Wie müssen Kommunisten auf die Ausbreitung von KI und Automatisierung reagieren? Viktor Kubin untersucht die Auswirkung von KI auf kapitalistische Profite und argumentiert, dass KI genau deswegen diktatorische Tendenzen im Kapitalismus produziert, weil Automatisierung den Rahmen des Systems zu sprengen droht.
R. P.: Wie stellen wir sicher, dass die [durch KI erlangten] Gewinne gerecht verteilt werden und wir aus dieser schrecklichen Flaute der stagnierenden Lebensstandards herauskommen?
G. H.: Sozialismus.
R. P.: Das war’s!? Man braucht einfach eine anständige sozialistische Führung?
G. H.: Jup.
— Geoffrey Hinton, „Gottvater der KI”, im Interview mit Robert Peston1
Wir können ohne zu übertreiben sagen, dass die Kapitalisten des Silicon Valley bereit sind, alles für die Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI) aufs Spiel zu setzen. Die unvorstellbaren Mengen an Energie, die benötigt werden, um die Datenzentren zu betreiben, welche die nächsten Generationen von Large Language Models (LLMs) trainieren sollen, machen alle globalen Klimaschutzziele zunichte.2 KI-generierte Bilder, Social-Media-Posts, Artikel, Videos und Lieder überfluten das Internet mit „Slop“ und Fehlinformationen, machen es zunehmend unbenutzbar und gefährden darüber hinaus das letzte bisschen sozialen Zusammenhalt und geistige Gesundheit, das unsere zusammenbrechende neoliberale Weltordnung noch hergibt. Das katastrophale Platzen der KI-Blase, die auf zirkulären Investitionen basiert, ist nur noch eine Frage der Zeit.3
Warum das Ganze? Die Antwort lautet natürlich, dass die Kapitalisten sich erhoffen, das Proletariat als Arbeiterklasse durch KI teilweise oder eines Tages vollständig zu ersetzen. Im Silicon Valley ist dieser (Alp-)Traum bereits zu einem millenarischen Kult geworden. Die Annahme lautet, dass der Kapitalismus mithilfe von KI weitgehend oder sogar vollständig ohne Menschen, genauer gesagt: ohne Proletarier, funktionieren könne — und dies sogar besser als zuvor. Dies hätte konkrete strategische (und theoretische) Implikationen für uns als Linke. Sollte der Kapitalismus ohne menschliche Arbeiter besser funktionieren, droht dem Proletariat, wieder in den Zustand seines Namensvetters aus dem antiken Rom zurückversetzt zu werden: eine politisch impotente Klasse, die sich im besten Fall von staatlichen Almosen als universal basic income und ein paar übriggebliebenen Berufen im Dienstleistungssektor erhalten kann. Es würde bedeuten, dass wir als Klasse die Entwicklung und Verbreitung von KI innerhalb des Kapitalismus bremsen müssten.
In der Linken gibt es momentan noch zu wenig analytische Klarheit zum Thema KI. Viele tun das Problem ab, indem sie (korrekterweise) die Einschränkungen der Technologie, menschliche Arbeit wirklich zu ersetzen, hervorheben. Doch was, wenn es eines Tages tatsächlich möglich wird?
Andere berufen sich auf die bekannte „marxistische“ Weisheit, dass nur Menschen Profit erzeugen. Doch nur wenige Linke haben sich ernsthaft mit Marx’ Werttheorie auseinandergesetzt, sodass dieses Argument selten überzeugend wirkt und mehr dogmatisch erscheint. Was genau ist es an menschlicher Arbeit im Kapitalismus, das sie so unersetzbar macht? Zirkulieren Arbeiter nicht schon wie Waren im Kapitalismus? Wäre dies nicht einfach der nächste Schritt?
KI ist schon heute in einen signifikanten Teil der globalen Produktionsprozesse integriert und das Arbeiten mit KI ist insbesondere im Tech-Bereich bereits zum Standard geworden. Wir können diesem wichtigen Thema nur mit der richtigen politischen Strategie begegnen, wenn wir einordnen können, was dies für die Reproduktion der Kapitalakkumulation bedeutet. Mit diesem Artikel möchte ich zur Entwicklung dieses Verständnisses beitragen.
Viele Linke sehen mit Schrecken die Zerstörung der Umwelt, der Gesellschaft und der allgemeinen geistigen Gesundheit, die durch KI verursacht wird. Sie beobachten, wie bereits jetzt viele Künstler, Autoren, Programmierer und andere Arbeiter ihre Arbeit an KI verlieren. Sie kommen zu dem Schluss, dass KI die „Technologie des Feindes” ist. Die gewaltigen Datenmengen und Rechenzentren, die LLMs benötigen, führen dazu, dass diese Technologie größtenteils in den Händen weniger großer Tech-Konzerne konzentriert ist, von denen die Nutzer immer abhängiger werden. Die regelmäßige Nutzung von LLM-Chatbots reduziert das rationale Denkvermögen und die Kreativität.4 Welchen progressiven Nutzen könnte eine Technologie haben, die auf der gewaltsamen Aneignung unserer kulturellen Produkte und sozialen Interaktionen basiert, um uns vom Arbeitsmarkt zu verdrängen und eine Welt der Täuschung und Verdummung zu schaffen? So sieht man auch in den sozialen Medien immer wieder Linke, die (sicherlich nur halbscherzend) zu einem Butlerianischen Djiahd aufrufen, die Vernichtungskampagne gegen KI in Frank Herberts Dune Romanen.
Ich möchte in diesem Artikel die Möglichkeit eines vollständig automatisierten Kapitalismus mit einer marxistischen Analyse kritisch hinterfragen und für eine andere strategische Perspektive argumentieren. Die volle Entfaltung von KI-Produktivkräften sprengt den gesellschaftlichen Rahmen des Kapitalismus. Die praktischen und sozialen Probleme, die diese Technologie aufwirft, können nur innerhalb kollektiver Besitzverhältnisse gelöst werden — Besitzverhältnisse bezüglich KI und Datenzentren, für die wir bereits jetzt politisch kämpfen müssen. Und das nicht nur, um uns gegen den automatisierenden Kapitalismus zu verteidigen, sondern auch, um die Möglichkeit einer postkapitalistischen Wirtschaft zu realisieren.
KI und die Krisentendenz der Kapitalakkumulation
[…] Seit den Anfängen des Kapitalismus hatten die Menschen diese Hoffnung, wissen Sie, dass er sich seinem Ende nähert — lasst ihn uns noch ein Stückchen weiter treiben —, und ich fand das ziemlich komisch. Marx beschrieb den Kapitalismus, und für Marx stand der Kapitalismus kurz vor seinem Ende und dem Zerfall. Dann sagte Lenin: Jetzt kommt der Imperialismus, die letzte Phase. Ein halbes Jahrhundert später sagte Mao Zedong, der Imperialismus nach dem Zweiten Weltkrieg sei der Kapitalismus in seinem höchsten, verrottenden Stadium und so weiter. […] Seit über einem Jahrhundert geht diese Geschichte so. Wir glauben, der Kapitalismus sei an seine Grenzen gestoßen, aber er ist wie ein untoter Vampir oder so etwas. Er kehrt immer stärker zurück.
— Slavoj Zizek5
Das Informationszeitalter und KI
Ende der 1970er Jahre geriet das kapitalistische System in eine weltverändernde Profitkrise — die von Marx beschriebene Tendenz fallender Profitraten hatte den Kapitalismus (wieder) eingeholt. Doch der neoliberalen Konterrevolution der 1980er Jahre gelang es tatsächlich, das kapitalistische Weltsystem fundamental umzustrukturieren, den Fall der Profitrate zu bremsen und zu stabilisieren. Dafür musste der Kapitalismus über die Grenzen der Nationen hinaus in den Cyberspace fliehen.
In seiner monumentalen materialistischen Analyse des post-fordistischen Kapitalismus, Das Informationszeitalter, argumentiert Manuel Castells, dass die Innovationen der Informations- und Netzwerktechnik — welche in den 50er Jahren mit der Erfindung des Transistors begannen, in den 70er Jahren ihren Durchbruch mit der Erfindung des Mikroprozessors erreichten und schließlich zum Aufstieg des Internets in den 80er Jahren führten — in ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft der industriellen Revolution in nichts nachstehen. Wie Castells zeigt, ist es eine Besonderheit der kapitalistischen Informationsgesellschaft, dass sie nicht mehr primär durch Verbesserungen bei der Energieerzeugung und dem erweiterten Einsatz von Maschinen, d. h. die klassische Innovation der Produktionsmittel, wie Marx sie kannte, erreicht wird, sondern durch die Akkumulation von Wissen und Information und die Verbesserung der Informationsverarbeitung selbst. Dies wurde durch die Integration von Mikroprozessoren in fast alle Produktionsmittel, den Aufstieg des Computers als Produktionsmittel und die Entwicklung und Verbreitung von Programmiersprachen ermöglicht, welche die symbolische Repräsentation und den unmittelbaren Produktionsprozess direkt miteinander verbinden.
