Zeitschrift fĂŒr marxistische Debatte und Einheit

Hundert Jahre Lenin-Kult sind genug! Teil 1: Die wichtigsten Spielarten des Kults

Zum hundertsten Jahrestag von Lenins Tod im Jahr 2024 schrieb der kanadische Historiker Lars T. Lih eine dreiteilige Artikelreihe ĂŒber den Lenin-Kult und seine verschiedenen Spielarten. Im ersten Teil befasst sich Lih mit der stalinistischen und trotzkistischen Lenin-Interpretation, sowie mit dem Lenin der akademischen Historiker. Wir haben Lihs Arbeit ĂŒbersetzt und veröffentlichen hiermit den ersten Teil.

Obwohl Lenins Schlaganfall im FrĂŒhling 1923 ihn dauerhaft außer Gefecht setzte, starb er im Januar 1924. So fĂ€llt Lenins hundertjĂ€hriger Todestag auf das Jahr 2024. Doch ein weiteres Ereignis liegt nun ebenfalls hundert Jahre zurĂŒck. Es ist ein Ereignis, dem wir gedenken sollten, wenn auch nicht feierlich. 1924 war das Geburtsjahr des Lenin-Kults und seiner unterschiedlichen Ableger. Dieser Kult ist verantwortlich fĂŒr viele der heute noch hĂ€ufig auftretenden falschen Auffassungen ĂŒber Lenin und die russische Revolution.
Auf meinem Tisch liegen drei kleine BĂŒcher, alle 1924 veröffentlicht: J.W. Stalins Über die Grundlagen des Leninismus, Georg LukĂĄcs’ Lenin. Studie ĂŒber den Zusammenhang seiner Gedanken, und Leo Trotzkis 1917. Die Lehren des Oktober. Diese drei BĂŒcher haben die ideologische Grundlage fĂŒr den Lenin-Kult geschaffen, indem sie Lenin in einen genialen theoretischen Erneuerer und heldenhaften Kontrahenten seines eigenen sozialistischen Lagers verwandelten. Laut Stalin und LukĂĄcs lehnte Lenin den gesamten „Marxismus der Zweiten Internationale“ ab. Trotzki zufolge verwarf Lenin den „alten Bolschewismus“ seiner ehemaligen bolschewistischen Offiziere. In beiden Narrativen nimmt ein marxistischer „Anderer“ die Form einer traurigen und negativen Gestalt an: Karl Kautsky bei Stalin und LukĂĄcs, Lew Kamenew bei Trotzki. StĂ€ndig wird dasselbe heilige Narrativ wiederholt: Lenin besiegt den marxistischen (oder sollte ich besser „marxistisch“ in AnfĂŒhrungszeichen setzen?) Anderen und ebnet damit den Weg fĂŒr den glorreichen Sieg der Oktoberrevolution. Ein weiteres Merkmal verbindet diese grundlegenden Texte des Lenin-Kults: Ihr Bild von Lenin steht in völligem Widerspruch zu dem Selbstbild der historischen Person Wladimir Uljanow.
Der Kult ist nicht etwas, das sicher verstaut liegt, irgendwo in der sowjetischen Vergangenheit. Viele Vorstellungen ĂŒber Lenin, die heute als unumstritten gelten, stammen direkt oder indirekt aus diesen drei kleinen BĂŒchern. 
Meine Kritik des Lenin-Kults wird sich jedoch auf zwei unterschiedlichen Ebenen abspielen. Und ich bitte die Leserinnen, die beiden Ebenen klar voneinander zu unterscheiden. Eine Ebene richtet sich gegen eine Reihe von Vorstellungen ĂŒber Lenin, die aus der Vergangenheit aufgegriffen wurden und einer empirischen Untersuchung nicht standhalten. Diese aufgegriffenen Vorstellungen sind fĂŒr uns alle eine Belastung (mich selbst eingeschlossen!). Wer diese Vorstellungen teilt, ist darum nicht gleich Mitglied einer Sekte. Es ist jedoch kein Geheimnis, dass es Menschen gibt, deren vorrangiges Anliegen darin besteht, die ĂŒberlieferte heilige ErzĂ€hlung weiterzugeben, anstatt ein empirisch fundiertes Bild von Lenin und der russischen Revolution zu vermitteln. Diese Menschen bezeichne ich hier als Fundamentalisten, weil sie jeden Zweifel an der Unfehlbarkeit der ĂŒberlieferten ErzĂ€hlung als Ketzerei abtun.
Dieser Essay besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil schauen wir uns die drei einflussreichsten AusdrĂŒcke des Lenin-Kults an: Lenin gegen Kautsky und die Zweite Internationale (Stalin); Lenin gegen Kamenew und anderen bolschewistische AnfĂŒhrer (Trotzki); Lenin gegen allem Gute und Wahre (das umgedrehte Kult akademischer Historikerinnen). Teil II setzt sich mit neueren Narrativen, die aus diesem Kult hervorgehen, auseinander: Trotzki gegen die „Etappentheorie“ (ein Spin-off-Kult, in dem Trotzki der Hauptheld ist) und Lenin gegen undialektische Marxisten (ein neuere Legende, basierend auf Lenins Begegnung mit Hegel im Jahr 1914). Im dritten und letzten Teil wird eine konkrete Fallstudie vorgestellt, durch die aufgezeigt wird, wie diese unterschiedlichen Narrative die Analyse der politischen Dynamiken von 1917 verzerrt haben. Darin analysieren wir die stĂ€ndig wiederholte Anekdote, wonach Kamenew und Stalin im MĂ€rz 1917, also vor Lenins Ankunft, den Krieg unterstĂŒtzt hĂ€tten.

