Anfang des Jahres veröffentlichten die Regisseurin Joana Georgi und die Autoren Olivier David und Mesut Bayraktar ein Manifest für einen Bund revolutionärer Kunstschaffender. Lucien Diehl spricht bei dieser Gelegenheit mit Olivier David über die Hintergründe und Ziele des Manifests, sowie über Form und Rolle revolutionärer Kunst und die Möglichkeiten, die sie für eine klassenorientierte politische Praxis birgt.
Licht&Luft: Welche Erfahrungen, im Kunst- und Literaturbetrieb und darüber hinaus, haben euch dazu bewegt, über einen „Bund revolutionärer Kunstschaffender“ nachzudenken und dieses Manifest im nd zu veröffentlichen?
Olivier David: In meinem Fall ist es eine gewisse Orientierungslosigkeit. Ich verstehe mich als politischer Mensch und gleichzeitig als Schriftsteller und merke, dass ich die Prinzipien und Vorstellungen, die ich für mich als politischen Menschen habe, nicht zuverlässig in die Kunst einbringe. Ich sehe auch bei anderen Kunstschaffenden, dass sie die Bedingungen ihrer Kunstproduktion stark von ihrem politischen Handeln trennen. Es gibt auch eine große Vereinzelung im Kulturbetrieb. Angesichts der Kürzungsregime, vielleicht auch der politischen Lage, in der wir uns befinden, gibt es im Kunstbetrieb die Tendenz, sich für das Bestehende einzusetzen. Zu sagen: wir müssen die Budgets verteidigen. Oder dass Kunst und Kultur ein Teil des Lebens bleiben müssen. Natürlich, aber: ich möchte nicht für bürgerliche Kunst in die Bresche springen. Ich und viele andere sind mit dem Stand der Kunst, mit ihren Inhalten und wie sie inszeniert werden, nicht zufrieden. Ich denke, wir sind in einem Moment, in dem Kunstschaffende nicht den Status Quo verteidigen, sondern sich politisch formieren sollten. Diese Logik der Niederlagen und der Verzwergung eigener Anliegen – ganz nach dem Motto: „Wir sind nicht zufrieden so wie es ist, aber hoffen, dass es so bleibt.“ – ist für mich keine politisch stabile Haltung. Sondern eine, die verlässlich die eigene Bewegung und die Kunstschaffenden mit Niederlagen versorgt. Angesichts dieser Logik der Niederlagen wollte ich dieses Manifest mitverfassen. Über eine revolutionäre Organisierung im Kunstbetrieb nachzudenken war für mich ein logischer Schluss und Teil eines Wunsches, andere Kunstschaffenden aufzurütteln und zu sagen: wir sind dem nicht ausgeliefert, müssen es aber kollektiv angehen, denn allein verhallt unsere Wut.
Du sagst, dass du mit dem Stand und den Inhalten der Kunst oft unzufrieden bist. Welche Kunstformen und Inhalte finden in der heutigen politischen Lage einen Platz im Kunst- und Literaturbetrieb, welche nicht?
Im ersten Teil des Aufrufs schreiben wir, dass es natürlich systemkritische Kunst gibt. Ich glaube aber, dass diese Kritik gewisse Kriterien erfüllen muss, will sie vielfach gehört werden. Viele Künstler:innen wollen politische Anliegen einbringen, sehen sich aber mit gewissen Förderlogiken konfrontiert, und sind mehr oder weniger gezwungen, dieses Anliegen in Einklang mit den gängigen Förderlogiken zu bringen, wollen sie von ihrer Kunst leben. Das ist verständlich, sorgt aber oft dafür, dass eine Art von Kritik in der Kunst geübt wird, die konform ist und sich hervorragend in die kapitalistische Logik einfügt. Im Manifest sprechen wir davon, dass Kritik häufig reformistisch oder individualisierend geübt wird. Der individuelle Ausstieg aus einem Elend ist dann das Objekt und Ziel eines Films oder Buchs. Nicht nur wird die Kritik der Künstler:innen so schon kleinformatig serviert, weil sie bereits antizipieren, dass sie sonst keinen Erfolg haben. Auch die präsentierten Lösungen sind entweder destruktiv („Man kann sowieso nichts machen.“) oder behaupten im Gegenteil, man könne sehr wohl was machen – sind dann aber auf das Reparieren eines als beschädigt betrachteten Systems ausgerichtet. Ich und viele andere sozialistische Künstler:innen glauben, dass wir da nicht stehen bleiben können. In der bürgerlichen Gesellschaft, so wie wir sie vorfinden, kann die Würde aller nicht bewahrt werden und die Kunst ist ein hervorragendes Medium, um dieses Problem aufzuzeigen.
