Zeitschrift für marxistische Debatte und Einheit

Die blutige Staatsräson westlicher Hegemonie

Mit Unterstützung des Westens, einschließlich Westdeutschlands, wurden Mitte der Sechziger zwischen einer halben und zwei Millionen Menschen in Indonesien umgebracht. Die Triebkraft hinter dem heute weitestgehend vergessenen Massaker war derselbe Antikommunismus, der auch heute noch zur herrschenden Ideologie gehört, meint Maximilian Krippner.

Zum Erbe des sogenannten „kalten“ Krieges gehört einer der schwerwiegendsten Teile, den die Gesellschaft auf den ersten Blick nie wirklich erfasst hat, obwohl sie ihn wie kaum einen anderen gelernt hat zu verinnerlichen: der Antikommunismus, der sogenannte „Red Scare“. Diese inoffizielle Staatsräson westlicher Länder ist eine Doktrin, die den Bevölkerungen auch heutzutage noch von klein auf durch die jeweiligen Leitmedien eingepflanzt wird. Man muss nur einmal betrachten, was alles in den Medienschmieden des Westens geschaffen wird und wurde. Der „böse (kommunistische) Russe“ ist eines der beliebtesten Feindbilder in unzähligen Hollywood-Produktionen, Videospielen und Romanen – wohl dicht gefolgt vom rassistischen Stereotyp des „bombenlegenden Arabers“. Das Narrativ des zu bekämpfenden roten Übels lässt sich überall wiederfinden, während sich die USA und ihre „Helden“ als Verkörperung der Freiheit und aller westlichen Werte aufspielen. Westliche Werte existieren wohl, aber ob diese es verdient haben, hochgehalten zu werden, steht auf einem ganz anderen Blatt. Dieses Narrativ zu hinterfragen ist jedoch gar nicht so einfach, wird man doch von Geburt an durchgehend damit beschallt. Daher ist es kein Wunder, dass sich der Antikommunismus nicht nur in unseren Medien wiederfindet, sondern auch heute noch das Weltgeschehen und damit die Gesellschaft sowie die politische Ausrichtung ganzer Länder, ja ganzer Kontinente, beeinflusst und bestimmt.

Erst kürzlich wurde in Tschechien ein Gesetz erlassen, das kommunistische Propaganda ab dem 01.01.2026 offiziell verbietet.1 Dies kommt einem de-facto-Verbot der Kommunistischen Partei Böhmens und Mährens (KSČM) gleich. Wie soll eine Partei denn weiter agieren und wachsen, wenn all ihre öffentlichen Verlautbarungen und Materialien per Gesetz verboten sind? Im Sinne des „Red Scare“ hat Tschechien hier das Agieren der kommunistischen Kräfte auf eine Ebene mit dem der Nationalsozialisten gesetzt – ein Hufeisen par excellence: Geschichtsrevisionismus auf Staatsanordnung. Diese neue Gesetzgebung dürfte in Washington mit äußerstem Wohlwollen aufgenommen worden sein. Und durch eben diese neue Gesetzgebung wird bewirkt, dass Sozialist*innen immer mehr im Verborgenen agieren müssen, was auf die breite Masse der dortigen Gesellschaft wiederum sehr suspekt und den linken Kräften gegenüber verunsichernd wirken muss.
Ein weiteres Beispiel sind unter anderem die Repressionen, die unsere ukrainischen Genoss*innen erleiden müssen. Der Kommunismus wurde in dem Land, dessen Bevölkerung aktuell von imperialistischen Interessen brutal zerfetzt wird, ebenso per Dekret verboten. Die Genoss*innen dort sind gnadenloser Repression ausgesetzt; allein der Besitz von Das Kapital wurde als Beweismittel „kommunistischer Gesinnung“ angeführt – eine ökonomische Lehre, vor der die herrschende Klasse jedoch zu Recht in Furcht verfallen sollte. So wurden Anfang 2025 in den Regionen Kiew, Dnipro, Odessa, Poltawa und Charkiw fünf Personen inhaftiert. Der ukrainische Geheimdienst SBU führte als Beweise Schriften von Marx und Lenin an.
Auch unser „eigener“ bürgerlicher Staat in Deutschland hat unlängst genug Belege geliefert, dass der Antikommunismus in Zeiten der kapitalistischen Krise wieder grassiert wie lange nicht mehr. Seien es Berufsverbote aufgrund antikapitalistischer Gesinnung – siehe den Fall der linken Klima-Aktivistin Lisa Poettinger, der ihr Referendariat vom Freistaat Bayern untersagt wurde – oder der jüngste Fall eines marxistischen Lesekreises in Hamburg, der vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft wurde. In diesem Fall konnten sich die Genoss*innen vorerst jedoch durch einen Prozess gegen diese Einstufung wehren – eine Einstufung, die mit massiven Repressionen, u. a. in Form von Überwachung, verbunden wäre. Hier sollen Präzedenzfälle geschaffen werden, die in das antikommunistische Repertoire des Staates aufgenommen werden können, um dieselben repressiven Maßnahmen in ähnlichen Fällen in Zukunft wieder und wieder anzuwenden, sobald sozialistische Kräfte zu unbequem oder zu relevant werden.

