Zeitschrift für marxistische Debatte und Einheit

Bericht der Kuba-Brigade 2026

Die jährliche Kuba-Brigade fand dieses Mal in einer besonders schwierigen Situation statt. Die Blockade und die politischen Angriffe auf Kuba verschlechtern die Lage und zwingen die Regierung, schwierige Entscheidungen zu treffen. Anna Wallner wirft einen Blick auf die historischen Errungenschaften der kubanischen Revolution, die aktuellen Herausforderungen und die Aufgaben, die Sozialist:innen weltweit zufallen.

Ich war dieses Jahr Teil der dritten Jugendbrigade nach Kuba, die von SDS, Linksjugend solid und Cuba Sí organisiert wurde. Zentral waren sowohl die Teilnahme an den 1.-Mai-Feierlichkeiten als auch die Solidaritätskonferenz am folgenden Tag, die wir mit über 200 Brigadist:innen aus über 40 Ländern bestritten. Wir waren insgesamt etwas mehr als zwei Wochen in Havanna, Varadero und der näheren Umgebung unterwegs. Aber warum reisten wir als Sozialist:innen nach Kuba? Die Revolution von 1959, bei der sich das kubanische Volk selbst von der Batista-Diktatur befreite, bietet den Ausgangspunkt für eine Antwort. Die Geschichte Kubas ist von Kolonialisierung und Fremdherrschaft geprägt. Vor der Revolution galt Kuba als Vasall der USA, doch heute verteidigen sie seit über 60 Jahren die Errungenschaften der Revolution gegen die USA.

Im Folgenden möchte ich von meinen Erlebnissen und Erkenntnissen mit der Kuba-Brigade berichten, euch dabei die Errungenschaften der Revolution näherbringen und darlegen, warum es sich lohnt, sich darüber auszutauschen und für Kuba zu kämpfen. Es wird dabei um Bildung und Gesundheit, Kulturpolitik und die Praxis des Internationalismus auf Kuba, sowie um die Realität unter der US-Blockade und die aktuelle politische Situation gehen.

Bildung und Gesundheit

In einem Museum sahen wir das Bild einer über 100 Jahre alten schwarzen Frau, die einen Bleistift in der Hand hielt. Als wir vor dem Bild verweilten, erläuterte uns der Museumsleiter die Geschichte dahinter: Die Frau lernte mit über 100 Jahren das erste Mal ihren Namen zu schreiben. Sie war Sklavin, wie ihre Eltern und Geschwister. Die Alphabetisierungskampagne, die 1961 als eine der ersten Maßnahmen nach dem Erfolg der Revolution gestartet wurde, hatte zum Ziel, den Analphabetismus auf Kuba auszurotten. Dafür wurden meist junge Lehrer:innen in die entlegensten Ecken der Insel entsendet, um dort am Leben teilzuhaben und den Menschen lesen und schreiben beizubringen. Dies war keineswegs ein einmaliges Projekt. Bildung spielt eine essenzielle Rolle, da sie die Grundlage jeglicher Emanzipation ist. Sie ist die Grundlage für die Mündigkeit, und somit für die Demokratie. Auf Kuba ist Bildung nicht darauf ausgerichtet, verwertbare Arbeitskraft zu schaffen. Die Arbeitskraft der 100 Jahre alten Frau, deren Bild wir gesehen hatten, konnte nicht mehr verwertbar gemacht werden. Sie „musste“ für keine Aufgabe schreiben oder lesen können. Es gab ihr aber die Möglichkeit, freier über ihr Leben zu entscheiden. Es emanzipiert, gibt Würde und Verantwortung für das eigene Sein. Auch heutzutage sind das die Grundsätze, nach denen die Lehre auf Kuba gestaltet wird. Schüler:innen übernehmen früh Verantwortung füreinander und lernen miteinander im Sinne der Emanzipation. Nochmal: Bildung gilt als die materielle Grundlage für die Demokratie. Auch daraus erwächst der besondere Stellenwert, den Bildung auf Kuba hat.

Nicht nur das Bildungssystem hat Priorität, sondern auch das Gesundheitssystem. Kuba hat mit 95 Ärtzt:innen pro 10.000 Einwohner:innen die höchste Ärztedichte der Welt. Deutschland hat vergleichsweise nur 45. Das kubanische Gesundheitssystem ist auf Prävention und Ganzheitlichkeit ausgelegt. Durch Bildungskampagnen und Informationsveranstaltungen sollen vermeidbare Krankheiten begrenzt werden. Auch die exzellente Forschung ist Teil des kubanischen Gesundheitssystems: Durchbrüche in der Alzheimer-Forschung, Impfungen gegen Lungenkrebs, eigene Corona-Impfstoffe. Kuba ist weltweit führend in der medizinischen Forschung. Und das ist kein Zufall. Gesundheit, Prävention und Forschung sind eine Priorität auf Kuba und dementsprechend werden diese Bereiche gefördert und mit Ressourcen ausgestattet. Am Ende kommen diese Investitionen allen zugute.