Eine gängige Argumentation lautet, dass man sich die Freiräume, die es gegenwärtig im Kunstbetrieb gibt, nehmen sollte – und sich eventuell damit zufriedengeben. Warum reicht dir diese Perspektive nicht?
Die Lage hat sich in den letzten Jahren angesichts verschiedener Kriege, die geführt werden – allen voran der Ukrainekrieg oder der fortlaufende Genozid in Gaza – aber auch durch Sozialstaatsabbau, die Energiekrise und die grassierende Armut so zugespitzt, dass überall sichtbar wird, welche Kunst gewünscht ist und welche nicht. Vor allem seit dem 7. Oktober 2023 erleben wir, dass die Spielräume für widerständige und antagonistische Politik, die sich gegen die Kriegslogik und das kapitalistische Elend stellt, enger werden. Wir erleben im Kunstbetrieb Absagen und teilweise politische Zensuren, die häufig nicht so genannt werden. Sich damit zufrieden zu geben, dass man nur einen Bruchteil seiner politischen Botschaft vermittelt, trägt angesichts der politischen Lage und der bestehenden Machtasymmetrien zu einer Politik der Verelendung bei. Politische Kunst wird erst dann zur antagonistischen Kunst, wenn sie den bestehenden Förderlogiken nicht verhaftet bleibt, sondern offensiv ihre Freiheit durchsetzt. Wir müssen aufzeigen, dass die Logik der Einhegung und Verniedlichung eigener Anliegen in der Hoffnung, dass etwas durchkommt, politisch, aber auch im Feld der Kunst insgesamt scheitert. Wir müssen ein Fenster in eine andere Welt aufmachen. Die Kunst ist nicht der einzige Ort dafür, hier muss aber besonders scharf dafür gekämpft werden. Denn es geht um unsere Vorstellungskraft. Diejenige, die uns ermöglicht, als politische Subjekte auf die Straße zu gehen. Die Kunst muss eine andere Welt vermitteln und diese Vorstellungskraft stärken, damit wir überhaupt in der Lage sein können, über die gegebenen Umstände sowie unsere Unterwerfung hinauszudenken.
Im Bezug auf die derzeitige Lage schreibt ihr: „Wem es heute mit der Kultur ernst ist, muss den Kampf für den Frieden und den Kampf gegen den Krieg zur Sache der Kultur machen. Das bedeutet, den Kampf mit den Mitteln der Kunst im eigenen Land zu führen.“ Welche konkreten Handlungsmöglichkeiten haben Kunstschaffende dafür? Welche Ansätze verfolgt ihr mit dem Manifest für einen Bund revolutionärer Kunstschaffender?
