Der Lenin-Kult bleibt dazu imstande, neue Legenden zu generieren. Etwa die Erzählung von Trotzki als „dialektischem“ Genie, das umgeben war von „mechanistischen“ Mitstreitern. Oder die Erzählung, wonach Lenins Hegel-Lektüre kurz nach Ausbruch des Weltkriegs zu einem tiefen politischen Umdenken führte. Lars Lih widerlegt beide Mythen.
Der Lenin-Kult ist nicht völlig in der Vergangenheit stecken geblieben, sondern bleibt dazu imstande, neue Legenden zu generieren. Wir werfen nun einen Blick auf zwei Beispiele aus dem letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts. 1) Trotzki übernimmt die Rolle Lenins als genialer Theoretiker, und 2) Lenin öffnet sich nach seiner Hegel-Lektüre der Dialektik.
Der Spin-off-Kult: Trotzki gegen den „Etappismus“
1981 erschien ein weiteres Buch, das zum Zweck hatte, aus einem genuinen revolutionären Helden einen genialen Theoretiker zu machen: Michael Löwys The politics of combined and uneven development: the theory of permanent revolution.12 Löwy mag mit seinen Behauptungen nicht der erste gewesen sein, aber sein Buch ist ein klassisches Beispiel für die Argumentation. Es verhält sich zu Trotzki ungefähr so wie Stalins Grundlagen des Leninismus sich zu Lenin verhalten: Trotzki wird zum Genie gemacht, indem alle anderen Marxisten als idiotisch dargestellt werden.
Beim Lesen von Löwys Abhandlung entsteht schnell das folgende Bild: Trotzki, und später Lenin, sind „dialektisch“ (eine Bezeichnung, die wie ein Mantra ins Unendliche wiederholt wird), während alle anderen Marxistinnen „mechanistisch“, „fatalistisch“, „evolutionistisch“ und vor allem „etappistisch“ sind. „Etappismus“, so heißt es, ist „eine naturalistische und verdinglichende Geschichtsauffassung, nach der die sozioökonomischen Stufen und Klassen einander mit derselben objektiven Notwendigkeit ablösen wie die Jahreszeiten“. Etappismus beruht auf „der evolutionistischen Auffassung der Geschichte als Abfolge von rigiden und vorbestimmten Etappen“. Diese Auffassung steht in einem starken Kontrast zur „dialektischen Sicht auf historische Entwicklung mittelst plötzlicher Sprünge und widersprüchlicher Fusionen“.3
Natürlich sind Plechanow, Kautsky, Kamenew und Stalin allesamt „Etappisten“. Sogar Marx und Engels waren nur phasenweise „Permanentisten“ — das Gegenteil von Etappismus. Löwy stellt sie als aufrichtige, aber eher primitive Vorläufer von Trotzki dar:
„Marx’ Auffassung der permanentistischen Strategie verblieb unkonsolidiert, weil er sozusagen steckenblieb in der Übergangsepoche zwischen dem Zeitalter der bürgerlichen und dem Zeitalter der sozialistischen Revolution…
[Im Jahr 1850] wandte sich Marx ab von einem rigiden Etappismus und näherte sich einer Perspektive permanenter Revolution an. [Nichtsdestotrotz] enthalten die Schriften von Marx und Engels einen Widerspruch zwischen etappistischen und permanentistischen Revolutionsvorstellungen … Hier betonen sie die Unfähigkeit der Bourgeoisie, eine revolutionäre Rolle zu spielen, und da die Unreife des Proletariats. Sie rangen auf heroische Weise mit diesem Dilemma, aber letztlich entging ihnen seine Lösung.“4
Glücklicherweise lieferte Trotzkis Schrift über die permanente Revolution von 1906 die bisher unbegriffene Lösung, wodurch „ein großer Sprung nach vorn“ getan war, der Trotzki „in die ideologische und politische Avantgarde des europäischen Marxismus“ übergehen ließ.5 Diese verblüffende neue Sichtweise erhielt erst Jahrzehnte später ihren vollen Ausdruck im „Gesetz der ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung“ (eine Formulierung Löwys — ich bin mir nicht sicher, ob Trotzki diese genaue Formulierung je benutzt hat), das nichts weniger als „ein neues Verständnis der Menschheitsgeschichte“ zum Ausdruck bringt. Löwy zitiert als Beispiel für die Einsicht, die uns diese neue Sichtweise bietet, das erste Kapitel aus Trotzkis Geschichte der Revolution: „Die Wilden vertauschen den Bogen gleich mit dem Gewehr, ohne erst den Weg durchzumachen, der in der Vergangenheit zwischen diesen Waffengattungen lag.“6
Lasst uns hier deutlich sein. Die Rede von der „ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung“ weist auf reale und höchstbedeutsame Phänomene des modernen Zeitalters hin, die zweifellos eine sorgsame Analyse rechtfertigen. Gleichzeitig umfasst sie auch höchst banale Beobachtungen und journalistische Klischees. In den ersten Zeilen eines jeden Reiseberichts aus Russland um die Jahrhundertwende wird unweigerlich der Kontrast zwischen den primitiven, bäuerlichen izba und den glänzenden, hochmodernen Fabriken der Städte beschrieben. Alle waren sich dieser dramatischen Kontraste bewusst — offenbar mit Ausnahme der Marxisten, wie „Kautsky, Plechanow und andere, deren Orthodoxie definierte, dass die Produktionsweisen einander automatisch, als Reaktion auf die Entwicklung der Produktivkräfte ablösen“.7 Marxismus, so scheint es, macht einen dumm.
Ich weiß, dass ich einige Leute traurig machen werde, aber alle Beobachtungen über „ungleichmäßige und kombinierte Entwicklung“, die Löwy ausschließlich Trotzkis Brillanz zuschreibt, wurden im Detail von jener Ikone des mechanistischen Fatalismus, Karl Kautsky, herausgearbeitet. Die Kautsky-Artikel, die von Richard Day und Daniel Gaido in ihrer lobenswerten Anthologie Witnesses to permanent revolution (Zeuginnen der permanenten Revolution) zusammengetragen wurden, machen dies deutlich.8 Die Anthologie enthält den klassischen Artikel Kautskys von 1906 über Hegemonie, bezüglich dessen sich sowohl Trotzki als auch Lenin um eine Übersetzung bemühten und der von beiden gelobt wurde. Der letzte Teil dieses Artikels lautet wie folgt:
„Aber freilich, wir können manche Überraschungen erleben. Wir wissen nicht, wie lange die russische Revolution noch dauern wird, und nach den Formen, die sie jetzt angenommen hat, scheint sie nicht so rasch zu Ende gehen zu wollen. Wir wissen auch nicht, welchen Einfluss sie auf Westeuropa üben und wie sie dort die proletarische Bewegung befruchten wird. Endlich wissen wir schon gar nicht, wie die daraus erwachsenden Erfolge des westeuropäischen Proletariats auf das russische zurückwirken werden. Wir tun gut, uns mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass wir da völlig neuen Situationen und Problemen entgegengehen, an die keine bisherige Schablone passt.