Unter dem neuen technologischen Paradigma dreht sich die Rückkopplungspriale zwischen der Einführung einer neuen Technologie, ihrer Anwendung und ihrer Entwicklung für neue Bereiche viel schneller. Deshalb führt die Ausbreitung einer Technologie zu einer endlosen Verstärkung ihrer Macht, indem sie durch die Anwendung angeeignet und neu definiert wird. Die neuen Infrormationstechnologien sind nicht einfach Werkzeuge, die benutzt werden, sondern Prozesse, die entwickelt werden (müssen). Anwender können Entwickler werden. Also können Anwender die Kontrolle über die Technologie übernehmen, wie im Falle des Internet. […] Zum ersten Mal in der Geschichte ist der menschliche Verstand eine unmittelbare Produktivkraft und nicht nur ein entscheidendes Element im Produktionssystem.6
Lorenzo D’Aria beschreibt diese Entwicklung aus einer marxistisch(eren) Perspektive in einem bemerkenswerten Artikel im Philosophy World Democracy Magazin wie folgt:
Die selbstreferenzielle Anhäufung von kodifiziertem Wissen im Kontext der kapitalistischen Produktion wurde durch die ‚Informationsrevolution‘ ermöglicht. Diese Revolution hat zwei Seiten, eine soziale und eine technische. Die soziale Seite besteht in der Herausbildung einer ‚wissensbasierten‘ Arbeitskraft, die — ebenso wie die manuelle Arbeit — von den für ihre Reproduktion notwendigen Bedingungen getrennt ist. Die technische Seite besteht in der Verselbstständigung der Software vom Hardwarebereich, die durch den Mikroprozessor ermöglicht wurde. Das Ergebnis ist ein System, in dem das Ergebnis einer Innovation — ohne den kapitalistischen Produktionsprozess zu verlassen — direkt als Input für die nächste verwendet werden kann.7
Wir sehen hier also die kapitalistische Aneignung der intellektuellen oder kognitiven Arbeit, und die Tendenz zur Automatisierung, die so in der Informationsgesellschaft auch auf diese Aktivitäten angewendet wird. Ab dem Moment, an dem das Internet es ermöglichte, den überwiegenden Teil des vergangenen und gegenwärtigen gesellschaftlichen und kulturellen Outputs der Menschheit auf demselben Netzwerk zu kodifizieren, war es nur eine Frage der Zeit, bis man versuchen würde, statistische Modelle auf dieser Datenmenge zu trainieren und ihre Muster fortzuführen, um Texte, Lieder, Filme usw. „aus dem Nichts“ zu generieren und zu kommerzialisieren.8 Die KI-„Revolution“ ist in Wahrheit nur der neueste Durchbruch der informationstechnologischen Revolution.
LLMs zerlegen Texte in Tokens, auf denen große neuronale Netzwerke trainiert werden, um die nächsten Tokens vorherzusagen. Der Reflex, diese Modelle auf Auto-Complete zu reduzieren, ist hier kontraproduktiv. Tatsächlich finden diese Modelle in den Trainingsdaten komplexe, höherdimensionale Assoziationen zwischen Sprachelementen und lernen die darin enthaltenen Muster fortzuführen. Genosse Geoffrey Hinton, dessen Forschung für die Entwicklung von LLMs von großer Bedeutung war, arbeitete in den 80er Jahren an Vorgängern dieser Sprachmodelle, nicht um KI im eigentlichen Sinne zu erzeugen, sondern um zu verstehen, wie die menschliche Sprachverarbeitung funktioniert.9 KI-Filme und -Lieder basieren auch auf neuronalen Netzwerken, nur mit der Vorhersage der nächsten Pixelwerte auf einem Gitter oder der nächsten Tonelemente. Wie sich herausstellt, funktioniert dies trotz all der bekannten Probleme beeindruckend gut. Das liegt zum einen daran, dass neuronale Netzwerke mathematisch universelle Approximatoren sind, was bedeutet, dass sie theoretisch alles lernen können zu approximieren, was sich als Funktion, d. h. als eine logische Beziehung von Inputs und Outputs, darstellen lässt. Zum anderen stehen unvorstellbar gewaltige Datenmengen im Internet dafür „zur Verfügung”. Aus LLMs lassen sich „Agenten” machen, die selbstständig Applikationen anwenden, d. h. Produktionsmittel bedienen können. Diese Agenten können zu komplexen Agenten-Flows kombiniert werden, in denen verschiedene Agenten mit verschiedenen Aufgaben und Zugängen zu Applikationen vernetzt und in Hierarchien arbeiten. Das funktioniert heute noch mehr schlecht als recht und ist gewiss nicht die Proto-AKI (AKI = allgemeine künstliche Intelligenz), für die Sam Altman und Co. dieses System verkaufen wollen. Aber es stellt einen bedeutenden Meilenstein in der Tendenz der informationstechnologischen Entwicklung zur Vereinfachung der Interaktion zwischen Mensch und Maschine, d. h. zur Automatisierung, dar.
Derzeit sind die kritischen Einschränkungen dieser Systeme das unvermeidbare Halluzinieren und die Tatsache, dass diese Modelle nicht aus der Anwendung lernen. Schickt man z. B. Claude Sonnet 4.5 eine Frage und ein paar Sekunden später eine weitere, hat die KI bereits nichts mehr über die erste Frage gespeichert und auch nichts aus ihr gelernt. „Unterhaltungen” mit KI laufen unter der Haube so ab, dass dem Modell zuerst die erste Frage gesendet wird, dann die erste Frage plus die erste Antwort plus die zweite Frage usw. Jedes Mal reagiert das Modell frisch auf den Input. Doch wenn der kritische Durchbruch auf dem Weg zur AKI erfolgt, werden LLMs eine wichtige Rolle gespielt haben. Hinzu kommen ähnliche Durchbrüche in der Robotik, wie z.B. bei den chinesischen Dark Factories. So wird klar, dass wir als Marxisten, wenn wir eine wissenschaftliche Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung auf der Höhe der Zeit haben wollen, das Szenario des Ersetzens von menschlicher Arbeit im zweistelligen Prozentbereich ernst nehmen müssen.
Kann Kapitalismus ohne menschliche Arbeit funktionieren?
In seiner Analyse von Marx‘ Kapital, Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems (Zugleich eine Krisentheorie) macht Henryk Grossman die wichtige Feststellung, dass der wirkliche Wert der Marx’schen Werttheorie nicht darin liegt, das Ende des Kapitalismus prophezeit zu haben, sondern herausgearbeitet zu haben, wie das kapitalistische System es vollbringt bringt nicht zusammenzubrechen und somit, was es am System ist, das Revolutionäre angreifen müssen, wenn sie es in die Knie zwingen wollen. So sind Marxisten fehlgeleitet, die zu „beweisen“ versuchen, dass diese oder jene „Vorhersage“ von Marx wahr geworden ist. Marx beschäftigte sich mit der Frage, welche die notwendigen Bedingungen für die Möglichkeit und Reproduktion der kapitalistischen Akkumulation sind, und wie eben jene Bedingungen notwendige Tendenzen erzeugen, welche dem Kapitalismus über längere Zeiträume betrachtet entgegenwirken, oder genauer gesagt, über ihn hinausgehen. Doch welche Zustände und Entwicklungen genau dadurch in der Gesellschaft entstehen, ist eine Frage der konkreten historischen Entwicklung des Kapitalismus. So hilft uns die Marx’sche Werttheorie zu verstehen, welche Tendenzen die Integration von KI in den kapitalistischen Produktionsprozessen in der Gesellschaft und Wirtschaft erzeugen
Die Kapitalakkumulation basiert auf der verallgemeinerten Warenproduktion, welche in der Marx’schen Werttheorie das System der austauschbaren abstrakten Arbeit, oder genauer gesagt Arbeitszeit, verdinglicht, und in welcher auch die Arbeitskraft von Menschen als Ware zum Kauf und Verkauf zirkuliert. Die Grundlage dieser Verhältnisse ist das private Eigentum an den Produktionsmitteln, auf denen die moderne Gesellschaft basiert. Das System der austauschbaren abstrakten Arbeit ermöglicht die Akkumulation von lebendiger und toter Arbeit in der Form von variablem und konstantem Kapital10 in einer Schleife positiver Rückkopplung von Mehrwertschöpfung, von der sich Kapitalisten parasitär ernähren: Arbeiter produzieren mit den Produktionsmitteln einen Mehrwert, der über die Erhaltungskosten der Produktion — einschließlich der Miete, verbrauchten Ressourcen, Wartung und der eigenen Gehälter usw. — in einem gegebenem Zeitraum hinausgeht und über den die Kapitalisten rechtlich verfügen. Ein Teil des Mehrwerts fließt rückkoppelnd zurück als Investition in die Produktion, ein anderer Teil in die privaten Profite der Kapitalisten/Shareholder (andere Teile gehen an den Staat, Kreditgeber, usw.). Das rekursive Innovieren der Produktionsmittel erlaubt es Kapitalisten billiger, schneller und in größeren Mengen zu produzieren, und damit die Profitmasse und somit den eigenen Konsumanteil daran zu steigern und gleichzeitig noch mehr in die eigene Produktion zu investieren, um die Akkumulation auf immer höheren Niveaus fortzusetzen. Doch die Innovation der Produktionsmittel verdrängt die Quelle der Profite — proletarische Arbeit — aus der Produktion, indem sie die Arbeitszeit pro Output reduziert. Es wird mehr der Ware produziert, doch sie wird verbilligt, während die Produktionskosten steigen, wodurch die Profitrate fällt.
