Zeitschrift für marxistische Debatte und Einheit

Sozialistische Ideen und Organisationsformen in die Bewegung gegen die Wehrpflicht hineintragen!

Wenn die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht sich weiterentwickeln sollen, müssen sich sozialistische Kräfte wie die Linksjugend dafür einsetzen, dass die Bündnisarbeit demokratisiert wird und sozialistische Positionen in der Bewegung nicht zugunsten von Allianzen mit den Jusos und der Grünen Jugend unsichtbar gemacht werden, meint Taliesin Matthes.

Am 5.12.2025 haben über 55.000 Menschen in über 100 Städten gegen die Wehrdienstreform demonstriert, die der Bundestag am selben Tag beschlossen hat. Ein Großteil dieser Demonstrierenden waren streikende Schüler:innen, die lieber einen Tag Unterricht verpassen wollten, als ein halbes Jahr lang in der Bundeswehr dienen zu müssen; denn das ist, was die Bundesregierung auf kurz oder lang mit ihnen vor hat.
Mittlerweile hat auch der Bundesrat die Wehrdienstreform durchgewunken, und schon im Januar sollen die ersten Fragebögen verschickt werden. Die Fragebögen, die die jungen Männer zu ihrem achtzehnten Geburtstag erhalten, müssen wahrheitsgemäß ausgefüllt und zurückgeschickt werden; wenn nicht, dann droht ein Bußgeld.
Auch die verpflichtende Musterung für alle ab 2008 geborenen Männer soll 2026 beginnen, und im Juli 2027 soll sie flächendeckend durchgeführt werden.1 Ein Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion forderte auch, perspektivisch die älteren Jahrgänge zu mustern.2 Sollten sich nicht genügend Freiwillige finden, wird früher oder später eine Verpflichtung zum Militärdienst folgen. Dass Jugendliche in über 100 Städten gegen all das protestiert haben, ist ein großer Erfolg. Es kam zwar zu keinen außergewöhnlich großen Demos, aber dass sich die Bewegung auf viele Kleinstädte, insbesondere in Ostdeutschland,3 ausgeweitet hat, ist bemerkenswert. Jetzt ist es die Verantwortung linker Jugendorganisationen, diesen Erfolg auszuweiten und den nächsten Streik auf breitere Füße zu stellen.

Die Bewegung gegen die Wehrpflicht

Die folgenden Gedanken speisen sich aus dem Social Media-Auftritt einiger Städte, aus meinen Erfahrungen in der Bewegung in Kassel und einem Austausch mit Genoss:innen aus einer Handvoll anderen Städten. Es kann also sein, dass einiges davon nicht auf alle Städte zutrifft.
Die Demonstrationen und Streiks am 5.12. waren an den meisten Orten keine spontan organisierten Proteste von unorganisierten Schüler:innen, sondern wurden im Wesentlichen von linken Jugendorganisationen auf die Beine gestellt, die an Schulen für die Gründung von Schulstreikkommitees warben und dann gemeinsam mit unorganisierten Schüler:innen für die Demos und Streiks mobilisierten. Eine wichtige Rolle spielte dabei das „Bündnis Nein zur Wehrpflicht“, das bundesweit maßgeblich von der SDAJ getragen wird, einer Jugendorganisation, die eng mit der DKP verbunden ist.4 Es ist wichtig und richtig, dass es dieses Bündnis gibt und dass es an so vielen Orten in Deutschland die Schulstreikkomitees aufgebaut hat.
Ohne erfahrenere, organisierte junge Menschen, die bereits im Voraus die Streiks planen, wäre es sicherlich nur zu sehr viel kleineren Demonstrationen gekommen.
Allerdings ist es ebenso wichtig, aus diesem provisorischen Stadium, in dem die relevanten Entscheidungen maßgeblich von einer Gruppe getroffen werden und in der die Schüler:innen nur an der lokalen Umsetzung dieser Entscheidungen beteiligt sind, herauszukommen. Wenn es uns gelingt, die Motivierteren der 55.000 Menschen, die am 5.12. auf der Straße waren, dazu zu ermächtigen, selbst Verantwortung für die Bewegung zu übernehmen und den nächsten Streik am 5.3. mitzuorganisieren, dann birgt das das Potential, einerseits den nächsten Streik noch größer werden zu lassen und andererseits jungen Menschen Organisationserfahrung und Selbstbewusstsein zu geben, die für die Führung zukünftiger Auseinandersetzungen und eine weitergehende Organisierung hilfreich sind.
Eine gute Möglichkeit für diese Einbindung bietet die Konferenz, die im Februar stattfinden soll. Es gab bereits ein bundesweites Onlinetreffen; diese Struktur sollte jetzt ausgebaut werden, um den nächsten Streik bundesweit besser zu koordinieren und junge Menschen an allen Orten an der Organisation zu beteiligen. Denn bei diesem Streik gab es noch einige Probleme, die unter anderem aus dem Fehlen einer solchen bundesweiten Planung unter Einbeziehung aller Orte hervorgingen und sich meiner Meinung nach nicht wiederholen sollten.