Wir dürften der russischen Revolution und den Aufgaben, die sie uns stellt, am ehesten dann gerecht werden, wenn wir sie weder als bürgerliche Revolution im herkömmlichen Sinne, noch auch als sozialistische betrachten, sondern als einen ganz eigenartigen Prozess, der sich an der Grenzscheide zwischen bürgerlicher und sozialistischer Gesellschaft vollzieht, die Auflösung der einen fördert, die Bildung der anderen vorbereitet und auf jeden Fall die ganze Menschheit der kapitalistischen Zivilisation um ein gewaltiges Stück in ihrem Entwicklungsgang vorwärts bringt.“9
Es lässt sich einfach verstehen, warum Trotzki Kautskys Sicht mit seiner eigenen identifizierte, wie sie in Ergebnisse und Perspektiven, seiner klassischen Exposition der „permanenten Revolution“ festgehalten ist: „Ich habe überhaupt keinen Grund auch nur eine einzige der [in Kautskys Artikel von 1906 enthaltenen] Positionen abzulehnen, denn die Entwicklung unserer Gedanken in diesen beiden Artikeln ist identisch.“10 In einem privaten Brief an Kautsky aus dem Jahr 1908 schrieb Trotzki Kautsky, dass sein Artikel von 1906 „für mich die beste theoretische Bestätigung meiner Ansichten und die größte politische Genugtuung brachte“.11
Jede Behauptung, nach der ein Revolutionär aus der Vergangenheit ein höchst origineller Theoretiker war, muss, wenn sie brauchbar sein soll, von Personen stammen, die eine tiefe Sachkenntnis über die Arbeit von anderen Marxistinnen aus derselben Periode aufweisen. Auf Autoren wie Löwy und Alex Callinicos trifft diese Beschreibung offensichtlich nicht zu. Nehmen wir Callinicos’ Urteil über die Originalität Trotzkis: „Diese drei Standpunkte — der internationale Charakter des Kapitalismus, die Tendenz demokratischer Revolutionen, in sozialistische ‚hinüberzuwachsen‘, und die Notwendigkeit der Weltrevolution — bilden die Essenz von Trotzkis Theorie“.12 Wie wir gesehen haben (und wie sich sehr viel ausführlicher nachweisen ließe), lassen sich all diese Ideen bei Kautsky, „als er Marxist war“, finden — und nicht nur bei Kautsky, sondern bei allen relevanteren Autorinnen aus dem Lager der revolutionären Sozialdemokratie (siehe Nikolai Bucharins Imperialismus und die Weltwirtschaft von 1915).
Und nicht nur das. Wir können sie auch in Stalins Grundlagen des Leninismus vorfinden. Werfen wir einen Blick auf den Absatz „Die Theorie der proletarischen Revolution“. Dort finden wir alles (neben einigen viel fragwürdigeren Argumenten, die hier nicht relevant sind): den internationalen Charakter des Kapitalismus, das „Hinüberwachsen“ einer Art von Revolution in die andere, die Notwendigkeit einer Weltrevolution. Obwohl Stalin das Wort selbst nicht benutzt, finden wir hier sogar eine Kritik am Etappismus der „Helden der II. Internationale“, die (in Stalins Worten) behaupten, „dass zwischen der bürgerlich-demokratischen Revolution einerseits und der proletarischen anderseits ein Abgrund klaffe oder jedenfalls eine chinesische Mauer stehe, die die eine von der anderen durch ein mehr oder minder langes Intervall trennt … Dieses Intervall wird in der Regel auf viele Jahrzehnte, wenn nicht auf noch längere Zeit veranschlagt“. Seinem üblichen Modus operandi folgend, greift Stalin die Standardpositionen der revolutionären Sozialdemokratie auf, um sie ausschließlich Lenin zuzuschreiben.
Stalin schenkte auch dem „ungleichmäßige[n] und sprunghafte[n] Charakter“ des Kapitalismus, der zur weltweiten Revolution führen würde, viel Aufmerksamkeit. Dieses „Grundgesetz“ sei Stalin zufolge von Lenin entdeckt worden.13 Am auffälligsten ist hier das „Hinüberwachsen“ — ein Begriff, der von Callinicos in Anführungszeichen gesetzt wird, so als sei es Trotzkis eigener Begriff. Tatsächlich ist es Stalins Begriff, und ich wäre etwas überrascht, wenn er von Trotzki jemals benutzt wurde. Lenin spricht spät in seiner Karriere vorübergehend von „Hinüberwachsen“, pererastanie. Stalin übernahm den Begriff und machte ihn zu einem permanenten Teil des sowjetischen Diskurses. In den Grundlagen des Leninismus spricht er von der „Idee Lenins vom Hinüberwachsen der bürgerlich-demokratischen Revolution in die proletarische, von der Ausnutzung der bürgerlichen Revolution für den ‚sofortigen‘ Übergang zur proletarischen Revolution“.
Stalin retuschierte Kautsky und die revolutionäre Sozialdemokratie aus dem historischen Bild heraus und schrieb alle ihre Ideen direkt Lenin zu. Löwy und Callinicos eignen sich diesen Rahmen von Stalin vollständig an — mit der Ausnahme, dass die Rolle des genialen Urhebers all jener Ideen nun Trotzki wird. Stalin wird degradiert zu einem weiteren „Helden der II. Internationale“ (Karma!), während Lenin immerhin dafür gelobt wird, Trotzki eingeholt zu haben, auch wenn er ihn nie überholt.