Doch all die gerade genannten Maßnahmen verblassen im Vergleich mit dem, was die USA mittels der CIA im „kalten“ Krieg über die aufstrebende Dritte Welt gebracht haben. Der Begriff „Dritte Welt“ war damals keineswegs negativ konnotiert; man war der Ansicht, dass die Länder des Globalen Südens eine Zeit der Blüte und des Aufschwungs erleben würden. Die „Erste Welt“ war der kapitalistische Westen, die „Zweite Welt“ der Osten sozialistischen Anspruchs, und die „Dritte Welt“ – in Anlehnung an den dritten Stand der Französischen Revolution, der sich gegen Adel und Klerus erhob – sollte ein fortschrittlicher Globaler Süden sein, befreit vom Joch der kolonialen Unterdrückung.
Um den antikommunistischen Wahn des Westens zu veranschaulichen, wechseln wir nun die Szenerie an einen Ort, den viele wohlhabende westliche Tourist*innen nur zu gut kennen: die malerischen und traumhaften weißen Strände der indonesischen Urlaubsinsel Bali. Der Strand von Seminyak im Süden der Insel ist gespickt mit Hotels und anderen touristischen Anlagen. Tatsächlich entstand hier in den 1960er Jahren auch das erste typische Touristenhotel der gesamten Gegend, eventuell sogar ganz Indonesiens. Nur kurz zuvor war der Strand jedoch noch ein brutaler Schlachtplatz gewesen. Keiner, der der Tötung von Tieren gegolten hat, sondern ein Ort, an dem Abertausende unschuldiger Kommunist*innen durch rechts-nationalistische Militärs und paramilitärische Gruppen mit Macheten ermordet wurden.
Knapp 4–5 % der balinesischen Bevölkerung sind an diesen Stränden dem Antikommunismus zum Opfer gefallen. 80.000 Tote allein auf dieser einen Insel – eine Insel, die heute wie kaum eine andere für die touristische Erschließung Indonesiens steht. Heute sonnen sich Tourist*innen an Stränden, die buchstäblich im Blut unserer Genoss*innen ertränkt wurden. Und der Westen vermarktete die gesamte Gegend nur wenige Monate später ohne jeden Hinweis auf dieses Massaker als Erholungsparadies.
In ganz Indonesien sind zwischen Oktober 1965 und März 1966 unbegreifliche 500.000 bis zwei Millionen Menschen diesen Massakern zum Opfer gefallen. Eine genaue Angabe der Zahlen ist unmöglich, da bis zum heutigen Tag kein Aufarbeitungsprozess seitens der indonesischen Regierung stattgefunden hat. Die Täter von damals werden zum Teil noch bis heute in großen Ehren gehalten und gefeiert. Manche Schätzungen gehen sogar bis an die drei Millionen Todesopfer heran. Der von den Schlächtern von 1965/66 gewählte Begriff hierfür war „pemusnahan PKI“ – „die Vernichtung der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI)“. Bemerkenswert daran ist, dass das Land noch bis Ende September 1965 als links und antiimperialistisch galt. Indonesien führte unter Sukarno, dem damaligen Präsidenten und ehemaligen Revolutionsführer der Unabhängigkeit, eine vereinte Bewegung der unterdrückten Länder der Dritten Welt an. Doch wie kam es innerhalb von wenigen Monaten, ja Tagen, zur Vernichtung der gesamten linken Bewegung eines Landes, das bereits damals über 100 Millionen Einwohner zählte?
Die plötzlich ausufernde landesweite Gewalt war keinesfalls eine spontane Verkettung von ungünstigen Umständen. Wie bei fast allen antikommunistischen Aufständen und Staatsstreichen dieser Zeit steckte jahrelange Vorbereitung seitens der westlichen Geheimdienste dahinter, allen voran die CIA. Viele der vorbereitenden Aktionen scheiterten jedoch zunächst, wie zum Beispiel eine, in der US-amerikanische Piloten tatsächlich so weit gingen, anti-kommunistische Rebellen der äußeren Inseln (die zuvor mit modernen Waffen ausgerüstet worden waren) durch Bombenabwürfe über indonesische Dörfer zu „unterstützen”. Hunderte unschuldige Zivilist*innen fanden in diesem Bombenhagel den Tod, ohne überhaupt zu wissen, wer ihre Dörfer in Schutt und Asche legte, oder warum. Doch der Putschversuch von 1958 scheiterte und wurde offengelegt, als der CIA-Pilot Allen Lawrence Pope abgeschossen, verhaftet und identifiziert worden war. Dies dämpfte die bisherigen Beziehungen zwischen Indonesien und den USA erheblich und führte unter anderem dazu, dass sich Sukarno weiter an den Kurs der PKI annäherte.