Für eine demokratische Organisationsstruktur auf Bundesebene!

Die bestehenden bundesweiten Entscheidungsstrukturen repräsentieren nicht die vielen Aktiven, die in den letzten Wochen dazugestoßen sind. Außerdem gibt es (zumindest soweit ich das wahrgenommen habe) keinen regelmäßigen Austausch zwischen den lokalen Bündnissen gegen die Wehrpflicht und der Bundesebene; viele Informationen zum letzten Streik habe ich vor Ort über Social Media oder über die Genoss:innen der SDAJ im Kasseler Bündnis erfahren. Aber (teilweise recht spät) Entscheidungen und Einschätzungen „von oben“ zu bekommen, ist nicht, was es braucht. Um den nächsten Streik besser und demokratischer zu organisieren, braucht es meiner Meinung nach vier Dinge:

1. Bei der Konferenz sollten Vertreter:innen von möglichst vielen lokalen Bündnissen gegen die Wehrpflicht und Streikkommitees darüber diskutieren, welches Programm sich die Bewegung auf der Bundesebene gibt, welche politischen Akteur:innen in die Bewegung einbezogen werden, welche inhaltlichen Zugeständnisse wir ihnen machen, in welchem Verhältnis das Bündnis und die Komitees zueinander stehen und welche Kampfmaßnahmen wir in den nächsten Monaten als sinnvoll erachten beziehungsweise was der beste Zeitpunkt für diese ist.

2. Wir sollten demokratisch über Grundlinien für unsere Arbeit in diesen Fragen entscheiden (oder gegebenenfalls beschließen, dass Teile davon zunächst nicht auf Bundesebene beschlossen werden).

3. Auf dieser Basis sollten wir einen Bundessprecher:innenrat oder Vorstand wählen, der im Rahmen der Beschlüsse Aktionen koordiniert, auf kurzfristige Ereignisse reagiert und Öffentlichkeitsarbeit betreibt.

4. Es sollte einen regelmäßigen Austausch zwischen den Orten und dem Sprecher:innenrat und die Möglichkeit der Kontrolle (und jederzeitigen Abwählbarkeit) des Sprecher:innenrats durch die lokalen Bündnisse und Kommitees geben.

Eine solche demokratische Organisationsstruktur ist der Rahmen, in dem auch die inhaltlichen Schwächen der Bewegung angegangen werden können. Denn obwohl sich das Bündnis, das das Rückgrat der Bewegung bildet, mehrheitlich aus Sozialist:innen zusammensetzt, habe ich in der Bewegung bisher kaum inhaltliche Debatten über die Ursachen der Aufrüstung und der damit einhergehenden Wehrdienstreform gehört, sondern größtenteils moralische Empörung über Kriege und Äußerungen individueller Angst.
Dass der Kapitalismus als letztliche Ursache von beidem bisher kaum benannt wurde, hängt meiner Wahrnehmung nach unter anderem mit der Bündnispolitik der SDAJ zusammen, die die gesamte Bewegung prägt – und weiter prägen wird, wenn wir nicht darüber diskutieren und einen gegenteiligen Beschluss fassen.
In den folgenden Abschnitten werde ich kurz die Geschichte dieser Art der Allianzenbildung und ihre Bedeutung in der Gegenwart skizzieren und darlegen, warum ich denke, dass Sozialist:innen innerhalb der Bewegung dagegen argumentieren sollten.

