sprecher der Menschewiki im Jahre 1917) – hier sehen wir eine wichtige Führungsfigur der Bolschewiki, die zugibt, sogar damit angibt, dass Oktober „ein Aufstand gegen andere Revolutionäre [war], die besiegt werden müssten, wenn sie sich nicht von Lenin und Trotzki unterordnen wollen.“27 Auch heute noch sind akademische Historikerinnen bei der Analyse der Revolution von 1917 stark von Trotzkis Darstellung aus dem Jahr 1924 geprägt (im dritten Teil wird ein faszinierendes Beispiel dafür untersucht). Insbesondere US-Historikerinnen wollten der offiziellen sowjetischen Darstellung, nach der Lenin eine monolithische Partei angeführt habe, entgegenwirken, indem sie sich auf die Spaltungen innerhalb der Bolschewiki konzentrierten. Hier wird einmal mehr Kamenew in die Rolle des Anti-Lenin gedrängt. Eine Kernaussage von Alexander Rabinowitch verdeutlicht seine Anlehnung an Trotzkis Erzählung von der „Wiederbewaffnung der Partei“:
„Unter den Bolschewiki gab es unter anderem ‚Moderate‘ oder ‚Rechte‘, die Lenins grundlegenden theoretischen und strategischen Annahmen beständig ablehnten. Ihr bekanntester und eloquentester Sprecher war der 34-jährige Lew Kamenew, der in Moskau geboren wurde und seit 1903 Bolschewik war.“28
Ein Bolschewik „seit 1903“, der „[beständig] Lenins grundlegenden theoretischen und strategischen Annahmen […] ablehnte“! Unweigerlich fragt man sich, welche glücklichen Annahmen nicht verworfen wurden. In Berichten über das Jahr 1917 findet sich immer wieder eine bestimmte akademische Redeweise über Lenin. Demnach gewinnt er niemals eine Diskussion, indem er Menschen beispielsweise durch schlüssige Beobachtungen oder eine gemeinsame Perspektive überzeugt. Stattdessen zwingt er seinen hilflosen Genossen seinen Willen auf. Kamenew, der Anti-Lenin, wird dafür gelobt, dass er sich gegen Lenin gestellt hat. Als er jedoch seine Meinung ändert – oder besser: sich Lenins Willen beugt – wird er verachtet und abgetan. Die Ironie dabei ist, dass diese Historiker Lenin vom Rest der Partei trennen und eine riesige Kluft zwischen seiner Weltanschauung und der der anderen schaffen. Dadurch haben sie Lenin zu einem revolutionären Demiurgen gemacht, der über alles hinausgeht, was sich Sowjet-Apologeten hätten ausdenken können.
Ohne es zu merken, stellen diese akademischen Historiker den gesamten Verlauf des Jahres 1917 als Ergebnis der entscheidenden Handlungen einer einzigen Person dar. Lenin kehrt nach Russland zurück und zwingt einer ansonsten gemäßigten Partei seinen Willen auf. Im Oktober verhindert Lenin im Alleingang den Wunsch fast aller Genossinnen – symbolisiert durch Kamenew – nach einer „moderaten“ Sowjetmacht, die alle bürgerlichen Parteien ausschließen, aber dafür alle Sozialisten in einer breiten Mehrparteienkoalition von den Bolschewiki bis zu den Volkssozialisten (eine kleine Partei am rechten Rand des sozialistischen Spektrum, die sich tatsächlich vehement gegen jede Form von Sowjetmacht wandte) einschließen sollte. In Leopold Haimsons Worten, stieß Lenins Position im Oktober „nicht nur auf breiten Widerstand [bei den Bolschewiki], sondern blieb sogar seinen engsten Anhängern unverständlich.“29 Schließlich setzt Lenin im Januar 1918 erneut seinen Willen durch, indem er eigenmächtig die Verfassungsgebende Versammlung auflöst. Damit macht er einen eigentlich vermeidbaren Bürgerkrieg unvermeidbar.
