Zeitschrift für marxistische Debatte und Einheit

Jugend(en) voran? Bericht vom Gründungskongress der Young European Left Alliance (yELA)

ELA Youth Assembly Paris

Ende Juni fand der Gründungskongress der Young European Left Alliance in Paris statt. In seinem Bericht blickt Björn Höfer auf die Entwicklungen der letzten Jahre innerhalb der Party of the European Left (EL) und den Aufstieg ihrer Abspaltung, der European Left Alliance (ELA), zurück. Dabei plädiert er für eine Stärkung der Zusammenarbeit der Linksjugend mit dem neugegründeten europäischen Jugendverband der ELA, um eine Vermittlung zwischen beiden europäischen Organisationen zu ermöglichen.

“Do you hear the drums of fascism thundering?”
– Anders Nyeland

Während die sengende Sonne bei 41 Grad Celsius im Schatten die Arbeiter:innen von Paris in ihren Wohnungen lebendig kocht, betreten wir eine ehemalige Fabrikhalle im 10. Arrondissement. Die Halle ist bis in jede Ecke gefüllt. Hastig stellen Genossinnen Stühle auf die letzten unbedeckten Flecken des Bodens. Mit Mühe und Not ergattern wir ein Paar solcher Stühle. Wir sind angekommen – nach 12 Stunden Reisezeit haben wir es auf den wohl wichtigsten sozialistischen, europäischen Jugendkongress des Jahres 2026 geschafft.

Defeating Facism? Zwischen Struktur, Neuanfang und Kampagne  

Unter dem Motto „Defeating Fascism Across Borders“ trafen sich vom 26.06. bis zum 28.06.2026 verschiedenste linke europäische Jugendverbände zum Gründungskongress der Young European Left Alliance (yELA) in Paris. Die yELA ist damit nun offiziell als eigenständige, aber stark kooperierende Jugendorganisation der European Left Alliance for the People and the Planet (ELA) gegründet und anerkannt. Der Traum einer geeinten Europäischen Partei ist damit nun in mehr Splitter zersprungen als ein fehlerhaftes Tongefäß im Brennofen. Ähnlich mysteriös wie bei einem Quarzsprung sind bis heute die Gründe für die Zersplitterung der Party of the European Left (EL).

Die Zersplitterung der Party of the European Left (EL)

Um zu verstehen, warum der Gründungskongress der yELA einen solchen Paukenschlag für die europäische Linke bedeutet, müssen wir zuerst verstehen, warum es auf europäischer Ebene um die Linke lange still war. Die Europäische Linke erlebte bei der Europawahl 2024 herbe Schläge. Nach der Abspaltung des links-konservativen Flügels rund um Sahra Wagenknecht aus der Partei Die Linke schaffte es diese nur noch auf 2,7 Prozent und damit auf drei Plätze im Europaparlament. Eines dieser Mandate entfiel auch noch auf die parteilose Carola Rackete, welche nicht sonderlich vom Sozialismus und die Partei nicht sonderlich von ihr überzeugt war. Insgesamt verloren die Parteien der Fraktion Die Linke im Europäischen Parlament (The Left) 14 Mandate bei der letzten Europawahl. Dies konnte nur durch die Aufnahme der italienischen Partei Movimento 5 Stelle (Fünf-Sterne-Bewegung) ausgeglichen werden, welche erst zwei Jahre vorher ihre programmatische Reise vom Rechtspopulismus zum Linkspopulismus antrat.

Um zu verstehen, was vor und nach den Europawahlen 2024 innerhalb der EL passierte, bräuchten wir Einblick in die verschlossenen Räumlichkeiten der EL-Zentrale am Square de Meeûs 25. Im Jahr 2026 sind diese Vorgänge immer noch eine Black Box, selbst für gut eingeweihte Genoss:innen in der internationalen Arbeit. Was wir wissen, ist, dass der Abspaltung ein Konflikt über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und die internen (nicht funktionierenden) Arbeitsstrukturen vorausging.