Stalin: Lenin gegen die Zweite Internationale

Stalins Über die Grundlagen des Leninismus, unmittelbar nach Lenins Tod verfasst, ist der mit Abstand einflussreichste Beitrag zur Lenin-Forschung aller Zeiten.1 Sein Einfluss hat nichts mit der eigenen politischen Einstellung zu tun. TatsĂ€chlich sind die entschiedensten Antistalinistinnen (meistens aus der trotzkistischen Tradition oder akademische Historiker) oft diejenigen, die Stalins Verzerrungen am treuesten sind. Zweifellos wird Stalins Schrift heute nur wenig gelesen. Das sorgt im heutigen politischen Klima aber nur dafĂŒr, dass ihr Inhalt eher angenommen wird.  Stalin fĂŒhrte drei Themen ein, die in starkem Widerspruch zu Lenins Selbstdarstellung und zu dem Bild standen, das seine Genossinnen zu Lebzeiten von ihm hatten: Lenins Haltung gegenĂŒber der Zweiten Internationale vor dem Ersten Weltkrieg, sein VerhĂ€ltnis zu Karl Kautsky, und Lenins EinschĂ€tzung seiner eigenen theoretischen und politischen OriginalitĂ€t.
1915 fĂŒhrte Lenin eine Polemik mit Alexander Potressow, einem russischen Sozialdemokraten am rechtesten Rand der Partei. Anbei Lenins Zusammenfassung der Meinung seines Gegners zur Zweiten Internationale: 
„Es kommt so heraus, als wĂ€re die heutige Demokratie [die Sozialdemokratie, Anm. des Autors] der gegebenen Epoche ein einheitliches Ganzes geblieben, das, allgemein gesprochen, von der Idee der schrittweisen Entwicklung durchdrungen worden sei, sich nationalisiert, der Störung der schrittweisen Entwicklung und der Katastrophen sich entwöhnt, mit Schimmel sich ĂŒberzogen habe und verflacht sei.“2
Diese Beschreibung wird den meisten bekannt vorkommen. Denn diese EinschĂ€tzung der Zweiten Internationale liegt allen Erscheinungsformen des Lenin-Kults zugrunde. Doch Lenin widersprach dieser Darstellung Potressows scharf: FĂŒr ihn gab es innerhalb der Zweiten Internationale eine tiefe Spaltung zwischen dem linken und rechten FlĂŒgel, oder, um es mit den damaligen Begriffen zu sagen, eine Spaltung zwischen der revolutionĂ€ren Sozialdemokratie und dem Opportunismus.
Lenin war stolzes Mitglied dieses linken FlĂŒgels. Er bemĂŒhte sich oft, zu betonen, dass der Bolschewismus die russische Version der revolutionĂ€ren Sozialdemokratie war. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. So behauptete er 1907-1908 unmissverstĂ€ndlich: „Es muss nachdrĂŒcklich betont werden, dass der Bolschewismus die Taktik der revolutionĂ€ren Sozialdemokratie in allen Bereichen des Kampfes, in allen TĂ€tigkeitsfeldern ausfĂŒhrt.“3 Diese Äußerungen widerrief er nach seinem Bruch mit Kautsky im Jahr 1914 nicht. 1915 warf Lenin einen Blick auf die Geschichte der Bolschewiki und beschrieb dabei die frĂŒhen Auseinandersetzungen innerhalb der russischen Sozialdemokratie mit folgenden Worten:

„Der „Ökonomismus” war eine opportunistische Strömung in der russischen Sozialdemokratie. [
] Die alte Iskra (1900-1903) fĂŒhrte im Namen der Prinzipien der revolutionĂ€ren Sozialdemokratie siegreich den Kampf gegen den „Ökonomismus” durch. [
] Die Epoche der bĂŒrgerlich-demokratischen Revolution [1905-1907] ließ einen neuen Kampf der Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie entbrennen, der eine direkte Fortsetzung des vorhergegangenen war. [
] Die Revolution von 1905 unterzog die unversöhnlich revolutionĂ€re sozialdemokratische Taktik in Russland einer PrĂŒfung, stĂ€rkte, vertiefte und stĂ€hlte sie.“4

Hier sehen wir, dass Lenin und sein Kontrahent Potressow völlig entgegengesetzte EinschÀtzungen der Zweiten Internationale hatten. Nun wenden wir uns Stalins Grundlagen zu, um herauszufinden, welche Stellung Stalin in dieser Debatte einnimmt. Anbei ein Auszug seiner Darstellung der Zweiten Internationale:

„Man darf nicht vergessen, dass zwischen Marx und Engels einerseits und Lenin andererseits ein ganzer Zeitabschnitt der ungeteilten Herrschaft [hervorgehoben durch den Autor] des Opportunismus der II. Internationale liegt, dessen rĂŒcksichtslose BekĂ€mpfung eine der wichtigsten Aufgaben des Leninismus sein musste.“5

Und:

„Es war notwendig, die gesamte TĂ€tigkeit [hervorgehoben durch den Autor] der II. Internationale, ihre ganze Arbeitsmethode einer Revision zu unterziehen und das Philistertum, die Engstirnigkeit, die Politikasterei und das Renegatentum, den Sozialchauvinismus und Sozialpazifismus auszumerzen. Es war notwendig, das gesamte Arsenal [hervorgehoben durch den Autor] der II. Internationale zu ĂŒberprĂŒfen, alles, was verrostet und morsch war, ĂŒber Bord zu werfen und neue Arten von Waffen zu schmieden.“6

Stalins Beschreibung der Zweiten Internationale ist fast eine Kopie der Darstellung, die Lenin in seiner Polemik von 1915 scharf kritisiert hatte. Trotzdem wird diese Darstellung heutzutage von einer Mehrheit der einflussreichsten Autoren, die ĂŒber Lenin schreiben, als eine Art Evangelium hingenommen, vor allem von denjenigen, die sich ihrer antistalinistischen Haltung rĂŒhmen. Die Manipulation historischer Fotografien, um Personen, die in Ungnade gefallen waren, zu entfernen, ist ein bekanntes Merkmal der Stalin-Ära. Stalin fĂŒhrt in den Grundlagen eine Ă€hnliche Handlung durch, die aber umso spektakulĂ€rer ist: Er lĂ€sst die Geschichte des gesamten linken FlĂŒgels der Zweiten Internationalen aus.7
Im Großen und Ganzen vermittelt das Werk ein recht genaues Bild des politischen Lenin (mit Ausnahme der Fragen zum sogenannten „Sozialismus in einem Land“). Da Stalin jedoch die revolutionĂ€re Sozialdemokratie vollstĂ€ndig von der BildflĂ€che verschwinden ließ, konnte er Lenin als einen großen innovativen Theoretiker darstellen, der eigenhĂ€ndig die gesamte Weltanschauung des linken FlĂŒgels der Zweiten Internationale erschaffen hatte. Um das zu tun, musste Stalin jedoch eine unter Lenins eigenen Genossinnen weit verbreitete „komische Ansicht“ bekĂ€mpfen:

„Manche glauben, der Leninismus sei das Primat der Praxis ĂŒber die Theorie in dem Sinne, dass das Wesentliche in ihm die Umsetzung der marxistischen GrundsĂ€tze in die Tat, die „AusfĂŒhrung“ dieser GrundsĂ€tze sei, was dagegen die Theorie anbelangt, so sei der Leninismus in dieser Hinsicht ziemlich unbekĂŒmmert. [
] Ich muss erklĂ€ren, dass diese mehr als sonderbare Meinung ĂŒber Lenin und den Leninismus ganz falsch ist und in keiner Weise der Wirklichkeit entspricht.“8

Eine gute HeldenerzĂ€hlung braucht einen Antihelden, und Stalin gab Karl Kautsky diese Rolle. In den Grundlagen des Leninismus ist Kautsky mehr oder weniger die einzige bekannte Figur der Zweiten Internationale, die namentlich erwĂ€hnt wird. Dadurch verkörpert er alle SchwĂ€chen der Zweiten Internationale: ein Reformist, ein Fatalist, ein Revisionist, usw. In Wirklichkeit war Kautsky vor dem Krieg der fĂŒhrende Sprecher der internationalen revolutionĂ€ren Sozialdemokratie und wurde als solcher von den Bolschewiki – einschließlich Stalin! – als Mentor angesehen. Als Kautsky nach der Revolution von 1905 sich in russische Debatten einmischte, befĂŒrwortete er zur großen Freude Lenins und seiner Genossen die Taktiken der Bolschewiki. Im Jahr 1909 schrieb Lenin:

„Rosa Luxemburg und Karl Kautsky — Sozialdemokraten, die des öfteren fĂŒr die Russen schrieben und insofern Einblick in unsere Partei hatten — wurden von uns ideologisch gewonnen, obwohl zu Beginn der Spaltung (1903) alle ihre Sympathien auf seiten der Menschewiki waren. Sie wurden gewonnen, weil die Bolschewiki unnachsichtig gegen eine „Kritik“ am Marxismus auftraten, weil die Bolschewiki nicht den Buchstaben ihrer, unbedingt ihrer fraktionellen Theorie verfochten, sondern den allgemeinen Geist und Sinn der revolutionĂ€r-sozialdemokratischen Taktik.“9

Weitere Bemerkung derselben Art ĂŒber Kautsky von Stalin aus derselben Periode gibt es in den ersten Seiten des zweiten Bands seiner Gesammelten Werke. Nach 1914 war Lenin von Kautsky als politischem AnfĂŒhrer schwer enttĂ€uscht. Er wandte sich jedoch nicht von seinen frĂŒheren politischen Schriften ab! Ganz im Gegenteil: Lenin drĂŒckte weiterhin seine starke Bewunderung aus fĂŒr „Kautsky, als er Marxist war“. Er betrachtete Kautsky als „Renegat“, gerade weil Kautsky seinen eigenen richtigen Positionen nicht gerecht wurde. Lenins Haltung gegenĂŒber Kautsky ist eindeutig und öffentlich belegt, und Stalins Versuch, eine tiefe Kluft zwischen beiden zu schaffen, stellt eine erhebliche Verzerrung dar. Die bis heute andauernde Verteidigung dieser Darstellung durch Personen, die es eigentlich besser wissen mĂŒssten, lĂ€sst sich nur durch sture Treue zu einer heiligen ErzĂ€hlung erklĂ€ren.10
LukĂĄcs und andere „westliche Marxisten“ – Intellektuelle, die durch den Weltkrieg und die russische Revolution radikalisiert worden waren, aber keine besonderen Erinnerungen an die Zweite Internationale hatten und nicht persönlich Teil von ihr gewesen waren – trugen ebenfalls dazu bei, Kautskys in den „Anderen“ zu verwandeln. Das Bild des „fatalistischen“ Kautsky ist bei LukĂĄcs und Stalin identisch. Ebenso identisch ist die – bei Stalin bewusste, bei LukĂĄcs wahrscheinlich unbewusste – Verschleierung von Lenins tatsĂ€chlicher Haltung gegenĂŒber Kautsky. Man muss fairerweise sagen, dass Kautskys unermĂŒdliche Verurteilung des russischen Bolschewismus nach 1917 notwendig dazu beitrug, dass seine historische Rolle als Mentor der Bolschewiki paradox erschien. Es ist zu einem großen Teil Stalin zu verdanken, dass es uns bis heute paradox erscheint!
Stalin stellt Lenin als Ă€ußerst originellen Theoretiker dar, der sich im Alleingang mit dem „Marxismus der Zweiten Internationale“ anlegte und Karl Kautskys gesamtes Erbe verwarf. All diese Merkmale von Stalins grundlegender kultischen PortrĂ€tierung stehen in direktem Widerspruch zu Lenins eigenem VerstĂ€ndnis seiner politischen IdentitĂ€t. Dennoch wurden genau diese Merkmale schnell zu einem integralen Bestandteil der weiteren Varianten des Kults, zu denen wir nun ĂŒbergehen.

„Wiederbewaffnung der Partei“: Lenin gegen den „Alten Bolschewismus“

Ende 1924 veröffentlichte Trotzki 1917. Die Lehren des Oktober.11 In diesem Essay erzĂ€hlte er die Geschichte der russischen Revolution auf neue und unerwartete Weise: Im Mittelpunkt der Geschichte stand nicht mehr der Kampf der Bolschewiki um die Errichtung der Sowjetmacht, sondern ein interner Kampf innerhalb der bolschewistischen Partei. Lenin musste demnach gegen alle seine frĂŒheren Genossinnen ankĂ€mpfen, um die Verwandlung der Bolschewiki in eine antirevolutionĂ€re Partei zu verhindern. Trotzkis Verachtung kommt deutlich zu Tage in seiner Beschreibung der Reaktion der Partei auf Lenins Vorschlag, sich in „Kommunistische Partei“ umzubenennen (eine Frage, die 1917 kaum eine Rolle spielte und Anfang 1918 ohne große UmstĂ€nde gelöst wurde):

„[
] [D]er Widerstand bei den Spitzen der Partei ist so stark, daß ein ganzes Jahr, in welchem Russland die schmutzige WĂ€sche der Bourgeoisie-Herrschaft ablegte, vergehen mußte, ehe die Partei sich entschließen konnte, ihren Namen zu erneuern und so zur Tradition Marx’ und Engels’ zurĂŒckkehrte.
In dieser Geschichte der NamensĂ€nderung der Partei drĂŒckt sich symbolisch die Rolle Lenins wĂ€hrend des ganzen Jahres 1917 aus: denn im allerentscheidensten Wendepunkte der Entwicklung muss er ununterbrochen im Innern einen aufreibenden Kampf fĂŒhren gegen das Gestern im Namen des Morgen. Der Widerstand des Gestern, welcher unter der Flagge „Tradition“ auftritt, erreicht in einzelnen Momenten eine außerordentliche SchĂ€rfe.“12