In seinem Werk zur Kapitalakkumulation benutzt Grossmann Otto Bauers mathematisches Modell der Marx’schen Werttheorie um verschiedene Umstände der Kapitalakkumulation zu untersuchen. Er zeigt, dass die Profitmasse, obwohl sie während des unausweichlichen Falls der Profitrate zunächst und über längere Zeit steigt und die Kapitalakkumulation sogar beschleunigt wird, für jede beliebige Konfiguration von variablen und konstantem Kapital, Marktsituationen, Investitionsraten usw. dennoch irgendwann selbst beginnt zu stürzen11 — der Moment der Krise. Dies gilt selbst dann, wenn der Markt für die produzierten Waren unerschöpflich ist, wenn also alle Ware immer zu ihrem tatsächlichen Wert verkauft werden kann, da das Problem an der Quelle der Produktion selbst entsteht, dort wo abstrakte Arbeit aus dem Produktionszyklus verdrängt wird und somit den Kapitalisten die Möglichkeiten schwinden, Mehrwert aus der Differenz zwischen Produktionskosten und wirklichen Ausgaben zu schlagen, d.h. Arbeiter auszubeuten. Das technologische Produktionsniveau und die Profitraten einzelner Kapitale vermischen sich zu einem allgemeinen gesellschaftlichen Zustand im Wettbewerb. Weil Produktionen mit einem größeren Anteil an variablem Kapital eine höhere Profitrate haben, strömt zunächst mehr Kapital in diese Produktionsbereiche. Der dabei entstehende Wettbewerb verbilligt jedoch die Produkte, sogar bis zu unter ihrem Wert. Die verbilligte Ware aus einem Sektor erhöht wiederum die Rentabilität der anderen Sektoren, indem es deren Produktionskosten verringert. So entsteht eine Tendenz zur Mittelung gesellschaftlicher Profitraten. Was nun also für ein Kapital gilt, wird zum gesellschaftlichen Phänomen: Technologischer Fortschritt hebt die allgemeinen Profitmassen an und macht die ganze Kapitalistenklasse zum Nutznießer dieses Fortschritts. Doch dies schließt auch die Tendenz der fallenden Profitrate ein. Der Zeitpunkt der „absoluten Krise” ist dort erreicht, wo der Mehrwert der gesamtkapitalistischen Produktion aufgrund von Kapitalüberakkumulation so gering ist, dass jede weitere Innovation und Automatisierung der Produktionsmittel den Anteil des Profits, der noch übrig bleiben würde für den Konsum der Kapitalisten, unter das Reproduktionsniveau der Kapitalisten als Klasse drücken würde.
Obwohl die neoliberale Globalisierung in seiner frühen Phase zu einer Intensivierung des Wettbewerbs führte, musste der Kapitalismus, anders als in vorherigen Phasen des gesteigerten Marktwettbewerbs, keinen proportionalen Fall der Profitrate erleiden. Der Grund dafür sind die neuen Möglichkeiten zur Profitgenerierung, die die Kombination aus Informationstechnologie und Neoliberalismus schufen. Castells schreibt:
Das Spezifische ist, dass durch den Wechsel zu einem technologischen Paradigma, das auf Informationstechnologien beruht, endlich das Produktivitätspotenzial realsiert wurde, das in der reifen industriellen Wirtschaft enthalten war.12
So erlaubt es die Informationstechnologie, die Produktivität, und somit die Profitabilität, auf einem gegebenen Stand der organischen Zusammensetzung des Kapitals (das Verhältnis zwischen konstantem und variablem Kapital) mit geringeren Investitionen voranzutreiben, und durch die Anwendung und Aneignung von kodifiziertem Wissen noch mehr Mehrwert aus den gegebenen Bedingungen herauszukitzeln. Die netzwerktechnische Innovation ermöglichte die Entstehung oligopolistischer internationaler Produktionsnetzwerke mit globaler Reichweite, die ihre Konfigurationen hinsichtlich verschiedener lokaler Arbeiterreservoire, Ausbeutungsmöglichkeiten und Märkte in verschiedenen Ländern zu einem erhöhten Maß optimieren können. Die neoliberale Austerität, der sich auch außerhalb der USA und Großbritanniens praktisch alle Länder fügten, um sich in die neue globalisierte kapitalistische Produktion einzugliedern, vernichtete die historischen Arbeiterorganisationen und führte, zusammen mit dem globalen Wettbewerb, zu einer deutlichen Reduktion der Kosten von variablem Kapital. Wie die großartige analytische Arbeit von Nicholas D. Villareal deutlich zeigt, stiegen Investitionen in die Produktion im Auftakt zur Rentabilitätskrise der 1970er noch rasant an und erzeugten bis zu diesem Punkt in der Geschichte des Kapitalismus die von Marx beschriebene Tendenz der fallenden Profitrate. Die Investitionen gingen jedoch in der neoliberalen Periode stark zurück, was es westlichen Kapitalisten erlaubte, den Fall der Profitrate zu bremsen, ihren eigenen Konsumanteil an den Profitmassen gegen den der Arbeiter zu sichern und in einem anhaltenden historischen Tief der Profitraten als Klasse zu überleben und florieren.13
Was würde es nun für den Kapitalismus bedeuten, wenn ein signifikanter Teil der Arbeitsplätze durch KI ersetzt werden würden? Die Genoss:innen des US-Amerikanischen Magazins Cosmonaut veröffentlichten den Artikel Why machines don’t create value14 von Ian Wright, in dem er einen „Turing-Test” für die Marx’sche Werttheorie vorschlägt, bei dem man menschliche Arbeiter einfach durch Maschinen/KI ersetzt, welche die exakt selbe Arbeit, zu den exakt selben Kosten durchführen. Laut Wright würden Unternehmen, die diese Strategie verfolgen, zunächst dieselben Profite erzielen, doch langfristig menschlich(eren) Unternehmen wegen der besonderen kausalen Fähigkeiten menschlicher Arbeit unterliegen, insbesondere der Fähigkeiten bei der Arbeit zu innovieren, zu experimentieren und neues Wissen zu erwerben, welche mehr Mehrwert erschließen. Dieses Argument entspricht mehr oder weniger der aktuellen realen Problematik bei der Einführung von KI als Ersatz von menschlicher Arbeit im Tech-Sektor.
Doch obwohl Wright ein ernstzunehmender und intelligenter Marxist ist, enthält dieses Argument wenig Marxismus. Der kreative und autonome Input von Arbeitern ist zwar de-facto ein relevanter Aspekt der Profiterzeugung im kapitalistischen System, wie es historisch hervorgegangen ist, und mag für die Rentabilität einzelner Berufe entscheidend sein, doch er ist nicht die notwendige Bedingung der kapitalistischen Akkumulation als gesamtgesellschaftlichen Prozess. Das Marx’sche Argument, warum menschliche Arbeit, genauer gesagt proletarische Arbeit, so wichtig im Kapitalismus ist, ist nämlich auch noch dort gültig, wo die Menschen am Arbeitsplatz ohne jegliche Kreativität und Input, wie Maschinen, ackern.
