Der Lenin-Kult und die Legende von den bahnbrechenden Aprilthesen leben von der Erzählung, führende Bolschewiki hätten vor Lenins Ankunft in Petrograd 1917 Hoffnungen in die Provisorische Regierung geschürt oder sie unterstützt. Im dritten und letzten Teil seiner Artikelreihe über den Lenin-Kult widerlegt Lars T. Lih diesen alten Mythos.
Die Aprilthesen sind entscheidend für den Lenin-Kult in all seinen Erscheinungsformen. All ihre Versionen hängen von der dramatischen Erzählung ab, dass Lenin infolge der Februarrevolution aus dem Exil zurückkehrte und die bolschewistische Partei auf den Kopf stellte. Somit hat diese Episode auch einen Bodyguard in Gestalt von zusätzlichen, rückendeckenden Erzählungen erhalten, die immer dann hervorgebracht werden, wenn das Narrativ über die Aprilthesen hinterfragt wird. Ich habe diese Geschichten anekdotschiki getauft, „kleine Anekdoten“, oder, um es etwas abfälliger zu sagen, „recycelte One-Liner“. Einen Großteil meiner Schreibarbeit im Laufe des letzten Jahrzehnts habe ich der kritischen Überprüfung dieser recycelten anekdotschiki gewidmet.
In einer jüngeren Rezension meines Buchs Lénine, une enquête historique — einer großzügigen und akkuraten Rezension, für die ich dankbar bin — fand der Schweizer Historiker Eric Aunoble meine Attitude zu abweisend. Er verweist auf die Leitartikel der Prawda vom März 1917, die von Kamenew und Stalin verfasst wurden:
„Laut Lih „greifen die Spezialisten auf eine Reihe von anekdotschiki zurück— kurze und pikante Anekdoten, die wo auch immer entstehen und unendlich wiederholt werden“ (S. 230); die Spezialisten nutzen sie, um eine Kluft nachzuweisen zwischen den „alten Bolschewiki“ und Lenin. Doch kann die Prawda wirklich für eine [irreführende] Anekdote gehalten werden, wenn sie sagt, dass „Nieder mit dem Krieg“ eine „leere Formel“ sei und dass die Bolschewiki „Druck ausüben“ sollten auf die Provisorische Regierung, statt sie zu stürzen?“1
Laut Aunoble habe ich bloß bewiesen, dass die Bolschewiki kein Monolith waren, und das hat uns Alexander Rabinowitch vor fünfzig Jahren gesagt. Der Aktivist Louis Proyect fordert mich ebenfalls bezüglich der besagten Episode heraus. Er zitiert direkt Rabinowitch:
„,Die Losung „Nieder mit dem Krieg“ ist untauglich,‘ wiederholte Stalin‘“. … Hat etwa [Rabinowitch] dieses Stalin-Zitat über die Untauglichkeit der Parole ‚Nieder mit dem Krieg‘ erfunden? Wenn ja, müsste ich ihn als Schelm bezeichnen.“2
Offensichtlich hält Proyect nicht Rabinowitch, sondern mich für einen Schelm.
Es werfen mir somit sowohl der akademische Historiker wie der Aktivist vor, wohlbekannte Informationen auszublenden, die verheerend sind für meine These: Kamenews und Stalins Leitartikel aus der Prawda zur Frage des Krieges von Mitte März 1917.3 Ist diese Episode wirklich eine anekdotschik, gemäß meiner abfälligen Verwendung des Begriffs? Tatsächlich. Es ist ein hervorragendes Beispiel, ein Paradigma dessen, was ich mit anekdotschik meine. Da ich direkt herausgefordert worden bin bezüglich ebendieser Frage — und da Kamenews und Stalins Leitartikel aus der Märzausgabe der Prawda tatsächlich von großer historischer Bedeutung sind — fühle ich mich gezwungen, mit einer detaillierten Fallstudie zu antworten. Wie wir sehen werden, ist der Lenin-Kult direkt verantwortlich für diese anekdotschik und für ihre Verzerrungen.
Nach seiner Rückkehr nach Russland im frühen April 1917 veröffentlichte Lenin seine berühmten Thesen. In der ersten These heißt es:
„In unserer Stellung zum Krieg, der von Seiten Russlands auch, unter der neuen Regierung Lwow und Co. – infolge des kapitalistischen Charakters dieser Regierung – unbedingt ein räuberischer imperialistischer Krieg bleibt, sind auch die geringsten Zugeständnisse an die „revolutionäre Vaterlandsverteidigung“ unzulässig.
Einem revolutionären Krieg, der die revolutionäre Vaterlandsverteidigung wirklich rechtfertigen würde, kann das klassenbewußte Proletariat seine Zustimmung nur unter folgenden Bedingungen geben: (a) Übergang der Macht in die Hände des Proletariats und der sich ihm anschließenden ärmsten Teile der Bauernschaft; (b) Verzicht auf alle Annexionen in der Tat und nicht nur in Worten; (c) tatsächlicher und völliger Bruch mit allen Interessen des Kapitals.“4
Stellen diese Wörter einen Bruch mit der bolschewistischen Vergangenheit dar? Richten sie sich primär gegen andere Bolschewisten und nicht an die „revolutionären Defenzisten“, die tatsächlich den Krieg und die Provisorische Regierung unterstützten? Ich verneine es, doch die anekdotchik der Prawda-Leitartikel wird aufgebracht, um beide Fragen zu bejahen. Hier sind die wichtigsten Fakten:
Die bolschewistischen Anführer Lew Kamenew und Josef Stalin befanden sich Anfang 1917 im Exil und wurden durch die Februarrevolution freigelassen. Sie beeilten sich nach Petrograd, wo sie, kraft ihres Parteidienstalters, die übergeordnete bolschewistische Linie definierten. Am 15. März veröffentlichte Kamenew einen Leitartikel mit Vorschlägen für ein neues Slogan über den Krieg. Es gab sofort eine Erwiderung gegen diesen Leitartikel durch viele bolschewistische Aktive, und so wurden am Folgetag zwei weitere Leitartikel veröffentlicht: ein Artikel, der nicht unterzeichnet (und deshalb von höherer politischer Bedeutung) war, und ein Artikel Stalins. Beide Artikel setzten sich für denselben konkreten Vorschlag ein, den Kamenew am Vortag formuliert hatte, doch sie waren darum bemüht, frühere Missverständnisse zu vermeiden.
Die Interpretation dieser Episode beruhte schon immer auf den Zeugenaussagen zweier Bolschewisten, die Kamenew gegenüber persönlich feindlich eingestellt waren: Alexander Schljapnikow und Lew Trotzki.5 Die anekdotschik wie wir sie kennen tauchte spätestens 1955 auf, als Leonard Schapiros Der Ursprung der kommunistischen Autokratie veröffentlichte. Hier finden wir Stalins One-Liner bereits in seiner kanonischen Form: „Laut Stalin ist ‚die einfache Formel … „Nieder mit dem Krieg“ … völlig untauglich‘“.6
Doch heutzutage liest niemand Schapiro. Wir wir bereits gesehen haben, wird mittlerweile die Autorität Alexander Rabinowitchs heraufbeschworen, um die anekdotschik zu legitimieren, da dieser zurecht als Hauptfigur der akademischen Erforschung des Bolschewismus im Jahr 1917 angesehen wird. Im ersten seiner drei Meisterwerke zu den Bolschewiki in Petrograd, das 1968 veröffentlicht wurde, präsentiert Rabinowitch die anekdotchik so, wie sie uns heute geläufig ist:
„Mit der Ausgabe vom 14. März bog das bolschewistische Zentralorgans scharf nach rechts ab. Von diesem Zeitpunkt an traten Artikel Kamenews und Stalin für begrenzte Unterstützung für die Provisorische Regierung ein, für die Ablehnung der Parole ‚Nieder mit dem Krieg‘ und für ein Ende desorganisierender Aktivitäten an der Front. ‚Solange es keinen Frieden gibt‘, schrieb Kamenew in der Prawda am 15. März, ‚müssen die Leute standhaft an ihren Posten bleiben. Sie müssen auf Kugeln mit Kugeln und auf Geschosshülsen mit Geschosshülsen antworten.‘ ‚Die Losung „Nieder mit dem Krieg“ ist untauglich,‘ wiederholte Stalin am Folgetag.“7
Das ist alles! Das ist mehr oder weniger die ganze angloamerikanische Historiographie zu dieser Frage. Nichts ist hinzugefügt worden über die Jahre, nichts ist vergessen worden. Über ein halbes Jahrhundert ist vergangen, und Aunoble und Proyect wiederholen diese Zeilen fast wortgetreu und zitieren praktisch dieselben Wörter aus den Leitartikeln selbst.
Proyect fragt sarkastisch, ob ich denke, dass Rabinowitch sich das Stalin-Zitat ausgedacht habe. Nein, das denke ich nicht, und weder er noch ich sind „Schelme“. Ich habe sehr viel Respekt für Rabinowitch als Forscher und als Kollegen, doch in diesem Fall denke ich, dass er und die Historiker die Bedeutung dieser Leitartikel falsch interpretiert haben (ja, es ist möglich mit Leuten nicht einer Meinung zu sein, die man sehr respektiert!). Ich betone hier so gut wie möglich, dass meine Kritik sich nicht gegen Rabinowitch selbst richtet, sondern gegen diejenigen Historiker, die seine wenigen Zeilen in eine klassische anekdotschik verwandelten, die in Nacherzählungen immer wieder recycelt wird, ohne einen Hauch an kritischer Überprüfung, ohne sich minimal um Kontextualisierung zu bemühen.8
Die Geschichte der Leitartikel vom März 1917 weisen alle Merkmale auf, die ich mit dem Begriff „anekdotschik“ beschreiben will. Erstens: die Geschichte ist kurz! Klar, die Worte Kamenews und Stalins bestehen insgesamt aus zwei Zeilen, aber ich hoffe hier von „One-Liner“ in einem figurativen Sinn sprechen zu dürfen. Die Geschichte ist „pikant“, denn sie ist dramatisch und leicht paradox. Man stelle sich vor! Zwei altgediente Bolschewiki, die später zentrale Leitungsfunktionen einnahmen in der Revolution, und die zur Schaffung des Lenin-Kults beitrugen — hoffnungslos desorientiert nach Februar, für eine leicht reformistische Linie einstehend, und in starkem Konflikt mit ihrem vozhd.
Heutzutage sind uns diese Paradoxa so bekannt, dass uns umgekehrt ihre Infragestellung paradox erscheint. Doch seltsamerweise haben genau die kleinen Ironien unserer anekdotschik für ein Desinteresse unter den Gelehrten gesorgt, sodass nicht weiter nachgeforscht worden ist. Doch, wie wir später sehen werden, wird dabei heruntergespielt, wie wenig plausibel unsere anekdotschik tatsächlich ist.
Anstatt die bolschewistischen Stellungen zum Krieg vor Lenins Rückkehr zu studieren, wird die anekdotschik endlos wiederholt. Die Treue zur anekdotschik erlaubt uns auch, die sowjetische Forschung auszublenden. Kurz nach der Erscheinung von Prelude to Revolution im Jahr 1968 veröffentlichen Vitalii Startsev und V. A. Kuvshinov herausragende Monographien zur allgemeinen politischen Situation im März und zur bolschewistischen Partei vor der Rückkehr Lenins.9 Auch wenn ich in einigen wichtigen Fragen anderer Meinung bin, ist die detaillierte Forschungsarbeit dieser beiden Historiker, die aus verschiedenen Lager in der sowjetischen Historiker-Community kommen, unverzichtbar. Doch sie haben keinen Einfluss auf westliche Erzählungen der Revolution gehabt.