Hintergründe der Volksfrontpolitik der SDAJ

Wie bereits erwähnt ist die SDAJ eng mit der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) verbunden. Die DKP wiederum war bis zum Ende der DDR die westdeutsche Schwesterpartei der dort herrschenden SED. Die DKP hat über die Jahre immer wieder versucht, die außen- und innenpolitischen Wendungen der Bürokratie in der Sowjet-Union ideologisch zu rechtfertigen. Eine dieser Wendungen war, als die stalinistischen Parteien Ende der 1930er Jahren von ihrem ultralinken Kurs des Sozialfaschismus zur „Volksfrontpolitik“ umschwenkten.
Nachdem es sich nicht als sinnvolle Taktik erwiesen hatte, alle Sozialdemokrat:innen als Faschist:innen zu bezeichnen und somit gemeinsame Klassenaktionen gegen die Gefahr von rechts zu verunmöglichen, schüttete die Führung der Kommunistischen Internationale das Kind mit dem Badewasser aus und beschloss, nicht nur mit sozialdemokratischen Arbeiter:innen zusammenzuarbeiten (also Arbeiter:innen, die ihre Interessen am besten inArbeiter:innenorganisationen mit bürgerlichen Führungen vertreten sahen), sondern mit allen nichtfaschistischen Kräften. Diese Wende spielte sich vor dem Hintergrund der Annäherungsversuche der Sowjetbürokratie an die Westmächte ab. Unter Stalin hatte sich die Theorie des Sozialismus in einem Lande durchgesetzt – und dieser zufolge war es nötig, sich mit dem Imperialismus zu versöhnen, um mit ihm zu koexistieren. Die Sektionen der Komintern wurden zunehmend ihrer Autonomie und internen Demokratie beraubt und verwandelten sich in Mittel zur Durchsetzung der Interessen der Sowjetführung in ihren Ländern. Und da diese Interessen in den 30er Jahren in internationalen Bündnissen von Arbeiter:innenstaaten und Imperialismus lagen, wurde auch die Politik der KPen auf Bündnisse mit Kapitalparteien ausgerichtet. In der Folge wurden Bündnisse bis hin zu Regierungsbeteiligungen mit Liberalen geschmiedet. Zur Aufrechterhaltung dieser Bündnisse wurden alle möglichen arbeiter:innenfeindlichen „Kompromisse“ eingegangen, der Sozialismus als Ziel wurde zugunsten einzelner tagespolitischer Ziele auf die Sonntagsreden verschoben. Der Kapitalismus, also die Ursache von Krieg und Faschismus, wurde nicht mehr ernsthaft herausgefordert. Die Kritik an den Herrschenden wurde abgeschwächt und internationale Solidarität zugunsten nationaler Bündnisse geopfert.

Einheitsfront

Natürlich ging vom Faschismus eine immense Gefahr aus, und es war richtig auf eine möglichst breite Aktionseinheit zu setzen, um die faschistische Machtergreifung zu verhindern. Doch der Faschismus konnte nur durch die Unterstützung des Großkapitals und des Kleinbürgertums an die Macht kommen.
Trotzki argumentierte daher für eine Einheitsfront aller proletarischen Organisationen im Kampf gegen den Faschismus. Das ist aber etwas ganz anderes als die damalige Volksfrontpolitik, bei der die kommunistischen Parteien sich jeglichen sozialistischen Zielen entledigten, um ihre bürgerlichen Partner:innen nicht zu vergrämen.
In einer gemeinsamen Einheitsfront hätten die Kommunist:innen konkrete Vorschläge machen können, um eine möglichst breite Front gegen die faschistische Gefahr zu bilden. Gleichzeitig hätte sich dabei auch gezeigt, dass die sozialdemokratischen Führer:innen nicht bereit waren, konsequent mit dem Kapitalismus zu brechen, was aber nötig gewesen wäre, um den Faschismus aufzuhalten.