Um eine Formulierung Trotzkis zu nutzen, können wir dies die ErzĂ€hlung von der „politischen Wiederbewaffnung der Partei“ nennen. Folgende Geschichte wird stĂ€ndig wiederholt: Beim Ausbruch der Revolution, im Februar und MĂ€rz 1917, blieben fĂŒhrende Bolschewiki wie Kamenew der alten bolschewistischen Doktrin, die sie von Lenin erhalten hatten, treu — einer Doktrin, die in der neuen revolutionĂ€ren Situation heillos reformistisch geworden war. Als Lenin nach Russland zurĂŒckkehrte, sah er sich gezwungen, die Partei mit seinen Aprilthesen, die zu einer sozialistischen Revolution in Russland aufriefen, neu zu bewaffnen (obwohl Trotzki dies bescheidenerweise nicht ausdrĂŒcklich sagt, wird Lenin in seiner ErzĂ€hlung so dargestellt, als hĂ€tte er den „alten Bolschewismus“ durch den „alten Trotzkismus“ ersetzt, nĂ€mlich die Theorie der „permanenten Revolution“ von 1906). Daraufhin begann ein Kampf zwischen den BefĂŒrwortern von Lenins innovativer „Wiederbewaffnung“ der Partei und seinen hartnĂ€ckigen, konservativen Gegnern, die von Kamenew angefĂŒhrt wurden und mindestens die HĂ€lfte der Partei ausmachten. Dieser Kampf erreichte im Herbst seinen Höhepunkt, als Lenin und Trotzki, trotz bolschewistischer Opposition, gemeinsam die Oktoberrevolution durchfĂŒhrten. 
Diese Geschichte hat alle Merkmale einer guten HeldenerzĂ€hlung. Erstens ist sie spannend, voller beeindruckender Details und dramatischer Episoden. Genauso wie Stalins HeldenerzĂ€hlung, die einige Monate frĂŒher veröffentlicht worden war, prĂ€sentiert auch Trotzkis ErzĂ€hlung Lenin als theoretischem Erneuerer und Rebellen, der sich gegen etablierte Dogmen auflehnt — wobei es in diesem Fall seine eigene, alte Doktrin war! Es wird ein neuer Anti-Lenin eingefĂŒhrt: Lew Kamenew. Obwohl Kamenew ĂŒber ein Jahrzehnt lang einer der wichtigsten Vertrauten Lenins war, wird er nun zum Prototyp des „halb-menschewistischen“ Bolschewiken.
Wie sich erkennen lĂ€sst, sind Stalins und Trotzkis HeldenerzĂ€hlungen offensichtlich miteinander vereinbar. In der Tat hat die stalinistische ErzĂ€hlung in ihrer völlig ausgereiften Form — dem berĂŒchtigten Kurzen Lehrgang zur Geschichte der KPdSU(B)13 der spĂ€ten 1930er — mehrere Dinge aus Trotzkis ErzĂ€hlung ĂŒbernommen. 
Da Kamenew Mitte der 1920er Jahre in Opposition zu Stalin getreten war, ĂŒbernahmen der Woschd14 und seine Historiker gerne Trotzkis Darstellung von Kamenew als symbolischen Anti-Lenin. Außerdem beschloss Stalin, die Aprilthesen zum Ausdruck einer theoretischen Erneuerung Lenins in Bezug auf den „Kurs auf die sozialistische Revolution“ zu machen. Der Kurze Lehrgang kann daher als „Wiederbewaffnung light“-ErzĂ€hlung bezeichnet werden.
Nach Trotzkis Darstellung (und noch mehr nach der seiner spĂ€teren AnhĂ€nger) hatte Lenin natĂŒrlich keine wirkliche Neuerung eingefĂŒhrt, sondern lediglich mit etwas VerspĂ€tung die GĂŒltigkeit von Trotzkis Ă€lterem Szenario der permanenten Revolution erkannt.15 In den Lehren des Oktober schreibt Trotzki, dass wahrer Bolschewismus – als platonisches Ideal, sozusagen – aus einer wahrhaft revolutionĂ€ren Doktrin und einem wahrhaft revolutionĂ€ren Geist besteht. Was grĂ¶ĂŸtenteils unausgesprochen bleibt, fĂŒr jede Leserin aber offensichtlich ist, ist die implizite Aussage darĂŒber, wer in diesem platonischen Sinne der beste Bolschewik ist. Die Revolution von 1917 zeigt laut Trotzki, dass den meisten fĂŒhrenden Bolschewiki der Vorkriegszeit sowohl die richtige Doktrin als auch der revolutionĂ€re Geist fehlten. Lenin hatte zwar immer den revolutionĂ€ren Geist, vertrat und verbreitete aber viele Jahre lang die falsche Doktrin. Nur eine Person hatte immer revolutionĂ€ren Geist und die richtige Doktrin: Trotzki.16 Die Schlussfolgerung ist unausweichlich: Obwohl er erst 1917 der Partei beitritt, ist Lew Trotzki die vollstĂ€ndigste Verkörperung des Wesens des Bolschewismus.
Die Lehren des Oktober sind der Ausgangspunkt fĂŒr Trotzkis spĂ€teres, aus zwei BĂ€nden bestehendes Hauptwerk Geschichte der russischen Revolution. An dieser Stelle möchte ich nicht auf die vielen hervorragenden Aspekte dieses Werks eingehen, sondern mich stattdessen auf das aus den Lehren ĂŒbernommene Gesamtschema beschrĂ€nken. Ist Trotzkis WiederbewaffnungserzĂ€hlung gute Geschichtsschreibung? Nein: Das von Trotzki gezeichnete Bild eines intensiven und verschĂ€rften Kampfes innerhalb der Partei ĂŒber Grundsatzfragen entspricht nicht der historischen RealitĂ€t. Er schrieb die Lehren als Einleitung zu dem Band seiner gesammelten Werke, der sich mit dem Jahr 1917 befasst. Ironischerweise stĂŒtzen die in demselben Band veröffentlichten tatsĂ€chlichen Dokumente Trotzkis aus der Revolutionszeit seinen Aufsatz von 1924 kaum. So gibt es beispielsweise keine Anzeichen fĂŒr einen titanischen innerbolschewistischen Kampf um die „sozialistische Revolution“. Im Gegenteil!17 Ich habe mit der Übersetzung des entsprechenden Bands von Trotzkis Gesamtwerk fĂŒr die Historical Materialism series begonnen. Dort wird eine vollstĂ€ndige Analyse zu finden sein.