Wie Peter Ross in seiner Kritik an Wrights Artikel, The Relevance of Marx’s Value Theory in the Age of Artificial Intelligence15 argumentiert, ist nicht die heroische Kreativität und Tatkräftig der Arbeiter der Grund für ihre besondere Fähigkeit, Mehrwert zu generieren, sondern ihre Unterdrückung unter der Klassenherrschaft der Kapitalisten über die Produktionsmittel, unter der Arbeiter ihre eigene Arbeitskraft zu Bedingungen verkaufen müssen, die für Kapitalisten profitabel sind. Der wirkliche Grund, warum KI-Unternehmen in Wrights Beispiel unterliegen werden, ist, dass der Verkäufer der Arbeitskraft der KI selbst Kapitalist ist, und als solcher, frei von Klassenunterdrückung, an seine eigene Profitabilität denkend, sie, wie jede andere Ware, zu Marktpreisen verkauft. Sich selbst verkaufende menschliche Arbeiter — Proletarier — arbeiten in einem gegebenem Arbeitszeitraum aber einen Teil der Zeit umsonst, nämlich ab dem Zeitpunkt, an dem der für den Kapitalisten generierte Wert der bisherigen geleisteten Arbeit das Gehalt, welches ohne Klassenorganisation der Arbeiter nur dessen Erhaltungskosten enthält, beglichen hat. Der Mehrwert-generierende Teil der Arbeitszeit ist bei von Kapitalisten verkauften „Arbeiter-KIs“ jedoch härter umkämpft: Der Käufer der Arbeitskraft einer Arbeiter-KI möchte am liebsten, wie er es auch bei menschlichen Arbeitern will, nur deren Erhaltungskosten zahlen. Der Verkäufer der KI will als Kapitalist die Produktionskosten derselben decken, plus soviel wie möglich der Wertgenerierung, die deren Arbeitskraft in der Arbeitsperiode leistet, in den Verkaufspreis einpreisen. Unter perfekten Wettbewerbsbedingungen fallen Marktpreise für Waren bis auf ihre Produktionskosten, denn dies ist der untere Grenzwert des Preises, zu dem Kapitalisten ihre Ware verkaufen wollen, um die Konkurrenz zu unterbieten. Dies gilt auch für die Ware KI, und es ist vorstellbar, dass die Produktions- und Erhaltungskosten von Arbeiter-KIs billiger werden als selbst die bloßen Erhaltungskosten menschlicher Arbeiter. Doch das bedeutet, dass auch die mit ihnen produzierte Ware verbilligt wird. Wenn die Arbeitskraft von KI derart billig ist, ist die abstrahierte Arbeitszeit, die die Gesellschaft aufbringen muss, um sie in Gang zu setzten, dementsprechend verschwindend gering. Der Mehrwert, den die Arbeiter-KIs gegenüber ihren Erhaltungskosten in ihrer „Lebenszeit“ (d.h. bis zu ihrer Obsoleszenz) generieren, fällt so zunehmend mit ihren Produktionskosten zusammen, und diese mit ihrem Kaufpreis. Alle Waren und alle Arbeitskräfte werden immer billiger, und die Profite aller beteiligten Kapitalisten fallen gegen Null. Dies gilt auch für die Vermarktung von Arbeiter-KIs selbst, die, wenn sie einmal billiger als menschliche Arbeiter sind, zunehmend von anderen Arbeiter-KIs produziert werden, was diese noch weiter verbilligt.
Aus der Sicht jedes einzelnen Kapitalisten scheint Automatisierung enorm Vorteilhaft, so wie für sie jeder technologische Fortschritt potentiell ein Vorteil auf dem Markt ist. Auch würden nicht alle Sektoren des Kapitalismus gleichzeitig automatisiert, wodurch die Tendenz der Mittelung der Profitraten die zunächst erhöhten Profite in einem Sektor auf den Rest der Wirtschaft umlagern würde. Doch die Umstände holen sie ein, wenn sich die Automatisierung weit in der Wirtschaft ausgebreitet hat. Der Kapitalismus selbst tendiert also dazu, ein automatisiertes System der billigen Produktion zu erzeugen, in dem keine Profite realisiert werden können, und dessen Unmöglichkeit innerhalb der existierenden Klassenverhältnisse die post-Kapitalistische Gesellschaft, den Kommunismus, bedingt.
Teil-automatisierter Diktatur-Kapitalismus
Doch wie Grossmann betonte, sprechen wir hier nur von Tendenzen des Prozess’, die in letzter Instanz historisch vermittelt werden. Obgleich die Kapitalisten die fallende Profitrate erst spüren, wenn die Profitmassen fallen, entstehen sofort Gegentendenzen zur Krisentendenz des Kapitalismus, mit denen die Kapitalisten versuchen das System und ihre schwindende Klassenmacht zu stabilisieren. Daraufhin entstehen wieder Gegentendenzen zu den Gegentendenzen, die durch den Widerstand von Arbeitern gegen diese Maßnahmen entstehen und so weiter und so fort — Klassenkampf.
Manche der Gegentendenzen zur Krisentendenz des Systems entstehen „automatisch”, andere sind das Resultat von bewussten politischen Maßnahmen, andere wiederum entstehen indirekt. Wirtschaftskrisen verbilligen Kapital, wodurch die Kapitalakkumulation für überlebende Unternehmen kurzfristig auf einem höheren Niveau mit höheren Profiten stattfinden kann. Krisen sind grundsätzlich kurzfristig im Interesse der Kapitalistenklasse: gibt es während einer Wirtschaftskrise keine Gegenoffensive der Arbeiterklasse, kehrt das Kapital zunächst stärker als zuvor zurück. Dies ist nichts weiter als der klassische Boom-und-Bust Zyklus. Politisch greifen Kapitalisten auf Austeritätspolitik zurück, um Profite durch Verbilligung und erhöhte Ausbeutung der Arbeit wiederherzustellen. Wie Clara E. Mattei in ihrem bahnbrechenden Werk Die Ordnung des Kapitals zeigt, dienen diese Maßnahmen bewusst und in erster Linie der Festigung der Klassenposition der Kapitalisten und sind zwingend mit dem Aufstieg von Faschismus verbunden. Das galt in der Zeit zwischen den Weltkriegen wie auch im Neoliberalismus. Verwüstung und Zerstörung von Produktionsmitteln im Krieg oder in Umweltkatastrophen verbilligen wiederum Kapital — was das angeht, gibt es gute Aussichten für kapitalistische Profite in der Zukunft. Verwüstung von bewohntem Land ermöglichen dazu die günstige Ausweitung der Produktion. Diese Logik ist vielen aus Naomi Kleins Disaster Capitalism bekannt. Es gibt unzählige politische, soziale und technologische Entwicklungen, die Tendenzen und Gegentendenzen erzeugen können.
Rückblickend auf die letzten hundert Jahre hat die Kapitalistenklasse Wege gefunden, die entscheidenden Klassenkämpfe des vergangenen Jahrhunderts zu gewinnen und bedeutende historische sowie technologische Entwicklungen zu nutzen, um das System deutlich länger aufrechtzuerhalten, als es viele Kommunisten im Verlauf der Geschichte erwartet hatten. Die von Marx beschriebene Tendenz der fallenden Profitrate war nicht ein Grund für den Zerfall des Systems, sondern der Motor der politischen Entwicklungen, die uns zum heutigen Punkt gebracht haben. Die Welt, in der wir leben, ist das fortwährende Ergebnis der ständigen Flucht nach vorn der Kapitalistenklasse vor den destruktiven Konsequenzen der Kapitalakkumulation.
Es ist bereits klar, dass die KI-Automatisierung das neoliberale Plateau der entschleunigten Investitionen in konstantes Kapital sprengen wird. Die Zunahme der organischen Zusammensetzung des Kapitals beschleunigt sich wieder und die vertagte Profitkrise der 70er wird fortgesetzt werden. Doch ihr Ausgang ist keinesfalls Gewiss.
Die meisten KI-anwendenden Unternehmen realisieren gerade, dass sie die Kosten für KI-Modelle unterschätzt hatten. Die Verkäufer von KI sind eben andere Kapitalisten, die an ihre eigenen Profite denken. Arbeiten Proletarier noch einen Teil des Arbeitstages umsonst, gibt es keine Arbeitszeit umsonst von Anbietern von KI-Modellen, die Geld für jedes Token sehen wollen. Und das ist bereits jetzt ein Problem, obwohl klar ist, dass selbst diese Preise für Tokens, die Open AI, Anthropic und Co. momentan anbieten, noch steigen werden, da diese Firmen aktuell Verluste machen, die sie temporär in Kauf nehmen um den Markt zu erobern. Platzt die KI-Blase, wird sich der Kapitalismus durch die Verbilligung des Kapitals dennoch neu konsolidieren, ähnlich wie beim Dotcom Crash. So wird die Akkumulation des KI-Kapitals für einen kurzen Zeitraum sogar auf einem höherem Niveau mit höheren Profiten voranschreiten und damit die Integration automatisierter Prozesse in den Kapitalismus erst recht erstarken.
Auf welche Mittel wird der Kapitalismus zurückgreifen, wenn im automatisierenden System der Mehrwert schwindet? Es ist von vornherein klar, dass die Kapitalistenklasse wieder auf Austeritäts-Politik zurückgreifen wird, sogar noch deutlich mehr als dies jetzt schon der Fall ist. Die Faschisten hierzulande und überall im kapitalistischen Weltsystem warten bereits darauf, wieder von der Leine gelassen zu werden. Auch verschwindet nicht alle unbezahlte Arbeitszeit (= Profit) aus der Produktion, wenn alle Arbeiter durch Arbeiter-KIs ersetzt werden, da im System Unmengen an unbezahlter Arbeitszeit zirkulieren, die aus der Nutzung der sozialen Medien und sonstigen getrackten Aktivitäten entstehen. Die Produktionskosten für KI wären unvorstellbar größer, wenn Kapitalisten für die Arbeitszeit zahlen müssten, die in die Generierung von KI-Trainingsdaten eingehen. Kapitalisten werden also ihre Überwachung all unserer Aktivitäten, insbesondere im Internet, immer weiter intensivieren.