Es lässt sich sicherlich argumentieren, dass etwa die Debatte über ‚Sozialismus in einem Land‘ beweise, dass Trotzki diese Ideen mit größerer Einsicht und Integrität anwendete als Stalin. Aber diese Behauptung ist etwas sehr, sehr anderes als diese Ideen selbst Trotzkis gewaltiger theoretischer Originalität zuzuschreiben. Trotzki selbst spottet in Verratene Revolution über Stalins Behauptung, das „Gesetz von der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus“ sei ein origineller Beitrag Lenins:
„Um den Bruch mit der marxistischen Tradition des Internationalismus zu begründen, beging Stalin die Unvorsichtigkeit, sich darauf zu berufen, Marx und Engels hätten das Gesetz von der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus nicht gekannt, das angeblich zuerst von Lenin entdeckt wurde. In einem Katalog geistiger Kuriosa gebührte dieser Behauptung eine der ersten Stellen.“14
Trotzki zitiert Georg Vollmar — „ein durchaus zweitrangiger Theoretiker“ — und fährt fort: „In dieser Arbeit, die geschrieben wurde, als Lenin acht Jahre alt war, ist das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung viel richtiger dargestellt als bei den Sowjetepigonen“.
Trotzki war ein großer revolutionärer Führer und ein sehr einsichtsreicher Beobachter, und es lohnt sich immer, seine Meinung zu hören. Er hat es nicht nötig, aufgeblasen zu werden, indem andere Marxistinnen verleumdet werden. Wenn darauf bestanden wird, dass Trotzki ein einzigartiges und originelles „neues Verständnis der Menschheitsgeschichte“ eingeleitet habe, dann ist das ein Zeichen, dass wir es mit einer sektenhaften Glorifizierung zu tun haben, statt mit einer rationalen Bewunderung. Vielleicht ist es ja ein Glücksfall, dass es Trotzki erspart geblieben ist, die Texte seiner Anhängerinnen lesen zu müssen.
Hegel bringt Lenin dazu, den Marxismus zu überdenken: Eine neue legende entsteht
Eine andere, neuere Heldenerzählung ist die „Lenin trifft auf Hegel“-Erzählung, die erst seit den Neunzigern Anziehung erfährt. Die Erzählung ist von leninfreundlichen marxistischen Intellektuellen wie Kevin Anderson und Stathis Kouvelakis, sowie von leninfeindlichen Akademikern wie Neil Harding wiederholt worden. Die Erzählung ist so attraktiv und so befriedigend, dass ich mir bei meiner Kritik vorkomme wie ein Grinch, aber es muss sein! Und hier gestehe ich ein persönliches Anliegen bei der Sache. Vor einigen Jahrzehnten wurde ich dazu herausgefordert, einen Beweis zu liefern, dass Lenin nicht die Schriften Kautskys von vor dem Weltkrieg zurückgewiesen habe — „Kautsky, als er Marxist war“ (um Lenins allgegenwärtige Formulierung zu verwenden). Ich tat das und wies die Kontinuität der Ansichten Lenins vor und nach 1914 nach.
Doch in letzter Zeit werden meine Forschungsergebnisse aus einer anderen Richtung angegriffen. In einer überwiegend positiven Diskussion über mein neues Buch, das in Frankreich veröffentlicht wurde,15 sagt Marina Garrisi, dass ich den tiefen theoretischen Bruch übersehen hätte, der angeblich 1914 stattgefunden hätte. Und sie verweist konkret auf den leidenschaftlichen Artikel von Stathis Kouvelakis über Lenins Begegnung mit Hegel.16 In demselben Geist wurde eine Konferenz in Bilbao vor kurzem informiert, dass Lenins Begegnung mit Hegel beweise, dass Lih nicht recht haben kann. Und ich stimme zu — wenn Lenins Begegnung mit Hegel ihn tatsächlich dazu geführt hat, den Marxismus radikal zu überdenken, dann ist mein eigenes Verständnis von Lenin total falsch!17
Wie üblich werden die Behauptungen über Lenins Bruch mit der marxistischen Vergangenheit mittelst einer pikanten Geschichte dargestellt, die ich in diesem Fall die „Lengel-Legende“ nenne (eine Mischung aus Lenin und Hegel). Dieser Legende zufolge ist Lenin niedergeschlagen durch das Versäumnis der Sozialdemokratie, den imperialistischen Krieg von 1914 zu verurteilen. Er fühlt sich völlig isoliert, sogar von seinen bolschewistischen Genossinnen. Er erkennt, dass der Marxismus grundsätzlich neu konzipiert werden muss, und nistet sich in der öffentlichen Bibliothek in Bern in der Schweiz ein. Dort meidet er eine Zeit lang die Politik und widmet sich stattdessen einem seriösen Studium des abstrusesten Buchs des abstrusesten Philosophen, Georg Hegels Wissenschaft der Logik. Durch eine fleißige Beschäftigung mit dem Buch entdeckt Lenin die tiefe Essenz der Dialektik, die ihm zuvor entgangen war. Wie mit einem revolutionären Schwert geht Lenin mit dieser neuen Erkenntnis gewappnet dazu über, große Taten zu vollbringen. Da Lenin selbst nirgendwo irgendeine explizite Verbindung zieht zwischen seiner Hegel-Lektüre und irgendeiner bestimmten Politik, kann diese Erzählung je nach Präferenz willkürlich fortgeführt werden. Die Aprilthesen sind üblicherweise ein Teil der Mischung, und so fügen sich die „Lengel-Legende“ und die Wiederbewaffnungserzählung nahtlos ineinander.
Mittlerweile sollte uns diese Erzählung bekannt sein. Blicken wir etwa auf ihre Neuauflage durch Michael Brie, die sowohl dem Inhalt als auch dem rhetorischen Stil nach sehr an die Grundlagen des Leninismus erinnert:
„Die zweite Internationale hatte die Dialektik wie einen toten Hund behandelt. Sie hatte sich der Ideologie des evolutionären Fortschritts ergeben, war unfähig geworden, den Bruch zu denken. Den ‚allgemeinen Gesetzmäßigkeiten’ vertrauend, auf die sie den Marxismus reduzierten, verschloss sie sich der Erkenntnis, dass es darauf ankommt, im einzelnen Ereignis das Potential zum Ausbruch aus dem allgemeinen Gefängnis der Komplizenschaft mit Kapitalismus und Imperialismus zu erkennen. … Anstelle der Evolution traten für ihn ‚Sprünge’ in den Vordergrund, die unvermutet alles auf den Kopf stellen.“18
Wir finden alle Kennzeichen einer Heldenerzählung in der „Lengel-Legende“ wieder. Lenin, der große theoretische Erneuerer: Check — dank Hegel. Ein Anti-Lenin: Check — dem altgedienten Veteran der russischen Sozialdemokratie, Georgi Plechanow, wird die Rolle des Vertreters der schlechten, „mechanistischen“ Auffassung der Dialektik zugewiesen. Genauso wie einst Lenin Kautsky verehrt und Kamenew als loyalen bolschewistischen Offizier erachtet hatte, genauso hatte Lenin auch fest an Plechanow festgehalten, etwa in seinem 1908 geschriebenen Buch Materialismus und Empiriokritizismus — aber dann, so die Lenin-Kult-Narrative, habe er alle drei verleugnet. Und schließlich Lenins komplette Ablehnung seines eigenen sozialistischen Lagers: Check.