Hier möchte ich lediglich darauf hinweisen, dass erneut eine heroische ErzĂ€hlung, die bis heute GemĂŒter bewegt, im direkten Widerspruch zu Lenins eigener Auffassung dessen steht, was er sagte und tat. Betrachten wir hierfĂŒr die wichtige Episode der Aprilthesen.18 Der WiederbewaffnungserzĂ€hlung zufolge kehrte Lenin nach Hause und beseelte die Partei mit einem neuen, radikalen Geist, um den trĂ€gen Halb-Menschewiki wie Kamenew entgegenzuwirken. Die Geschichte, die Lenin einige Jahre spĂ€ter selbst wiedergibt, sieht jedoch anders aus: „Am 7. April veröffentlichte ich meine Thesen, in denen ich zu Vorsicht und Geduld aufrief.“19 Er fĂ€hrt fort und erklĂ€rt seinem Publikum von 1921, dass im April 1917 eine linke Strömung den sofortigen Umsturz der provisorischen Regierung forderte, dass er, Lenin, jedoch „von der Annahme ausging, dass die Massen erst gewonnen werden mussten. [Die Regierung] kann derzeit [im April 1917] nicht gestĂŒrzt werden, da sie die vlast innehat dank der UnterstĂŒtzung der ArbeiterrĂ€te. Bislang genießt sie das Vertrauen der Arbeiter.“20
Laut der WiederbewaffnungserzĂ€hlung ging die Gefahr, mit der Lenin bei seiner RĂŒckkehr konfrontiert war, von (angeblich) versöhnlerischen Halb-Menschewiki wie Kamenew und Stalin aus. Nach Lenins eigener Sicht aus dem Jahr 1921 ging die Gefahr von ungeduldigen Linken aus, die gebremst werden mussten. Und wenden wir uns zum Text der Aprilthese, erfahren wir, dass – Überraschung! – Lenins GedĂ€chtnis ihn nicht getĂ€uscht hatte. Die Notwendigkeit geduldiger AufklĂ€rung (Lenins Mantra nach seine RĂŒckkehr nach Russland) war die zentrale Neuerung der Aprilthesen. Hier ist ein Auszug aus den Thesen zur Veranschaulichung:

„Anerkennung der Tatsache, dass unsere Partei in den meisten Sowjets der Arbeiterdeputierten in der Minderheit, vorlĂ€ufig sogar in einer schwachen Minderheit ist [
]. [U]nsere Aufgabe, solange sich [die Sowjets als alternative Regierung] von der Bourgeoisie beeinflussen lĂ€sst, [kann] nur in geduldiger, systematischer, beharrlicher, besonders den praktischen BedĂŒrfnissen der Massen angepasster AufklĂ€rung ĂŒber die Fehler ihrer Taktik bestehen [
].“21

Genauso wichtig wie das Dasein eines Aufrufs zu geduldiger AufklĂ€rung ist das Nichtdasein eines skandalösen Aufrufs nach einer sofortigen sozialistischen Revolution in den Aprilthesen. Aufgrund des anhaltenden Einflusses Trotzkis ErzĂ€hlung ĂŒber die Wiederbewaffnung der Partei „weiß heute jeder“, dass Lenin genau das getan hat. Heute noch wird die folgende Beschreibung, die Kamenew am Tag nach der ersten Veröffentlichung der Aprilthesen abgab, als treffende Paraphrase von Lenins Argumentation angefĂŒhrt:

„Was das allgemeine Schema des Genossen Lenin anbelangt, so halten wir es fĂŒr unannehmbar, insoweit es davon ausgeht, dass die bĂŒrgerlich-demokratische Revolution abgeschlossen sei, und insoweit es auf die sofortige Umwandlung dieser Revolution in eine sozialistische berechnet ist.“22

Ignoriert wird wiederum Lenins schnelle und unmissverstÀndliche Antwort:

„Er [Kamenew] wirft mir vor, mein Schema sei ‚berechnet’ auf die ‚sofortige Umwandlung dieser (der bĂŒrgerlich-demokratischen) Revolution in eine sozialistische‘. Das ist nicht richtig. Ich ‚rechne’ nicht nur nicht mit einer ‚sofortigen Umwandlung’ unserer Revolution in eine sozialistische, sondern warne geradezu davor, erklĂ€re ausdrĂŒcklich in These Nr. 8: 
 ‚Nicht ‚EinfĂŒhrung‘ des Sozialismus als unsere unmittelbare Aufgabe 
‘ Ist es nicht klar, dass ein Mensch, der auf die sofortige Umwandlung unserer Revolution in eine sozialistische rechnet, sich nicht gegen die unmittelbare Aufgabe der EinfĂŒhrung des Sozialismus wenden könnte?“23

In zahlreichen Berichten ĂŒber das Jahr 1917 wird behauptet, Lenins Thesen hĂ€tten die Ersetzung der „bĂŒrgerlich-demokratischen Revolution“ durch eine „sozialistische Revolution“ gefordert. Doch trotz der allgegenwĂ€rtigen Verwendung von AnfĂŒhrungszeichen in diesen Berichten kommen weder diese Worte noch ein gleichwertiger Ausdruck in Lenins Text vor. Sie tauchen jedoch in Kamenews Text auf. Als Reaktion darauf erklĂ€rte Lenin, Kamenew habe seine Aussage verdreht. Seine Widerlegung ist vor allem dank Trotzkis Version des Lenin-Kults in Vergessenheit geraten, wĂ€hrend Kamenews voreilige Deutung der Aprilthesen als Evangelium akzeptiert wird. Im dritten Teil der vorliegenden Serie werden die Ereignisse des MĂ€rz und April 1917 nĂ€her beleuchtet.