Kultur

„Ser culto es el único modo de ser libre.“ – José Martí.                                                                               

„Kultiviert zu sein, ist der einzige Weg, frei zu sein“

Kultur ist gesellschaftliche Teilhabe, Freiheit und Emanzipation. Auf Kuba ist die Kultur durch die Erfahrung geprägt, sich aus einer Diktatur befreit zu haben. Das stiftet ein gemeinsames Geschichtsbewusstsein. Auch ist dies eine Ursache dafür, dass auf Kuba viel mehr gemeinsam statt nebeneinander gelebt wird. Wir durften auf unserer Reise viele verschiedene Teile der Kultur kennenlernen. So waren wir bei einer Drag Show in Havanna, haben gemeinsam musiziert, gesungen und getanzt. Überall war es den Kubaner:innen wichtig, uns ihre Kultur zu zeigen und sie zugänglich für uns zu machen – Zugänglichkeit und Inklusion waren Teil der Ziele der kubanischen Revolution und sind somit Teil des revolutionären Selbstverständnisses. Wir waren bei mehreren Kulturprojekten zu Besuch, bei denen es um Sport, Tanz, Gesang und andere Kunstformen ging. All diese Projekte waren darauf ausgelegt, gesellschaftliche Zugänglichkeit und Inklusion zu fördern. Jeder soll teilhaben können, wofür es feste Strukturen sowie individualisierte Absprachen zwischen Familien, Schulen und Vereinen gibt. Einmal besuchten wir einen Zirkus, dessen Dach kaputt war. Während der für uns vorbereiteten Aufführung stürzte der Stuhl eines Genossen ein. Doch trotz der materiellen Knappheit, des Mangels an so gut wie allen Ressourcen, ist Inklusion auf Kuba kein Sonderprojekt, sondern ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft – sie ist unverzichtbar.

Internationalismus

Der Internationalismus spielt eine sehr große Rolle in der Gestaltung der Außenpolitik Kubas. Neben dem Außenministerium, welches den Austausch mit anderen Staaten regelt, gibt es zusätzlich das Instituto Cubano de Amistad con los Pueblos (ICAP), das kubanische Institut für Völkerfreundschaft. In deren „Haus der Völkerfreundschaft“ waren wir oft für Austauschveranstaltungen, Vorträge und Podiumsdiskussionen zu Gast. Nicht nur auf der Ministerialebene spielt Internationalismus eine große Rolle. Kuba beherbergt die größte Medizinhochschule Lateinamerikas – die Escuela Latinoamericana de Medicina (ELAM). Studierende aus Krisengebieten studieren dort kostenlos, und das Studium ist auf Notfallmedizin und Versorgung unter prekären Bedingungen ausgelegt. Seit dem 7. Oktober 2023 studieren über 100 Palästinenser:innen dort. Murid ist einer von ihnen. Wir lernten ihn bei einem Podium mit dem Palästinensischen Botschafter kennen. Seine Botschaft: Solidarität mit Palästina ist Solidarität mit Kuba und andersherum. Das Ziel Kubas dabei ist, praktische internationale Solidarität zu leisten. Gegenleistungen können aktuell gar nicht folgen. Das spielt allerdings keine Rolle. Mit diesen Grundsätzen sendet Kuba auch seit Jahren Ärztebrigaden in alle Welt, zum Beispiel nach Naturkatastrophen wie Hurrikanen, oder nach Norditalien während Corona. Neben Ärztebrigaden gab es anschließend an die erfolgreiche nationale Alphabetisierungskampagne auch internationale Alphabetisierungskampagnen. Unter dem Titel ‚Yo sí puedo‘ wurden Lehrer:innen, ausgestattet mit Schulbüchern, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, in über 40 Länder entsandt. Die Regierung Kubas meint es schon ernst, wenn sie sagt, dass Bildung die materielle Basis für Emanzipation und Demokratie ist. Diese Grundlage soll auch für Menschen in anderen Ländern geschaffen werden. Etwas platt aber nicht weniger wahr könnte man überspitzen: Die USA senden Waffen, Kuba sendet Ärzt:innen und Lehrer:innen. Eine südafrikanische Genossin sagte während der Solidaritätskonferenz am 2. Mai den mahnenden Satz: „solidarity is not a sentiment“. Niemand lebt das besser vor als Kuba selbst. Im Gegenzug müssen wir von Kuba lernen und unsere Solidarität in handfeste politische Arbeit übersetzen.