Doch wer konsumiert, wenn wir alle arbeitslos und/oder arm sind? Unzureichender Konsum ist zwar, anders als liberale Ideologen behaupten, nicht der Ursprung von Krisen, dennoch ein wichtiger Faktor, da der Warenkonsum den oberen Grenzwert für realisierbare Profite setzt. Die neoliberale Globalisierung und die Integration des größten Teils der Weltproduktion in globale Produktionsnetzwerke hat die Tendenz des ungleichen Austauschs zwischen den westlichen Staaten und den ehemaligen Kolonien geschwächt. So erleben wir nun den Aufstieg einer neuen Konsumentenklasse in Indien, China und Südostasien. Es ist wahrscheinlich, dass dieses wachsende Konsumpotential das fallende Konsumpotential von der durch KI verdrängten und verarmenden Segmente für einen gewissen Zeitraum kompensieren kann, selbst wenn dieser Prozess auch in diesen Ländern reproduziert wird. Bis der Punkt erreicht ist, an dem die Expansion der Automatisierung vom Konsum gestoppt wird, wird bereits sehr viel passiert sein. Außerdem wird ein wachsender Anteil der Finanzierung und des Konsums von Staaten übernommen, die insbesondere an dem Einsatz von KI bei der Überwachung ihrer Bürger und der automatisierten Kriegsführung interessiert sind.16 Zweifellos wird auch automatisierte polizeiliche Repression in der Zukunft ein wichtiges Thema sein.
Der Sturz der Profitraten ist umso ausgeprägter, desto näher das System an perfekten Wettbewerbsbedingungen ist, welche wiederum Preise an ihre Werte in abstrakter Arbeitszeit annähern. Das ist der Grund, warum im realexistierenden Kapitalismus die Kapitalisten nichts mehr scheuen als Wettbewerb. Stattdessen bilden sie lieber Monopole und internationale Netzwerke mit reservierten Märkten und nutzen das Suchtpotential der Konsumenten für ihre Produkte aus. So ist der interne Handel multinationaler Konzernnetzwerke allein für etwa ein drittel des globalen Warenhandels verantwortlich.17 Doch in einer automatisierenden Wirtschaft stehlen sich Kapitalisten nur gegenseitig die Profite, wenn sie Produkte über ihren Produktionskosten verkaufen um ihren eigenen Konsum ohne ausbeutbare Arbeiter zu sichern. Durch die Automatisierung verdrängen sich die Kapitalisten gegenseitig aus der Wertschöpfung. In einem hochautomatiserten Kapitalismus werden einzelne, besonders mächtige Kapitalisten versuchen, Eigentum über so viele Stationen kapitalistischer Produktionsnetzwerke wie möglich zu erlangen, um so viele Mittel-Kapitalisten wie möglich zwischen Beginn der Produktionskette und Wertschöpfung zu eliminieren.
Nimmt man all dies zusammen — Austeritätsmaßnahmen gegen Arbeiter, engere Verwebung von Überwachungsstaat und Militär mit KI-Unternehmen und das Zuspitzen der Reichtumspyramide — wird klar, dass die Profitabilitätskrise der KI-Automatisierung notwendig diktatorische Tendenzen erzeugt, und dass auf lange Sicht automatisierendes Kapital und politische Freiheit nicht kompatibel sind. Die Ideologen der im Silicon Valley beliebten Neoreaktion haben in diesem Hinblick die Situation besser verstanden als viele ihrer Widersacher. Ein gewisses Maß an Demokratie und Freiheit hatten einst eine materielle Basis im Liberalismus, in der nationalen Ökonomie und der nationalen Armee. Diese materielle Basis schwindet nun zunehmend und der Mehrwert des Systems wird knapper werden. In einer automatisierenden Welt können Demokratie und Freiheit nur noch in einer postkapitalistischen, kommunistischen Zukunft realisiert werden. Der Sturz des Kapitalismus wird nicht von selbst passieren. Ohne Gegenoffensive findet die Kapitalistenklasse Wege, das System noch lange aufrechtzuerhalten, und diese Wege sind diktatorisch.
Sozialismus, Automatisierung und Beschleunigung
Ich habe mich hier vor allem damit befasst, was KI für den Kapitalismus und die Klassenmacht der Kapitalisten bedeutet. Eine vollständige Argumentation einer politischen Strategie für die sozialistische Linke im Angesicht von KI würde den Rahmen für diesen Artikel sprengen. Dennoch will ich hier die Richtung einer solchen Strategie skizzieren und kurz diskutieren, wie ein ähnlicher Ansatz bereits zuvor versucht wurde — und woran er damals scheiterte.
Wir haben gesehen, dass die Kapitalistenklasse sich seit der Rentabilitätskrise der 70er Jahre durch eine neue Weltordnung geschützt hat, die auf der Verbilligung von variablem Kapital, reduzierten Investitionen in konstantes Kapital bei gleichbleibender oder steigender Rentabilität, und neuen Möglichkeiten der Erhaltung der Kapitalistenklasse selbst bei fehlenden oder negativen Profiten basiert. Dies wurde ermöglicht durch den politischen Triumph über die Arbeiter, der engeren Verflechtung von Staat und Kapital, Finanzialisierung, Monopolisierung und Erschließung oligopolistischer Produktionsnetzwerke mit globaler Reichweite sowie den besonderen Möglichkeiten der Produktivitäts- und Profitsteigerungen des informationstechnologischen Fortschritts.
Was ist nun der revolutionäre Pfad im Angesicht dessen? Wir haben auch gesehen, dass der Kapitalismus der Marx’schen Werttheorie zufolge die Tendenz hat, ein automatisiertes System zu schaffen, in dem keine Profite realisiert werden können, d.h. in dem es keinen Platz mehr für die Kapitalistenklasse gibt. Aus dieser Sicht ist eindeutig, dass der Kapitalismus vor den Dingen davon läuft, die ihn schwächen würden: der politischen Organisation der Arbeiter sowie dem kapitalistischen Wettbewerb und den dadurch verstärkten Investitionen in Richtung Automatisierung. Der revolutionäre Pfad besteht nun darin, genau auf diese politische Organisation und Macht der Arbeiterklasse hinzuarbeiten und gleichzeitig bei der Formulierung politischer Strategien zu berücksichtigen, dass das Vorantreiben von Automatisierung und KI sowie die Bedrohung nationaler Märkte, etwa durch chinesische Waren, die globale Klassenmacht der Kapitalisten und die Kapitalakkumulation gefährden. Die Einsicht, dass das Zuspitzen des kapitalistischen Wettbewerbs und der Automatisierung revolutionäre Transformationen der Gesellschaft begünstigen, bringt auch Gefahren mit sich, vor allem wenn man den Aspekt der politischen Organisation der Arbeiterklasse außer Acht lässt oder gar ablehnt.
Nick Land und die Cybernetic Cultural Research Unit (CCRU) an der Warwick Universität in den 90er Jahren sahen zweifellos das revolutionäre Potential des Zusammenspiels von kapitalistischem Wettbewerb und Automatisierung. In den exzentrisch geschriebenen Texten des Kollektivs vermischten sich in Form wie Inhalt Cyberpunk, Kybernetik, radikale Philosophie und Okkultismus. Das Kollektiv befasste sich dabei mit der informationstechnologischen Transformation des Kapitalismus und der damit einhergehenden Ausbreitung von kybernetischen Systemen. Land, damals noch eine Art Anarchist und (Cyber-)Feminist, vertrat eine radikal anti-humanistische, anti-konservative Weltanschauung, die — basierend auf einer Fehlinterpretation der Texte von Deleuze und Guattari — eine dunkle Invertierung des Marxismus postulierte: Nicht das Proletariat, sondern die Maschine sei das revolutionäre Subjekt der Geschichte, und sie, nicht die proletarische Arbeiterklasse, werde die bestehende Ordnung stürzen. KI, die intelligente Maschine, war dabei für Land ein und der selbe Prozess wie der Kapitalismus selbst. Was Land kommen sah und begehrte, war eine Welt, deren Mittelpunkt nicht mehr der Mensch und menschliche Perspektiven sind, sondern ein automatisiertes, sich selbst verstärkendes kybernetisches System — der Kapitalismus, der zur Singularität wird und alle alten menschlichen Strukturen in Luft auflöst. In Lands Weltanschauung blieb kein Platz für politische Praxis — nur das passive Hinnehmen des Neoliberalismus als unvermeidliche „Emanzipation” dieses Prozess’.