Der umgekehrte Kult: Lenin gegen alles Gute und Wahre

Der offizielle Lenin-Kult stellt Lenin als Helden dar, der die Partei fast im Alleingang aufbaut und die Revolution durchfĂŒhrt. Der umgekehrte Lenin-Kult, wie er heute in den meisten akademischen und populĂ€ren Darstellungen zu finden ist, prĂ€sentiert Lenin hingegen als machiavellistische Figur des Grauens, die die Partei fast im Alleingang aufbaut und die Revolution durchfĂŒhrt. Dieser umgekehrte Kult stĂŒtzt sich maßgeblich auf Stalins und Trotzkis Schriften aus dem Jahr 1924, kehrt jedoch die positiven und negativen Wertungen um.
Als ich vor zwanzig Jahren meine Analyse von Was tun? (1902) schrieb, kritisierte ich die „Lehrbuchinterpretation“ von Lenins Werk.23 Diese Interpretation sah den Kern von Lenins Weltanschauung in seiner Ablehnung von „SpontaneitĂ€t“ und seinem Eintreten fĂŒr eine „Avantgardepartei“. Nach dieser Interpretation waren diese beiden Merkmale höchst innovativ, handelte es sich ja demnach um einen umfassenden Angriff auf den Marxismus und die „demokratischen Massenparteien“ der Zweiten Internationale. Innovativ, aber auch prototyrannisch. Wie es in einem einflussreichen Lehrbuch fĂŒr Politikwissenschaften der 1950er Jahre hieß: „Die Argumentation und der Tenor von Was tun? sind nach wie vor in den Werten und Überzeugungen des sowjetischen Systems verankert. Sie kommen in den Äußerungen Chruschtschows ebenso zum Ausdruck wie in denen Stalins und Lenins.“24
In Lenin Rediscovered zeigte ich, dass alle russischen Sozialdemokraten, bzw. Sozialdemokraten weltweit eine Ablehnung der „SpontaneitĂ€t“ (die ĂŒbliche aber sehr irrefĂŒhrende Übersetzung fĂŒr den russischen Begriff stikhiinost) teilten; sahen sie doch ihre Aufgabe darin, der Arbeiterinnenklasse Organisation und eine sozialistische Perspektive zu vermitteln. Die primĂ€re Bedeutung des russischen Wortes stikhiinost deutet auf chaotische AusbrĂŒche, primitive Desorganisation und richtungslose Wut hin – und wer will das schon? TatsĂ€chlich waren es die Menschewiki, die sich am meisten darĂŒber sorgten. Sie warfen den Bolschewiki regelmĂ€ĂŸig und insbesondere 1917 vor, durch demagogische Manipulation der stikhiinyi-Wut der Massen an PopularitĂ€t zu gewinnen. Lenin Rediscovered macht deutlich, dass Lenin westliche sozialdemokratische Parteien – wie etwa die deutsche SPD – keineswegs ablehnte, sondern sich leidenschaftlich dafĂŒr einsetzte, das SPD-Modell unter den gegebenen, vom zaristischen Absolutismus geprĂ€gten UmstĂ€nden so weit wie möglich nach Russland zu ĂŒbertragen. „Schaut auf die Deutschen!“ ist der Ruf, der durch Was tun? hallt. Die SPD war selbst eine „Avantgardepartei“, denn sie sah sich als TrĂ€gerin der wahren sozialistischen Lehre, die von der gesamten Arbeiterinnenklasse angenommen werden musste.

Beim Schreiben dieses Buches war mir jedoch noch nicht bewusst, dass die akademischen Lehrbuchinterpretationen direkt auf Stalins Grundlagen des Leninismus und denKurzen Lehrgang zurĂŒckgeht. In diesen BĂŒchern preist Stalin die Ablehnung der stikhiinost und die BefĂŒrwortung einer Avantgardepartei als die originellen BeitrĂ€ge Lenins, sowie als Rebellion gegen die öde Zweite Internationale. SelbstverstĂ€ndlich interpretiert Stalin diese Ideen nicht als BefĂŒrwortung einer elitĂ€ren Verschwörungspartei, die den Arbeitern feindlich gesinnt und auf Intellektuelle beschrĂ€nkt war. Diese Erfindung war das Ergebnis des umgekehrten Kults.
In Ă€hnlicher Weise griffen die akademischen Historiker den aus der stalinistischen Geschichtsschreibung stammenden Ausdruck der „Partei neuen Typs“ auf. Lenin selbst hat diesen Ausdruck oder einen Ă€hnlichen nie verwendet. Diese Tatsache hindert die meisten Menschen jedoch nicht daran, den Ausdruck in AnfĂŒhrungszeichen zu setzen (eine fast obligatorische typografische Maßnahme). Der verstorbene Carter Elwood war ein kanadischer Wissenschaftler, den ich als einen der empirisch fundiertesten Autorinnen schĂ€tze, die ĂŒber Lenin und die sozialdemokratische Untergrundbewegung geschrieben haben. Doch selbst Elwood prĂ€sentierte seine faktischen Erkenntnisse in unbewusster Nachahmung der Kult-ErzĂ€hlung aus Stalins Grundlagen. In seiner Beschreibung von Lenins Versuch, 1914 einen 6. Parteitag einzuberufen, stellte Elwood fest, dass dieser Parteitag „sehr wahrscheinlich die Aufgabe des Aufbaus einer vollstĂ€ndig bolschewistischen ‚Partei neuen Typs‘ vollendet hĂ€tte, mit der Lenin mehr als ein Jahrzehnt zuvor begonnen hatte“.25 Diese Interpretation baut direkt Stalins Narrativ in den Grundlagen und im Kurzen Lehrgang. In einer Stelle, die Stalin selbst in den Kurzen Lehrgang einfĂŒgte, heißt es:

„Die Bolschewiki wollten eine neue, eine bolschewistische Partei schaffen, geeignet, ein Vorbild fĂŒr alle die zu sein, die eine wirklich revolutionĂ€re marxistische Partei haben wollten. Die Bolschewiki arbeiteten an der Schaffung einer solchen Partei schon in den Zeiten der alten „Iskra“. Sie arbeiteten hartnĂ€ckig, standhaft daran, allen Hindernissen zum Trotz. Die wichtigste und entscheidende Rolle spielten in dieser Vorbereitungsarbeit Werke Lenins wie „Was tun?“, „Zwei Taktiken“, usw.“26