Laut Stalin und Lukács lehnte Lenin den „Marxismus der Zweiten Internationale“ ab. Laut Trotzki lehnte Lenin den alten Bolschewismus ab. Doch wenn es nach der „Lengel-Legende“ geht, lehnt Lenin nichts weniger als den gesamten Marxismus nach Marx ab. Die Anhängerinnen dieser Legende mögen es, den „Aphorismus“ aus Lenins Notizen über Hegel anzuführen: „Man kann das ‚Kapital‘ von Marx und besonders das I. Kapitel nicht vollständig begreifen, ohne die ganze Logik von Hegel durchstudiert und begriffen zu haben. Folglich hat nach einem halben Jahrhundert nicht ein Marxist Marx begriffen!!“19
Es lässt sich leicht erkennen, warum diese Erzählung so attraktiv ist für einen marxistischen Intellektuellen: Durch ein deep dive in ein Buch, das Philosophie-Masterstudierende in Schrecken versetzen könnte, gelingt Lenin eine Revolution, die die Welt erschüttert. Leider ist diese attraktive Qualität das einzige, was für diese neue Legende spricht. Einer empirischen Überprüfung hält sie nicht stand. Auch sie muss sofort anhalten vor der üblichen Barriere: Sie präsentiert uns einen Lenin, der in keinem Zusammenhang steht zu Lenins eigenem Verständnis seiner politischen Identität — wer er war und wofür er stand.
Erinnern wir uns an die zentralen Merkmale von jenem Lenin aus der „Lengel-Legende“. Lenin erkennt, dass die Krise der europäischen, Marx-basierten Sozialdemokratie zurückzuführen ist auf die ideologische Schwäche des „Marxismus der Zweiten Internationale“. Er erkennt, dass ein radikales Umdenken vonnöten ist. Er wird davon überzeugt, dass ein solches Projekt eine tiefe Isolation und einen Rückzug aus der aktiven Politik erforderlich macht. In seiner Reflexionsphase erkennt er, dass Hegel schändlicherweise durch Plechanow und Co. vernachlässigt worden war, und dass Hegels Dialektik den Schlüssel zum Umdenken bietet. Schließlich erkennt er, dass extrem abstrakte philosophische Positionen direkte und reale Anwendungen in praktischer Politik aufweisen.
Hier kommt eine verblüffende Information: Es gibt keinen konkreten Beweis — keinen —, dass Lenin irgendwo eine einzige der oben aufgelisteten Positionen bejaht hat. Er hat nie gesagt, dass die Krise von 1914 ein radikales Umdenken des Marxismus der Zweiten Internationale notwendig machen würde. Er hat nie gesagt, dass er seine früheren Positionen dank einem besseren Verständnis der Dialektik revidiert hätte. Er hat nie gesagt, dass Hegel neu entdeckt werden müsse oder dass Marxistinnen wie Plechanow alles über die Notwendigkeit von „Sprüngen“ und „Brüchen“ vergessen hätten. Und schließlich enthalten sogar seine Notizbücher über die Wissenschaft der Logik keine Diskussionen über konkrete politische Themen.
Werfen wir einen Blick auf den berühmten Aphorismus, der eben erwähnt wurde. Laut der „Lengel-Legende“ müsste diese Bemerkung auf eine maximalistische Weise aufgefasst werden: Der ganze Marxismus nach Marx, die gesamte Sozialdemokratie nach Marx — alles, was die grundsätzliche politische Identität Lenins ausgemacht hatte — war zutiefst fehlerhaft und musste ersetzt werden. Dabei sagt der Kommentar nichts anderes, als dass Marx’ Darstellungsmethode im Kapital noch nicht vollständig begriffen worden sei. Und wenn wir zurückgehen und den Aphorismus in seinem eigentlichen Kontext betrachten, dann erscheint er als eine beiläufig hingeworfene Paradoxie und nicht als eine bahnbrechende Entdeckung. Er steht alleine im Text, ohne weitere Erklärung. Aber dieser Aphorismus wird immer aus einem sehr guten Grund angeführt: Es ist der einzige Teil in Lenins Notizen, indem auch nur ansatzweise suggeriert wird, dass der Marxismus grundsätzlich neu gedacht werden müsse.
Angesichts dieses Mangels oder eher der totalen Abwesenheit relevanter Kommentare Lenins stellt sich die Frage, wie Befürworterinnen der „Lengel-Legende“ ihre Sache verteidigen können. Mittels drei Wortbildern, die oft mit beeindruckender literarischer Eloquenz präsentiert werden. Erstens, ein Bild aus der Vergangenheit: Die triste Wüste der Zweiten Internationale samt ihrer miserablen „Helden“, Kautsky und Plechanow. Zweitens, ein Bild von Lenin in Bern Ende 1914: eingenistet in der Stadtbibliothek, getrennt von jeder Aktivität und in tiefer Einsamkeit. Drittens, eine Beschreibung von Lenins Politiken nach 1914 als „dialektisch“ und daher als Resultat einer Hegel-Lektüre (post hoc, ergo propter hoc). Diese Wortbilder sind so beeindruckend, dass die Abwesenheit einer Bestätigung durch Lenin selbst unbemerkt bleibt.