Vision einer (funktionierenden) Europäischen Linkspartei

Die Abspaltung der späteren ELA-Mitgliedsparteien aber einzig mit der Sicht auf die NATO und die internen Strukturen zu begründen, erscheint zwei Jahre später als kurzsichtig und naiv. Man muss heute wohl von unterschiedlichen Visionen sprechen. Von Parteien der Zukunft, die begriffen, dass Macht nicht durch das richtige Argument errungen wird, sondern durch den Aufbau einer kohärenten Plattform und Partei, die programmatische Gemeinsamkeiten betont und Differenzen akzeptiert. Die ELA scheint zwei Jahre nach ihrer Gründung auf einem Siegeskurs zu sein. Nicht nur hat sie ihre Zahl an Parteien von 7 auf 11 erhöhen können (drei weitere Parteien haben bereits Interesse bekundet), sondern konnten auch de facto fast alle national relevanten linken Parteien zum Übertritt motivieren. In der EL verbleiben nach der Zersplitterung der griechischen Syriza nur noch eine Handvoll einflussreicher Mitgliedsorganisationen, hauptsächliche die deutsche Partei Die Linke und die Partei der Arbeit Belgiens. Eine Wiederbelebung der EL wird von beiden Parteien angestrebt, die ELA überschattet diese Anstrengungen aber durch deutlich weniger Altlast und erste Erfolge.

Mit der JUSTICE FOR PALESTINE Kampagne gelang es der ELA bereits Wochen vor der Deadline, 1,25 Millionen Unterschriften für ein Aussetzen des Europäischen Assoziierungsabkommens mit Israel zu erreichen. Ein bisher noch nie dagewesener Erfolg der europäischen Linken im Feld der Bürgerinitiativen. Auch die jeweiligen Nationalparteien konnten z.B. in Dänemark, Spanien und Frankreich große parlamentarische Gewinne verzeichnen. Mit der Gründung der yELA erfolgt nun der nächste große Meilenstein im Aufbau einer neuen Europäischen Linkspartei, die der EL in 22 Jahren nie geglückt ist.

Aus Null mach Eins, die yELA-Gründung

Die Gründung der yELA war eine defacto Konsequenz aus dem gescheiterten Versuch, eine gemeinsame Jugendorganisation zwischen den Jugendstrukturen des European Left Youth Network (ELYN) zu gründen. Wer einen detaillierten, handwerklich exzellent geschriebenen Augenzeugenbericht lesen möchte, liest den Artikel der Genossin Amanda Levi im Cosmonaut Magazine.1

Nach knapp einem Jahr Vorbereitungszeit fand es also statt, die erste General Assembly der yELA. Die nun aus 11 Mitgliederorganisationen bestehende Jugendorganisation (Jovens do Bloco (Portugal, full member), Rød-Grøn Ungdom (Denmark, full member), Vasemmistonuoret (Finland, full member), Sosialistisk Ungdom (Norway, full member), Ung Vänster (Sweden, full member), Młodzi Razem (Poland, full member), Rebeldía Joven (Spain, full member), Les Jeunes Insoumis·es (France, full member), Unione Giovani Di Sinistra (Italy, full member), SP Jongeren (Netherlands, full member) und Vasemmisto-opiskelijat (Finland, Associate member)) hat sich eine Satzung, ein Budget und weitreichende interne Regeln gegeben. Außerdem wurden einstimmig Emma Fourreau (MEP Les Jeunes Insoumis·es) und Anders Nyeland (Rød-Grøn Ungdom) zu den Co-Vorsitzenden, Sofia Lopes (Jovens do Bloco) zur Generalsekretärin und Valtteri Harakka (Vasemmistonuoret) zum Schatzmeister der noch jungen Organisation gewählt. Auch wenn der professionalisierte Aufbau der yELA und die bereits jetzt schon beachtliche Zahl an Mitgliedsorganisationen beeindruckt, waren die geladenen Observer ein noch deutlicherer Indikator für das eigentliche Potential der yELA.

Der erste Geist einer Internationalen

Zu uns zwei delegierten Beobachtern der Linksjugend gesellten sich noch Genoss:innen der irischen Ógra Shinn Féin, der slowenischen Mlada Levica, der grönländischen Inuit Ataqatigiit, der estländischen Vasakliit, der baskischen Ernai, der Schweizer Jungsozialistinnen und der Young Greens of England and Wales. Durch die Anwesenheit von jungen Sozialist:innen aus 20 europäischen Ländern und Regionen kam zu vielen Momenten des Kongresses ein Gefühl auf, was ich so noch nicht von meiner internationalen Arbeit kannte. Ein Gefühl, dass sich hier, heute, in diesem Moment wirklich etwas formiert, was Zukunft hat. Es herrschte regelrecht eine euphorische Aufbruchstimmung unter den Delegierten. Egal in welches Gespräch man einstieg oder welches man auf dem Flur auch nur peripher mitbekam, es wurden Strategien ausgetauscht, Termine abgemacht und an einer gemeinsamen Zukunft geschmiedet. Es entstand ein Raum der Hoffnung, welcher in unseren Tagen selten geworden ist. Nun ist es an uns als junge Sozialist:innen, diesen Raum zu füllen, ohne uns über jedes Möbelstück zu streiten.