Trotzkis WiederbewaffnungserzĂ€hlung aus den Lehren des Oktober wurde auch schnell von antibolschewistischen Autoren ĂŒbernommen. Aha! – schrieben Beobachter wie Kautsky und Irakli Zereteli (Sprecher der Menschewiki im Jahre 1917) – hier sehen wir eine wichtige FĂŒhrungsfigur der Bolschewiki, die zugibt, sogar damit angibt, dass Oktober „ein Aufstand gegen andere RevolutionĂ€re [war], die besiegt werden mĂŒssten, wenn sie sich nicht von Lenin und Trotzki unterordnen wollen.“27 Auch heute noch sind akademische Historikerinnen bei der Analyse der Revolution von 1917 stark von Trotzkis Darstellung aus dem Jahr 1924 geprĂ€gt (im dritten Teil wird ein faszinierendes Beispiel dafĂŒr untersucht). Insbesondere US-Historikerinnen wollten der offiziellen sowjetischen Darstellung, nach der Lenin eine monolithische Partei angefĂŒhrt habe, entgegenwirken, indem sie sich auf die Spaltungen innerhalb der Bolschewiki konzentrierten. Hier wird einmal mehr Kamenew in die Rolle des Anti-Lenin gedrĂ€ngt. Eine Kernaussage von Alexander Rabinowitch verdeutlicht seine Anlehnung an Trotzkis ErzĂ€hlung von der „Wiederbewaffnung der Partei“:

„Unter den Bolschewiki gab es unter anderem ‚Moderate‘ oder ‚Rechte‘, die Lenins grundlegenden theoretischen und strategischen Annahmen bestĂ€ndig ablehnten. Ihr bekanntester und eloquentester Sprecher war der 34-jĂ€hrige Lew Kamenew, der in Moskau geboren wurde und seit 1903 Bolschewik war.“28

Ein Bolschewik „seit 1903“, der „[bestĂ€ndig] Lenins grundlegenden theoretischen und strategischen Annahmen [
] ablehnte“! Unweigerlich fragt man sich, welche glĂŒcklichen Annahmen nicht verworfen wurden. In Berichten ĂŒber das Jahr 1917 findet sich immer wieder eine bestimmte akademische Redeweise ĂŒber Lenin. Demnach gewinnt er niemals eine Diskussion, indem er Menschen beispielsweise durch schlĂŒssige Beobachtungen oder eine gemeinsame Perspektive ĂŒberzeugt. Stattdessen zwingt er seinen hilflosen Genossen seinen Willen auf. Kamenew, der Anti-Lenin, wird dafĂŒr gelobt, dass er sich gegen Lenin gestellt hat. Als er jedoch seine Meinung Ă€ndert – oder besser: sich Lenins Willen beugt – wird er verachtet und abgetan. Die Ironie dabei ist, dass diese Historiker Lenin vom Rest der Partei trennen und eine riesige Kluft zwischen seiner Weltanschauung und der der anderen schaffen. Dadurch haben sie Lenin zu einem revolutionĂ€ren Demiurgen gemacht, der ĂŒber alles hinausgeht, was sich Sowjet-Apologeten hĂ€tten ausdenken können. 
Ohne es zu merken, stellen diese akademischen Historiker den gesamten Verlauf des Jahres 1917 als Ergebnis der entscheidenden Handlungen einer einzigen Person dar. Lenin kehrt nach Russland zurĂŒck und zwingt einer ansonsten gemĂ€ĂŸigten Partei seinen Willen auf. Im Oktober verhindert Lenin im Alleingang den Wunsch fast aller Genossinnen – symbolisiert durch Kamenew – nach einer „moderaten“ Sowjetmacht, die alle bĂŒrgerlichen Parteien ausschließen, aber dafĂŒr alle Sozialisten in einer breiten Mehrparteienkoalition von den Bolschewiki bis zu den Volkssozialisten (eine kleine Partei am rechten Rand des sozialistischen Spektrum, die sich tatsĂ€chlich vehement gegen jede Form von Sowjetmacht wandte) einschließen sollte. In Leopold Haimsons Worten, stieß Lenins Position im Oktober „nicht nur auf breiten Widerstand [bei den Bolschewiki], sondern blieb sogar seinen engsten AnhĂ€ngern unverstĂ€ndlich.“29 Schließlich setzt Lenin im Januar 1918 erneut seinen Willen durch, indem er eigenmĂ€chtig die Verfassungsgebende Versammlung auflöst. Damit macht er einen eigentlich vermeidbaren BĂŒrgerkrieg unvermeidbar.
Es stimmt, dass Lenin ein starker Vorsitzender einer vereinten Partei war. Die Partei war jedoch nicht vereint, weil Lenin ein starker Vorsitzender war. Vielmehr war Lenin ein starker Vorsitzender, weil er eine in ihrer grundlegenden Perspektive vereinte Partei anfĂŒhrte. DemgegenĂŒber zeichnet die von Aktivisten und akademischen Historikern geteilte WiederbewaffnungserzĂ€hlung ĂŒber das Jahr 1917 das Bild einer tief gespalteten bolschewistischen Partei, die nur aufgrund des mĂ€chtigen Woschd, der seinen Willen einer hartnĂ€ckigen und verstĂ€ndnislosen Partei aufzwang, etwas Großes (und sei es auch ein großes Grauen) erschuf.

Übersetzung: Lucien Diehl und Carlos Quiñones. Die Übersetzung basiert auf einer ĂŒberarbeiteten, bislang unveröffentlichten Fassung des verlinkten Weekly-Worker-Artikels, die uns der Autor zur VerfĂŒgung gestellt hat.
Wir danken Lea Einicke Armendariz fĂŒr ihre Hilfe beim Korrekturlesen.