Es ist auf bestimmte Weise beeindruckend, dass es möglich ist, ein dermaßen imposantes intellektuelles Gebäude auf einer so dünnen Beweislage zu errichten. Doch das Fehlen von Beweisen ist nur die Hälfte des Problems. Lenin scheint sich außerordentlich bemüht zu haben, den Behauptungen seiner zukünftigen Bewundererinnen explizit zu widersprechen. Hier ist eine Liste von vier eher kurzen Artikeln Lenins aus der Zeit zwischen Ende 1914 und 1915, auf die einfach zugegriffen werden kann. Sie werden jede sorgsame Leserin gegen die „Lengel-Legende“ aufbringen. Die Liste ergänze ich durch die relevanten Abschnitte aus den Memoiren von Lenins Frau, Nadeschda Krupskaja, in denen die entscheidenden Monate in Bern Ende 1914 geschildert werden:
- Der tote Chauvinismus und der lebendige Sozialismus (Wie soll die Internationale wiederhergestellt werden?)20
- Unter fremder Flagge21
- Karl Marx (Enzyklopädieartikel)22
- Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale23
Laut der „Lengel-Legende“ fühlte sich Lenin nach seiner Ankunft in Bern im September 1914 völlig isoliert. Er zog sich aus der Politik für eine Weile zurück. Er erkannte, dass die Ideologie der Zweiten Internationale verantwortlich war für die Krise der Sozialdemokratie. Er widmete sich einer radikalen neuen Konzeption des Marxismus und isolierte sich in der Stadtbibliothek mit Hegel. Krupskajas Kapitel über diese Periode zeichnet ein völlig anderes Bild: das eines glücklichen Kämpfers, der energisch seine alten Standpunkte verteidigte und sich mit Gleichgesinnten im Ausland und in Russland vernetzte. Er war sehr ermutigt durch die Aktionen der Bolschewiki in Russland, die keiner Direktive aus dem Ausland bedurft hatten, um die Linie einzuschlagen, die Lenin für richtig hielt:
„Im großen und ganzen klangen die Stimmen, die sich [in Europa] gegen den Chauvinismus erhoben, die internationalistischen Stimmen, noch ziemlich schwach, unsicher und kamen vereinzelt; aber Lenin zweifelte nicht daran, daß sie mit der Zeit stärker werden würden. Den ganzen Herbst hindurch war er in gehobener Kampfstimmung.“24
Am ersten Tag nach der Ankunft in Bern, bestätigte ein Treffen von Bolschewistinnen die grundlegenden Parolen von Lenins Politik in der Kriegsperiode, etwa die der „Umwandlung des imperialistischen Kriegs in einen Bürgerkrieg“. Im November hatte er eine „klare, eindeutige Kampflinie“ herausgearbeitet, die er in einem wiederbelebten bolschewistischen Journal verbreiten konnte. Krupskaja betont die Kontinuität mit den „langen Jahre[n] der schweren Arbeit“ in Russland.
Sie erwähnt Lenins Enzyklopädieartikel über Karl Marx (der weiter unten ausführlicher beschrieben wird):
„Im Zusammenhang mit den Kapiteln über philosophischen Materialismus und Dialektik vertiefte sich Lenin wieder angelegentlich in das Studium Hegels und anderer Philosophen und gab auch nach Beendigung seines Artikels über Marx diese Arbeit nicht auf. Das Ziel seiner philosophischen Studien war, sich eine Methode zu eigen zu machen, die die Philosophie in eine konkrete Anleitung zum Handeln umgestalten konnte.“
In diesem Zusammenhang erwähnt sie einige spätere Bemerkungen Lenins von 1921, auf die wir später eingehen werden, da sie erklären, was Krupskaja hier meint. Sie fährt fort und behauptet, dass Lenins erneute Lektüre von Hegel „die Fortsetzung seiner Studien in den Jahren 1908 bis 1909, als er mit den Machisten kämpfte“ war. Sie bezieht sich hier auf Lenins Empiriokritizismus, ein Buch das Lenin nach seiner durch Hegel verursachten Erleuchtung verworfen haben soll. Mit anderen Worten war Lenins Interesse an Hegel dadurch angestoßen worden, dass er beauftragt worden war, einen Enzyklopädieartikel zu schreiben, und dieses Interesse war eine Fortführung seiner früheren Studien. Sollte es stimmen, dass Lenin das Gefühl hatte, Hegel habe einen gigantischen Bruch in seiner Sichtweise verursacht hatte, hat er es nicht seiner Frau gesagt.
Widmen wir uns nun den vier Artikeln, die oben aufgelistet werden. Den Artikel „Unter fremder Flagge“, von Anfang 1915, haben wir uns bereits angeschaut. In diesem Artikel sagt Lenin mit aller Vehemenz: Nehmt mich beim Wort: kein Umdenken! Sein polemischer Gegner, der rechte Sozialdemokrat Alexander Potressow, argumentierte tatsächlich, dass der Marxismus der Zweiten Internationale überdacht werden müsste, doch Lenin widerlegte ihn Punkt für Punkt. Potressow habe die Spaltung übersehen zwischen dem Opportunismus und der revolutionären Sozialdemokratie, welche die gesamte europäische Sozialdemokratie durchzogen hatte, und Lenin spricht sich stark für die Sichtweise der revolutionären Sozialdemokratie aus. Dieser Artikel wurde schließlich 1917 veröffentlicht — und damit eine gute Weile nachdem Lenin angeblich zu seiner radikal neuen Sichtweise gelangt sein soll.
Hätte Lenin expliziter sein können? Ja, hätte er, und er war es, in seinem Artikel „Der tote Chauvinismus und der lebendige Sozialismus“. In diesem Artikel beschreibt er, dass man die sozialistische Unterstützung für den Krieg nicht begreifen könne,
„…ohne sich über die eigene Haltung gegenüber der deutschen Sozialdemokratie bis ins letzte klarzuwerden. Was war sie? Was ist sie? Was wird sie sein? Die Antwort auf die erste Frage können wir in der 1909 erschienenen und in viele europäische Sprachen übersetzten Broschüre Karl Kautskys ‚Der Weg zur Macht‘ finden…“
Was wird Lenins eigene Antwort auf seine Frage über die deutsche Sozialdemokratie sein? Laut der „Lengel-Legende“ (und vielen anderen Autorinnen), ist es einfach, die Antwort vorauszusagen: Lenin wird Kautskys fehlerhaftem Marxismus die Schuld geben für den Zusammenbruch der deutschen Sozialdemokratie. Bewahrheitet sich diese Voraussage?
„Rufen wir uns diese Broschüre genauer ins Gedächtnis zurück“, schreibt Lenin zunächst: „das wird um so nützlicher sein, je häufiger jetzt ‚vergessene Worte’ schmählich verleugnet werden“. Dann blättert er durch die Seiten vom Weg zur Macht und sammelt anderthalb Seiten an Zitaten, die er von ganzem Herzen gutheißt. Er kommentiert: „So schrieb Kautsky in längst entschwundenen Zeiten, vor ganzen fünf Jahren. Das war die deutsche Sozialdemokratie, oder richtiger, das versprach sie zu sein. Eine solche Sozialdemokratie konnte und mußte man achten“.25 Mit anderen Worten wurde die Krise von 1914 nicht verursacht durch die fehlerhaften Ideen der Zweiten Internationale — sie wurde dadurch verursacht, dass ihre achtenswerten, aber jetzt vergessenen Ideale, auf schmähliche Weise verworfen wurden.