„Antimonopolistische Strategie“

Nach dem zweiten Weltkrieg führte die KPD die Volksfronttaktik fort. In Westdeutschland, das nach Stalins Willen eigentlich am besten zusammen mit Ostdeutschland einen blockfreien kapitalistischen Staat gebildet hätte, sollte der Analyse der KPD zufolge zunächst kein Sozialismus aufgebaut werden, sondern erst einmal eine demokratischere Bundesrepublik.5 Um diese zu erreichen, wäre ein langfristiges Bündnis mit nichtproletarischen Kräften wie dem „Mittelstand“ nötig.6 Wenn sie mit Begriffen wie „Mittelstand“ das selbe meinen wie das statistische Bundesamt, dann zählen dazu Unternehmen mit bis zu 249 Beschäftigten und bis zu 50 Millionen Euro Umsatz im Jahr! Damit werden die kleineren Kapitalist:innen, die immerhin ungefähr die Hälfte der sozialversicherungspflichtig beschäftigten in Deutschland beschäftigen (oder marxistisch ausgedrückt: ausbeuten) vom Klassenfeind zum strategischen Bündnisparter erklärt.7
DKP und SDAJ, die Nachfolgeorganisationen der KPD und ihrer Jugendorganisation FDJ, verfolgen die Strategie des Bündnisses mit diesen Kräften seit ihrer Entstehung und verstärkt seit dem Mannheimer Parteitag der DKP im Jahr 1978.8 Um die genannten Schichten und ihre politischen Vertreter:innen nicht zu verschrecken, besteht ein wesentlicher Bestandteil der Politik der beiden Organisationen darin, Zugeständnisse an diese Kräfte zu machen. Klare antikapitalistische Arbeit wird dabei enorm erschwert.

Mit Jusos, Grüner Jugend und Julis gegen die Wehrpflicht?

Aus verschiedenen Orten habe ich gehört und erlebt, dass die SDAJ sich für eine derartige Ausrichtung der Bewegung gegen die Wehrpflicht einsetzt: Vom Einsatz gegen die Thematisierung des Zusammenhangs zwischen dem Kapitalismus und der Aufrüstung und die Einbringung von sozialistischen Perspektiven in Bündnisreden über das Übertönen palästinasolidarischer Demosprüche mit weniger kontroversen Sprüchen bis hin zum Einsatz für ein Flyerverteilverbot für linke Organisationen soll es an einigen Orten zu Versuchen gekommen sein, die Bewegung in einem bürgerlich-prokapitalistischen Rahmen zu halten. Der Grund: Es ist der SDAJ sehr wichtig, Gliederungen der Grünen Jugend, der SPD-nahen Jusos, der Kirchenjugenden und einem (nicht mit weiteren Quellen belegten) Bericht zufolge9 sogar der FDP-Jugendorganisation Julis nicht zu verschrecken. Gleichzeitig scheint es so, als ob die SDAJ der Meinung ist, dass man die Gewerkschaftsjugenden und Schüler:innenvertretungen nur überzeugen könne, indem man beweist, dass man doch gar nicht so radikal sei.
Es stimmt, dass es bei der Aufstellung der Forderungen richtig sein kann, sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen, um auch breitere Organisationen, wie Gewerkschaftsjugenden und Schüler:innenvertretungen dabei zu haben.
Es ergibt also Sinn, zumindest bei Demowerbung niemanden unnötig zu verschrecken und uns auf das Wesentliche zu beschränken: Nämlich auf den Aufruf, zur Demo oder zum Streik zu kommen, um gegen die Wehrpflicht, die Aufrüstung und die damit einhergehenden Kürzungen öffentlicher Gelder zu protestieren.
Letzterer Punkt hätte in der Demowerbung meiner Meinung nach offensiver propagiert werden sollen, aber zumindest findet er sich beispielsweise im Abschnitt „Über uns“ auf der Website des Bündnisses, 10 und auch wenn er in der Pressemitteilung zum Streik ausgelassen wird,11 findet die Verbindung der Wehrdienstreform mit dem gerade stattfindenden Klassenkampf von oben im bundesweiten Social Media-Auftritt gelegentlich statt. Doch die SDAJ hat allem Anschein nach an vielen Orten aus vorauseilendem Gehorsam auf Forderungen und Inhalte verzichtet, um Organisationen wie die Jusos oder die Grüne Jugend dabei zu haben.

Die sozialistische Haltung nicht verstecken!