  1. FĂŒr die deutsche Übersetzung, siehe: J.W. Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus, 1924.  https://www.marxists.org/deutsch/referenz/stalin/1924/grundlagen/index.htm  ↩
  2. Wladimir I. Lenin, „Unter Fremder Flagge,“ Februar 1915. https://www.sozialistischeklassiker2punkt0.de/sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/lenin/lenin-1915/wladimir-i-lenin-unter-fremder-flagge.html  ↩
  3. Lenin, Polnoe sobranie sochinenii (PSS), 5th edition, 16:188.  ↩
  4. Lenin, Sozialismus und Krieg, 1915. LW 21, S. 299-341.  ↩
  5. Stalin, „Einleitung,“ in: Über die Grundlagen des Leninismus.  ↩
  6. Stalin, „II. Die Methode,“ in: Über die Grundlagen des Leninismus.  ↩
  7. Eine ausfĂŒhrlichere Darstellung dieser Debatte zwischen Potressow, Lenin und Stalin findet sich in meinem Artikel: „Airbrushing Out Revolutionary Social Democracy“, Rethinking Marxism (35:4), 2023. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/08935696.2023.2251332  ↩
  8. Stalin, „III. Die Theorie,“ in: Über die Grundlagen des Leninismus. Als Nikolai Bucharin im Februar 1924 eine Rede ĂŒber „Lenin als Theoretiker“ hielt, sah auch er sich mit derselben „seltsamen“ Meinung in der Partei konfrontiert, dass Lenin zwar ein großer praktik, aber kein innovativer Theoretiker gewesen sei. Im Gegenteil, erklĂ€rte Bucharin nun, Lenin sei auch ein genialneishii teoretik (ein Theoretiker von höchstem Genie) gewesen: Nikolai Bucharin, Lenin as a Marxist, 1925, 5-7. https://www.marxists.org/history/international/comintern/ci/publications/Lenin-as-a-Marxist_Bukharin%20.pdf  ↩
  9. LW 16, S. 47.  ↩
  10. FĂŒr eine Darlegung Lenins Post-1914 BezĂŒge zu „Kautsky, als er Marxist war“, siehe meine „Lenin-Kautsky Post-1914 Database“ https://johnriddell.com/2019/08/05/lenin-kautsky-post-1914-database/  ↩
  11. Leo Trotzki, 1917. Die Lehren des Oktober (1924) https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1924/lehren/index.htm  ↩
  12. Trotzki, „Die Julitage – der Kornilowputsch, die demokratische Konferenz und das Vorparlament“, in: 1917. Die Lehren des Oktober (1924). Hervorhebung durch Lih.  ↩
  13. Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki): Kurzer Lehrgang. (1938) http://kpd-ml.org/doc/partei/kurzer_lehrgang_kpdsu.pdf  ↩
  14. Russischer Begriff fĂŒr „FĂŒhrer“, in den 1940er oft als Synonym fĂŒr Stalin genutzt.  ↩
  15. „Wie jeder weiß, gab Lenin im April 1917 die Formel der revolutionĂ€r-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft auf und ĂŒbernahm Trotzkis Strategie. Das Ergebnis war der Oktober 1917.“ (Alex Callinicos, in International Socialism 2:16, Spring 1982 [Übersetzung des Zitats von Lucien Diehl]). In der Tat, jeder „weiß“ es! ↩
  16. Laut Trotzki waren Trotzkis taktische Entscheidungen im Oktober 1917 denen Lenins ĂŒberlegen, was Lenin – laut Trotzki – auch zugab. ↩
  17. FĂŒr weiteres dazu, siehe meinen Essay von 2017: https://johnriddell.com/2017/10/25/the-character-of-the-russian-revolution-trotsky-1917-vs-trotsky-1924/  ↩
  18. FĂŒr weitere Details, siehe meinen kĂŒrzlich im Weekly Worker erschienen Artikel ĂŒber Wladimir Newski: https://weeklyworker.co.uk/worker/1450/supplement-back-to-nevsky/  ↩
  19. Lenin, „Speeches at a Meeting of the German, Polish, Czechoslovak, Hungarian and Italian Delegations, July 11“ beim dritten Kongress der Kommunistischen Internationale, 1921. https://www.marxists.org/archive/lenin/works/1921/jun/22.htm ↩
  20. Ibid. ↩
  21. Lenin, Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwĂ€rtigen Revolution (Aprilthesen) (1917) https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1917/04/april.htm Hervorhebung im Original.  ↩
  22. L. Kamenew, „Unsere Meinungsverschiedenheiten“, Prawda, April 1917. https://www.sozialistischeklassiker2punkt0.de/sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/lenin/lenin-1917/l-kamenew-unsere-meinungsverschiedenheiten.html. Kamenews Hervorhebung.  ↩
  23. Lenin, „Briefe ĂŒber Taktik“. (1917) https://www.sozialistischeklassiker2punkt0.de/sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/lenin/lenin-1917/wladimir-i-lenin-briefe-ueber-die-taktik.html Hervorhebung im Original. In einem am 12. April veröffentlichten ausfĂŒhrlicheren Folgeartikel verwendet Kamenew nicht die Formulierung, gegen die Lenin EinwĂ€nde erhoben hatte. In diesem spĂ€teren Artikel zitiert Kamenew dieselbe Aussage Lenins, an die sich dieser 1921 erinnerte: „Wir mĂŒssen die Provisorische Regierung stĂŒrzen, aber definitiv nicht jetzt.“ Kamenew fĂ€hrt dann fort, dass Lenin „in dieser Frage zweifellos Recht hat” (Prawda, 12. April 1917). Es besteht also kein Zweifel, dass es bei der Auseinandersetzung zwischen den beiden nicht um die Frage ging, ob der Sturz der Provisorischen Regierung wĂŒnschenswert sei. Zu Lenins Widerlegung von Plechanows Ă€hnlicher Fehlinterpretation der Aprilthesen siehe meinen Online-Aufsatz: https://johnriddell.com/2017/08/15/a-basic-question-lenin-glosses-the-april-theses/  ↩
  24. Lars T. Lih, Lenin Rediscovered: What Is to Be Done? in Context (Leiden: Brill, 2006). ↩
  25. Adam Ulam in Patterns of Government, eds. Ulam and Samuel Beer, 2nd ed. (New York: Random House, 1962, Erstveröffentlichung 1958), S.615. [Übersetzung LD]  ↩
  26. Carter Elwood, The Non-Geometric Lenin: Essays on the Development of the Bolshevik Party 1910-1914 (London: Anthem Press, 2011), S.57-8. [Übersetzung LD]. ↩
  27. Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki): Kurzer Lehrgang, S. 109. ↩
  28. Diese Worte stammen aus Kautskys Essay von 1925, zitiert in: Frederick C. Corney, Trotsky’s Challenge (Brill, 2016), S.698. [Übersetzung LD] Zeretelis Kommentaren können in seinen Memoiren gefunden werden.  ↩
  29. Alexander Rabinowitch, The Bolsheviks Come to Power: The Revolution of 1917 in Petrograd. (1978), S. xx. [Übersetzung LD]  ↩
  30. Leopold Haimson, Russia’s Revolutionary Experience, 1905-1917 (Columbia University Press, 2005), S.94. [Übersetzung LD] GlĂŒcklicherweise gibt es Wissenschaftler wie Haimson, die Lenins wahre Ansichten „entschlĂŒsseln“ (seine Worte). Dabei tut dieser Ansatz Lenins tatsĂ€chliche Worte als irrelevant ab. ↩

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