Ein Artikel, der Ende 1915 geschrieben, aber zum damaligen Zeitpunkt nicht veröffentlicht wurde, trägt den Titel „Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale“. Wenn überhaupt wäre gerade hier der Aufruf zu einem Umdenken zu erwarten. Und, wie schon der Titel andeutet, trägt für Lenin in der Tat der Opportunismus die Schuld für die feige Antwort der offiziellen sozialdemokratischen Parteien. Doch es sollte mittlerweile keine Überraschung mehr sein, dass er nicht den Opportunismus mit der Sichtweise der Zweiten Internationale gleichsetzt. Stattdessen weist er auf das antimilitaristische Basler Manifest hin, das 1912 auf einem außerordentlichen internationalen Kongress verabschiedet wurde.
„Das Basler Manifest ist eine Zusammenfassung des gigantischen Propaganda- und Agitationsmaterials der ganzen Epoche der II. Internationale, von 1889-1914. Dieses Manifest ist ein Resümee dessen, was die Sozialisten aller Länder — ohne Übertreibung — in Millionen und aber Millionen von Aufrufen, Zeitungsartikeln, Büchern und Reden gesagt haben. Dieses Manifest als einen Irrtumhinstellen heißt die ganze II. Internationale, die ganze in Jahrzehnten von den sozialdemokratischen Parteien geleistete Arbeit als einen Irrtum hinstellen. Das Basler Manifest mit einer Handbewegung abtun heißt die ganze Geschichte des Sozialismus mit einer Handbewegung abtun. Das Basler Manifest sagt nichts Besonderes, nichts Außergewöhnliches.“26
Wie wir sehen können, stellt sich Lenin gegen diejenigen Positionen, welche „die ganze II. Internationale … als einen Irrtum hinstellen“. Er geht dazu über, seine eigene Politik aus der Kriegszeit zu rechtfertigen, indem er aus dem Manifest zitiert: Der Krieg ist imperialistisch, die „Vaterlandsverteidigung“ lässt sich nicht verteidigen, und schließlich ist es der Fall, „daß die soziale Revolution herangereift ist, daß sie möglich ist, daß sie im Zusammenhang mit dem Krieg kommen wird“. Er fasst zusammen: „Das Basler Manifest hat diese Taktik beschlossen: Die Taktik der proletarisch-revolutionären Aktionen und des Bürgerkriegs“.
„Es wäre verfehlt, anzunehmen, das Basler Manifest sei eine leere Deklamation, eine bombastische Phrase, eine nicht ernst zu nehmende Drohung gewesen.“ Lenins Protest beschreibt exakt die Art und Weise, wie Stalin die Sache in den Grundlagen des Leninismus darstellt. „Aber“ — fährt Lenin fort — „das ist eine Unwahrheit!“ Die Wahrheit ist, dass immer eine Spaltung existierte zwischen revolutionärer Sozialdemokratie und Opportunismus, und genau dieselbe Spaltung drückt sich nun in Beziehung auf den Krieg aus. Sein bemerkenswertes und detailliertes Wissen über die sozialdemokratischen Parteien in jedem einzelnen europäischen Land zur Schau stellend, examiniert Lenin acht unter ihnen und schließt, dass bereits „aus den Reihen der revolutionären Sozialdemokraten in allen diesen Ländern bereits ein mehr oder weniger scharfer Protest gegen den Sozialchauvinismus zu hören“ sei. Zwei Länder (Frankreich und Belgien) würden hier eine Ausnahme bilden, „aber auch in diesen Ländern fehlen die Internationalisten, obzwar sie schwach sind, nicht ganz“. Mit anderen Worten: Lenin empfand nicht das Bedürfnis, die Vergangenheit abzulehnen, er fühlte sich nicht isoliert oder ohne Unterstützung. Er sah sich vielmehr in einer Position, in der er mit Gleichgesinnten aus der revolutionären Sozialdemokratie den Kampf für die gute Sache weiterführte.
Unser vierter und letzter Untersuchungsgegenstand ist der Enzyklopädieartikel über Karl Marx (1918 neu veröffentlicht mit einem Vorwort von Lenin). Der Artikel ist insgesamt faszinierend, aber ich möchte mich hier auf die hervorragende Bibliographie konzentrieren. Der erste Eindruck, den man bekommt, ist, dass Lenin ein echter Bücherwurm gewesen sein muss! Das Ausmaß seiner Marx- und Marxismuslektüre ist regelrecht beängstigend. Darüber hinaus lässt sich festhalten, dass die wissenschaftliche Diskussion über Marx im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert extrem breit und dicht war. Ein großes Selbstvertrauen ist erforderlich, um all das ohne weiteres als das Geschwätz fehlgeleiteter Reformer abzutun, deren Anschauungen angeblich von Lenin innerhalb weniger Wochen von Reflexion 1914 einfach so übertrumpft worden seien.
Eine umfassende Analyse der Bibliographie wäre sehr lehrreich, aber wir müssen uns mit einigen wenigen Highlights begnügen. Gemäß seiner üblichen Herangehensweise, teilt Lenin die Schriften in drei Kategorien auf: bürgerliche Autoren, die Marx nicht wohlgesinnt sind, „Marxisten, die im wesentlichen auf dem Marxschen Standpunkt stehen“ und schließlich „Revisionisten, die angeblich die einen oder anderen Grundsätze des Marxismus anerkennen, ihn aber faktisch durch bürgerliche Anschauungen ersetzen“. Zu den Marxistinnen in der genuinen marxistischen Kategorie gehören Karl Kautsky, Jules Guesde, Paul Lafargue, Anton Pannekoek, Rosa Luxemburg (obwohl uns gesagt wird, dass sie in einigen Punkten von Otto Bauer korrigiert wird). Natürlich ist Kautsky bei weitem der am häufigsten zitierte lebende Autor. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass diese Autorinnen nicht den korrekten marxistischen Standpunkt vertreten.