Es stimmt, dass Lenin ein starker Vorsitzender einer vereinten Partei war. Die Partei war jedoch nicht vereint, weil Lenin ein starker Vorsitzender war. Vielmehr war Lenin ein starker Vorsitzender, weil er eine in ihrer grundlegenden Perspektive vereinte Partei anführte. Demgegenüber zeichnet die von Aktivisten und akademischen Historikern geteilte Wiederbewaffnungserzählung über das Jahr 1917 das Bild einer tief gespalteten bolschewistischen Partei, die nur aufgrund des mächtigen Woschd, der seinen Willen einer hartnäckigen und verständnislosen Partei aufzwang, etwas Großes (und sei es auch ein großes Grauen) erschuf.
Übersetzung: Lucien Diehl und Carlos Quiñones. Die Übersetzung basiert auf einer überarbeiteten, bislang unveröffentlichten Fassung des verlinkten Weekly-Worker-Artikels, die uns der Autor zur Verfügung gestellt hat.
Wir danken Lea Einicke Armendariz für ihre Hilfe beim Korrekturlesen.
- Für die deutsche Übersetzung, siehe: J.W. Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus, 1924. https://www.marxists.org/deutsch/referenz/stalin/1924/grundlagen/index.htm ↩︎
- Wladimir I. Lenin, „Unter Fremder Flagge,“ Februar 1915. https://www.sozialistischeklassiker2punkt0.de/sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/lenin/lenin-1915/wladimir-i-lenin-unter-fremder-flagge.html ↩︎
- Lenin, Polnoe sobranie sochinenii (PSS), 5th edition, 16:188. ↩︎
- Lenin, Sozialismus und Krieg, 1915. LW 21, S. 299-341. ↩︎
- Stalin, „Einleitung,“ in: Über die Grundlagen des Leninismus. ↩︎
- Stalin, „II. Die Methode,“ in: Über die Grundlagen des Leninismus. ↩︎
- Eine ausführlichere Darstellung dieser Debatte zwischen Potressow, Lenin und Stalin findet sich in meinem Artikel: „Airbrushing Out Revolutionary Social Democracy“, Rethinking Marxism (35:4), 2023. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/08935696.2023.2251332 ↩︎
- Stalin, „III. Die Theorie,“ in: Über die Grundlagen des Leninismus. Als Nikolai Bucharin im Februar 1924 eine Rede über „Lenin als Theoretiker“ hielt, sah auch er sich mit derselben „seltsamen“ Meinung in der Partei konfrontiert, dass Lenin zwar ein großer praktik, aber kein innovativer Theoretiker gewesen sei. Im Gegenteil, erklärte Bucharin nun, Lenin sei auch ein genialneishii teoretik (ein Theoretiker von höchstem Genie) gewesen: Nikolai Bucharin, Lenin as a Marxist, 1925, 5-7. https://www.marxists.org/history/international/comintern/ci/publications/Lenin-as-a-Marxist_Bukharin%20.pdf ↩︎
- LW 16, S. 47. ↩︎
- Für eine Darlegung Lenins Post-1914 Bezüge zu „Kautsky, als er Marxist war“, siehe meine „Lenin-Kautsky Post-1914 Database“ https://johnriddell.com/2019/08/05/lenin-kautsky-post-1914-database/ ↩︎
- Leo Trotzki, 1917. Die Lehren des Oktober (1924) https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1924/lehren/index.htm ↩︎
- Trotzki, „Die Julitage – der Kornilowputsch, die demokratische Konferenz und das Vorparlament“, in: 1917. Die Lehren des Oktober (1924). Hervorhebung durch Lih. ↩︎
- Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki): Kurzer Lehrgang. (1938) http://kpd-ml.org/doc/partei/kurzer_lehrgang_kpdsu.pdf ↩︎
- Russischer Begriff für „Führer“, in den 1940er oft als Synonym für Stalin genutzt. ↩︎
- „Wie jeder weiß, gab Lenin im April 1917 die Formel der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft auf und übernahm Trotzkis Strategie. Das Ergebnis war der Oktober 1917.“ (Alex Callinicos, in International Socialism 2:16, Spring 1982 [Übersetzung des Zitats von Lucien Diehl]). In der Tat, jeder „weiß“ es! ↩︎
