Zeitschrift für marxistische Debatte und Einheit

Marx’ republikanischer Kommunismus. Besprechung von Bruno Leipolds Citizen Marx

Anfang 2025 ist mit Citizen Marx: Republicanism and the Formation of Karl Marx’s Social and Political Thought ein wichtiges Buch zu Marx’ Verhältnis zur republikanischen Tradition erschienen. Marco Hamann hebt in seiner zuerst im November 2025 im Leipziger Mitteilungsblatt erschienenen Besprechung des Werks zentrale Aspekte des marxistischen Demokratieverständnisses hervor und fragt nach ihrer Relevanz für die Klassenkämpfe der Gegenwart.

Anfang 2025 ist mit Citizen Marx: Republicanism and the Formation of Karl Marx’ Social and Political Thought ein wichtiges Buch zum Stellenwert der Demokratie im Marxschen Denken erschienen. Der Autor, Bruno Leipold, ist Dozent an der London School of Economics and Political Science und gehört einer jüngeren Kohorte marxistischer Wissenschaftler im angelsächsischen Sprachraum an.1 Leipold unterscheidet drei Phasen im politischen Denken von Karl Marx. Da gab es zunächst den republikanischen Journalisten, der radikale demokratische Überzeugungen mit einer vorsichtigen politischen Taktik verband. Darauf folgt die Hinwendung zum Kommunismus und eine etwas zu optimistische Hoffnung auf das allgemeine und gleiche Wahlrecht. Schließlich die grundlegende Kritik des Kapitalismus als System der Unfreiheit und eine radikale Staatskritik, die sich republikanische Ideen wieder zueigen macht.

Zu Beginn der 1840er Jahre bewegte sich der junge Karl Marx im Umfeld der sich vom Liberalismus absetzenden Junghegelianer. Während die Liberalen eine konstitutionelle Monarchie nach dem Vorbild von Frankreich und England forderten, kämpfte der radikale Flügel der demokratischen Bewegung für eine republikanische Verfassung, in der dem gewählten Parlament die politische Macht zukommen sollte. Für Marx sei die Freiheit zentraler Bezugspunkt seines politischen Denkens gewesen, erklärt Leipold.2 Jedoch nicht in der individualistischen liberalen Variante, in der Freiheit als Abwesenheit von Beschränkungen individuellen Handelns gefasst wird. Vielmehr bedeutete Freiheit für den jungen, aber auch den späten Marx die Einschränkung jeder willkürlichen Macht über Menschen.