Lenin fügt einige seiner eigenen Arbeiten in die Bibliographie ein, aber sie sind größtenteils technische Werke, die mit dem Zweck verfasst wurden, den Revisionismus in Bezug auf Agrarpolitik zu widerlegen. Die einzige substanziellere Arbeit, die in der Bibliographie auftaucht, wie sie 1914/1915 erscheint, ist Empiriokritizismus, dessen Hauptargument angeblich von ihm verworfen worden sei. Arbeiten wie Was tun? werden nicht erwähnt.27
„Dialektischer Materialismus“ wird nicht in der Bibliographie vernachlässigt. Höchstrelevant für unsere aktuelle Untersuchung sind die folgenden Schriften: „Eine Rezension von J. Kaufman … über das ‚Kapital‘… ist dadurch bemerkenswert, daß Marx im Nachwort zur zweiten Auflage des ‚Kapitals‘ die Ausführungen von [Kaufman] zitierte und die dort gegebene Darstellung seiner materialistisch-dialektischen Methode als richtig bezeichnete“.28 Lenins Stolz über seinen russischen Landsmann scheint hier durch. Doch man beachte: Für Lenin war die korrekte Darstellung von Marx’ dialektischer Methode bereits 1872 verfügbar. Lenin ist auch stolz auf einen anderen Russen: Georgi Plechanow. Trotz seiner jahrelangen politischen Verfeindung mit Plechanow, erklärt Lenin der Leserin: „Die beste Darlegung der Philosophie des Marxismus und des historischen Materialismus stammt von G. W. Plechanow“. Dann listet er sieben spezifische Titel auf „u. a. Schriften“, die unbenannt bleiben.
Vergessen wir nicht, dass Lenins angebliche Ablehnung Plechanows ein zentraler Bestandteil der „Lengel-Legende“ ist. Doch Lenins positive Einschätzung Plechanows philosophischer Schriften bleibt über die Jahre hinweg auffällig konstant. Sie findet ihren Abdruck in seinen Vorkriegsschriften, Ende 1914 (wie wir eben gesehen haben) und sogar im Jahr 1921. In seinen Polemiken über die sogenannte „Gewerkschaftsdiskussion“ belehrte Lenin seinen jungen Genossen Nikolai Bucharin über den Sinn der Dialektik. Als Teil dieser Ausführungen schrieb Lenin folgendes:
„…[D]ie dialektische Logik [lehrt], daß es ‚eine abstrakte Wahrheit nicht gibt, daß die Wahrheit immer konkret ist‘, wie der verstorbene Plechanow — mit Hegel — zu sagen pflegte. (Nebenbei bemerkt, halte ich es für angebracht, die jungen Parteimitglieder darauf aufmerksam zu machen, daß man ein bewußter, wahrer Kommunist nicht werden kann, ohne alles, was Plechanow über Philosophie geschrieben hat, zu studieren— ich betone, zu studieren —, denn es ist das Beste in der ganzen internationalen marxistischen Literatur.)“
Wir sehen also, dass Lenin sein Verständnis von Hegel direkt von Plechanow bekommen hat und es folglich nicht für nötig hielt, den einen abzulehnen, um den anderen zu befürworten. Und der zitierte Kommentar ist nicht nur eine persönliche Meinung. In einer Fußnote fügte er in seiner Funktion als Staatsoberhaupt einige Anleitungen hinzu:
„Beiläufig. Man kann nicht umhin, erstens den Wunsch auszusprechen, daß bei der jetzt erscheinenden Ausgabe der Werke Plechanows sämtliche Artikel über Philosophie in einem besonderen Band oder in besonderen Bänden mit einem ganz ausführlichen Register usw. zusammengefaßt werden. Denn das muß in die Reihe der obligatorischen Lehrbücher des Kommunismus aufgenommen werden. Zweitens sollte der Arbeiterstaat meines Erachtens von den Philosophieprofessoren verlangen, daß sie Plechanows Darlegung der marxistischen Philosophie kennen und es verstehen, den Studierenden diese Kenntnis zu vermitteln.“
Während der kürzlich abgehaltenen Konferenz über das Erbe Lenins in Bilbao waren diese Bemerkungen von 1921 der Fokus einer produktiven Diskussion zwischen den verschiedenen Rednerinnen.29 Mit einer lobenswerten intellektuellen Ehrlichkeit, brachten die Vertreterinnen der „Lengel-Legende“ selbst diese Aussagen von Lenin über Plechanow auf. Sie gestanden, dass sie ein Problem für die These darstellen, Lenin habe seine Position zu Plechanow radikal revidiert.
Wie wahrscheinlich zu erwarten, habe ich argumentiert, dass diese Passage die Legende völlig entkräftet. Dagegen wurden zwei Einwände erhoben. Erstens: Vielleicht hat es Lenin nicht gemeint! Kann es nicht sein, dass er persönliche, polemische oder politische Gründe hatte, um seine wirklichen Ansichten geheim zu halten? Die Leserin soll die ganze Passage lesen, die zitiert wurde, und dann entscheiden, ob diese Ansicht auch nur einen Hauch an Plausibilität aufweist. Der zweite Einwand besteht darin, zu gestehen, dass Lenins Hegelianismus von einer seltsamen Ambivalenz geprägt ist. Doch Lenins Sicht auf Plechanow, Hegel und die Dialektik ist überhaupt nicht ambivalent. Er hatte starke, explizite und einheitliche Positionen zu diesen Themen, die er bei gegebenen Anlässen während seiner ganzen Karriere immer wieder äußerte.
Ich konnte nur eine kleine Übersicht der Probleme darbieten, mit denen sich die „Lengel-Legende“ herumschlagen muss, also werde ich meine Argumentation nun zusammenfassen, indem ich auf einen gravierenden Kontrast hinweise: Auf der einen Seite fehlt jeder Nachweis, dass Lenin sich überhaupt bewusst war, dass er der Autor des großen Umdenkens war, das ihm zugeschrieben wird. Auf der anderen Seite gibt es einen Berg an Beweisen, dass er explizit und auch leidenschaftlich die ganze Idee von einem Umdenken des Marxismus und der Sichtweise der Zweiten Internationale, insbesondere der revolutionären Sozialdemokratie, abgelehnt hat. Kann es nicht sein, dass nur die Verführung einer Heldenerzählung uns dermaßen von den verfügbaren Fakten entkoppeln konnte?