Selbstverständlich gibt es sowohl Leute, die diese anekdotschiki herausholen, um die Debatte von vornherein zu schließen, als auch Leute, die mit den anekdotschiki eine Debatte aufmachen wollen. Betrachten wir den folgenden, aktuellen Fall: Gerry Downing schreibt, auf die Autorität von Proyect zurückgreifend, der wiederum auf Rabinowitch zurückgreift, folgendes über mich:
„Louis Proyect erzählt uns, dass Stalin am 16. März folgendes schrieb: ‚Die Losung „Nieder mit dem Krieg“ ist untauglich‘. ‚Offensichtlich‘, sagt Proyect, ‚steht diese Position in krassem Widerspruch zu den Ansichten Lenins in seinen „Briefen aus der Ferne“, und es ist nicht überraschend, dass die Prawda nur den ersten dieser Briefe veröffentlichte, und das mit zahlreichen Kürzungen… Kamenew und Stalin wussten sicherlich, dass Lenins Zorn auch auf sie gerichtet war. Also definitiv eine krasse Lüge von Lars T.“10
Zum Vergleich: So schreibt Eric Aunoble, nachdem er meine Position bezüglich der anekdotschiki infrage gestellt hat:
„Lihs Buch kann darum nicht die Debatten über Lenins Sichtpunkt abschließen, doch es könnte vielleicht dafür gelobt werden, sie wiederbelebt zu haben. Indem es die Leserinnen dazu zwingt, ein schwerwiegendes historiographisches Erbe abzulegen, motiviert sie Lars Lihs Schrift dazu, Lenin mit neuen Augen zu betrachten und zu erkennen, dass eine endgültige Geschichte des Bolschewismus noch aussteht.“
Gerry Downing wird zweifellos die folgende Fallstudie als ein weiteres Beispiel der „Lars-Lih-Schule der Fälschungen“ ansehen. Ich schreibe für Leute wie Aunoble, egal ob akademische Historikerin oder informierter Aktivist: für diejenigen, die bereit und gewillt sind, neue Beweise in Erwägung zu ziehen.
Auf den ersten Blick unplausibel
Was soll unsere anekdotschik über die Prawda und den Krieg eigentlich beweisen? Es ist etwas schwierig, diese Frage zu beantworten, da (wie wir gesehen haben) die Erzählung üblicherweise so gehandhabt wird, als sei sie an und für sich ein Totschlagargument. Uns wird etwa gesagt, dass Stalin die Losung „Nieder mit dem Krieg“ wegen ihrer Untauglichkeit ablehnte. Was sagt uns das über Stalins Stellung zum Krieg? Sollen wir darum annehmen, dass er die Losung „Lang lebe der Krieg!“ unterstützte?
Trotz dieser Schwierigkeiten lässt sich festhalten, dass aus der anekdotschik die folgenden fünf Schlüsse gezogen werden:
- Kamenew und Stalin haben sich für eine „bedingte Unterstützung“ für den Krieg und für die Provisorische Regierung ausgesprochen. Sie waren somit faktisch halbmenschewistische „revolutionäre Defenzisten“.
- Die bolschewistischen Anführer riefen dazu auf, „Druck“ aufzubauen auf und „Forderungen“ zu stellen an die Provisorische Regierung, statt sich für ihre Ersetzung durch eine revolutionäre vlast auf Grundlage der Sowjets auszusprechen.
- Die Leitartikel in der Prawda von Mitte März stellen einen klaren Wendepunkt nach rechts in der bolschewistischen Parteilinie dar, der sich bis zur Ankunft Lenins Anfang April fortzog.
- Lenins Briefe aus der Ferne (vor seiner Ankunft) und Aprilthesen (nach seiner Ankunft) enthalten eine kraftvolle Verurteilung der Positionen seiner bolschewistischen Mitstreiter.
- Die Aprilthesen brechen mit den bolschewistischen Stellungen zum Krieg (und mit vielem anderen), was zu einer monumentalen Wiederbewaffnung der Partei führt.
Ich werde diese Behauptungen Stück für Stück widerlegen. Bevor ich anfange, müssen wir uns vor Augen führen, was man uns glauben lassen will. Ich beginne mit einem kurzen Überblick über die politische Landschaft im März 1917. Auf der einen Seite finden wir die Provisorische Regierung, die ausschließlich aus sogenannten Zensus-Personen (Mitglieder der gebildeten Elite) bestand, wobei Alexander Kerensky hier teilweise eine Ausnahme darstellt. Pawel Miljukow war Außenminister und Alexander Gutschkow Kriegsminister. Das politische Profil dieser beiden berühmten politischen Figuren war allen bekannt: entschiedene Gegner des Zaren Nikolas und zugleich entschiedene Anhänger einer imperialistischen Annexionspolitik. Miljukow hatte sich stark darum bemüht, nach dem Sturz des Zaren den alliierten Regierungen deutlich zu machen, dass die Provisorische Regierung sich an die Verträge der alten Regierung halten würde.
Auf der anderen Seite finden wir die „revolutionären Defenzisten“, die durch den Menschewisten Irakli Zereteli angeführt wurden. Diese Sozialisten versicherten dem Arbeiter- und Soldatensowjet, dass die Provisorische Regierung fleißig daran arbeitete, die russischen Kriegsziele zu überarbeiten, doch natürlich nur in Abstimmung mit den Alliierten. In der Zwischenzeit riefen die revolutionären Defenzisten eindringlich zu einer totalen Mobilisierung für den Krieg auf. Zunächst wurden die revolutionären Defenzisten im Sowjet stark unterstützt.
Und schließlich haben wir zwei führende Bolschewisten vor uns, deren Parteipseudonyme auf ihre kompromisslose Haltung anspielten: Stahl (Stalin) und Stein (Kamenew). Stalin und Kamenew hatten von Anfang an zur bolschewistischen Fraktion gehört. Beide hatten ein Jahrzehnt an bolschewistischen Polemiken hinter sich, die sich hauptsächlich gegen Miljukow und Gutschkow richteten, die sie ständig als „liberale Imperialisten“ bezeichneten. Kamenew hatte sogar an einer Stelle vorhergesagt, dass Miljukow jeder liberalen Regierung als Minister zur Verfügung stehen würde. Lenins Rückkehr änderte nichts an ihren führenden Positionen: bei der Abstimmung für das bolschewistische Zentralkomitee, die Mitte April auf der Parteikonferenz durchgeführt wurde, kam Stalin auf den dritten Platz und Kamenew auf den vierten Platz — nicht weit hinter den kurz zuvor zurückgekehrten Exilführern Lenin und Sinowjew.
Und nun sollen wir glauben, dass diese zwei führenden Bolschewisten im März 1917 plötzlich aufweichten, dass sie plötzlich die Stellung bezogen, der Krieg sei nicht mehr imperialistisch, dass sie sich für eine bedingte Unterstützung der Regierung Miljukows und Gutschkows aussprachen, und dass sie aufrichtig glaubten, dass diese zwei Personen eine aggressive Friedenspolitik umsetzen würden, wenn bloß der richtige „Druck“ von unten erzeugt würde. Und nach diesem verblüffenden Verrat bolschewistischer Grundsätze sollen Stalin und Kamenew obendrauf in einer geheimen Wahl in den inneren Kern der Leitung gewählt worden sein. Und all das sollen wir glauben auf der Grundlage von ein paar recycelten One-Linern und anekdotschiki.
Um die ein Jahrhundert alte anekdotschik über die skandalösen Prawda-Artikel zu beurteilen, müssen wir uns daher die folgende Frage stellen: Ist es, angesichts all dessen, was wir sowohl über Stalin und Kamenew als auch über Miljukow und Gutschkow wissen, auch nur ansatzweise plausibel, dass Kamenew und Stalin tatsächlich glaubten, dass Druck von der Straße dazu führen würde, dass Miljukow und Gutschkow von einer Friedenspolitik überzeugt werden würden, die letztlich auf eine Revolution gegen die Verbündeten Russlands abzielte? Aus meiner Sicht ist es nicht nur nicht plausibel, sondern fast unmöglich, dass Kamenew und Stalin etwas so Absurdes geglaubt haben sollen. In einer besseren Welt als diese läge die Beweislast bei den Vertretern dieser wundersamen These (siehe David Hume über Wunder). Aber angesichts des faktisch sakrosankten Status unserer anekdotschik ist mir klar, dass die Beweislast bei mir und anderen Kritikern liegt. Hier sind einige Grundlinien einer wahrheitsgetreueren Darstellung:
Anstelle der Rede von der Wiederbewaffnung der Partei schlage ich vor, von der bolschewistischen Nachjustierung zu sprechen. Als bolschewistische Parteiführer — Kamenew, Stalin, Kollontai, Lenin, Sinowjew — nach der Februarrevolution in Petrograd eintrafen, waren sie allesamt darüber schockiert, dass die Bolschewiki in der Petrograder Arbeiterklasse und insbesondere unter den Soldaten in der Minderheit waren. Basierend auf ihren Erfahrungen im Untergrund beim Ausbruch des Krieges und während der Kriegszeit hatten die Bolschewiki geglaubt, dass sie dabei waren, die Auseinandersetzung mit den Menschewiki um die Arbeiterklasse zu gewinnen. Der massenhafte Eintritt bisher apolitischer Massen ins öffentliche Leben führte zu einer Enttäuschung dieser Erwartungen.
Als Kamenew und Stalin Mitte März nach Petrograd zurückkehrten, stellten sie fest, dass die sich in einer Minderheit befindenden Bolschewiki vor der Aufgabe standen, die Sowjet-Wählerschaft durch eine aggressive Agitationskampagne von der bolschewistischen Kernbotschaft zu überzeugen, dass die konterrevolutionäre Provisorische Regierung ersetzt werden musste durch eine auf den Sowjets gestützte vlast. Sie waren überzeugt, dass die traditionelle Losung „Nieder mit dem Krieg“ zum Zweck dieser Kampagne untauglich sei. Auf der Suche nach einer adäquateren Losung griffen sie auf das durch Lenin geprägte bolschewistische Handbuch zurück. Sie einigten sich auf die Forderung nach sofortiger Aufnahme von Friedensverhandlungen mit allen Kriegsparteien.
Diese Kampagne war in vollem Gange, als Lenin aus dem Exil zurückkehrte. Er betonte ebenfalls, dass die Unterstützung der Sowjet-Wählerschaft gewonnen werden musste, ehe es einen offenen Versuch geben durfte, die Provisorische Regierung zu ersetzen. Er stellte sich dagegen, Losungen aufzustellen, die das eine oder andere „forderten“, doch diese Frage war relativ zweitrangig, eine Frage agitatorischer Technik. Bei den anderen Fragen war Lenin einverstanden: Lenin unterstützte ausdrücklich die Kampagne selbst, die konkrete Forderung nach Friedensverhandlungen, die Notwendigkeit, die Losung „Nieder mit dem Krieg“ zurückzustellen und die Ablehnung „anarchistischer“ Methoden (Missachtung von Befehlen, die Propagierung von Fahnenflucht usw.). Insgesamt waren die Leitartikel in der Prawda vom 15. und 16. März ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur bolschewistischen Machteroberung, kein Schritt weg von ihr.