Die Enttäuschung darüber, dass der neoliberale Kapitalismus stattdessen eine neue gesellschaftliche Sentimentalität, einen Konservatismus sowie eine Besessenheit mit dem Selbst und der Authentizität erzeugte, stürzte Land nach eigenen Angaben in tiefe Hoffnungslosigkeit und zunächst in Vergessenheit. Als kritische Reaktion auf Lands Thesen über den Kapitalismus, aber auch das Versagen der politischen Linken, die Wirtschaftskrise von 2008 für revolutionäre Änderung zu nutzen, entstand ein linkes Netzwerk von Internetblogs von ex-CCRU-Mitgliedern wie Mark Fisher und ähnlichen Denkern. Diese Blogosphere wurde unter dem Namen „Akzelerationismus” bekannt. Der Akzelerationismus basierte auf zwei Thesen: Dass der Kapitalismus von selbst nicht an seinen Widersprüchen und Krisen zu Grunde gehen wird, sondern diese als Motor seiner Entwicklung funktionieren, und dass der Kapitalismus ständig technologische und kulturelle Innovation hervorbringt, die ihn selbst gefährden und deswegen sofort vom System wieder unterdrückt werden. So ging es hier, kontra Land, und inspiriert von Marx, darum zu ergründen, wie man diese Tendenzen innerhalb des Systems beschleunigen könnte, um die kritische Grenzen der Reproduktion des Kapitalismus zu durchbrechen und eine wirklich post-kapitalistischen Gesellschaft herzustellen.
Für Fisher war diese Gesellschaft der Kommunismus und es brauchte ein kollektives politisches Subjekt — die Arbeiterklasse —, das es zu finden galt, um die entsprechende Beschleunigung zu erzeugen. Was die Akzelerationisten von anderen linken Strömungen der Zeit unterschied, war ihre Auseinandersetzung mit den neusten Entwicklungen der Philosophie/Theorie, Kultur sowie Kybernetik und ihre Ablehnung von allem Nostalgischen — eine löbliche Orientierung, die auch heute zu wenig existiert, aber von kritischer Notwendigkeit ist, wenn die marxistische Linke eine Alternative auf der Höhe der Zeit schaffen will.
Dies ist keineswegs der Versuch, den Akzelerationismus als Bewegung zurückzubringen, denn er ist in jeder Hinsicht spektakulär gescheitert. Im anti-politischen Klima Protestbewegungen der 2010er Jahre gelang es dieser Denkrichtung nie, eine relevante politische Strömung zu werden. Genauer gesagt: Es war die Rückständigkeit der internationalen Linken in dieser Zeit, die weder das richtige Umfeld bat, um Denker von der Art zu prägen, die einen Akzelerationismus richtig ausformulieren könnten, noch, dass dieser politisch Fuß fassen konnte. Es war eine Strömung, in der konkrete politische Programme und Strategien weniger eine Rolle spielten als die Analyse kultureller Phänomene. Diese Schwächen zeigten sich auch in seinem Ende. 2012 tauchte Land wieder aus seinem Exil in Shanghai auf, um das Manifest der „dunklen Erleuchtung” zusammen mit Curtis Yarvin zu schreiben (dem Schreibstil nach zu urteilen, war der Text in Wahrheit Yarvins Original). Land, mittlerweile ein rechter Rassist, hatte alle seine anti-konservativen und experimentelleren Ideen aufgegeben und plädierte nun sehr stumpf für eine quasi-feudalistische CEO-Diktatur, die die Singularität hervorbringen sollte, mit der der Kapitalismus die Menschen endlich los werden kann. Land hat nie begriffen, dass der Kapitalismus strukturell nicht ohne menschliche Arbeiter funktionieren kann und selbst eine Barriere für die Automatisierung darstellt. Das Manifesto wurde zu einem der zentralen intellektuellen Werke der Alt-Right und Lands anti-humanistische, diktatorische Weltanschauung ist nun Teil des millenarischen Kanons in Silicon Valley.18 Lands Beliebtheit in diesen Kreisen rührt daher, dass es genau die Art von Ideologie anbietet, die die Kapitalisten als Klasse im Zeitalter der Automatisierung brauchen. Außerdem gelang es ihm, das Label „Akzelerationismus” für sich und die neoreaktionäre Bewegung zu beanspruchen. Das links-akzelerationistische Manifest von Nick Srnicek und Alex Williams19 kam und ging, ohne irgendeinen Impact zu haben — Lands öffentliche Verspottung des Manifest’ hatte letztendlich mehr Wirkung. Schließlich, wie Matt Colquhoun beschreibt, der Teil der ursprünglich linken Strömung war, fielen der Akzelerationismus und die Szene als solches durch Lands Einverleiben des Labels, Fishers Suizid und den Bezug des Christchurch Amokläufers auf einen „Akzelerationismus” endgültig auseinander.20 Was auch immer der Akzelerationismus für uns nützliches zu bieten hatte, ist bereits im Marxismus enthalten. Nicht zu unrecht beschrieb Fisher Marx’ positive Haltung zur Ausbreitung des freien Marktes als den ursprünglichen Akzelerationismus. Auch sollten wir nicht vergessen, dass die größte, den Kapitalismus gefährdende Tendenz, die er selbst erzeugt und ständig unterdrückt, die politische Organisation der proletarischen Arbeiterklasse ist.
Was den Marxismus besonders auszeichnet, ist die Einsicht, dass die neue Gesellschaft aus bereits existierenden und sich in diese Richtung entwickelnden materiellen und sozialen Strukturen hervorgehen würde. Wird es je einen Kommunismus geben, wird dieser auf der Infrastruktur des Informationszeitalters aufbauen müssen — einschließlich LLMs und KI im weiteren Sinne. Bürgerliche Propagandisten schreiben diese Technologien dem Kapitalismus zu, doch die Innovation der Produktionsmittel erzeugen eine materielle Infrastruktur, die für den Kapitalismus nicht geeignet ist. Das System muss sich, anachronistisch wie es ist, immer mehr in Irrationalitäten und Widersprüche verstricken, um die Kapitalistenklasse mit Gewalt auf unsere Kosten zu erhalten. Es ist an uns, die Zurückgebliebenheit dieses Systems hervorzuheben. Wir haben außerdem gesehen, dass die Widersprüche der Automatisierung das System dennoch nicht von selbst besiegen werden. Im Gegenteil sind Krisen grundsätzlich gut für die Kapitalakkumulation, da sie Kapital verbilligen und konsolidieren und oft mit Austeritätsmaßnahmen einhergehen. Die Kapitalisten haben die politische Macht, also bedienen sie sich bei uns, wenn es eng wird. Die ganze neoliberale Ära ist eine Epoche, in der Kapitalisten gelernt haben in einem Tief der Profitabilität zu triumphieren — Zombie-Firmen sind kein Problem, wenn man auf staatliche Rettungspakete zählen kann und das Portfolio diversifiziert genug ist. Es ist möglich, dass die Arbeiterklasse durch den Einfluss von KI in der Wirtschaft und der Klassenrepression derart geschwächt wird, dass das System sehr lange in einem Zustand der Krise und Fehlfunktion weiterfährt und die durch KI ersetzten Arbeiter wieder und wieder in die Produktion rein- und rausrotieren — zu lange, denn die Klimakatastrophe wird de facto irgendwann Ausmaße der Zerstörung erzeugen, die die menschliche Existenz bedrohen. Nur eine Gegenoffensive der organisierten Arbeiterklasse mit dem Ziel der politischen Machteroberung kann das System besiegen. Dazu gehört auch die Konstruktion einer alternativen sozialen Ordnung, die die Probleme des alten Systems lösen kann. Die Lösung für die Unmöglichkeit der gleichzeitigen Automatisierung und Erhaltung von Profiten ist die Überführung des Systems der Tauschwerte und des Privateigentums an Produktionsmitteln in ein System der kollektiven Besitzverhältnisse und der Produktion von Gebrauchswerten für Bedürfnisse. Für dieses System, den Kommunismus, ist der immer geringer werdende zeitliche Aufwand der Gesellschaft bei der Herstellung aller Dinge, die Menschen benötigen, kein Hindernis wie im Kapitalismus, sondern ein Gewinn für die Menschheit.
Ich möchte mich nochmal auf den Butlerianischen Dschihad aus Dune beziehen, den so viele Linke auf den sozialen Medien herbeisehnen. Wie konnte sich die hoch-technologische multi-planetare menschliche Zivilisation der Romanreihe nach der Vernichtung aller intelligenten Computer in irgendeiner Form erhalten, ohne auf ein fragmentiertes, niedrigeres technologisches Niveau zu fallen? Einzelne Menschen mussten eine extreme, noch nie da gewesene Form der mentalen Spezialisierung entwickeln, um wie die zerstörten Computer denken zu können. Dies konnte nur durch ein striktes eugenisches Programm realisiert werden. Ein solches Programm ist innerhalb eines demokratischen Systems unmöglich. Ein technokratischer Feudalismus war die politische Form dieser Produktionsordnung, und so sind die feudalen Verhältnisse und die Abhängigkeit des interplanetaren Verkehrs vom Gewürz, welche den Hintergrund der Handlung bilden, direkte Erzeugnisse des Butlerianischen Dschihad. Frank Herbert war gewiss kein Linker, doch diese Hintergrundgeschichte hat einen materialistischen Kern. Wie Marx zeigte, ist die Grundlage der Klassenherrschaft die Arbeitsteilung. Die von Marx in der deutschen Ideologie vorhergesehene Aufhebung der Arbeitsteilung im Kommunismus wird heute von vielen als der unglaubwürdigste Teil von Marx’ Vision aufgefasst. Doch es ist genau das, was Automatisierung impliziert. Oder genauer gesagt: Die Tendenz zur Automatisierung, die der kapitalistischen Logik innewohnt, ist die Bedingung der Möglichkeit des Kommunismus.