Marx konzentrierte sich in seiner journalistischen Agitation auf Forderungen wie Pressefreiheit oder das allgemeine Wahlrecht, um so die Liberalen nicht zu verschrecken und den Staat nicht zu reizen. Aber auch das reichte schon, um die preußischen Behörden gegen sich aufzubringen, die ihn aufgrund seiner „ultra-demokratischen Ansichten“ (so ein preußischer Zensor) ins Exil zwangen. Marx ging also nach Paris und Brüssel, später nach London, und kam in dieser Zeit mit der sich entwickelnden Arbeiterbewegung und dem Sozialismus in Kontakt. Unter den damaligen Sozialisten herrschten jedoch häufig antipolitische Vorstellungen vor. Sie sahen das Heil in technokratisch anmutenden Utopien, zu denen die Masse durch eine erleuchtete Minderheit geführt werden sollte. Nach einer kurzen, wenig beachteten antipolitischen Phase, auf die Leipold die Leserin aufmerksam macht, treten Marx (und Engels) entschieden für den demokratischen Kampf der Arbeiterklasse ein. So heißt es im Manifest der Kommunistischen Partei programmatisch: „[D]aß der erste Schritt in der Arbeiterrevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die Erkämpfung der Demokratie ist.“3 Leipold zeichnet im Folgenden die doppelte Frontstellung dieses demokratischen Kommunismus nach. Einerseits gegen die antipolitischen Strömungen im Sozialismus, zum anderen jedoch auch in Absetzung von den beschränkten Zielstellungen der Republikaner. Was die Republikaner und Kommunisten trennte, war ihre Stellung zum Eigentum. Die Ersteren wollten das kleine Privateigentum verallgemeinern, die Kommunisten traten für die Aufhebung des bürgerlichen Privateigentums durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel ein. Es ist eine besondere Stärke des vorliegenden Buches, dass die (mithin handfesten) Auseinandersetzungen zwischen Marx und ehemaligen Mitstreitern wie Karl Heinzen (einem antikommunistischen Republikaner) hier einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Sie unterschieden sich bei durchaus vorhandener Übereinstimmung bezüglich der unmittelbaren Forderungen grundlegend in ihrem strategischen Horizont und ihren geschichtlichen Erwartungen. So glaubten die republikanischen Vertreter, das auf eigener Arbeit beruhende Eigentum retten und verallgemeinern zu können. Ihnen schwebte eine Gesellschaft kleiner Handwerker und Gewerbetreibender vor. Für Marx war dies eine hoffnungslose Illusion. Seiner Ansicht nach würde die kapitalistische Entwicklung die kleinen Produzenten ruinieren und die Masse der Bevölkerung in eigentumslose Proletarier verwandeln. Weit entfernt davon, ihre Freiheit durch eigene Arbeit zu realisieren, ist das moderne Proletariat auch in seinem „Werkeltagsleben“4 einer ganz und gar undemokratischen Despotie unterworfen. Leipold zeigt auf, dass Marx’ republikanische Kritik der Unfreiheit auch in seiner ökonomischen Theorie zentral ist. Im Unterschied zu vorangegangenen Epochen, in denen sich die unmittelbaren Produzenten in einem offenen Herrschaftsverhältnis gebunden sahen, lässt sich das kapitalistische Lohnarbeitsverhältnis nach Marx als eine „verhüllte Sklaverei“ charakterisieren. Im Kapital heißt es dementsprechend: „Der römische Sklave war durch Ketten, der Lohnarbeiter ist durch unsichtbare Fäden an seinen Eigentümer gebunden. Der Schein seiner Unabhängigkeit wird durch den beständigen Wechsel der individuellen Lohnherren und die juristische Illusion des Arbeitsvertrags aufrechterhalten.“5 Die formelle Freiheit, den Lohnherren wechseln zu können, verschleiert die reale Unfreiheit, sich zum Überleben irgendeinen Lohnherren suchen zu müssen. Ob wir arbeiten, wie wir arbeiten, was wir produzieren, ist unserer Kontrolle entzogen. Im Gegensatz zu den Republikanern und utopischen Sozialisten bezog der Marxsche Kommunismus also Stellung für den Klassenkampf der modernen Arbeiterklasse. Ihre sozialen und politischen Kämpfe erscheinen als eine Einheit, wenn etwa der Kampf für den 10-Stunden-Tag in England als „Sieg eines Prinzips“, dessen Wesen die „Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Ein- und Vorsicht“ sei und damit die „politische Ökonomie der Arbeiterklasse“ bilde.6

Ihren Schlusspunkt findet die hier vorliegende Untersuchung mit Marx’ Eintreten für die Pariser Kommunarden, deren heroischen Kampf er verteidigt und hinsichtlich ihrer demokratischen Errungenschaften würdigt. Die Kommune habe gezeigt, dass die Arbeiterklasse den existierenden Staatsapparat nicht einfach auf parlamentarischem Wege übernehmen könne. Der alte Staat müsse vielmehr grundlegend umgestaltet werden. Was sind die wesentlichen Elemente einer solchen Reorganisation? Marx hebt an der Kommune die Einheit von gesetzgebender und exekutiver Gewalt hervor, wobei die gewählten Abgeordneten durch häufige Wahlen und Abwählbarkeit einer effektiven Kontrolle unterworfen werden sollten. Auch die Beamten und Richter sollten wähl- und abwählbar und so der Bevölkerung gegenüber verantwortlich sein. Das stehende Heer sollte einer Bürgermiliz weichen und die Polizei der Kommune unterstellt werden. Um die Entprofessionalisierung des Staatsapparates und seine „Rücknahme […] durch die Gesellschaft“7 vorzubereiten, sollten die Abgeordneten und Beamten zudem einen durchschnittlichen Arbeiterlohn erhalten. Die Erkämpfung der Demokratie, so die Überzeugung des späten Marx, müsse mit einer umfassenden Selbstverwaltung einhergehen, die auch vor der Staatsbürokratie nicht haltmachen könne.