Mir war wichtig, dass wir zu einer Form der Organisierung aufrufen. Man kann alleine weder revolutionär noch revolutionärer Kunstschaffender sein. Wir befinden uns mit zwei dutzend revolutionären Kunstschaffenden in einem kollektiven Aushandlungsprozess über genau diese Fragen. Dazu finden Vernetzungstreffen in verschiedenen Deutschen Städten – und online – statt. Meine Hoffnung ist, dass eine Organisierung mehr Struktur in die künstlerische Tätigkeit bringt. Ich sehe, dass sich sehr viele Menschen als politische Kunstschaffende verstehen, in meinen Augen fehlt es jedoch an einer Strategie. Ich möchte keine einzelnen Projekte diskreditieren, aber mir fehlt insgesamt eine Analyse der Zeit, in der wir stehen, sowie der großen sozialen Widersprüche, die diese Zeit kennzeichnen. Wir müssen Wege finden, mit den Mitteln der Kunst höchstaktuelle politische Themen wie Wehrdienst und Militarisierung auf eine Art und Weise zu bearbeiten, die eine Gegnerschaft zum Status Quo aufmacht. Wie können wir das Leid der Kriege in den Mittelpunkt stellen und gleichzeitig die Funktionen dieser Kriege in Bezug auf den Akkumulationszwang des Kapitals thematisieren? Dafür müssen wir durch kollektive Arbeit eine künstlerische Praxis entwickeln, die es uns ermöglicht, mit den Mitteln der Kunst eine angemessene Antwort auf die Ausbeutung- und Unterdrückungsverhältnisse in diesem Land zu formulieren.
Es geht also nicht nur um die Einbringung von Kunstschaffenden in sozialen und politischen Auseinandersetzungen, sondern auch um einen Kampf um die Kunst.
Genau. Ich möchte einer Kunst widersprechen, die das Elend erträglicher macht oder nur Leichtigkeit hervorbringen soll. Dieser Kunst soll eine revolutionäre Kunst widersprechen und fragen, welche Funktion diese Leichtigkeit hat. Warum sollte die Darstellung von schweren Lebensbedingungen auf eine leichte Art und Weise geschehen? Wohl doch, damit es bekömmlich ist. In meinen Augen sollte revolutionäre Kunst die Überwindung dieser Zustände zum Ziel haben. Und diese liegt nicht darin, aus etwas Schwerem eine leichte Kost zu machen. Es geht vielmehr darum, die Möglichkeiten aufzuzeigen, diese Zustände zu überwinden. Dafür müssen wir bürgerliche und linksbürgerliche Kunst herausfordern und klarstellen, dass unsere Kunst sich nicht in einer reinen Kritik der Zustände erschöpft, sondern Wirkung nach außen haben soll. Zentraler Bestandteil revolutionärer Kunst ist für mich, dass sie Selbstwirksamkeit hervorbringt und am Hier und Jetzt anknüpft. Also an einer Zeit, in der viele Menschen keine Selbstwirksamkeit spüren.
Hast du dafür historische oder anderweitige Beispiele?
Historische Beispiele revolutionärer künstlerischer Bewegungen gibt es jede Menge. Meiner Meinung nach wäre es jedoch nicht sinnvoll, blind an Kunstformen und Begriffen anzuknüpfen, die vor Jahrzehnten oder länger entwickelt worden sind. Diese waren in spezifischen sozialen und historischen Kontexten eingebettet. In unserem Aufruf plädieren wir dafür, unsere Klasse und ihre Kämpfe ins Auge zu fassen, um herauszufinden, wo wir zum heutigen Zeitpunkt stehen. Wir müssen Machtverhältnisse Analysieren und Aufdecken, um gegenwärtige Möglichkeiten für eine offensive Politik zu nutzen. Für mich ist die Priorität nicht, die revolutionärste Kunst von allen zu machen, sondern eine realistische Kunst, die Möglichkeiten aufzeigt. Wir müssen eine Kritik und Ästhetik entwickeln, die sowohl die Notwendigkeit wie auch die Möglichkeit einer anderen Welt artikuliert. Wir sind auch nicht an dem Punkt, an dem wir eine breite revolutionäre Bewegung haben, die in der Lage wäre, eine klar formulierte Strategie für anstehende Auseinandersetzungen umzusetzen. Unser gegenwärtiger politischer und künstlerischer Zeitpunkt zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass wir das Bewusstsein, dass es eine andere Welt braucht und geben kann, erst schaffen müssen. Was mich interessiert, ist eine kollektive Auseinandersetzung. Aber immer mit dem Ziel eines Bruchs mit dem bestehenden Kunstbetrieb, ferner mit der bestehenden Ästhetik und Gesellschaft. Auch mit der Praxis offener Briefe im Kulturbetrieb. Nach oben zu bitten steht einer revolutionären Kunst nicht zu. Es ist nur eine weitere Art, die eigene politische Niederlage einzugestehen. Dagegen müsste eine linke und unversöhnliche Kunst den Moment des Kampfes betonen.