- Laut Trotzki waren Trotzkis taktische Entscheidungen im Oktober 1917 denen Lenins überlegen, was Lenin – laut Trotzki – auch zugab. ↩︎
- Für weiteres dazu, siehe meinen Essay von 2017: https://johnriddell.com/2017/10/25/the-character-of-the-russian-revolution-trotsky-1917-vs-trotsky-1924/ ↩︎
- Für weitere Details, siehe meinen kürzlich im Weekly Worker erschienen Artikel über Wladimir Newski: https://weeklyworker.co.uk/worker/1450/supplement-back-to-nevsky/ ↩︎
- Lenin, „Speeches at a Meeting of the German, Polish, Czechoslovak, Hungarian and Italian Delegations, July 11“ beim dritten Kongress der Kommunistischen Internationale, 1921. https://www.marxists.org/archive/lenin/works/1921/jun/22.htm ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Lenin, Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution (Aprilthesen) (1917) https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1917/04/april.htm Hervorhebung im Original. ↩︎
- L. Kamenew, „Unsere Meinungsverschiedenheiten“, Prawda, April 1917. https://www.sozialistischeklassiker2punkt0.de/sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/lenin/lenin-1917/l-kamenew-unsere-meinungsverschiedenheiten.html. Kamenews Hervorhebung. ↩︎
- Lenin, „Briefe über Taktik“. (1917) https://www.sozialistischeklassiker2punkt0.de/sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/lenin/lenin-1917/wladimir-i-lenin-briefe-ueber-die-taktik.html Hervorhebung im Original. In einem am 12. April veröffentlichten ausführlicheren Folgeartikel verwendet Kamenew nicht die Formulierung, gegen die Lenin Einwände erhoben hatte. In diesem späteren Artikel zitiert Kamenew dieselbe Aussage Lenins, an die sich dieser 1921 erinnerte: „Wir müssen die Provisorische Regierung stürzen, aber definitiv nicht jetzt.“ Kamenew fährt dann fort, dass Lenin „in dieser Frage zweifellos Recht hat” (Prawda, 12. April 1917). Es besteht also kein Zweifel, dass es bei der Auseinandersetzung zwischen den beiden nicht um die Frage ging, ob der Sturz der Provisorischen Regierung wünschenswert sei. Zu Lenins Widerlegung von Plechanows ähnlicher Fehlinterpretation der Aprilthesen siehe meinen Online-Aufsatz: https://johnriddell.com/2017/08/15/a-basic-question-lenin-glosses-the-april-theses/ ↩︎
- Lars T. Lih, Lenin Rediscovered: What Is to Be Done? in Context (Leiden: Brill, 2006). ↩︎
- Adam Ulam in Patterns of Government, eds. Ulam and Samuel Beer, 2nd ed. (New York: Random House, 1962, Erstveröffentlichung 1958), S.615. [Übersetzung LD] ↩︎
- Carter Elwood, The Non-Geometric Lenin: Essays on the Development of the Bolshevik Party 1910-1914 (London: Anthem Press, 2011), S.57-8. [Übersetzung LD]. ↩︎
- Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki): Kurzer Lehrgang, S. 109. ↩︎
- Diese Worte stammen aus Kautskys Essay von 1925, zitiert in: Frederick C. Corney, Trotsky’s Challenge (Brill, 2016), S.698. [Übersetzung LD] Zeretelis Kommentaren können in seinen Memoiren gefunden werden. ↩︎
- Alexander Rabinowitch, The Bolsheviks Come to Power: The Revolution of 1917 in Petrograd. (1978), S. xx. [Übersetzung LD] ↩︎
- Leopold Haimson, Russia’s Revolutionary Experience, 1905-1917 (Columbia University Press, 2005), S.94. [Übersetzung LD] Glücklicherweise gibt es Wissenschaftler wie Haimson, die Lenins wahre Ansichten „entschlüsseln“ (seine Worte). Dabei tut dieser Ansatz Lenins tatsächliche Worte als irrelevant ab. ↩︎