Doch die CIA gab nicht auf. Der Westen setzte seine Agenda trotz teils heftiger Fehlschläge fort und bereitete weiterhin Maßnahme um Maßnahme gegen das immer weiter nach links driftende Indonesien vor. Die entscheidende Gelegenheit bot sich durch die sogenannte Bewegung 30. September im Jahr 1965. Unter bis heute ungeklärten Umständen wurden sechs indonesische Generäle ermordet und in den Brunnen eines Militärstützpunktes in Jakarta geworfen – die offizielle Version der späteren Diktatur unter General Suharto schrieb dieses Attentat sofort der PKI zu. Laut Suharto hätten Mitglieder der Frauenbewegung Gerwani die Generäle in satanistischen Sexualriten verstümmelt und anschließend ermordet – eine Geschichte, die bis ins letzte Detail erfunden war und auch heute noch reproduziert wird. Ohne Beweise, ohne Gerichtsverfahren, ja ohne auch nur die Möglichkeit einer unabhängigen Untersuchung nutzte das Militär den Vorfall als Vorwand für eine bis dahin beispiellose Vernichtungskampagne gegen sämtliche linke Kräfte im Land.
Hier zeigt sich das wahre Gesicht des Antikommunismus: Er ist nicht die „Verteidigung der Demokratie“, wie westliche Politiker*innen ihn gerne verklären, sondern die offene, blutige Zerschlagung jeder Bewegung, die den Imperialismus und seine wirtschaftliche Ausbeutung ernsthaft infrage stellt. Die PKI war nach der KPdSU und der KPCh mit rund drei Millionen Mitgliedern die drittgrößte kommunistische Partei der Welt. Sie war tief in der Bevölkerung verankert – von den Fabriken über die Dörfer bis in die Kultur- und Religionsgemeinschaften hinein. Und vor allem war sie unbewaffnet und strebte den sogenannten „friedlichen Weg“ an. Ihre Forderungen nach Landreformen, nach nationaler Souveränität und nach dem Ende der westlichen Ausplünderung bedrohten unmittelbar die ökonomischen Interessen der USA, Großbritanniens, der Niederlande und ihrer jeweiligen Konzerne. Diese Ziele der PKI sollten im Sinne einer Einheitsfront aller antiimperialistischen und demokratischen Kräfte, einschließlich des Kleinbürgertums, über Wahlen und den Weg durch die Institutionen erreicht werden. Dies war auch im Einklang mit dem NASAKOM-Prinzip Sukarnos – seinem Konzept einer gelenkten Demokratie (NASionalisme – Agama (Religion) – KOMunisme).
Nach diesem Prinzip waren drei politische Richtungen in Indonesien erwünscht – die PKI war die anerkannte politische Kraft des Kommunismus. Doch die Umsetzung der Ziele der PKI sollte nie stattfinden. Ihr rasanter Aufstieg machte sie zur realen Anwärterin auf die politische Führung Indonesiens, was von den imperialistischen Mächten und dem Militär nicht hingenommen wurde.

So entstand ein Komplott zwischen dem indonesischen Militär, das von den USA über Jahre Stück für Stück nach rechts gerückt wurde, und den westlichen Geheimdiensten. Dokumente, die mittlerweile in Archiven zugänglich sind, belegen: Die CIA lieferte nicht nur Waffen, Funktechnik und Geld, sondern auch Namenslisten von zehntausenden kommunistischen Kadern, Gewerkschafter*innen und Sympathisant*innen. Diese Listen wurden dem indonesischen Militär übergeben – und dienten als reine Todesurteile. Die britische Botschaft in Jakarta koordinierte parallel eine massive Propagandakampagne, um das Massaker im Ausland als „Volksaufstand“ darzustellen, während die New York Times und andere westliche Leitmedien in zynischer Begeisterung berichteten, man habe nun endlich die „kommunistische Gefahr in Südostasien“ beseitigt.2 Auch die BRD war erfreut über diese Vorgänge und lieferte ebenfalls alles, was für die Vernichtung der PKI notwendig war, von Kommunikations-Equipment bis hin zu Waffen und Fahrzeugen.
Der eigentliche Sieg des Westens bestand nicht nur in der physischen Vernichtung von Millionen von Menschen, sondern letztendlich auch in der politischen Transformation Indonesiens. Aus einem Land, das noch kurz zuvor eine Führungsrolle im antiimperialistischen „Bandung-Prozess“ eingenommen hatte – die Bandung-Konferenz (auch „asiatisch-afrikanische Konferenz“) war ein bedeutendes Schlaglicht der antiimperialistischen Vereinigung des Globalen Südens – wurde innerhalb weniger Monate ein Vasall des Westens. General Suharto errichtete eine Militärdiktatur, die bis 1998 dauerte und den westlichen Konzernen Tür und Tor öffnete. Der größte Markt Südostasiens wurde auf einen Schlag zugänglich – zu Bedingungen, die von Washington, London und Co. diktiert wurden. Der Mehrwert, der aus den Ressourcen Indonesiens geschlagen wurde, floss nun wie geplant ungehindert in die Kassen der hauptsächlich westlichen Kapitalist*innen, während das indonesische Volk verarmte und jede linke Regung bis heute brutal unterdrückt wurde.