Bei den Demonstrationen selbst wäre es allerdings nötig gewesen, über die allgemeine Ablehnung der Wehrdienstreform hinaus über den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Militarismus zu sprechen. Auch hier wäre es natürlich falsch gewesen, bei den Reden mit marxistischen Phrasen zu hantieren, und man hätte eine Wortwahl finden müssen, die am Bewusstsein der Schüler:innen anknüpft. Aber eine solche behutsame und auf wenige Minuten heruntergebrochene thesenhafte Erklärung des Zusammenhangs zwischen dem Expansionsdrang von Staat und Kapital in der kapitalistischen Weltordnung und der aktuellen Aufrüstung und der damit einhergehenden Wehrdienstreform wäre etwas ganz anderes gewesen als der weitgehende Verzicht auf diese Erklärung, der meiner Wahrnehmung nach einige Demos geprägt hat.
Auch dass solche Themen zu kompliziert für Schüler:innen wären, stimmt einfach nicht. Ich würde schätzen, dass die meisten Streikenden zwischen 14 und 18 Jahre alt waren. Schüler:innen, die das politische Selbstbewusstsein haben, zu streiken und den Streik gegebenenfalls vor Eltern und Lehrer:innen verteidigen müssen, sind vermutlich durchaus in der Lage, einer solchen Argumentation zu folgen, solange sich die Rede einer niedrigschwelligen Wortwahl und Rhetorik bedienen. Und genau wegen dieser Notwendigkeit, den Streik rechtfertigen zu müssen, ist davon auszugehen, dass zumindest ein Teil der Zuhörer:innen auch auf der Suche nach guten Argumenten war.
Dort, wo radikalere Töne in Reden und Sprechchören angeklungen sind, hatte ich das Gefühl, dass zumindest in Kassel die meisten Schüler:innen eher begeistert als abgeschreckt reagierten.
Wer durchaus davon abgeschreckt sein könnte, sind die Julis, Jusos und die Grüne Jugend, die trotz aller Kritik an ihren prokapitalistischen Mutterparteien immer noch deren Anhängsel und Karriereschmieden sind. Wir haben den 5.12. organisiert, ohne dass sie eine relevante Rolle gespielt hätten, und ich bin überzeugt, dass wir die Bewegung wachsen lassen können, ohne auf sie angewiesen zu sein, wenn wir in den nächsten Monaten die vereinzelten Streikkomitees zusammenführen und Erfolgserlebnisse mit kleineren Aktionen schaffen, die ein Einschlafen der Bewegung vor dem nächsten Streik verhindern.
Dieser Zusammenhang zwischen der Wahl der Bündnispartner:innen und der inhaltlichen Zurückhaltung ist keine bloße Interpretation meinerseits, sondern wird genau so von SDAJ-Mitgliedern argumentiert, wenn sie davon sprechen, einerseits Bürgerliche einzubinden und sich andererseits auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu beschränken und alles darüber hinausgehende zu unterlassen.
Wenn wir den vielen tausenden jungen Menschen in der Bewegung keine inhaltlichen Angebote machen und uns ihrem individuell-ängstlichen oder bürgerlich-pazifistischen Bewusstsein anpassen, dann scheitern wir an der Aufgabe, vor der wir als Organisator:innen der Demos stehen. Es wurde noch niemand von der Notwendigkeit des Sozialismus überzeugt, indem ihm erzählt wurde, was er sowieso schon dachte, und es wird sicherlich nicht zu einem Kampf gegen die Ursachen von Krieg und Wehrpflicht kommen, wenn wir nicht möglichst bald möglichst viele Menschen überzeugen, sich gegen den Kapitalismus zu organisieren.