Wir werden jetzt jede der fünf Behauptungen über die Prawda-Leitartikel widerlegen. Während wir die berühmte anekdotschik auseinandernehmen, werden wir gleichzeitig das Gerüst bereitstellen für eine neue und bessere Theorie der Ereignisse.
Behauptung 1: Nieder mit „Nieder mit dem Krieg“
Es heißt immer wieder, Stalin habe die Losung „Nieder mit dem Krieg“ als „untauglich“ abgestempelt. Untauglich wofür? Sobald wir uns diese Frage stellen und uns den Inhalt der Prawda-Leitartikel anschauen, wird die Antwort deutlich: untauglich aus Sicht der enormen Agitationskampagne, mit der die aus Arbeiterinnen, Soldaten und Bäuerinnen bestehende Sowjet-Wählerschaft von der bolschewistischen Position des imperialistischen Charakters des Krieges überzeugt werden sollte.
Führen wir uns wieder die Reihenfolge der Ereignisse vor Augen. Kamenew trägt zuerst im Leitartikel der Prawda vom 15. März sein Argument vor. Viele bolschewistische Untergrundaktivistinnen — einschließlich Alexander Schljapnikow, der später über die Ereignisse schreiben sollte — waren empört, weil sie glaubten, dass die in der Losung „Nieder mit dem Krieg“ enthaltene Antikriegsposition abgelehnt werde. Also werden am nächsten Tag zwei weitere Leitartikel veröffentlicht: ein Artikel von Stalin und ein Artikel ohne angegebenen Verfasser, d. h. ein Artikel, der die allgemeine Position der ganzen Redaktion widerspiegelt. Die zwei Leitartikel vom 16. März versuchten, die Bedenken Schljapnikows und anderer Aktivisten auszuräumen, aber sie bewegten sich keinen Zentimeter von der eigentlichen Argumentation Kamenews darüber, welche Losung am geeignetsten sei für eine Massenkampagne.
Dieser nicht unterzeichnete Leitartikel ist von den Historikerinnen komplett ignoriert worden. Ich bin mittlerweile sehr überzeugt davon, dass der Entwurf des Texts von Kamenew selbst stammt, aufgrund sachlicher und stilistischer Ähnlichkeiten mit seinen anderen Schriften. Doch da es für die Argumentation nicht relevant ist, ob dieser Zuschreibung zugestimmt wird oder nicht, werde ich mich bei dieser Frage nicht aufhalten.
Werfen wir nun einen Blick auf die Argumentation Kamenews und Stalins, sowie auf die des nicht unterzeichneten Leitartikels. Hier eine kurze Paraphrase: Wir brauchen eine groß angelegte Kampagne, um den Arbeitern und Soldaten die Augen zu öffnen bezüglich der düsteren Realität und der Ursachen des Krieges. „Nieder mit dem Krieg“ ist untauglich für eine solche Massenkampagne, nicht weil die Losung falsch ist, sondern weil sie zu abstrakt ist und keine konkreten politischen Maßnahmen vorgibt. Hier ist eine bessere Losung: Die revolutionäre russische Regierung muss öffentlich ihre Bereitschaft ankündigen, sofort Friedensverhandlungen einzugehen mit allen Kriegsparteien.
Diese Argumentation lässt sich Schritt für Schritt mithilfe von Textauszügen in Bezug auf alle drei Leitartikel nachweisen. Mit was für einen Krieg haben wir es zu tun? „Der gegenwärtige Krieg ist ein imperialistischer Krieg. Sein Hauptzweck ist die Annexion fremder, primär landwirtschaftlicher Gebiete durch entwickelte kapitalistische Staaten“ (Stalin). Mit was für einer Regierung haben wir es hier in Russland zu tun? „Die vlast in Russland ist aktuell in den Händen der Vertreter der liberalen Gesellschaft, die offensichtliche imperialistische Bestrebungen aufweist“ (nicht unterzeichneter Artikel). Und bedauerlicherweise unterstützen Teile der Sowjet-Wählerschaft die revolutionären Defenzisten, die „hypnotisiert sind durch nationalistische Ideen“ (nicht unterzeichneter Artikel).
Wir Bolschewiki müssen darum zurückgreifen auf ein alterprobtes Werkzeug der internationalen Sozialdemokratie: Massenagitationskampagnen (an anderer Stelle habe ich diese Praxis als campaignism bezeichnet). Wie bei allen Agitationskampagnen, zielt auch diese Kampagne darauf ab, Augen zu öffnen:
„Wenn Millionen von Soldaten und Arbeiter an allen Fronten deutlich die tatsächlichen Ziele der Regierungen, die sie ins blutige Chaos stürzten, erkennen, dann wird das nicht nur ein Ende des Krieges bedeuten, sondern es wird auch ein entscheidender Schritt sein gegen das Gewalt- und Ausbeutungssystem, das all diese Kriege überhaupt erst verursacht.“ (Kamenew)
„Die Imperialisten demaskieren, den Massen die Augen öffnen bezüglich der wahren Beweggründe hinter dem gegenwärtigen Krieg — genau so erklärt man tatsächlich, auf einer wirklichen Weise dem Krieg den Krieg, genau so macht man den gegenwärtigen Krieg unmöglich.“ (Stalin)
Ist „Nieder mit dem Krieg“ die adäquate Losung für eine solche Kampagne? Nein. Alle drei Leitartikel versuchen diesen Punkt rüberzubringen, doch die zwei Artikel vom zweiten Tag (16. März) bemühen sich zu zeigen, dass die Prawda nicht die Antikriegshaltung hinter der traditionellen Losung verwirft, sondern bloß einen besseren Weg vorschlägt, wie sich diese Haltung realisieren lässt. So heißt es im nicht unterzeichneten Leitartikel, die Antikriegskonferenzen in Zimmerwald und Kienthal hätten
„…uns eine generelle Formel gegeben; sie haben den universellen Schreckensschrei angesichts des globalen Gemetzels heruntergebrochen auf die Worte ‚Nieder mit dem Krieg!‘. Doch diese Losung ist zu allgemein, sie liefert uns keine konkrete Anweisung darüber, wie wir am besten den Kampf für Frieden in einem bestimmten Land, unter bestimmten Kräfteverhältnissen zwischen den verschiedenen Klassen zu führen haben.“
Betrachten wir, wie Stalin diesen Punkt rüberbringt, der allen drei Leitartikeln gemein ist:
„Welche praktischen Wege und Mittel führen am schnellsten zur Beendigung des Krieges?
Erstens steht außer Frage, dass die bloße Losung ‚Nieder mit dem Krieg!‘ absolut untauglich ist als ein praktisches Mittel, da sie als Losung, die nicht über eine Propaganda der generellen Idee des Friedens hinausgeht, nichts bietet, was dazu imstande wäre, einen praktischen Einfluss auf die Kriegsmächte auszuüben, um sie dazu zu zwingen, den Krieg zu beenden…
Nur [durch eine solche Kampagne] wird das Risiko vermieden, dass die Losung ‚Nieder mit dem Krieg!‘ in leeren und bedeutungslosen Pazifismus umgewandelt wird; nur dann wird sie einfließen in und sich ausdrücken als eine mächtige politische Kampagne, welche die Imperialisten demaskieren und den Massen die Augen öffnen wird bezüglich der wahren Beweggründe hinter dem gegenwärtigen Krieg.“
Unsere anekdotschik fasst Stalins Argument zu einem Satz zusammen: „‚Die Losung „Nieder mit dem Krieg“ ist untauglich,‘ wiederholte Stalin am nächsten Tag“. Ich behaupte, dass dieser abschätzige One-Liner es völlig versäumt, Stalins Argumentation nachvollziehbar zu machen.
Wir kommen jetzt zu dem praktischen Vorschlag, mit dem die drei Leitartikel „Nieder mit dem Krieg!“ ersetzen wollen:
„Nicht die Desorganisation der revolutionären und revolutionierenden Armee — nicht die leere Losung „Nieder mit dem Krieg!“ — das sind nicht unsere Losungen. Unsere Losung: Druck auf die Provisorische Regierung mit dem Ziel, sie dazu zu zwingen, offen, vor den Volksmassen der ganzen Welt, zu versuchen, alle Kriegsparteien zu einer unverzüglichen Eröffnung von Verhandlungen über Wege zur Beendigung des Weltkriegs zu zwingen.“ (Kamenew)
„Das Proletariat Russlands hat eine stärkere Methode, um Einfluss zu üben auf die gesamte internationale Situation [‚um den globalen revolutionären Kampf zu entfachen‘], und er muss auf diese Methode zurückgreifen. Diese Methode besteht darin, die Regierung dazu zu zwingen, mit einer Stellungnahme vor die Welt zu treten, in der sie klarmacht, dass die Völker Russlands Frieden bevorzugen gegenüber weiterem Blutvergießen, und dass sie ihrerseits bereit sind, auf der Basis der Selbstbestimmung der Nationen über eine sofortige Beendigung des Krieges zu verhandeln.“ [nicht unterzeichnet, wahrscheinlich Kamenew]
„Die Lösung besteht darin, Druck auf die Provisorische Regierung aufzubauen, um sie dazu zu zwingen, zu erklären, dass sie sofort bereit ist, Friedensverhandlungen einzugehen. Die Arbeiter, Soldaten und Bauern müssen Treffen und Demonstrationen organisieren und fordern, dass die Provisorische Regierung offen und öffentlich auftritt, um alle Kriegsparteien dazu zu bringen, unverzüglich Friedensverhandlungen zu eröffnen, auf der Basis der Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Nationen.“ [Stalin, Hervorhebung im Original]
Hier sehen wir den konkreten Vorschlag, der anstelle von „Nieder mit dem Krieg“ treten sollte: eine revolutionäre Regierung muss verkünden, dass sie unverzüglich zu Friedensverhandlungen auf der Basis der Selbstbestimmung der Nationen bereit ist. Woher nahmen die bolschewistischen Führer die Idee dieser Losung? Aus ihren eigenen Köpfen? Nein. Sie nahmen sie aus der bisherigen bolschewistischen Politik, deren wichtigster Vordenker natürlich Lenin war.