- Die Politik der kombinierten und ungleichmäßigen Entwicklung: die Theorie der permanenten Revolution. Neu veröffentlicht in Chicago 2010. In meiner Untersuchung von Trotzkis verstreuten Aussagen zu dem Thema, habe ich Orientierung finden können in Ian Thatchers Uneven and combined development: revolutionary Russia London 1991. Anm. d. Übers.: Die folgenden Zitate von Löwy sind von mir ins Deutsche übersetzt worden und nicht aus einer vorhandenen Übersetzung ins Deutsche übernommen. ↩︎
- M Löwy op cit pp33, 87. ↩︎
- M Löwy op cit pp19, 27-8, 53. Für einen Überblick meiner eigenen Sichtweise auf diese Themen, vgl. ‘Why did Marx declare the revolution permanent? : the tactical principles of the manifesto’ Historical Materialism: philpapers.org/rec/LIHWDM.↩︎ ↩︎
- Trotzkis Ergebnisse und Perspektiven kann hier online gelesen werden: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1906/erg-pers/index.htm ↩︎
- M Löwy op cit pp44, 87. Anm. d. Übers.: Die deutsche Übersetzung des von Löwy zitierten Auszugs aus Trotzkis Geschichte der russischen Revolution ist aus dem Marxist Internet Archive übernommen worden: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1930/grr/b1-kap01.htm ↩︎
- Alex Callinicos in International Socialism spring 1982. ↩︎
- R Day and D Gaido Witnesses to permanent revolution Leiden 2009. ↩︎
- Karl Kautsky: Triebkräfte und Aussichten der russischen Revolution (1906). Online verfügbar im MIA: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/kautsky/1906/russ-rev/5-prolet.html Für eine detailliertere Diskussion, siehe johnriddell.com/2017/04/26/the-proletariat-and-its-ally-the-logic-of-bolshevik-hegemony. ↩︎
- R Day and D Gaido op cit p580. ↩︎
- Siehe auch meinen Online-Essay: https://johnriddell.com/2017/04/26/the-proletariat-and-its-ally-the-logic-of-bolshevik-hegemony
Anm. d. Übers.: Der Brief, den Trotzki auf Deutsch an Kautsky schrieb, ist online verfügbar im Archiv des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte (IISG): https://access.iisg.amsterdam/universalviewer/#?manifest=https://hdl.handle.net/10622/ARCH00712.D_XXII_159-180?locatt=view:manifest ↩︎ - International Socialism spring 1982. ↩︎
- Siehe auch das Programm, das auf dem 6. Kongress der Komintern 1929 angenommen wurde. Englische Version: https://www.marxists.org/history/international/comintern/6th-congress/ch04.htm (“Uneven economic and political development is an absolute law of capitalism”) ↩︎
- https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1936/verrev/anh01.htm ↩︎
- LT Lih Lénine, une enquête historique: le message des bolchéviks. Paris 2024. ↩︎
- www.revolutionpermanente.fr/Un-siecle-apres-pourquoi-relire-Lenine. Garrisi verlinkt den Artikel von Kouvelakis – revueperiode.net/lenine-lecteur-de-hegel – auf den ich in dem unten zitierten Essay antworte. ↩︎
- 2014 veröffentlichte ich einen Artikel, indem ich die Lenin-Hegel-Legende widerlegte, siehe ‘“A new era of war and revolution”: Lenin, Kautsky, Hegel and the outbreak of World War I’, in A Anievas (ed) Cataclysm 1914: the First World War and the making of modern world politics Leiden 2014. Um die Antwort von Kevin Anderson nachzulesen, siehe Lenin, Hegel and western Marxism: a critical study Brill 2022. Aufgrund neuerer Herausforderungen, habe ich mich noch einmal mit der Frage beschäftigt. Folgende informative Artikel haben mich hierbei sehr weitergebracht: V Oittinen, ‘Which kind of dialectician was Lenin?’ in T Rockmore and N Levine (eds) The Palgrave handbook of Leninist political philosophy London 2018; N Coombs, ‘Did Lenin refound Marxist dialectics in 1914?’ in The European Legacy January 2l 2016; R Boer, ‘Between vulgar and ruptural dialectics: reassessing Lenin on Hegel’ in International Critical Thought January 5 2015. ↩︎
- Michael Brie. Sieben Gründe, Lenin nicht den Feinden zu überlassen. Online abrufbar unter https://www.rosalux.de/news/id/51514/sieben-gruende-lenin-nicht-den-feinden-zu-ueberlassen ↩︎
- LW 38, S. 170. ↩︎
- LW 21, S. 83-90. ↩︎
- LW 21, S. 123-146. ↩︎
- LW 21, S. 31-80. ↩︎
- LW 21, S. 446-460. ↩︎
- Nadeschda Krupskaja. Erinnerungen an Lenin. S. 328f. Online verfügbar unter: http://www.max-stirner-archiv-leipzig.de/dokumente/KrupskajaErinnerungenAnLenin.pdf ↩︎
- LW 21, S. 85. Für mehr Details, siehe LT Lih, ‘The tasks of our times: Kautsky’s Road to power in Germany and Russia’ Studies in East European Thought 2018. ↩︎
- LW 21, S. 449. ↩︎
- Obwohl die Bibliographie nicht beigefügt wurde, als der Artikel 1918 neu veröffentlicht wurde, hatte Lenin offensichtlich begonnen, sie zu überarbeiten, da wir nun auch die Erwähnung seines Werks Imperialismus von 1917 finden — ohne Fanfare, als eine weitere Arbeit zu Imperialismus. In seinem Vorwort zur Neuauflage von 1918 wird das Fehlen der Bibliographie damit begründet, dass die ausländischen Autorinnen für die russischen Arbeiterinnen von keinem Interesse seien. ↩︎
- Das lange Zitat von Marx findet sich im Nachwort der zweiten deutschen Ausgabe von 1873. ↩︎
- LW 32, S. 85. Wie Robert Mayer nachgewiesen hat in einem unverzichtbaren Artikel, bewunderte Lenin sein Leben lang die Dialektik, weil er in ihr eine Methode sah, um konkrete Situationen zu analysieren, siehe R Mayer ‘Lenin and the practice of dialectical thinking’ Science and Society spring 1999. ↩︎
- ‘Lenin 1924-2024: the validity of revolutionary theory’ – eine Konferenz des Instituts für Sozialistische Studien (Instituto de Estudios Socialistas), gehalten in Bilbao im April 2024. Ich danke den Organisatorinnen für die Gastfreundschaft und für eine Konferenz, die anregende Diskussionen auf hohem Niveau ermöglicht hat. ↩︎