Wie ich bereits argumentiert habe, ist die Vereinfachung der Schnittstelle zwischen dem menschlichen Verstand und der Produktivkräfte der Gesellschaft die Essenz der Automatisierung und eine der innovativen Tendenzen der Informationstechnologie. Genau hier liegt der hauptsächliche Wert von LLMs und das Potential von Agenten-Workflows und „Vibe-Coding”. Bei der Verbesserung dieser System sehen wir die Möglichkeit, Produktionsmittel mit natürlicher Sprache zu betreiben. Damit wäre die Aufhebung der Arbeitsteilung eine reale Möglichkeit.
LLMs und ähnliche auf großen Datenmengen basierende neurale Netzwerke präsentieren in ihrer bloßen Architektur ein demokratisches Problem: Hier haben wir eine Technologie, die Antworten und Handlungen produziert, indem sie die Inputs von Millionen von Menschen aus unzähligen Kontexten nimmt. Doch diese Inputs werden den Menschen gegen ihren Willen genommen. Der Kapitalismus hat keine Antwort auf dieses Problem: Er kann den Menschen diese Inputs wegen des Profitzwangs nur mit Gewalt oder durch Tricks abknöpfen Dies wiederum produziert reale technische Probleme bei der Anwendung. Der Stand der KI-Forschung ist eigentlich, dass kleinere Datensets mit guten, sauberen Daten besser funktionieren als größere Datensets mit schlechteren Daten. Doch der undemokratische KI-Ansatz kann gar nicht anders, als Unmengen von toxischem und idiotischem Müll aus den schmutzigen Ecken des Internets zu scrapen und als Daten zu nutzen. Die Journalistin Karen Hao zeigt in Empire of AI, wie die gewaltigen Datenmengen, welche KI-Firmen für ihre Modelle benutzen und die der Grund dafür sind, dass es so große, so gewaltige, so umweltzerstörende Datenzentren für ihr Training bedarf, nicht deswegen genutzt werden, weil es aus technischer oder wissenschaftlicher Sicht der optimale Ansatz ist, sondern weil dies die Hegemonie der Datenverarbeitung ist, die OpenAI und dessen Konkurrenten geschaffen haben. Die Journalistin beschreibt in ihrem Werk das schreckliche Leid von schlecht bezahlten Arbeitern in der dritten Welt, die Berge von traumatisierendem Material aus dem Internet konsumieren müssen, um die Daten für die Anwendung zu säubern. Außerdem werden beim Scraping auch bereits KI-generierte Inhalte im Internet für die nächste Iteration des Trainings ungewollt wieder ge-scraped, was die Fehler der Modelle verstärkt. All diese Probleme gäbe es nicht, wenn die Menschen demokratisch und kollaborativ ihre Inputs an das Training von KI übergeben könnten, um KI für konkrete Kontexte zu trainieren, die die Spender der Daten bewusst helfen wollen zu kodifizieren. Die Modelle wären sowohl umweltschonender als auch effektiver.
Mitregieren und auf Sozialdemokratie 2.0 zu hoffen sind keine strategischen Optionen mehr. Mit dem Zerfall der westlichen Nachkriegsordnung und der Verbreitung von KI im System gibt es bald einfach nicht mehr den Mehrwert für diese Art des klassenübergreifenden sozialen Friedens und unsere Klassenfeinde werden nicht auf ihren Anteil verzichten — Austerität mit rotem Anstrich wäre das beste, was wir uns erhoffen könnten. Dasselbe gilt auch allgemein für Kompromisse mit dem Nationalismus in der Form von Protektionismus, um die deutsche Wirtschaft vor den chinesischen Waren „zu schützen”. Dies ist lediglich der Versuch des nationalen Bürgertums, sich vor dem durch Wettbewerb bedingten Fall der Profitrate zu schützen. Die üblichen Appelle, die Arbeitsplätze vor der Konkurrenz aus dem Ausland zu schützen, sind zu erwarten und sie werden umso wirkungsvoller sein, da KI die menschliche Lohnarbeit immer mehr bedroht. Hier ist insbesondere die von China vorangetriebene Veröffentlichung der Gewichte von KI-Modellen — sozusagen den „Bauplänen” von voll-trainierten Modellen — eine bedeutende Entwicklung: Chinesische „Open-weight”-Modelle können mit den besten KIs von OpenAI und Anthropic mithalten21, lassen sich jedoch von jedem mit entsprechender Hardware nachbauen. Hacker versuchen außerdem immer wieder, die Gewichte verschleierter Modelle offenzulegen. Es ist abzusehen, dass die Nutzung von Open-weight-Modellen sich schlagartig im System ausbreiten könnte. Diese würde die KI-Rentabilitätsprobleme stark beschleunigen. Wenn alle Unternehmen auf zunehmend frei verfügbare KIs mit geringen Setup- und Betriebskosten zurückgreifen können, um ihre Waren zu produzieren, werden die Waren zunehmend wertlos. OpenAI und Co. schüren deswegen ständig Angst vor KI-Apokalypsen, weil sie hoffen, dadurch Unterstützung für das Verbot von unabhängig reproduzierbarer KI zu finden. Sam Altman sagt, er träume davon, dass Intelligenz eine Ware wird, die seine Firma verkauft. Aber was, wenn man sie einfach kostenlos im Internet herunterladen kann? Zweifellos wird man auch hier in der nationalen Politik versuchen, uns von der KI-Gefahr aus China und dem Internet zu überzeugen. Das sollte uns nicht beeindrucken. Ein Grundpfeiler linker Politik bezüglich KI muss neben einem stärkeren Datenschutz privater Individuen auch die Forderung nach der Veröffentlichung der Gewichte sämtlicher KI-Modelle sein.
Auch sollte die Strategie nicht darin bestehen, um unseren Platz in der sterbenden kapitalistischen Ausbeutung zu kämpfen. Das gilt insbesondere auch für Künstler und Autoren, deren Existenz besonders bedroht durch die Ausbreitung von KI ist. Statt Träumen der bürgerlichen, profitablen Kunst nachzuweinen sollten das Ziel sein, den Menschen vom Zwang zu befreien, überhaupt Geld hinterher jagen zu müssen — Kunst braucht freie Zeit! Statt universal basic income müssen wir für universal basic services, demokratische Kontrolle über die Produktionsmittel der Gesellschaft und die immer weitere Reduktion des Arbeitstages kämpfen. Wenn die Kapitalisten, statt uns auszubeuten, lieber versuchen wollen mit billigeren Arbeiter-KIs Profite zu machen, sollen sie es versuchen. Je teurer die menschliche Arbeit ist — und sie wird umso teurer, je größer unsere Klassenmacht ist und je weniger wir auf die Arbeit für Kapitalisten angewiesen sind — desto stärker treibt dies Kapitalisten in Richtung Automatisierung und Profitlosigkeit.
Wie Leigh Phillips und Michal Rozworski auf humorvoll Weise in ihrem Werk The People’s Republic of Walmart zeigen, wurden die technischen Fähigkeiten und Algorithmen einer zukünftigen Planwirtschaft bereits aus der abgebrochenen kybernetischen Forschung der Sowjetunion in die kapitalistische Produktion importiert und weiterentwickelt. Geplante Wirtschaft und kybernetische Systeme regieren schon längst unser Leben im informationellen Kapitalismus. Unternehmen wie Amazon sagen heute bereits genau voraus, in welcher Region der Welt und an welchen Orten welche Waren gefragt sein werden. Sie verteilen die Produkte daher vor dem Kauf auf die passenden Lagerhäuser, sodass diese stets nur wenige Tage entfernt sind — allerdings auf Kosten des erheblichen menschlichen Leids der Arbeiter. Die große Herausforderung für die Konstruktion einer sozialistischen Alternative zur kapitalistischen Ordnung wird es sein, diese fragmentierten Stücke einer im Schoß der alten Welt entstehenden globalen Planwirtschaft zu übernehmen, zusammenzuführen und in den Dienst einer sozialen Republik zu stellen. Was kann die sozialistische Kybernetik mit Technologien und Methoden wie Cloud-Computing, Skalierbarkeit, kollaborativer Arbeit über distribuierte Versionskontrollsysteme und KI alles erreichen? Wir sind weit gekommen seit den Tagen von Projekt Cybersyn. Was würde eine demokratische sozialistische Planwirtschaft hinsichtlich der Konstruktion von Datenzentren und Anwendungen von KI beschließen? Würden die Menschen, die selbst von den Folgen der Umweltzerstörung betroffen sind oder selbst in einer Welt leben wollen, in der es Kunst und Sinnhaftigkeit gibt, entscheiden, die ganze Welt mit Datenzentren zu überziehen und unsere kulturelle Umwelt mit Slop zu vermüllen?