Die Sackgasse des bürgerlichen Pazifismus

Der Punkt ist nämlich: Innerhalb des Kapitalismus hat die Wehrdienstreform durchaus einen rationalen Kern. Noch ist die NATO um einiges stärker als all ihre Gegner:innen, und die bisweilen von Linksliberalen gemalten Schreckensszenarien russischer Angriffe auf Mitteleuropa sind sicherlich nicht zu erwarten, aber die Weltordnung gerät in einen zunehmend multipolaren Zustand, und das wirkt sich in der Tat auf die europäische Sicherheitslage aus. Unter Trump II haben die USA einen großen Schritt weg von ihrer Rolle als Sicherheitsgarant des europäischen Kapitals gemacht – und dieser Garant war bisher die Grundlage der deutschen exportorientierten Profitmacherei. Sollen die deutschen Unternehmen einen stabilen Zugriff auf die dafür nötigen Rohstoffe, Absatzmärkte und Handelswege haben, braucht es eine militärische Macht, die diese Stabilität absichert. Und je weniger die USA diese Aufgabe erfüllen, umso größer wird die scheinbare Notwendigkeit schlagkräftiger europäischer Armeen.
Auch der deutsche Staat hat ein Interesse an dieser Militärmacht, denn ein Niedergang der Exportwirtschaft würde auch die ökonomische Basis des Staats angreifen, der nur funktioniert, wenn profitable Geschäfte von deutschem Boden ausgehen und besteuert werden können.
Wer sich einmal in diese Denkweise hineinbegibt – und das ist die Konsequenz, wenn Sozialist:innen ihre Podien nicht nutzen und nicht darauf hinweisen, dass diese Gesellschaftsordnung nicht alternativlos ist – der wird auf alle möglichen unrealistischen Wunschträume wie den eines friedlichen Kapitalismus oder auf die Hinwendung zum einen oder anderen „besseren“ imperialistischen Block stoßen, aber sicherlich nicht die Ursache von Kriegen angehen können. Leider lassen sich bei DKP und SDAJ trotz des Sozialismus/Kommunismus im Namen Elemente von beiden genannten prokapitalistischen Umgangsweisen mit Kriegen finden.12
Die inhaltliche Verwirrung, die aus dem Verzicht auf sozialistische Perspektiven hervorgeht, kann die Bewegung nur schwächen. Dass die Kapitalherrschaft eine Hauptursache der Kriege ist und es sich für sie nicht zu kämpfen lohnt, ist eines der stärksten Argumente, die wir gegen die Kriegstreiberei der Bundesregierung haben. Wenn wir die Bewegung ausweiten wollen, dann brauchen wir sehr gute Argumente, um den Vorwürfen des Putinismus und der Realitätsferne zu begegnen. Bloß moralische Anklagen an die Verwerflichkeit von Kriegen werden da sicherlich nicht ausreichen.

Die Rolle sozialistischer Organisationen

Die Art von Bündnis, für die wir uns einsetzen sollten, bestünde aus unorganisierten Einzelpersonen, linken und Arbeiter:innen- und Jugendorganisationen, die im Gegensatz zu SPD und Grünen nicht an der Verwaltung von Aufrüstung und Soziallabbau beteiligt sind (oder das anstreben), sondern von deren Entscheidungen betroffen sind und sich dagegen organisieren wollen. An einem solchen Bündnis, das sich an der Einheitsfrontmethode orientiert, wären sicherlich auch Gewerkschaftsjugenden und Schüler:innenvertretungen ohne sozialistisches Programm beteiligt, und es kann Sinn ergeben, in der Frage der gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit Zugeständnisse an diese Organisationen zu machen. Aber das wäre das Ergebnis eines Diskussionsprozesses mit mehrheitlich proletarischen Jugendorganisationen ohne Staatsverwaltungs-Hintergrund, und wir würden nicht im Vorhinein ausschließen, in irgendeiner Form den Kapitalismus als Ursache zu benennen, weil ja Bürgerliche dabei sind. Über diese gemeinsamen Bündnispositionen hinaus müssen sozialistische Organisationen natürlich ihre weitergehenden Perspektiven in Form von Reden, Demosprüchen und Flugblättern in den Protest einbringen, ohne sich davon abhalten zu lassen, dass diese nicht alle Anwesenden teilen.
Der Einsatz für eine solche Ausrichtung wäre eigentlich die Aufgabe einer klassenkämpferischen und bundesweit kampagnenfähigen Linksjugend. Dass sie trotz ihrer 14.000 Mitglieder (auf dem Papier) und ihres Abstreifens des antideutsch- proimperialistischen Ballasts13 keine führende Rolle bei den Protesten spielt, ist ein Hauptgrund dafür, dass die wesentlich kleinere SDAJ überhaupt in die Verlegenheit gekommen ist, Verantwortung für die Bewegung zu übernehmen.
In den nächsten Monaten sollten wir als Linksjugend (und auch alle anderen Organisationen, die die oben geschilderten Perspektiven teilen), uns an diese Aufgabe heranwagen.
Ich bin den Genoss:innen der SDAJ sehr dankbar dafür, dass sie in dieser Geschwindigkeit den Grundstein für eine bundesweite Bewegung gelegt haben. In dieser knappen Zeit manche Dinge „von oben herab“ zu entscheiden und damit die ersten Proteste zu prägen, ist nichts dramatisches, sondern eine Notwendigkeit. Jetzt kommt es darauf an, dass andere Teile der Linken die Möglichkeiten zur Diskussion und zur Veränderung des Kurses der Bewegung nutzen. Hierbei müssen wir uns aber bewusst sein, dass das eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der SDAJ bedeutet. Ich habe sie durchaus als kompromissbereit wahrgenommen, und es sind bereits an einigen Orten Punkte eingebracht worden, die die SDAJ von sich aus vermutlich so nicht umgesetzt hätte. Was fehlt, sind selbstbewusste sozialistische Organisationen, die ihre Perspektiven flächendeckend in die Bewegung hineintragen. Schließlich wäre es sehr schön, wenn nach dem nächsten Streik tausende junge Menschen nach hause gehen und sich fragen, was an diesen sozialistischen Thesen dran ist, anstatt bei Beobachter:innen den Eindruck zu erwecken, Linke würden sich nur verstecken und im Hintergrund die Fäden ziehen.14