Im Oktober 1915 veröffentlichte das bolschewistische Journal Sotsial-Demokrat einen nicht unterzeichneten Artikel mit dem Titel „Einige Thesen, vorgelegt von der Redaktion“. Lenin sagte nach Februar bei mehreren Anlässen, dass die Oktoberthesen (wie wir sie nennen könnten) die Ereignisse vom Februar 1917 exakt vorhergesagt hatten. In diesen Thesen steht: „Auf die Frage, was die Partei des Proletariats tun würde, wenn die Revolution sie im gegenwärtigen Krieg an die Macht bringen sollte, antworten wir: Wir würden allen Kriegführenden den Frieden anbieten unter der Bedingung, daß die Kolonien und alle abhängigen, unterdrückten und nicht gleichberechtigten Völker die Freiheit erhalten“.11
Im vierten Brief aus der Ferne vom 12. März (also einige Tage vor Erscheinung der Prawda-Leitartikel) wiederholte Lenin diesen Punkt und wies auf die Oktoberthesen hin (Lenin traf letztlich in Petrograd ein, bevor sein Brief ankam):
„Wenn die Staatsmacht in Russland den Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten gehören würde, dann hätten diese Sowjets und der von ihnen gewählte Gesamtrussische Sowjet die Möglichkeit – und wären sicher auch bereit – , das Friedensprogramm zu verwirklichen, das unsere Partei (die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands) bereits am 13. Oktober 1915 in Nr. 47 ihres Zentralorgans, dem „Sozial-Demokrat“ …, umrissen hat. … Er würde unverzüglich unsere Friedensbedingungen, die Friedensbedingungen der Arbeiter und Bauern, zur allgemeinen Kenntnisnahme veröffentlichen: Befreiung aller Kolonien; Befreiung aller abhängigen, unterdrückten und nicht gleichberechtigten Völker.“12
Man bemerke, dass dieser Brief aus der Ferne noch davon ausgeht, dass der Sowjet das bolschewistische Friedensprogramm annehmen würde. Erst nach seiner Ankunft in Petrograd wird Lenin mit der unausweichlichen politischen Tatsache konfrontiert, dass eine große Mehrheit der aus Arbeiterinnen und Soldaten bestehenden Sowjet-Wählerschaft den revolutionären Defenzismus unterstützte. Kamenew und Stalin, die einige Wochen früher in der Hauptstadt eingetroffen waren, hatten schon früher festgestellt, dass die Bolschewiki die Sowjet-Wählerschaft durch enorme Agitationskampagnen noch überzeugen mussten. Die von ihnen vorgestellte Kampagne baute auf dem bolschewistischen Friedensprogramm auf, das Lenin bereits definiert hatte.
Behauptung 2: „Druck“ statT Sturz der Provisorischen Regierung
Doch die vorgeschlagenen Kampagnenslogans sind mehr als nur Vorschläge. Betrachtet man die eben zitierten Auszüge, fallen einige Worte sofort ins Auge: „fordern“, „Druck“. die Regierung „dazu zu bringen“. Zeigen solche Ausdrücke nicht (wie es Eric Aunoble formuliert), dass die Leitartikel der Prawda bloß Druck auf die Regierung ausüben wollten, „statt sie zu stürzen“ [Meine Hervorhebung, Lih]?13
Aunobles Paraphrase gibt nicht die Position der Bolschewiki wieder, sondern die von Zereteli und der revolutionären Defenzisten. Für letztere gilt tatsächlich, dass sie Druck auf die Provisorische Regierung aufbauten, um sie zur Änderung ihrer Kriegsziele zu bewegen, gerade weil sie die Provisorische Regierung nicht ersetzen wollten. Sie stellten sich darum gegen jede Losung, die die Provisorische Regierung in eine peinliche Lage versetzen würde, indem sie zu viel von ihr forderte. Als die Bolschewiki auf der Sowjetkonferenz im März einen Antrag zur Veröffentlichung der Geheimverträge einreichten, sprach sich Zereteli gegen den Antrag aus.
Die Bolschewiki dagegen hatten gar kein Problem damit, die Regierung zu entblößen. Sie schlugen eine Massenagitationskampagne vor — nicht anstelle der Niederwerfung der Regierung, sondern als Mittel, um die Unterstützung der Sowjet-Wählerschaft zu gewinnen, um damit in der Zukunft die Regierung niederwerfen zu können. In den bolschewistischen Debatten im April erklärte Kamenew auf treffende Weise die Logik hinter dem Aufstellen von „Forderungen“. Er zitiert das Beispiel der Veröffentlichung der Geheimverträge, das zu diesem Zeitpunkt bereits als bolschewistisches Kampagnenslogan bekannt war:
„Sollten wir uns als politische Partei vornehmen, die Veröffentlichung der Geheimverträge zu fordern — erklären, dass dies unsere politische Forderung ist? Einige Leute [Etwa der Genosse Lenin! Anm. des Autors] werden mir sagen: Es tut mir leid, aber du forderst etwas, das unmöglich ist. Doch die Forderungen, die ich aufstelle, basieren nicht auf der Erwartung, dass Miljukow mir antworten wird und die Verträge veröffentlichen wird. Die Taktik, die ich vorschlage — das Aufstellen von Forderungen — ist ein agitatorisches Mittel zur Entwicklung der Massen, eine Methode zur Demaskierung der Tatsache, dass Gutschkow und Miljukow das nicht tun können, dass sie nicht die Veröffentlichung der Geheimverträge wollen, dass sie gegen eine Politik des Friedens sind.
Das Aufstellen von Forderungen ist ein Werkzeug, das uns hilft, den Massen zu zeigen, dass sie nur eine revolutionäre Politik auf internationaler Ebene schaffen können, wenn die vlast übergeht in die Hände des Sowjets.“14
Zu keinem Zeitpunkt dachten Kamenew oder Stalin, dass Miljukow und Gutschkow eine Politik verfolgen würden, die auf eine revolutionäre Umwälzung der Verhältnisse bei den Alliierten abzielte (und wenn sie das dachten, waren sie schlecht informierte Dummköpfe). Sobald wir uns die März-Leitartikel genauer anschauen, wird verständlich werden, dass die Autoren sogar davon ausgingen, dass sie von diesen altgedienten Imperialisten eine Ablehnung erhalten würden. Stalin etwa sagt, dass die Ablehnung von Verhandlungen bloß dazu führen würde, dass das Volk „von sich aus den räuberischen Charakter des Krieges und das blutverschmierte Gesicht der imperialistischen Gruppen erkennen würde, in deren Interesse sie das Leben ihrer Söhne opfern“.
Behauptung 3: Lenin verurteilte ausdrücklich die Prawda-Leitartikel und ihre Verfasser
Eine der ersten Dinge, die Lenin tat, als er vom Exil zurückkehrte, war, sich mit einem Haufen Prawda-Ausgaben hinzusetzen und sie sorgsam durchzulesen. Was dachte er über die berüchtigten Leitartikel und über die Agitationskampagnen, die bereits in vollem Gang waren? Er kritisierte stark, dass die Losungen als „Forderungen“ formuliert wurden, weil er glaubte, dass auf diese Weise unter der Zielgruppe die Illusion genährt wurde, dass die Forderung möglicherweise realisierbar sei. Aber es gibt keinen Hinweis darauf, dass Lenin Kamenew und Stalin unterstellte, selber dieser Illusion anheimgefallen zu sein — und das ist der Vorwurf, der den Kern unserer anekdotschik ausmacht. Es fand eine lebhafte praktische Debatte statt über diese Frage auf den Parteikonferenzen im April. Erfahrene bolschewistische Aktivisten argumentierten auf überzeugende Weise, dass das Aufstellen von „Forderungen“ ein essenzielles Werkzeug darstellte, um die konterrevolutionäre Natur der Regierung offenzulegen. Später sollten bolschewistische Agitatorinnen immer wieder von „Forderungen“ auf Demonstrationen und im Rahmen von Wahlen Gebrauch machen.
Doch abgesehen von dieser Frage hatte Lenin kein Problem mit den Leitartikeln. Warum würde er sich gegen eine Agitationskampagne stellen, die gänzlich auf seiner eigenen Definition des bolschewistischen Friedensprogramms basierte? Die Kampagne war bereits in vollem Gange, als Lenin zurückkehrte, und ebenso eine verwandte Kampagne, die auf einer anderen konkreten politischen Forderung basierte, nämlich „Veröffentlicht die Geheimverträge!“ (Verträge zwischen der zaristischen Regierung und den Alliierten, die die Provisorische Regierung einzuhalten gedachte). Diese Kampagnen erhielten eine starke Unterstützung durch die offiziellen Beschlüsse der Parteikonferenz im April, und sie wurden im Laufe des Jahres fortgeführt. Es waren die Mitte März veröffentlichten Prawda-Leitartikel, die einen Weg eröffneten, der direkt zum Zweiten Kongress der Sowjets im Oktober führte, der die lange geforderten Friedensverhandlungen in Form des „Dekrets über den Frieden“ anbieten sollte.
Doch Lenin unterstützte zusätzlich auf explizite Weise Teile der Leitartikel, die er, wenn wir den Historikern folgen sollen, mit Entsetzen hätte zurückweisen müssen. Rabinowitch schreibt, dass Kamenew und Stalin sich für ein „Ende desorganisierender Aktivitäten an der Front“ aussprachen. Das ist irreführend, denn die Bolschewiki waren nie daran beteiligt gewesen, Soldaten zur Missachtung von Befehlen, Fahnenflucht o.ä. anzustiften. Eine der größeren Kritiken anderer Bolschewiki an Kamenews Leitartikel war daher auch, dass er den Eindruck erwecken würde, als hätte die Partei jemals zu solchen Aktionen aufgerufen.15 Doch die Leitartikel lehnten zweifellos „anarchistische Methoden“ zur Bekämpfung des Krieges ab, und diese Linie wurde im Laufe des Märzmonats konsequent vertreten.
In den Polemiken zwischen 1914 und 1917 bestand Lenin auf die Losung des „Defätismus“, doch sobald er nach Russland zurückkehrte, verstand er, dass jede Zurückhaltung in der Verneinung des feindlichen Bilds der Bolschewiki als defätistische Halbsaboteure einem politischer Selbstmord gleichkäme. Während seiner Reise nach Petrograd (wie er in seinen ersten Reden schilderte), traf er einen „defenzistischen“ Soldaten. Dieser sagte ihm „Wir können nicht einfach unsere Bajonetten in die Erde stoßen [shtyky] und nach Hause gehen“. Lenin griff den bildhaften Vergleich des Soldaten auf und machte ab diesem Punkt immer wieder deutlich, dass die Bolschewiki die Strategie, die Bajonette in die Erde zu stoßen, um den Krieg zu beenden, nicht befürworteten.
In einem im Juni 1917 veröffentlichten Artikel beschrieb Lenin, wie die russische Armee unter Demoralisierung litt — doch dies war sicherlich nicht die Schuld der Bolschewiki! Im Gegenteil: Dort wo es den Bolschewiki gestattet wurde, offen zu sprechen, gab es auch keine „Exzesse, Demoralisierung und pseudo-Bolschewiki“. Doch (so fuhr Lenin fort), die Feinde der Bolschewiki brauchen eine Ausrede, um zu sagen: „Die Bolschewiki demoralisieren die Armee“, um sie danach mundtot zu machen.