Es ist ein großer Verdienst des vorliegenden Werks, den zentralen Stellenwert einer radikalen Demokratie im Marxschen Denken umfangreich zu belegen und ihn im historischen Kontext seiner Zeit zu verorten. Dadurch bietet das Buch auch interessante Einblicke in die vom Liberalismus verdrängte republikanische Tradition. Darüber hinaus haben die hier vorgestellten Gedanken wenig an Relevanz verloren, und dies zu zeigen, ist erklärtes Ziel des Autors. Die Ansatzpunkte dafür liegen auf der Hand. Wo allerorts zur Verteidigung „unserer Demokratie“ aufgerufen wird, ließe sich aus dem Blickwinkel des republikanischen Kommunisten Marx fragen: „Welche Demokratie?“ Freilich: Auch die bürgerliche Demokratie ist in ihren politischen Freiheitsrechten zu verteidigen. Gleichwohl gilt es eben, ihren Charakter als bürgerliche Herrschaftsform aufzuweisen und dagegen ein radikales Programm der Demokratie zu stellen – also ein Programm, das an die Wurzeln der herrschenden Unfreiheit geht. Leipold zeigt, dass es Marx dabei nicht nur um die Überwindung des kapitalistischen Privateigentums, sondern auch um eine andere politische Verfassung der Gesellschaft bestellt war. Eine politische Ordnung, in der sich die Staatsverwaltung und Justiz nicht gegenüber der Bevölkerung verselbstständigen. Eine Ordnung, in der die gewählten Repräsentanten keine weitgehende Narrenfreiheit über die Bevölkerung haben, sondern der Kontrolle der Wähler unterliegen.

Schließlich erhält der Marxsche Republikanismus seine Relevanz aber auch mit Blick auf die Situation in der Linken. Denn auch in unserer Partei finden wir eine Verselbstständigung von Mandatsträgern und Funktionären gegenüber der Parteibasis. Wie beispielsweise das Abstimmungsverhalten der linken Senatorinnen in Bremen und MV gezeigt hat, fühlen diese sich an Parteibeschlüsse nicht gebunden.8 Es handelt sich dabei nicht um eine Frage von Vertrauen oder Wertschätzung einzelner Mandatsträger, sondern um eine Frage der Demokratie: Hat die Parteibasis eine effektive Kontrolle über die von ihr gewählten Repräsentanten? Oder können die Gewählten sich willkürlich über Entscheidungen der Basis hinwegsetzen? Wirklich demokratische Verhältnisse müssen also nicht nur in dieser Gesellschaft, sondern selbst in unserer Partei überhaupt erst noch realisiert werden.

Leipold, Bruno, Citizen Marx: Republicanism and the Formation of Karl Marx’s Social and Political Thought. Princeton University Press, 2025.
ISBN: 9780691205236, $39.95

  1. Ein Interview zur hier besprochenen Thematik findet sich auf deutsch unter: Bruno Leipold, „Marx‘ Soziale Republik,“ Politik & Ökonomie, 20. Januar 2023. ↩︎
  2. Bruno Leipold, Citizen Marx: Republicanism and the Formation of Karl Marx’s Social and Political Thought (Princeton University Press, 2025), 60. ↩︎
  3. MEW 4: 481. ↩︎
  4. MEW 23: 94. ↩︎
  5. MEW 23: 599. ↩︎
  6. MEW 16: 11. ↩︎
  7. MEW 17: 543. ↩︎
  8. Siehe dazu ausführlicher den Artikel: Marco Hamann, „Verantwortung für Aufrüstung,“ Licht & Luft, 26. März 2025. ↩︎

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