  1. Vgl Angelika Finkenwirth, „Wehrdienst auf freiwilliger Basis, Musterung wird verpflichtend“, ZEIT Online, 5. Dezember 2025. https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-08/bundeswehr-wehrdienst-gesetzentwurf-boris-pistorius-faq [zuletzt abgerufen am 26.12.2025]. ↩︎
  2. Vgl. Felix Durach, „Neuer Wehrdienst: Erfassung für den Ernstfall? Pläne betreffen auch ältere Jahrgänge“, Münchner Merkur, 2. Dezember 2025. https://www.merkur.de/politik/wehrdienst-erfassung-fuer-den-ernstfall-das-kommt-jetzt-auf-aeltere-jahrgaenge-zu-neuer-zr-94057084.html [zuletzt abgerufen am 26.12.2025]. ↩︎
  3. Von den auf einer Webseite gesammelten 126 Demos und gemeinsamen Anfahrten zu Demos fanden 28 in Ostdeutschland statt, und davon fanden 20 in Kleinstädten statt. Das zeigt, dass die Bewegung eine Breite angenommen hat, die über die Mobilisierung durch linke Gruppen in den größeren Städten hinausgeht. Vgl. Netzwerk Friedenskooperative, „Schulstreiks gegen die Wehrpflicht am 5.12.“, 5. Dezember 2025. https://www.friedenskooperative.de/aktion/schulstreiks-gegen-die-wehrpflicht-am-512 [zuletzt abgerufen am 29.12.2025]. ↩︎
  4. Offiziell ist die SDAJ unabhängig von der DKP, allerdings bilden die beiden seit „Jahrzehnten ein politisches Kampfbündnis“ – ein „Kampfbündnis“, das mir weitaus enger vorkommt als beispielsweise das Verhältnis der Linksjugend zur Linkspartei. Vgl. „50 Jahre SDAJ“ POSITION, 1, 2018. https://www.sdaj.org/2018/05/05/50-jahre-sdaj/ [zuletzt abgerufen am 26.12.2025]. Auf der Website des Bündnisses sind auch Die Linke.SDS, die Internationale Jugend, das Studierendenkollektiv, der BAK Klassenkampf und die Linksjugend solid Berlin aufgeführt, aber die SDAJ ist mit Abstand die präsenteste der Organisationen. ↩︎
  5. Vgl. Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands (1945): Aufruf des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei an das deutsche Volk zum Aufbau eines antifaschistisch-demokratischen Deutschlands vom 11. Juni 1945. BArch RY 1/1768, Bl. 36. https://www.1000dokumente.de/Dokumente/Aufruf_des_Zentralkomitees_der_Kommunistischen_Partei_zum_Aufbau_eines_antifaschistisch-demokratischen_Deutschlands [zuletzt abgerufen am 27.12.2025]. ↩︎
  6. Hans-Peter Brenner, Bildungsheft Strategie und Taktik, Kommission Marxistische Theorie und Bildung der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), Mai 2016. https://dkp.de/wp content/uploads/theorie-bildung/Bildungsheft-Strategie-und-Taktik.pdf [zuletzt abgerufen am 27.12.2025], S. 5. ↩︎