Einen Anfang machte die General Assembly mit der Verabschiedung einer politischen Plattform beziehungsweise eines vorläufigen politischen Programms.2 Die solidarische Kritik an diesem würde leichtfallen, verkommt aber zur Schreibübung, wenn man einerseits beachtet, dass auf dem Kongress ein Programmprozess beschlossen wurden und die Linksjugend selbst bis heute kein Programm, möge es auch sonst wie defizitär sein, vorweisen kann. Man kann nur hoffen (und daraufhin arbeiten) dass die yELA ihrem Grundsatz, Widersprüche auszuhalten, treu bleibt und gleichzeitig ein revolutionäres Minimal-Maximal-Programm entwickelt.3 Hierfür müssten aber Weichen gestellt werden, die mit der Zeit verrostet sind. Genau hier liegt unsere gemeinsame Verantwortung: Die Linksjugend muss Weichenwärterin der sozialistischen Zukunft werden!

Die Linksjugend steht, ähnlich wie ihre Mutterpartei, zwischen den Stühlen. Während der Sozialistisch-Demokratische Studierendenverband (SDS) vor dem X. Bundesparteitag in Potsdam völlig inhaltslos den Verbleib in der EL forderte4, muss die Linksjugend in enger Absprache mit der Mutterpartei eine Doppelstrategie entwickeln. Auch wenn die ELA und yELA gerade deutlich aktiver und damit attraktiver sind, kann ein zurücklassen der EL und des ELYN keine Lösung sein. Vielmehr müssen wir unsere einmalige Position zwischen den Organisationen nutzen, um am Ende eine europäische Massenpartei und einen europäischen Jugendverband zu bilden. Doch wie?

Was tun?

Die ELA und yELA brauchen gerade vor allem eines: Geld. Hier sprechen wir gerade im Kontext der yELA nicht von Millionen, sondern eher von niedrigen vierstelligen Beträgen, die schon das komplette Haushaltsjahr auf den Kopf stellen würden. Hier muss die Linksjugend intervenieren, die yELA finanziell aufstocken und sich auf eine assoziierte Mitgliedschaft in der yELA bewerben. So könnte die Linksjugend als stützender Pfeiler in die yELA hineinwirken, ab und zu Hinweise und Meinungen kundtun, ohne das Projekt mit der eigenen, teilweise leider destruktiven Verbandspraxis zu gefährden. Gleichzeit fokussiert die Linksjugend die Wiederbelebung des ELYN in einem ähnlichen Maße, wie die Partei gerade die Revitalisierung der EL unternimmt. Hier müssen Strukturen und Positionen erneut ausgelotet und ein Fazit gezogen werden. Wahrscheinlich ist die Struktur nicht zu retten, aber ihre Mitgliedsorganisationen sind nicht verloren. Hat man erstmal die noch willigen Jugendorganisationen gefunden, so kann man deutlich besser zu einer gütigen Einigung mit der yELA kommen, anstatt einfach weiterhin zwei konkurrierende Linksparteien und ihre Jugendstrukturen auf europäischer Ebene nebeneinander existieren zu lassen. Die Deadline für die Doppelstrategie stellt die nächste Europawahl im Frühjahr 2029 beziehungsweise ihre Vorbereitung im Jahr 2028 dar. Sollte es uns bis dahin nicht gelingen, eine gemeinsame Plattform zu finden, drohen wir den rechten und faschistischen Kräften in Europa zusätzlichen Aufwind zu verschaffen und damit den Sturm weiter anzufachen, der sich bereits seit Langem zusammenbraut.
Aber zu gewinnen haben wir nicht weniger als den Zement für das Fundament einer neuen Internationalen. Der Sozialismus in unserer Lebenszeit ist ebenso zum Greifen nah, wie ein faschistischer Endkrieg und der Klimakollaps. Nun ist es an uns, die Weichen zu stellen.


  1. Amanda Levi, „Why Do We Need European Left Unity?“, Cosmonaut, 02.05.2025. https://cosmonautmag.com/2025/05/why-do-we-need-european-left-unity/ ↩︎
  2. https://youngleftalliance.eu/political-platform/ ↩︎
  3. Donald Parkinson, „Das revolutionäre Minimum-Maximum Programm.“, Licht & Luft, 15.12.2024. https://lichtundluft.org/2024/12/15/das-revolutionaere-minimum-maximum-programm/ ↩︎
  4. https://www.instagram.com/p/DZegD4ZjZ2t/ ↩︎

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