Lenin fährt fort mit einem längeren Zitat aus einer Broschüre des bolschewistischen Agitators Nikolai Krylenko, die er stark lobt. Krylenkos Worte sind tatsächlich lesenswert, denn sie fassen treffend die bolschewistische Botschaft über den Krieg zusammen. Für uns ist insbesondere der folgende Satz relevant: „Nehmt euch in Acht vor denen, die sich als Bolschewisten ausgeben und euch zu Unruhen und Aufständen [bunty] anstiften wollen, um von ihrer eigenen Feigheit abzulenken! Seid euch sicher, dass sie zwar gerade an eurer Seite sind, dass sie euch aber beim ersten Anzeichen einer Gefahr an das alte Regime verraten werden.“16
Kamenew und Stalin waren der Meinung, dass „Nieder mit dem Krieg!“ nicht mehr als Kampagnenslogan genutzt werden sollte. Reagierte Lenin negativ oder empört auf dieses Argument? Nein, er sprach sich selbst ausdrücklich für das Argument aus:
„Die Losung ‚Nieder mit dem Krieg’ ist natürlich richtig, aber sie wird den spezifischen Aufgaben des gegenwärtigen Zeitpunkts, wird der Notwendigkeit, auf andere Weise an die breite Masse heranzutreten, nicht gerecht. Sie erinnert meines Erachtens an die Losung ‚Nieder mit dem Zaren‘, mit der der ungeschickte Agitator der ‚guten alten Zeit‘ [während der „Ins Volk gehen“-Bewegung der 1870er] ohne viel Federlesens aufs Land hinausging und Prügel einsteckte. …
‚Nieder mit dem Krieg!‘ heißt nicht einfach, unsere Bajonette in die Erde zu stoßen [Lenin spielt hier auf die bereits erwähnte Argumentation an].“17
Der Fall der Prawda-Leitartikel kann nicht herangezogen werden, um eine angebliche Kluft nachzuweisen zwischen Lenin und seinen Offizieren. Die Realität ist viel einfacher. Kamenew und Stalin — zwei altgediente Bolschewisten, die die zentralen Fakten der Situation nach Februar erkannten — schlugen eine Massenkampagne vor, die eindeutig auf dem existierenden bolschewistischen Programm basierte. Wenngleich Lenin nicht mit jedem Detail einverstanden war, hatte er doch keinen Grund, von ihrer Arbeit empört zu sein. Im Gegenteil: Lenin sprach sich explizit für ihre Ablehnung „anarchistischer Methoden“ sowie für ihre Suche nach einer wirksameren Losung aus.
Behauptung 4: Die Prawda rückte im März 1917 scharf nach rechts
Unsere anekdotschik enthält nicht nur Behauptungen über die Mitte März veröffentlichten Leitartikel, sondern auch über einen „Rechtsruck“ in der bolschewistischen Linie vor Lenins Rückkehr. Dementsprechend müssten wir eigentlich davon ausgehen, dass wir in der Prawda eine Reihe von Artikeln finden sollten, die nicht zu hart sind gegenüber dem Krieg und der Provisorischen Regierung. Da mich diese aus meiner Sicht unwahrscheinliche Behauptung stutzig machte, setzte ich mir vor kurzem die Aufgabe, Beweise zu finden für diesen dramatischen Rechtsruck während der zweiten Märzhälfte. Stattdessen entdeckte ich in fast jeder zweiten Ausgabe der Prawda prominente Artikel gegen den Krieg.18
Ein Beispiel unter mehreren ist ein kurzer Leitartikel, der auf der Vorderseite erschien und nicht unterzeichnet war, bzw. für die Zeitung als Ganzes sprach (Ich glaube mittlerweile, dass dieser Artikel von Stalin selbst stammt, aber ich überspringe dieses Detail und hebe die Diskussion für die Zukunft auf). Er wurde am 25. März veröffentlicht, d. h. eine Woche nach den berüchtigten Leitartikeln über den Krieg. Sein Titel war „Nieder mit den Politiken der Imperialisten!“, und er beschäftigte sich mit einem Zeitungsinterview des Außenministers Miljukow, in dem dieser sich gegen die Idee eines „Friedens ohne Annexionen“ stellte. Die Prawda weist darauf hin, dass Miljukow zwar die nationale Unterdrückung in Deutschland, der Türkei und Österreich anprangerte, er aber praktischerweise die in den alliierten Ländern unterdrückten Nationalitäten vergas. Im folgenden Auszug aus dem Artikel, wird das Wort „alle“ deutlich hervorgehoben, d. h. sowohl die Verbündeten Russlands als auch Deutschland:
„[Miljukow] versteht die Aufgaben der Außenpolitik genau so wie — exakt so wie — komplett so wie — sie verstanden wurden durch den Zaren Nikolas II und durch seine Diplomaten …
Dies ist eine rein imperialistische Politik, eine Politik von Gebietsaneignungen, eine Politik, die den Krieg verlängern wird. Mehr noch: Es ist eine konterrevolutionäre Politik, [die zu] einer schrecklichen Wirtschafts- und Nahrungskrise führt …
Die ganze Welt, und vor allem die Arbeiter und Soldaten aller am Krieg beteiligten Länder, müssen wissen, dass es in Russland zwei Politiken gibt: die Politik einer Handvoll Imperialisten, die davon träumen, sich fremdes Land anzueignen, die Politik des Herrn Miljukow — und die Politik des Proletariats und der revolutionären Demokratie, die, ihre Kräfte zusammenballend mit den Arbeitern aller am Krieg beteiligten Länder, Frieden, Brot und Freiheit erobern wollen.“19
Uns interessiert vor allem die folgende Feststellung: „Wir haben euch in der Vergangenheit vor der imperialistischen Natur der neuen Regierung gewarnt, wir warnten die Arbeiter und die Soldaten, dass diese Regierung an Hand und Fuß gebunden ist an den Interessen des Kapitals der Alliierten.“ So viel Chuzpe! Die Prawda prahlte mit ihrer vermeintlich konsistenten Position, obwohl sie eine Woche davor in ihren Leitartikeln zur Unterstützung des Krieges ausgerufen hatte! Oder — was auch möglich ist — vielleicht haben die Historiker die Leitartikel Kamenews und Stalins falsch interpretiert.
Behauptung 5: Lenins Aprilthesen stellen einen tiefen Bruch mit der bolschewistischen Stellung zum Krieg dar
Neben den genannten Punkten erfüllt unsere anekdotschik auch den Zweck, dass es die Wiederbewaffnungserzählung insgesamt plausibel erscheinen lässt. Wenn es stimmt, dass ranghohe, führende Bolschewisten plötzlich offen den Krieg unterstützten, dann muss es auch stimmen, dass Lenin die Partei neu bewaffnen und einen dramatischen Umbruch in ihrer gesamten Einstellung forcieren musste.
Um diese Behauptung zu testen, legen wir nun die individuellen Äußerungen Kamenews, Stalins und Lenins zur Seite, um uns auf die offiziellen Parteiresolutionen zu konzentrieren, die im März (vor Lenins Rückkehr) und im April (nach den Aprilthesen) veröffentlicht wurden. Laut der Wiederbewaffnungserzählung müsste es einen dramatischen Kontrast geben zwischen dem März-Bolschewismus und dem April-Bolschewismus. Was wir stattdessen finden ist eine bemerkenswerte Kontinuität, nicht nur im Inhalt, sondern auch in den wörtlichen Formulierungen. Schauen wir uns daher die verschiedenen Parteiresolutionen genauer an.
Am 21. März veröffentlichte die Prawda die Resolutionen des Leitungskomitees der Partei (d. h. Beschlüsse Kamenews und Stalins) in Petrograd. Die Resolution über den Krieg stellte fest, dass der imperialistische Krieg alle gegenwärtigen und zukünftigen Errungenschaften der Revolution bedrohte. Betrachten wir das nachfolgende Schicksal dieser wichtigen Resolution. Ende März, kurz vor der Ankunft Lenins, wurde eine allrussische Konferenz der Sowjets abgehalten. Die Bolschewiki nutzten die Gelegenheit, um ihre eigene nationale Parteikonferenz durchzuführen, auf der sie eine abgewandelte Version der früheren bolschewistischen Resolution beschlossen:
„Nur eine komplette Liquidierung der gesamten Außenpolitik des Zarismus und der imperialistischen Bourgeoisie mitsamt der Liquidierung der internationalen Geheimverträge und einer genuinen Übergabe der vlast in die Hände des Proletariats und der revolutionären Demokratie würden eine [genuine] Veränderung des imperialistischen Charakters des Krieges in Beziehung auf Russland signalisieren.“20
Auf der Konferenz der Sowjets, auf der nationalen Bühne, stellte Kamenew die Antikriegsresolution vor, die von Zereteli, dem Führer der revolutionären Defenzisten, stark kritisiert wurde. Es kam auf dieser nationalen Konferenz tatsächlich auch zu einem rhetorischen Duell zwischen Kamenew und Zereteli bezüglich der Kriegsfrage, bei der Kamenew sein Bestes tat, um die Massen aufzuheizen: „Zu viele hochtrabende Worte haben die räuberischen Maßnahmen verschleiert, die triumphiert und zum Krieg geführt haben. Keine hochtrabenden Worte, keine Verschleierung des imperialistischen Krieges, sondern die Wahrheit, die nackte Wahrheit darüber, um was für einen Krieg es hier handelt — das ist was die Völker fordern.“21
Würden wir mit den Teilnehmern dieser Konferenz sprechen und sie informieren, dass die Positionen Kamenews und Zeretelis in Wirklichkeit im Einklang miteinander stehen, würden sie uns einen verwirrten Blick zuwerfen und sich vielleicht vorsichtig von uns entfernen. Kamenews Resolution bekam bei dieser Gelegenheit nur wenige Stimmen (von den Bolschewiki und einigen linken Sozialrevolutionären), da die Mehrheit der Sowjets weiterhin den revolutionären Defenzismus befürwortete.