Die omnipräsente Blockade

Man kann nicht über Kuba sprechen, ohne über die Blockade zu sprechen. Es fängt schon bei der Wortwahl an: Blockade? Sicher, die Blockade gibt es, aber sie ist Teil eines Wirtschaftskrieges und Staatsterrorismus der USA gegen Kuba. Im Museo de la denuncia, also „Museum der Anklage,“ wurden wir über die Geschichte dieser Blockade und des Krieges der USA gegen Kuba aufgeklärt. Seit dem Sieg der Revolution von 1959 gab es verschiedene Operationen, die den Sturz der Regierung Fidels und die Übernahme Kubas zum Ziel hatten. Militäraktionen, Sabotage und Propaganda: was lange geleugnet wurde, ist mittlerweile sogar durch offizielle deklassifizierte Dokumente der CIA belegt. Die Invasion der Schweinebucht von 1961, die den Yankees ihre erste Niederlage in Amerika bescherte, Attentate auf Flugzeuge, gefolterte Diplomaten, Mord an Lehrer:innen der Alphabetisierungskampagne, versuchte Infiltrierung, biologische Kriegsführung durch das Einschleppen von Krankheiten und Schädlingen – die Liste könnte bis ins Ewige weitergeführt werden, jede Aktion perfider als die letzte. Diese Verbrechen waren immer begleitet von Aufrufen zu Krawallen und Unruhen. Das Ziel dieser Maßnahmen ist klar: das revolutionäre Denken schwächen und in letzter Instanz die Revolution rückgängig machen. Das Leid, das durch den Wirtschaftskrieg und andere Gräueltaten verursacht wird, wird nicht nur in Kauf genommen, es ist das ausgemachte Ziel. Laut offiziellen Dokumenten lautet das Kalkül, die Kubaner:innen so sehr leiden zu lassen, bis sie sich ihrer Regierung entledigen und die USA als Retter empfangen.

„… una revolución en las condiciones de Cuba, frente a un país tan poderoso como Estados Unidos, sólo se hubiera podido defender y sólo habría podido sobrevivir con el apoyo de la inmensa mayoría del pueblo.“ (Fidel 1988)

Eine Revolution unter den Bedingungen Kubas konnte sich nur dank der Unterstützung der überwiegenden Mehrheit des Volkes gegen ein so mächtiges Land wie die USA verteidigen und überleben.

Trotz des ökonomischen und medialen Krieges gegen Kuba verteidigt das kubanische Volk seine Revolution. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass besonders seit den Verschärfungen der Sanktionen zum Beginn des Jahres das Leben auf Kuba nochmal prekärer geworden ist. Die Blockade schlägt sich im Mangel an allem – Medikamente, Öl und damit Strom – nieder. Das löst eine starke Lethargie aus: Die Kubaner:innen sind müde und erschöpft von über 60 Jahren Überlebenskampf. Die Gesundheitsstrukturen können noch so gut sein – wenn keine Medikamente da sind, kann man sie auch schlecht verteilen. Die Strukturen für Teilhabe und Mitbestimmung können noch so gut sein – wenn durch den Mangel an Öl kein Treibstoff mehr vorhanden ist, sind sie nicht zu erreichen. Und die Schulen können noch so wichtig sein, aber wenn bis zu 22 Stunden am Tag der Strom ausfällt, kann auch kein Licht angemacht werden, um Bücher zu lesen. Die Blockade durchdringt jeden Lebensbereich. Nichts, was auf Kuba passiert, kann verstanden werden, ohne die Blockade im Blick zu behalten.

»Wenn Leute mich fragen, wie die kubanische Wirtschaft funktioniert, sage ich: Sie funktioniert nicht, sie überlebt.«

Gladys Cecilia Hernández Pedraza, Polit-Ökonomin am Zentrum für globale Wirtschaftsforschung

Dieses Zitat fasst die Lage in Kuba am treffendsten zusammen. Die kubanische Wirtschaft ist von Erschütterungen und darauffolgenden Anpassungsbewegungen geprägt. Seit 60 Jahren durch die größte Wirtschaftsmacht blockiert, durch den Zusammenbruch der Sowjetunion (dem größten Handelspartner) zur Umstrukturierung gezwungen, überlebt die kubanische Wirtschaft seit Jahren gerade so. Die Pandemie verpasste auch dem erstarkenden Tourismus-Sektor einen heftigen Dämpfer.