Indem ihre Ziele das Anknüpfen an konkreten Lebensrealitäten sowie Bewusstseinsbildung sind, geht es in deinen Augen bei revolutionärer Kunst nicht vorrangig um Kunst für Revolutionäre oder eine revolutionäre Bewegung per se, sondern um eine Kunst, die in sich entfaltende Klassenauseinandersetzungen eingreift und diese verschärft. In anderen Worten: Kunst für und aus der Arbeiter:innenklasse, bzw. proletarische Kunst. Wie würdest du diese Definieren?
Ich glaube, dass proletarische Kunst sich nicht zu schade sein darf, sich die Finger dreckig zu machen. Es gibt eine Tendenz, Fragen von Ungerechtigkeiten oder Klassenkämpfen in Fragen der Anerkennungs- und Diskriminierungspolitik zu übersetzen. Letztlich also eine Tendenz, sich an die Herrschenden zu wenden. Das ist für mich nicht der richtige Weg. Eine Kunst, die die Arbeiter:innenklasse in ihrer Diversität und Widersprüchlichkeit darstellt, muss eine Sprache finden, die den Arbeiter:innen zeigt, dass es in dieser Kunst um sie geht. Vielleicht muss sie einen niedrigschwelligen Zugang finden. Nicht, weil man es ihnen nicht zutraut, sondern weil eine proletarische Kunst in der Bringschuld ist, den Menschen aufzuzeigen, dass Kunst nicht den Zweck hat, die Interessen der Herrschenden in der Bevölkerung zu verbreiten. Viele Menschen haben sich von Kunst und Kultur abgewandt. Diese kann man nur wieder gewinnen, indem man ihnen zeigt: Kunst ist weder Klassenverrat noch Anpassung. Das funktioniert aber nur, wenn man an konkreten Lebensrealitäten anknüpft und eine Sprache spricht, die nicht versucht, sich einer herrschenden Ordnung anzubiedern. Wir müssen existierende Möglichkeiten und Freiheiten der Arbeiter:innenklasse stärken und vergrößern. Proletarische Kunst kann hier einen Beitrag leisten, indem sie sich auf die Suche nach Lücken begibt, in denen Individuen oder organisierte Kollektive für etwas kämpfen. Eine solche künstlerische Praxis sollte meiner Meinung nach nicht vorrangig versuchen, Kunst für eine linke Bewegung zu produzieren, sondern aus einer linken Bewegung heraus Kunst für und als Arbeiter:innenklasse machen.
Also eine unmittelbare Kunst.
Genau. Wenn ich mich selbst oder Leute aus meinem Umfeld frage, wann sie denn an Kultur und Kunstproduktion teilnehmen, dann stelle ich oft fest, dass es nicht darum geht, zu jeder Zeit alles zu verstehen. Sondern darum, einen Zugriff auf die Inhalte zu haben, was wiederum nur über Unmittelbarkeit funktioniert. Wenn ich in der Kunst Hass oder Wut sehe, wird mein Interesse geweckt. Weil ich dasselbe in mir habe. Und ich glaube, ich bin nicht der Einzige. Um dies zu vollziehen, muss Kunst eine Verknüpfung mit den Lebensrealitäten, Gefühlen aber auch Analysen der Menschen herstellen. Nur dann kann sie zur Grundlage und Bestandteil einer revolutionären Praxis werden.