Als Kamenew kurze Zeit später die Prawda gegen die aus seiner Sicht unfairen Angriffe in Lenins Aprilthesen verteidigte, wies er auf diese Resolution hin, als Ausdruck der Stellung der Prawda zum Krieg. Er wies auch auf den Kampf der Prawda gegen den revolutionären Defenzismus hin. Hatte Kamenew recht damit, die bolschewistischen Resolution von März 1917 den Aprilthesen gegenüberzustellen? Eine klare Antwort ergibt sich durch den Vergleich der von den Bolschewiki auf der nationalen Sowjetkonferenz im März eingereichten Resolution mit einer entsprechenden Resolution, die von Lenin entworfen und auf der bolschewistischen Parteikonferenz im April angenommen wurde. Weiter unten findet man einen Vergleich jedes einzelnen Satzes aus dem Anfangsteil der beiden Resolutionen. Es sollte sofort klar werden, dass Lenin beim Entwerfen seiner April-Resolutionen die März-Resolutionen auf seinem Schreibtisch vor sich liegen hatte. Lenin bringt die Kontinuität der bolschewistischen Parteilinie hervor, indem er die März-Resolutionen als Grundlage für seinen eigenen Text nutzt, auch wenn er sich dabei einer schärferen Prosa bedient:
(1) Der Krieg ist imperialistisch
März-Resolution: „Der gegenwärtige Krieg entstand auf der Grundlage imperialistischer (auf Eroberung abzielender) Bestrebungen der dominanten Klassen aller Länder, die auf die Eroberung neuer Territorien und die Unterwerfung kleiner und rückständiger Länder abzielen.“22
April-Resolution: „Der gegenwärtige Krieg ist auf seiten beider Gruppen der kriegführenden Mächte ein imperialistischer Krieg, d. h. ein Krieg, den die Kapitalisten um die Aufteilung der Vorteile aus der Weltherrschaft, um die Märkte für das Finanzkapital (Bankkapital), um die Unterwerfung schwacher Völker usw. führen.“23
(2) Jeder weitere Tag, an dem der Krieg weitergeht, ist desaströs
März-Resolution: „Jeder weitere Tag des Krieges bereichert die Finanz- und Industriebourgeoisie und zerstört und erschöpft die Kräfte des Proletariats und der Bauernschaft aller kriegführenden Länder.“
April-Resolution: „Jeder Tag des Krieges bereichert die Finanz- und Industriebourgeoisie und [zerstört — in der deutschen Version der LW heißt es „ruiniert“, Anm. d. Übersetzers] und erschöpft die Kräfte des Proletariats und der Bauernschaft aller kriegführenden und schließlich auch der neutralen Länder.“
(3) Der Krieg stellt eine tödliche Gefahr für die Revolution in Russland dar
März-Resolution: „In Russland aber erzeugt die Verlängerung des Krieges überdies eine drohende Gefahr für die Sicherung der Errungenschaften der Revolution und für ihre Vollendung [do kontsa]“
April-Resolution: „In Russland aber bringt die Verlängerung des Krieges überdies größte Gefahren für die Errungenschaften der Revolution und für ihre weitere Entwicklung mit sich.“
(4) Friedensverhandlungen müssen sobald wie möglich eingeleitet werden
März-Resolution: „Auf der anderen Seite steht die Notwendigkeit auf der Tagesordnung, die russische Provisorische Regierung dazu zu zwingen, nicht nur alle Eroberungspläne abzulehnen, sondern unverzüglich und offen den Willen der Völker Russlands zu auszudrücken, d. h., allen kriegführenden Ländern einen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen und mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker vorzuschlagen.“
April-Resolution: „Die revolutionäre Klasse, die die Staatsgewalt in Russland in die Hand nähme, würde … allen Völkern unverzüglich und offen einen demokratischen Frieden auf der Grundlage des völligen Verzichts auf irgendwelche Annexionen und Kontributionen anbieten.“24
Es gibt nur eine wirkliche Veränderung: Die März-Resolution spricht davon, die „russische Provisorische Regierung dazu zu zwingen…“, während die April-Resolution von einem Angebot spricht, das erst in Zukunft durch eine proletarische vlast gemacht werden wird. Siehe unsere frühere Diskussion über „Forderungen“, um die bescheidene Tragweite dieser Veränderung angemessen beurteilen zu können. Und, wenn wir zurückblicken auf die von Kamenew auf der Sowjetkonferenz im März eingebrachte Resolution, sehen wir, dass sie bereits festhielt, dass „eine genuine Übergabe der vlast in die Hände des Proletariats und der revolutionären Demokratie“ die einzige Sache war, durch die der Krieg eine Rechtfertigung erhalten könnte.
Wir müssen hieraus schließen, dass Kamenews Reaktion auf die Aprilthesen übertrieben war, da Lenin nicht die Substanz der Parteiresolution vom März ablehnte. Und, um genauer zu sein, müssen wir schließen, dass die durch unsere anekdotschik erzeugten Voraussagen, dass wir an Brüche und an Diskontinuität stoßen würden, auf spektakuläre Weise falsch gelegen haben. Statt einer massiven „Wiederbewaffnung“ des „Alten Bolschewismus“ finden wir nicht mehr als eine taktische Nachjustierung angesichts der Tatsache, dass die Bolschewiki nicht erwartet hatten, dass sie in der Minderheit sein würden. Und wenn wir die Resolutionen der Partei im März und im April in Bezug auf andere fundamentale Fragen wie die Provisorische Regierung other Parteivereinigung miteinander vergleichen, werden wir dieselbe sachliche und verbale Kontinuität wiederfinden. Hier ist eine Paraphrase des bolschewistischen Konsens bei der Frage, die uns am meisten interessiert: dem Krieg:
Russlands Krieg ist imperialistisch, er wird ausgefochten für unwürdige Ziele und ist durch und durch ungerechtfertigt. Die Februarrevolution hat seinen Status verändert. Die Provisorische Regierung besteht aus altgedienten Imperialisten, die sich dafür einsetzen, die imperialistische Politik der zaristischen Regierung auszuführen. Ihre Außenpolitik ist nur ein Hinweis auf die konterrevolutionäre Natur der Provisorischen Regierung. Der einzige Weg zu einem genuinen Frieden ist durch revolutionäre Aktion von unten in Deutschland und bei den Alliierten. Wir kämpfen nicht mit „anarchistischen“ Methoden wie Sabotage oder dem Anstiften von Fahnenflucht gegen den Krieg, sondern indem wir groß angelegte Agitationskampagnen rund um Losungen initiieren, die zu konkreter Handlung aufrufen (etwa, „ein unverzügliches Friedensangebot an alle kriegführenden Länder“ oder „veröffentlicht die Geheimverträge“).25
Die anekdotschik und der Kult
Wir stellten uns eine unübliche Frage: Was waren die tatsächlichen Ansichten Kamenews, Stalins und der Petrograder Bolschewiki in Bezug auf den imperialistischen Krieg und den revolutionären Defenzismus vor de Rückkehr Lenins? Als unmittelbar relevante Beweise zogen wir heran:
- Vorkriegsschriften Kamenews und Stalins
- den vollständigen Text der berüchtigten Prawda-Leitartikel, mitsamt des vergessenen, nicht unterschriebenen Leitartikels
- weitere im März erschienene Prawda-Artikel
- übersehene Passagen im Zeitzeugenbericht Alexander Schljapnikows
- offizielle Parteiresolutionen: die Resolution des Büros des Zentralkomitees im März, die Resolution, die als Gegenposition zu der Position der offiziellen revolutionären Defenzisten auf der allrussischen Konferenz der Sowjets eingereicht wurde, und die Resolution, die ein Monat später auf der bolschewistischen Parteikonferenz angenommen wurde
- das rhetorische Duell auf der allrussischen Konferenz der Sowjets im März zwischen Kamenew, als Wortführer der „Internationalisten“, und Zereteli, dem Wortführer der revolutionären Defenzisten
- übersehene Kommentare Lenins im April, etwa, als er selbst die Tauglichkeit der Losung „Nieder mit dem Krieg!“ bestritt
- die Abwesenheit jeglicher Debatte über den Krieg als Reaktion auf die unter den Bolschewiki Aufsehen erregenden Aprilthesen
- die Teile der Antwort Kamenews auf die Aprilthesen, in denen er den revolutionären Defenzismus ablehnte und klarstellte, nach welcher Logik er sich für das Aufstellen von „Forderungen“ aussprach
- sowjetische historiographische Monographien aus der Breschnew-Ära
Wir zogen den Schluss, dass die Haltungen Kamenews und Stalins gegenüber dem Krieg und gegenüber dem revolutionären Defenzismus im März der Haltung eines Predigers gleichen, der eine Predigt über die Sünde hält: sie waren dagegen. Auf den bisherigen Seiten haben wir unser Argument vorgestellt, nun widmen wir uns einer anderen Frage. Die ganzen aufgelisteten Beweise sind seit langem als Teil von Veröffentlichungen zugänglich, und im digitalen Zeitalter können sie alle schnell heruntergeladen werden. Die ganzen Beweise sind offensichtlich relevant für jede Diskussion über die bolschewistischen Ansichten in den entscheidenden Monaten März und April. Und doch hat es nie irgendeine Diskussion über die Interpretation irgendeiner dieser Beweismaterialien gegeben, aus dem einfachen Grund, dass nichts davon überhaupt erwähnt wird in der post-Rabinowitch-Historiographie. Unsere anekdotschik über die Prawda-Leitartikel dominieren ohne jeden Widerspruch, weil die unmittelbar relevanten und einfach verfügbaren Beweise ignoriert werden.
Ein Hauptgrund für diesen Umstand ist, dass nur sehr wenige westliche Forscherinnen sich streng mit 1917 befassen, und dass sich unter ihnen noch weniger für hohe Politik interessieren. Sobald ein Thema durch einen Forscher behandelt wurde, gibt es sehr wenige intellektuelle oder berufliche Anreize, sich weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen. Vielleicht würde es nur jemand exzentrisches und mit wenigen Berufsperspektiven auf sich nehmen. Doch ich denke, hier übt etwas anderes seinen Einfluss aus.
Die anekdotschik über die skandalösen Pravda-Leitartikel wurden durch den Lenin-Kult und für den Lenin-Kult geschaffen. In unserer früheren Untersuchung der verschiedenen Versionen dieses Kults, übersahen wir eine ihrer zentralen Verwendungsweisen: ihre Verwendung als Waffe in innerbolschewistischen ideologischen und politischen Kämpfen. Sobald Lenins unantastbarer Status als Denker und Führer etabliert war, wurde jede Meinungsverschiedenheit mit ihm, egal zu welchem Zeitpunkt in seiner Karriere, zur politischen Todsünde. Und wenn nicht genügend Meinungsverschiedenheiten gefunden werden konnten, konnte die passende Meinungsverschiedenheit immer auch erfunden werden.
Dieser Aspekt des Lenin-Kults findet sich bereits in einer Polemik über „permanente Revolution“ in den Grundlagen des Leninismus. Obwohl Trotzki nicht erwähnt wird, ist diese Sektion aus Stalins kleinem Buch sicherlich eine Warnung an Trotzki, dass er ja nicht zu aufmüpfig sein sollte, weil die anderen führenden Bolschewiki zu jedem Zeitpunkt in der Lage sein würden, auf eine Menge an gut dokumentierten Debatten und gegenseitigen Beleidigungen zwischen Trotzki und Lenin, die sich über viele Jahre gezogen hatten, zurückzugreifen. Natürlich passte diese Angreifbarkeit nicht zu Trotzkis Buch, und so nutzte Trotzki, wie ein guter Jiu-Jitsu-Kämpfer, die Manöver seiner Gegner gegen sie. Die Moral seines Essays Lehren des Oktober, der einige Monate später erschien, besteht im Wesentlichen hieraus: Ich bin nicht der, der starke Meinungsverschiedenheiten mit Lenin hatte — sondern du!
Zu diesem Zweck konstruierte Trotzki eine Geschichte, die sich vor allem auf vermeintliche Grundsatzdifferenzen zwischen Lenin und anderen führenden Bolschewiki im Jahr 1917 stützte. Jedes Element, das sich nur irgendwie einbetten ließ in das übergreifende Narrativ, wurde verwendet, und alles, was nicht in Narrativ passte oder den Tatsachen einfach widersprach, wurde ignoriert. Und Trotzkis Gegenstoß war sehr erfolgreich — zumindest in der Historiographie. Er versetzte Kamenew und Stalin einen Schlag, von dem sie sich immer noch erholen.
Die Prawda-Leitartikel von Mitte März liefern ein gutes Beispiel für Trotzkis modus operandi. Ohne die Namen der Autoren anzugeben, zitiert er Passagen aus den Leitartikeln, stark gewürzt mit empörten Ausrufezeichen und begleitet von sarkastischen Glossen. Er schließt:
„Zur selben Zeit, als die Prawda den ‚Druck‘ auf die zeitweilige Regierung propagierte, mit dem Ziele, sie zu einem Vorgehen ‚vor der ganzen demokratischen Welt im Interesse des Friedens zu veranlassen, schrieb Lenin:
‚Ein Herantreten an die Gutschkow-Miljukow-Regierung mit der Forderung, bald einen ehrlichen demokratischen Frieden zu schließen, ist ebenso töricht, als wenn ein braver Dorfgeistlicher sich an den Gutsbesitzer und Krämer mit dem Vorschlag wendet, ein gottesfürchtiges Leben zu beginnen, seinen Nächsten zu lieben und ihm die rechte Backe hinzuhalten, wenn auf die linke geschlagen wird.’