Aktuelle Situation

Neben der Blockade werden aktuell auch immer wieder neue Sanktionen auferlegt, zum Beispiel auch gegen das Institut für Völkerfreundschaft. Zusätzlich zu diesen Maßnahmen verschärft Präsident Trump seine Drohungen, Kuba militärisch anzugreifen. Während unseres Aufenthalts kündigt er an, einen Flugzeugträger in die Karibik zu verlegen. Kurz danach macht er die Drohung wahr. Präsident Díaz-Canel versucht zwar, diesen Drohungen mit Gelassenheit zu begegnen, kündigt an, das Metall der Flugzeugträger verwerten zu wollen und gemeinsam den Träger als Tanzfläche zu nutzen, ist aber dennoch sichtlich gestresst. Besonders die Menschen, die als Repräsentanten von Organisationen, wie der Jugendorganisation der Partei UJC, sprechen, wirken sehr resilient und klar in ihrer Analyse. Im Gespräch mit Kubaner:innen ist die gleiche Wut auf die Blockade präsent, die Resilienz ist jedoch nicht im gleichen Maße ausgeprägt. Die Menschen sind unzufrieden, leiden unter dem Mangel an allem. Besonders junge Menschen, jene die 50 Jahre nach der Revolution geboren wurden und nur die stetige Verschlechterung der Verhältnisse auf Kuba kennen, sind unzufrieden, sehen keine Chancen für ein gutes Leben, eine sichere Zukunft auf der Insel. In diesem Kontext sind auch die wirtschaftlichen Liberalisierungsmaßnahmen zu betrachten, die von der kubanischen Regierung Mitte Juni beschlossen wurden. Die Option, so weiterzumachen wie bisher, ist realistisch betrachtet keine mehr. Die Entscheidung musste unter extrem hohem Druck gefällt werden.

Genau deshalb muss unsere Aufgabe als Sozialist:innen sein, gegen diesen Druck anzukämpfen. Von Kuba lernen wir, dass eine andere Welt möglich ist – Eine Gesellschaft, die nach Bedürfnissen statt Profiten organisiert ist. Wir lernen auch: es ist möglich, dem US-Imperialismus zu trotzen. Diese Errungenschaften müssen verteidigt werden. Unsere Solidarität ist nicht nur ein Gefühl. Unsere Solidarität muss sich in unserer politischen Arbeit widerspiegeln. Nirgends auf der Welt spitzt sich der Kampf gegen den US-Imperialismus so zu wie aktuell auf Kuba. Der Kampf für ein souveränes Kuba ist der Kampf gegen den US-Imperialismus. Uns muss allerdings auch klar sein: Unser Hauptfeind steht im eigenen Land. Würde die EU, und mit ihr Deutschland, die US-Blockade nicht mittragen, könnte es die Blockade in dieser Form nicht geben. Obwohl Deutschland in der UN-Vollversammlung immer wieder symbolisch gegen die Blockade stimmt, setzt Deutschland diese völkerrechtswidrige Aggression mit durch. Nicht nur in diesem Aspekt dient Deutschland als Vasall der USA. Die über 100 Militärstützpunkte auf deutschem Gebiet sichern die Machtansprüche der USA ab – ob die amerikanische Freiheit dann konkret gegen den Iran, Libanon oder China verteidigt wird, ist egal. Wir müssen zum einen darum kämpfen, dass die Bundesregierung sich gegen die Blockade ausspricht und aufhört, den USA bei jeder Schweinerei zur Seite zu stehen. Aber das allein reicht nicht. Auch innerhalb der Zivilgesellschaft haben wir die Aufgabe, die Blockade zu brechen. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Die UJC, die Jugendorganisation der kubanischen Kommunistischen Partei, hat uns vor allem die Aufgabe gegeben, gegen den medialen Krieg zu agitieren: öffentlich, besonders in den sozialen Medien, den Lügen der USA entgegenzutreten und die Wahrheit über die Errungenschaften der Revolution zu erzählen. Denn wer Kuba kennt, kann Kuba nicht hassen.

Luchar por la paz es el deber más sagrado de todos los seres humanos.                                

Für den Frieden zu kämpfen ist die heiligste Pflicht eines jeden Menschen. – Fidel

Viva Cuba, viva la revolución. Hasta la victoria, siempre.

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