  7. Man beachte hierbei den Unterschied zwischen kurzfristigen Taktiken zur Erreichung von Teilzielen und langfristigen Strategien zur Erreichung der Hauptziele. Vgl. Destatis, Kleine und mittlere Unternehmen (KMU). https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen Unternehmen/Unternehmen/ Kleine-Unternehmen-Mittlere-Unternehmen/Glossar/kmu.html [zuletzt abgerufen am 27.12.2025]; BVMW, „Der Mittelstand ist Garant für Stabilität und Fortschritt“. https://www.bvmw.de/de/der-verband/%C3%BCber-uns/zahlen-fakten [zuletzt abgerufen am 27.12.2025]. ↩︎
  8. Nicht alle Organisationen in der Tradition der „antifaschistischen“ Volksfronten gehen so weit wie die DKP, die daraus nicht bloß eine kurzftistige Taktik macht, sondern eine weitergehende Strategie, an der sich ihr gesamtes Programm ausrichtet; vor ein paar Jahren haben sich 80 Genoss:innen von der DKP und der SDAJ abgespalten, weil sie die antimonopolistische Strategie nicht teilen. Vgl. Jona Textor, „Der Mythos eines vom Reformismus unbefleckten Ursprungs der antimonopolistischen Strategie“, August 2017. https://kommunistischepartei.de/wp-content/uploads/2018/01/Textor-Der-Mythos.pdf [zuletzt abgerufen am 27.12.2025]. ↩︎
  9. Vgl. Theo König; Leah Liebold, „Debatte mit SDAJ: Mit Liberalen oder mit Einheitsfront gegen die Wehrpflicht? Klasse Gegen Klasse, 3. Dezember 2025. https://www.klassegegenklasse.org/debatte-mit-sdaj-mit-liberalen-oder-mit-einheitsfront-gegen-die-wehrpflicht/ [zuletzt abgerufen am 27.12.2025]. ↩︎
  10. Bündnis Nein Zur Wehrpflicht, „Über uns.“ https://neinzurwehrpflicht.wordpress.com/ueber-uns/ [zuletzt abgerufen am 27.12.2025]. ↩︎
  11. Schulstreik gegen Wehrpflicht, „Zehntausende Jugendliche gehen heute auf die Straße – für Frieden, Selbstbestimmung und echte Zukunftsperspektiven“, 5. Dezember 2025. https://schulstreikgegenwehrpflicht.com/page-5 [zuletzt abgerufen am 27.12.2025]. ↩︎
  12. Vgl. Wolfram Klein, Der Ukraine-Krieg und die Linken, Solidaritaet.info, 9. April 2022. https://solidaritaet.info/2022/04/der-ukraine-krieg-und-die-linken/ [zuletzt abgerufen am 27.12.2025]; Marius Rabe, „An DKP und SDAJ: Wie haltet ihr es mit Putin?“, Klasse Gegen Klasse, 28. März 2022. https://www.klassegegenklasse.org/an-dkp-und-sdaj-wie-haltet-ihr-es-mit-putin/ [zuletzt abgerufen am 27.12.2025]. ↩︎
  13. Jugend Für Sozialismus, „Solidarität mit der Linksjugend!“, Solidaritaet.info, 11. November 2025. https://solidaritaet.info/2025/11/solidaritaet-mit-der-linksjugend/ [zuletzt abgerufen am 27.12.2025]. ↩︎
  14. „Die wenigsten der Schülerinnen und Schüler, die sich am 5. Dezember den Märschen angeschlossen haben, dürften wissen, dass führende Figuren der Demo Mitglieder linksextremer Gruppen wie der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ), der Kommunistischen Jugend oder der Deutschen Kommunistischen Partei sind.“ Vgl. Martin Bieber, „Jugendproteste gegen den Wehrdienst“, Konrad-Adenauer-Stiftung, 18. Dezember 2025. https://www.kas.de/de/kurzum/detail/-/content/jugendproteste-gegen-den-wehrdienst [zuletzt abgerufen am 27.12.2025]. ↩︎