Um abschließend auf den Titel dieses Artikels zurückzukommen: Der Feind sind nicht die Maschinen, sondern er bleibt die Kapitalistenklasse. Die Kapitalisten können für einen vorübergehenden Moment der Geschichte, zu einem Gewissen Grad, die Maschinen gegen uns verwenden, doch zum Schluss ist die Automatisierung auf unserer Seite. Bei der menschlichen Arbeit im Kapitalismus verkaufen Proletarier ihre Arbeitskraft an Kapitalisten zu Bedingungen, die für die Kapitalisten profitabel sind, da die Kapitalisten die ökonomische Macht in diesem Austausch haben. Doch bei KI stehen sich Kapitalisten als Käufer und Verkäufer der Arbeitskraft gegenüber — beide wollen ihre Profite, keiner will dem anderen etwas umsonst geben, und keiner hat das Klassenmonopol über den Anderen. Während sich KI also im System ausbreitet, entfernen Kapitalisten die Quelle ihrer Profite zunehmend aus der Produktion. Alles wird billiger, doch die Profite schwinden. Kapitalisten flüchten sich zunehmend in neorekationäre Fantasien von CEO-Diktaturen und einer permanenten Unterklasse. Dem Gegenüber steht das Projekt des Sozialismus, der, anders als der Kapitalismus, die Probleme der automatisierenden Wirtschaft über eine umfangreiche Demokratisierung der Produktionsverhältnisse durch die revolutionäre Arbeiterklasse direkt angeht. Das gegenteilige Science Fiction Szenario zu Dune, was KI angeht, ist zweifellos Ian M Banks Kultur: Dort hat die multi-planetarische Zivilisation ihre Kapitalistenklasse besiegt, die Automatisierung der Produktion an ihre äußerste Grenze getrieben und eine kommunistische Gesellschaft aus frei kollaborierenden intelligenten Maschinen und Menschen geschaffen. Dies ist die Art von Vision der Zukunft, die wir als Linke propagieren müssen. Was haben die offen menschenverachtenden Kapitalisten des Silicon Valley den Menschen noch zu bieten, außer Slop, Armut und Diktatur? In einer Welt, in der es scheinbar kaum noch Hoffnung für die Zukunft gibt, muss unser politisches Projekt, der Sozialismus, das Licht des Sonnenaufgangs eines besseren Morgens sein.
- Greens Organise YouTube Channel, The GODFATHER of AI: ‚Socialism‘
https://www.youtube.com/watch?v=R-b8RR60aHs ↩︎ - Juan Cole, The Nation, AI Will Only Intensify Climate Change. The Tech Moguls Don’t Care. https://www.thenation.com/article/environment/ai-climate-change-bill-gates/ ↩︎
- Jeffrey Sonnenfeld und Stephen Henriques, Forbes, Dizzying deal delirium: How the AI bubble bursts https://fortune.com/2025/10/07/how-will-the-ai-bubble-burst-nvidia-openai-dotcom-circular/?abc123 ↩︎
- Justin Jackson, Phys.org, https://phys.org/news/2025-01-ai-linked-eroding-critical-skills.html ↩︎
- Slavoj Zizek, Slavoj Zizek on Accelerationism, https://www.youtube.com/watch?v=432g97vs6s0 ↩︎
- Manuell Castells, Das Informationszeitalter I, Seite 34, Auflage: 2001 ↩︎
- Lorenzo D’aria , Knowledge Accumulation and Artificial Intelligence: A Marxian Perspective, https://www.philosophy-world-democracy.org/posts/article/knowledge-accumulation-and-artificial-intelligence-a-marxian-perspective ↩︎
- Max Tegmark erahnte die KI-Slop Krise im apokalyptischen Prolog seines Buches Mensch 3.0 schon 2017, dem Jahr der Entwicklung der Transformer Architektur für LLMs. ↩︎
- Geoffrey Hinton, Will AI outsmart human intelligence?, https://www.youtube.com/watch?v=IkdziSLYzHw, ca. ab 5:10 im Video. ↩︎
- In der Marx’schen Werttheorie beschreibt variables Kapital den Teil des Kapitals, der in Arbeitskraft investiert wird; da die lebendige Arbeit fähig ist, mehr Wert zu schaffen, als sie selbst kostet, verändert sich dieser Wertteil im Produktionsprozess durch die Generierung von Mehrwert. Konstantes Kapital hingegen bezeichnet die Produktionsmittel wie Maschinen, Werkzeuge und Rohstoffe; dieser Wertteil bleibt im Prozess quantitativ unverändert, da er lediglich entsprechend seinem Verschleiß oder seiner Obsoleszenz (was Marx den „moralischen“ Verschleiß nannte) auf das Produkt übertragen wird — Produktionsmittel können nur eine endliche Anzahl von Produkten in ihrer Lebenszeit produzieren. Auf diese Lebenszeit betrachtet haben sie also einen Teil ihres Wertes auf jedes dieser Produkte übertragen. ↩︎
- Otto Bauer wollte mit seinem Modell tatsächlich die Marx’sche These der Akkumulationskrise widerlegen. Dafür arbeitete er die mathematischen Gleichungen, die Marx der Kapitalakkumulation unterstellt, genauestens heraus und spielte sie mit Testwerten für variables und konstantes Kapital, Bevölkerungswachstum, Investitionsraten, Konsumvermögen etc. für einige Produktionszyklen durch und hielt die Ergebnisse für den generierten Mehrwert, die Profite, und Profitraten tabellarisch fest. Das Experiment schien zunächst zu zeigen, dass die Profitmassen mit der Erweiterung der Produktion und dem Bevölkerungswachstum ansteigen, obwohl die Profitrate fällt. Grossman zeigte jedoch, dass, wenn man das selbe Modell für die selben Werte einfach um ein Vielfaches an weiteren Produktionszyklen durchiteriert, die Masse der Profitrate irgendwann fällt, und als Konsequenz schließlich der Anteil des übrig bleibenden Profits für die Konsumtion durch Kapitalisten auf Null sinkt. Durch seine saubere Arbeit tat Bauer also nichts weiteres als Marx’ Thesen mit schönen Beispielen zu untermauern. ↩︎
- Manuell Castells, Das Informationszeitalter I, Seite 106, Auflage: 2001 ↩︎
- Nicolas D Villareals, The Capitalist in the 21st Century, https://cosmonautmag.com/2026/04/the-capitalist-in-the-21st-century. Auch wird diese Entwicklung sehr überzeugend in verschiedenen Beträgen auf Villareals Blog analysiert und simuliert, https://nicolasdvillarreal.substack.com/p/the-secular-rate-of-profit. ↩︎
- Ian Wright, Why machines don’t create value, https://cosmonautmag.com/2021/10/why-machines-dont-create-value/ ↩︎
- Peter Ross, The Relevance of Marx’s Value Theory in the Age of Artificial Intelligence, https://cosmonautmag.com/2023/10/the-relevance-of-marxs-value-theory-in-the-age-of-artificial-intelligence/ ↩︎
- CNBC, AI defense booms in UK and Germany as new wave of billion-dollar startups emerge https://www.cnbc.com/2025/12/11/ai-defense-boom-in-uk-and-germany-as-new-wave-of-companies-emerge.html ↩︎
- Nick Shaxson, Over a third of world trade happens inside multinational corporations, https://taxjustice.net/2019/04/09/over-a-third-or-more-of-world-trade-happens-inside-multinational-corporations/ ↩︎
- James Duesterberg, Silicon Valley’s Favorite Doomsaying Philosopher, https://web.archive.org/web/20260218160854/https://www.newyorker.com/culture/the-lede/silicon-valleys-favorite-doomsaying-philosopher ↩︎
- Nick Srnicek und Alex Williams, #ACCELERATE MANIFESTO for an Accelerationist Politics, https://criticallegalthinking.com/2013/05/14/accelerate-manifesto-for-an-accelerationist-politics/ ↩︎
- Matt Colquhoun, Evil Scenius?: Reflecting on the Mythology of Nick Land https://xenogothic.com/2025/02/19/evil-scenius-reflecting-on-the-mythology-of-nick-land/ ↩︎
- The Wallstreet Jorunal, China Has Matched Anthropic in Cybersecurity, Resetting AI Race, https://www.wsj.com/tech/ai/chinese-ai-anthropic-mythos-cybersecurity-574b02c2 ↩︎