Am 4. April, einen Tag nach seiner Ankunft in Petrograd, trat Lenin entschieden gegen die Stellung, die die Prawda in Bezug auf den Krieg und den Frieden eingenommen hatte, auf.“26
Trotzki zitiert Lenins vierten vierten Brief aus der Ferne. Weiter oben hatte ich denselben Brief zitiert, um zu zeigen, dass Lenin sich quasi im Voraus für die neue Kampagnenlosung aussprach. Die Passage, die Trotzki zitiert, ist eine Kritik am Schriftsteller Maxim Gorki, der tatsächlich eine ungerechtfertigte Hoffnung in die Provisorische Regierung hegte. Trotzki insinuiert, dass Lenins Worte sich gegen Kamenew und Stalin richten. Wir sollen Trotzki zufolge auch glauben, dass Lenin dazu bereit war, die andere Wange hinzuhalten und Apostasie in Bezug auf bolschewistische Grundsätze mit Führungspositionen zu belohnen.
Trotzkis Taschenspielertrick an dieser Stelle ist (bedauerlicherweise) typisch für Lehren des Oktober. Etwas vergleichbares zu „Druck ausüben“ findet sich tatsächlich in den Leitartikeln. Und es stimmt auch, dass Lenin verächtlich über die Idee sprach, man könnte Miljukow und Gutschkow von der Ausführung einer genuinen Friedenspolitik überzeugen. Trotzki führt diese beiden kleinen Fakten zusammen, um zu behaupten, dass Kamenew und Stalin naive Dummköpfe waren, die Vertrauen hatten in Miljukow und Gutschkow: das Gegenteil der Wahrheit. Und er erzählt dem Leser außerdem, dass Lenin nach seiner Rückkehr „entschieden gegen die Stellung, die die Prawda in Bezug auf den Krieg und den Frieden eingenommen hatte“, auftrat: das Gegenteil der Wahrheit. Er fasst seine Sicht zusammen mit ungefähr der schlimmsten Beleidigung, die ein Bolschewist gegen einen anderen Bolschewisten verwenden konnte: die skandalösen Leitartikel seien „ihrem Charakter nach krypto-defenzistisch und paktierend“.
Es lässt sich leicht erkennen, aus welchen Motiven Trotzki die Fakten so verdrehte wie er es tat. Die angebliche Unterstützung Kamenews und Stalins für die Provisorische Regierung dient als Grund, weshalb Lenin mit seinen Aprilthesen die „Partei neu wappnen“ musste. Wenn Lenin in seinen Thesen die Unterstützung für den Krieg verurteilte, musste er damit die Bolschewiki selbst gemeint haben. Und wenn Kamenew sein Unwohlsein mit den Aprilthesen ausdrückte, dann war es natürlich deswegen, weil er selbst für eine bedingte Unterstützung der netten Leute in der Provisorischen Regierung war. Und, nebenbei, hilft uns Kamenews kurzer Leitartikel von Mitte März zu verstehen, warum er (angeblich) im Laufe des Jahres 1917 als entschlossener Gegner Lenins auftrat — so Trotzki.
Wir können hieraus schließen, dass Trotzki der ursprüngliche Autor unserer anekdotschik ist: Sein Beitrag ist kurz, aber weitreichend in seinen Implikationen. Was auch immer in seiner Schilderung von 1924 erwähnt wird, ist auch im Gedächtnis der Historiker; und das, was er nicht für nennenswert erachtete (die nicht unterzeichneten Leitartikel vom 16. und 25. März, die offizielle bolschewistische Resolution vom März, die Debatten aus der Konferenz der Sowjets aus demselben Monat, Lenins Übereinstimmung mit wesentlichen Argumenten, und vieles mehr), ist völlig vergessen. Trotzkis konstruierte Episode scheint plausibel für alle, die die Fakten nicht kennen — oder sie nicht wahrhaben wollen.
Stalins kanonischer Kurzer Lehrgang der Geschichte der KPdSU (B) nutzte auf dankbare Weise Trotzkis erfundenen Skandal — aber natürlich nur gegen Kamenew und nicht gegen Stalin. In einer von Stalin persönlich hinzugefügten Passage können wir folgendes lesen über Kamenew und die mit ihm verbündeten „Feinde des Volkes“:
„Kamenew und einige Mitglieder der Moskauer Organisation, zum Beispiel Rykow, Bubnow und Nogin, vertraten [im März 1917] den halbmenschewistischen Standpunkt der bedingten Unterstützung der Provisorischen Regierung und der Politik der „Vaterlandsverteidiger“. Stalin, der soeben aus der Verbannung zurückgekehrt war, Molotow und andere verfochten zusammen mit der Mehrheit der Partei die Politik des Misstrauens gegen die Provisorische Regierung, wandten sich gegen die Politik der „Vaterlandsverteidigung“ und riefen zum aktiven Kampf für den Frieden auf, zum Kampf gegen den imperialistischen Krieg.“
Die meisten Historiker würden sagen, dass Stalin in Bezug auf Kamenew ziemlich genau ist, in Bezug auf sich selbst aber lügt. In Wahrheit lügt er über Kamenew und ist in Bezug auf sich selbst ziemlich genau.27
Im Tauwetter-Jahrzehnt, das direkt nach Stalins Tod im Jahr 1953 eintrat, gab es Bemühungen, den Lenin-Kult zu benutzen, um den Stalinkult aufzubrechen. Zu solchen Bemühungen gehörten Artikel von Historikern, die zu Trotzkis Erzählung zurückkehrten, um sowohl Stalin als auch Kamenew des „Krypto-Defenzismus“ zu bezichtigen. Die natürliche Sympathie für diese streitenden Anti-Stalin-Historiker hat zu einem etwas unkritischen Blick auf ihre historischen Argumente gesorgt.
In den Sechzigern und Siebzigern nahmen amerikanische und britische Historiker wie Leonard Schapiro und Alexander Rabinowitch Trotzkis Erzählung auf und gaben ihr ihre heutige Form. Die anekdotschik in ihrer endgültigen Form passt schön in den invertierten Lenin-Kult: Die kraftlosen Bemühungen „moderater“ Bolschewiki in Richtung eines auf gesundem Menschenverstand basierten Reformismus wurden durch Lenins fanatischem Willen zur Macht zerdrückt. In dieser neuen Erzählung erscheinen alle Bolschewiki in einem schlechten Licht. Nach dem Fall der Sowjetunion erlangte unsere anekdotschik auch in Russland den Rang eines etablierten Faktums. Der prominente russische Historiker Oleg Khlevniuk schildert die Ereignisse à la Trotzki und Rabinowitch und kommt zu einer antibolschewistischen Moral der Geschichte:
„Kamenews und Stalins moderaten Positionen öffneten die Tür für Kooperation zwischen den wichtigsten sozialistischen Parteien, doch die Kooperation materialisierte sich nicht. Vom Standpunkt des Wohlseins des Landes war Kooperation, um mit geeinten Kräften den Radikalismus in Schach zu halten, der einzige korrekte Weg. Vom Standpunkt des [Lenins] Endziels einer bolschewistischen Eroberung der ganzen Macht war sie desaströs.“28
Somit haben alle Versionen des Lenin-Kults ein Interesse an unserer anekdotschik, und sie alle haben ihre zwei Cent zu ihrer Erarbeitung beigetragen. Indem ich diese besondere Erzählung abreiße, hoffe ich auch, dem schlimmen Einfluss des Lenin-Kults als Ganzes einen Schlag zu versetzen.
Zusammenfassung der Artikelreihe
In dieser dreiteiligen Artikelreihe haben wir verschiedene Erscheinungsformen des Lenin-Kults und seiner Ableger untersucht: Stalins Grundlagen des Leninismus, Trotzkis Lehren des Oktober, der invertierte Lenin-Kult, der Trotzki-Spinoff-Kult, die Lengel-Legende. Wir haben uns anschließend anhand eines konkreten Beispiels angeschaut, wie der Lenin-Kult der Historiographie geschadet hat — eine Fallstudie, die den persönlichen Vorteil hat, dass sie mir erlaubt, direkt auf einige lebhafte Herausforderungen einzugehen, vor die sich meine eigene Arbeit gestellt sieht.
Als Stalin 1924 die Grundlagen des Leninismus schrieb, setzte er sich bewusst das Ziel ein Kultnarrativ zu erschaffen, und er war sich zweifellos im Klaren über die vielen Verzerrungen, die er einführte. Ein solches doppeltes Spiel kann nicht jenen unterstellt werden, die für spätere Versionen des Kults verantwortlich sind. Nichtsdestotrotz teilen alle Versionen grundlegende Gemeinsamkeiten: Lenin wird der Protagonist einer Heldenerzählung, der eigenhändig verantwortlich ist für große Taten. Er ist ein zutiefst einfallsreiches Theorie-Genie, sodass der Hauptfokus nicht auf seinem Kampf mit Klassenfeinden, sondern in seinem Kampf mit seinen marxistischen Weggefährten liegt. Um den Ruhm der Originalität Lenins zu vergrößern, wird das marxistische Mainstream mit allen möglichen abscheulichen Charakterisierungen („fatalistisch“, „mechanistisch“, usw.) abgetan (wobei hierfür so gut wie keine Belege geliefert werden).
Für die Lebendigkeit der Erzählung wird dadurch gesorgt, dass aus irgendeinem unglücklichen Marxisten, dessen Name bekannt ist, aber dessen Bücher nicht gelesen werden, ein Anti-Lenin gemacht wird, sodass der Geschichtserzähler ihm frei die Ansichten zuschreiben kann, die ihn entsprechend dumm aussehen lassen. Die Hauptikone des marxistischen „Anderen“ in diesen Erzählungen ist Karl Kautsky, aber auch andere, wie Georgi Plechanow, Lew Kamenew und (in einigen Versionen) Josef Stalin haben diese Rolle spielen müssen. Die ganzen oben genannten Merkmale finden sich auch in den Ableger-Kulten, wie der, der für Trotzki nach seinem Tod geschaffen wurde.
Alle Versionen des Lenin-Kults leiden unter zwei tödlichen Mängeln: Erstens ist die Beschreibung anderer prominenter Marxisten — Kautsky, Plechanow und tutti quanti — unter aller Kritik. Zweitens kollidieren die Beschreibungen von Lenins eigener Sichtweise mit seinem eigensten Selbstbild. Weder Lenin selbst noch die Genossinnen, die ihm am nächsten standen und ihn am ehesten verehrten, sahen ihn je als einen großen und innovativen Theoretiker. Seine Treue zur revolutionären Sozialdemokratie — die Linke der Zweiten Internationale — ist eine belegte Tatsache, doch sie wird ignoriert oder geleugnet. Lenin sah sich selbst (richtigerweise) als großen politischen Führer, nicht als großen politischen Theoretiker.