Diese Entwicklungen werden heutzutage kaum mehr betrachtet oder überhaupt beachtet, der Status Quo wurde etabliert und seitdem selten hinterfragt. Hierzulande versuchte es die Linksfraktion im Jahr 2023 mit einer kleinen Anfrage zur Aufarbeitung der Massaker in Indonesien und der deutschen Verantwortung (Drucksache 20/5323). Die Antwort der Bundesregierung (Drucksache 20/5697) bestritt jedoch eine zielgerichtete Verwicklung, verneinte eine Aufarbeitung und schrieb die Klärung der Angelegenheit der historischen Forschung zu.
Doch die sogenannte „freie Welt“ reagierte damals mit Applaus auf die Geschehnisse in Indonesien. Die Massaker von 1965/66 – die größte antikommunistische Vernichtungsaktion der Nachkriegszeit – wurden im Westen nicht etwa als Verbrechen, sondern als Triumph gesehen. Während man in Europa und den USA jährlich der NS-Verbrechen gedenkt, herrscht über die indonesischen Massaker bis heute geplantes, zum Himmel schreiendes Schweigen. Keinerlei Prozesse, keine Aufarbeitung, kein Schuldeingeständnis – stattdessen ein kollektives Vergessen, das im Blick auf die touristische Ausbeutung der balinesischen Strände buchstäblich über die Leichen unserer Genoss*innen hinweg schreitet.

Knapp ein Jahrzehnt nach der Zerschlagung der PKI eröffnete sich dennoch ein Hoffnungsschimmer für die antiimperialistischen Kämpfe weltweit: die Niederlage der USA in Vietnam. Die Solidarität mit dem vietnamesischen Volk ging um die ganze Welt, das Prestige der USA erlitt schweren Schaden. Doch gerade hier zeigt sich erneut die Macht der US-Hegemonie. Die Niederlage in Vietnam ließ sich nicht mehr ungeschehen machen oder klein reden, aber die Verbrechen in Indonesien wurden erfolgreich verschleiert, verzerrt und vertuscht. Einmal mehr bewahrheitet sich der alte Satz: „Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben.“ Stellt man sich nun vor, wie die Welt mit einem starken, linken und antiimperialistischen Indonesien ausgesehen hätte, wird deutlich, welche zentrale Bedeutung dieser Schauplatz für den Verlauf des „kalten“ Kriegs hatte.
Es verdichtet sich ein klares Muster, das sich durch die gesamte Epoche des „kalten“ Kriegs zieht: Antikommunismus bedeutet nicht Verteidigung von Freiheit, sondern die Sicherung der globalen Herrschaftsordnung des Kapitals. Ob in Indonesien, Chile, Kuba, Guatemala, Iran oder Vietnam – überall, wo Völker den Versuch wagten, ihre ökonomische Abhängigkeit vom Westen zu durchbrechen, folgten Putsche, Morde, Embargos, oder offene Kriege. Der Antikommunismus ist die ideologische Rechtfertigung für diese Taten – und bleibt bis heute ein machtvolles Werkzeug, um jeden Ansatz einer Alternative zum Kapitalismus im Keim zu ersticken. Und mit dem aktuellen Blick auf Venezuela sehen wir, wie der Kapitalismus erneut zum Krieg gegen ihn feindlich gesinnte Länder rüstet.

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Anmerkung der Redaktion: Die Ausführungen beziehen sich maßgeblich auf das Buch Die Jakarta-Methode von Vincent Bevins, welches 2023 im PapyRossa Verlag erschienen ist.

  1. Siehe https://www.jungewelt.de/artikel/504406.tschechien-revisionismus-setzt-sich-durch.html (Aufgerufen am 22.10.2025)  ↩︎
  2. Siehe https://www.theguardian.com/world/2021/oct/17/slaughter-in-indonesia-britains-secret-propaganda-war (Aufgerufen am 22.10.2025)  ↩︎