Der Lenin-Kult hat in seinen verschiedenen Formen großen Schaden angerichtet zulasten von allen, die sich für die Russische Revolution interessieren. Er hat Legenden erschaffen, die sogar von denen unkritisch übernommen werden, die sonst vom Kult weit entfernt sind. Die kanonische anekdotschik über die Prawda-Leitartikel ist ein gutes Beispiel: Durch Trotzki erfunden und autoritativ untermauert durch professionelle Historiker, herrscht sie bis heute unwidersprochen, obwohl sie auf den ersten Blick unplausibel erscheint. Sobald diese geerbten Überzeugungen infrage gestellt werden, reagieren die meisten interessierten Parteien mit Neugier, vielleicht mit Skepsis, aber sie zeigen sich bereit, sich die Beweise anzuschauen. Wenn erforderlich, werden die bekannten Erzählungen modifiziert oder zurückgelassen, auch wenn es wehtut. Aber für andere, die wir als „Fundamentalisten“ bezeichnen können, ist die geerbte Erzählung heilig, und jeder Angriff auf ihre Irrtumslosigkeit wird mit lauten Vorwürfen der Ketzerei erwidert.
Die Herausforderung, vor die Historikerinnen heute gestellt sind, besteht in der kritischen Überprüfung aller Überzeugungen, die wir durch den Lenin-Kult in seinen vielfältigen Formen geerbt haben, und in der Neuerrichtung einer soliden und empirisch fundierten Darstellung des Bolschewismus.
Übersetzung: Lucien Diehl und Carlos Quiñones.
Wir danken Lea Einicke Armendariz für ihre Hilfe beim Korrekturlesen.
- https://lms.hypotheses.org/18193 Rezension in der Mouvement social 22.06.2024. Ich habe überrascht festgestellt, dass ich dieses Thema in meinem Buch nicht diskutiert habe, sodass Aunobles Frage angemessen ist. Ich muss meine Behauptung zurücknehmen, dass der Ursprung dieser anekdotschiki verloren sind. Meine aktuelle Forschung über dieses besondere Beispiele ermöglicht mir, seinen Ursprung ziemlich genau zu datieren. ↩︎
- https://louisproyect.wordpress.com/2017/05/07/lars-lih-versus-nikolai-sukhanov-who-is-more-credible-on-old-bolshevism/. ↩︎
- Ich habe die vollständigen Versionen der Leitartikel bereits vor einer Weile zur Verfügung gestellt: https://johnriddell.com/2018/04/02/march-1917-editorials-on-the-war-by-kamenev-and-stalin/; Ich habe sie im Kontext der Losung „Veröffentlichung der Geheimverträge“ hier behandelt: https://weeklyworker.co.uk/worker/1197/supplement-biography-of-a-sister-slogan/. ↩︎
- https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1917/04/april.htm ↩︎
- Trotzkis Version wird weiter unten behandelt. Die Historiker suchen sich die Passagen von Schljapnikow, die zu ihrer Interpretation passen, und ignorieren den Rest. ↩︎
- Schapiro, The Origin of the Communist Autocracy (New York: Frederick Praeger, 1955), S. 26. (Ich danke Kees Boterbloem dafür, mich auf diese prä-Rabinowitch-Quellen verwiesen zu haben.) [Eigene Übersetzung, CQ] ↩︎
- Alexander Rabinowitch, Prelude to Revolution: The Petrograd Bolsheviks and the July 1917 Uprising (Indiana University Press 1968), S. 35-6. [Übersetzung CQ] ↩︎
- Diejenigen, die sich für Stalin als Individuum interessieren, bilden hier eine Ausnahme. Ein Beispiel ist hierfür ist dieser Artikel von Erik Van Ree, der mich auf den richtigen Weg gebracht hat: ‘Stalin’s Bolshevism: The Year of the Revolution’ in Revolutionary Russia (13:1, 2000). Doch biographische Studien wie diese erforschen nicht den umliegenden politischen Kontext für sich, und sie haben auch keinen Eindruck auf die Historiographie der Revolution gemacht. Zu Kamenew gibt es nichts. ↩︎
- Vitalii Startsev, Revoliutsia i vlast’: Petrogradskii Sovet I Vremennoe pravitel’stvo v marte-aprele 1917 g. (Moscow: Gosizdat, 1978); V. A. Kuvshinov, Partiia bol’shevikov posle sverzheniia samoderzhaviia (mart-nachalo aprelia 1917 g.) (Moscow: Gosizdat, 1975). ↩︎
- https://socialistfight.com/2017/08/24/falsifier-of-the-history-of-the-russian-revolution-lars-t-lih/ (Downing schreibt Proyect Worte zu, die eigentlich von Rabinowitch stammen.) Es gibt hier ein offensichtliches chronologisches Problem: Lenins Briefe aus der Ferne wurden in der entfernten Schweiz geschrieben, bevor Kamenew und Stalin überhaupt aus dem sibirischen Exil nach Petrograd zurückgekehrt waren, weshalb die Briefe „sicherlich“ nicht an sie gerichtet waren. ↩︎
- LW 21, S. 410. ↩︎
- LW 23, S. 352. ↩︎
- Auch hier tritt Aunoble in die Fußstapfen von Rabinowitch. In seinem späteren Werk The Bolsheviks Come to Power erwähnt Rabinowitch die Leitartikel nicht direkt, doch er behauptet, dass „der sanftmütige Kamenew ab der Zeit seiner Rückkehr nach Petrograd aus Sibirien Mitte März 1917 für eine wachsame Kontrolle über die Provisorische Regierung statt für ihre Entfernung eintrat“ (S. xx, eigene Hervorhebung) [Übersetzung CQ]. ↩︎
- Aprel’skie konferentsii, 71, 85 [Übersetzung CQ aus dem Englischen]. ↩︎
- Dies war die Kritik Schljapnikows and Kamenew und Stalin: „Diese Genossen [die frisch aus Sibirien zurückgekehrt sind] glaubten das philisterhafte Geschwätz, wonach die Bolschewiki wollten, dass die Soldaten ihre Bajonette in den Boden steckten und so den Krieg beendeten. Solche Spinner gab es in der Partei nicht.“ Aus meiner Sicht schenkte Kamenew diesem Geschwätz keinen Glauben, aber er verstand besser als Schljapnikow die dringende politische Notwendigkeit, die Bolschewiki von dem feindseligen Bild defätistischer Halbsaboteure abzugrenzen. Shliapnikov, Kanun semnadtsatogo goda; Semnadtsatyi god, 3 vols (Moscow: Respublika, 1992), 2:452. ↩︎
- Prawda, 3 Juni 1917: „Der Bolschewismus und die ‚Zersetzung’ der Armee“, LW 24, S. 576f. Für eine detaillierte Studie der Defätismus-Losung Lenins im Jahr 1917, siehe Hal Drapers Studie The Myth of Lenin’s ‘Revolutionary Defeatism’ von 1952 (online verfügbar). ↩︎
- CQ: Den ersten Teil des Zitats findet man hier: LW 24, S. 50. Den letzten Satz habe ich nicht auffinden können und selbst übersetzt. Lih gibt folgende Quelle an: Lenin, PSS 31:160, 243. ↩︎
- Dies wird durch Schljapnikow bestätigt, der berichtet, wie Stalin seine Vorwürfe gegen Kamenew zurückwies: „Im Allgemeinen nahm die Prawda fast genau dieselbe Haltung ein wie zuvor, und so rief sie sogar noch größere empörte Hetze von der bürgerlichen und sozialchauvinistischen Presse hervor.“ Shliapnikov, Kanun, 2:452. Ein anderer Teilnehmer, W. N. Saleschski, behauptete das gleiche über die Prawda im März (Peterburgskii komitet RSDRP(b), 2003, S. 133). Doch diese Zeugen werden nur zitiert, wenn ihre Aussagen der Standarderzählung dienen. ↩︎
- Dieser Artikel und andere, ähnliche Artikel entkräften die Behauptung E. H. Carrs, wonach die Prawda in der zweiten Märzhälfte „jeglichen fundamentalen Angriff gegen die Provisorische Regierung oder gegen ihre Kriegspolitik meidete“. Siehe The Bolshevik Revolution (New York: The Macmillan Co, 1951), 1:76 [Übersetzung ins Deutsche CQ]. Nichtsdestotrotz ist Carrs Analyse dieser Episode jeder anderen, die ich bisher gesehen habe, überlegen. ↩︎
- Eigene Übersetzung, basierend auf der Übersetzung Lihs. ↩︎
- Vserossiiskoe soveshchanie sovetov rabochikh i soldatskikh deputatov: stenograficheskii otchet, (Gosizdat: Moscow, 1927), S. 45-8. Meine Übersetzung der wichtigsten Reden dieser Konferenz sind verfügbar auf academic.edu. ↩︎
- Die Übersetzung der März-Resolution erfolgt auf Grundlage der englischen Lih-Übersetzung. ↩︎
- LW 24, S. 262. Um nachvollziehbar zu machen, an welchen Stellen dieselben Wörter benutzt werden, ist auch die Übersetzung ins Deutsche an manchen Stellen leicht verändert worden. Beispielsweise: „ruiniert“ = „zerstört“. ↩︎
- LW 24, S. 265. ↩︎
- Es wird oft behauptet, Stalin habe 1924 eingestanden, dass Trotzki Recht hatte bezüglich März 1917, und dass er, Stalin, wesentliche Teile der Konsensposition nach März 1917 abgelehnt hätte. In Wahrheit spricht die Argumentation Stalins von 1924 stark für meine Analyse. Er sagt ausdrücklich (und richtigerweise), dass die Bolschewiki sich im März im Klaren darüber waren, dass der Krieg imperialistisch und dass die Provisorische Regierung konterrevolutionär war. Er „gesteht“ nur, dass es ein taktischer Fehler war, das Wort „Druck“ in die Losungen aufzunehmen, da dies unter Umständen zu Illusionen bei den Adressaten führen konnte. Stalins Argumentation [auf Englisch, CQ] findet sich hier: https://www.marxists.org/reference/archive/stalin/works/1924/11_19.htm#s2. ↩︎
- https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1924/lehren/kap2.htm ↩︎
- CQ: Die deutsche Version dieses Zitats stammt von hier: www.kpd-ml.org/doc/partei/kurzer_lehrgang_kpdsu.pdf. Lih hat jedoch eine eigene Übersetzung aus dem Russischen ins Englische unternommen, die hier der Vollständigkeit halber beigefügt wird: „[In March 1917], Kamenev and several workers of the Moscow organization, for example, Rykov, Bubnov and Nogin, held a semi-Menshevik position of conditionally supporting the Provisional Government and the policy of the defencists. Stalin, who had just returned from exile, Molotov and others, together with the majority of the Party, upheld a policy of no-confidence in the Provisional Government, came out against defencism, and called for an active struggle for peace, a struggle against the imperialist war.“
Lih: Stalin’s Master Narrative, S. 351-2. Im Gegensatz zum Text, den ein Komitee anbot, bemüht sich Stalin ein kleines bisschen mehr um Genauigkeit. Aus „menschewistisch“ wird „halbmenschewistisch“ und aus „Unterstützung“ wird „bedingte Unterstützung“. Der ursprüngliche Entwurf des Komitees enthielt sogar die Behauptung, Kamenew habe „die Arbeiter und Bauern dazu aufgerufen, den imperialistischen Krieg fortzuführen“!
↩︎ - O. V. Khlevni︠uk, Stalin: New Biography of a Dictator (New Haven: Yale University Press, 2016), S. 42-7. ↩︎

