Patrick Leonhardt, der bei der letzten Bundestagswahl als Direktkandidat für Die Linke in Zwickau antrat und im dortigen GKN-Werk arbeitet, berichtet von der dritten Gewerkschaftskonferenz für den Frieden in Salzgitter, die von der IG Metall Salzgitter-Peine und der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiert wurde.
Am 11. und 12. Juli fand in Salzgitter die dritte Gewerkschaftskonferenz für den Frieden unter dem Motto „Den Frieden gewinnen, nicht den Krieg“ statt. Zwei Tage lang versammelten sich Aktive aus Gewerkschaften, politischen Gruppen und Friedensbewegung, um die Rolle der Arbeiter:innenbewegung in Zeiten von Kriegspolitik, Aufrüstung und Krisen zu diskutieren, solidarisch, streitbar, mit vielen Perspektiven.
Der Kongress begann mit einem eindrucksvollen Einstieg von Thorsten Stelzner, der mit seinen Gedichten und Texten einen emotionalen Rahmen setzte. Er machte unmissverständlich klar, was im Zentrum stehen muss: die Sinnlosigkeit von Kriegen, vom Morden im Namen nationaler Interessen. Mit bewegenden Texten stellte er den Wert des Lebens über das Kalkül der Regierenden. Seine Worte wirkten wie ein Weckruf, der durch Herz und Verstand ging.
Es folgte ein informativer Vortrag von Ingar Solty (Referent für Friedens- und Sicherheitspolitik bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung), der kenntnisreich über die Verschiebungen der globalen Machtverhältnisse sprach – bezogen auf ökonomische, politische und militärische Aspekte. In einer Welt, in der die Konfrontation zur neuen Norm geworden ist, braucht es linke Perspektiven auf internationale Entwicklungen mehr denn je. Seine Ausführungen waren eine wichtige Grundlage für die darauffolgenden Debatten.
Im anschließenden Podium mit dem Titel „Kanonen UND Butter?“ drehte sich alles um die Auswirkungen der Aufrüstung auf Konjunktur und Sozialstaat. Dierk Hirschel (Chefökonom bei ver.di) führte mit einem Vortrag in die Debatte ein. Danach diskutierten Mark Ellmann (GEW Bayern), Nonni Morisse (ver.di Bremerhaven), Lena Fuhrmann (Betriebsrätin und Aufsichtsratsmitglied der Salzgitter Flachstahl GmbH). Die zentrale Erkenntnis: Es kann nicht beides geben, Kanonen und Butter. Die Kanonen verschlingen die Butter. Entweder massive Aufrüstung, finanziert durch Schulden, oder ein starker Sozialstaat mit Investitionen in Bildung, Gesundheit, Infrastruktur sowie eine echte ökologische und soziale Transformation. Gleichzeitig wurde deutlich, wie komplex die Realität in den Betrieben ist. Der Wegfall klassischer Industriearbeitsplätze soll mit der Rüstungsindustrie aufgefangen werden, das schafft scheinbare Sicherheit. Lena Fuhrmann schilderte eindrücklich, vor welchen Herausforderungen sie in ihrem Betrieb steht. Den Kolleg:innen zu vermitteln, dass ein Arbeitgeber, der vom Krieg lebt, keine Zukunft bietet, ist eine harte Aufgabe. Doch wenn wir eine gesellschaftliche Gegenmacht aufbauen wollen, brauchen wir unsere Klasse, die Arbeiter:innenklasse. Wir brauchen uns alle, mit Aufklärung und konkreten Alternativen.
Im Anschluss an das Podium entwickelte sich eine offene Diskussion mit den Besucher:innen, die sehr intensiv geführt wurde. Trotz einiger vorwurfsvoller Töne und thematischer Abschweifungen herrschte weitgehende Einigkeit darüber, dass die aktuelle Aufrüstungspolitik der falsche Weg ist. Die Debatte zeigte, wie groß das Bedürfnis nach Klarheit, Orientierung und gemeinsamen Strategien ist und dass die Kritik an der Militarisierung in der Gewerkschaftsbewegung auf breiter Basis geteilt wird.
Beim anschließenden Podium zur Rolle der Jugend im Atomzeitalter diskutierten Yusuf As von der DIDF Jugend, die Bundesvorsitzende von der SDAJ Andrea Hornung, Cem Ince als Mitglied vom deutschen Bundestag der Fraktion Die Linke sowie Henrik Torbecke, Jugendvertreter und Mitglied im Ortsjugendausschuss der IG Metall Salzgitter-Peine. Die Stimmen waren kritisch, kämpferisch und kreativ. Deutlich wurde: Die Jugend hat keine Zukunft im Krieg. Doch sie hat eine Stimme und sie erhebt sie. Auch dieses Podium schloss mit einer offenen Fragerunde, in der die Besucher:innen engagiert nachhakten, Positionen und eigene Erfahrungen einbrachten. Die Diskussion war lebendig, vielseitig und bewegte sichtbar viele im Raum. Besonders positiv fiel mir auf, wie Andrea Hornung und Cem Ince auf die Fragen eingingen. Beide brachten nicht nur klare Standpunkte ein, sondern auch persönliche Erfahrungen und konkrete Einblicke aus ihrer politischen und gewerkschaftlichen Praxis. Ihre Beiträge wirkten authentisch sowie reflektiert und stärkten die Überzeugung, dass politische Jugend eine unverzichtbare Stimme in Friedensfragen ist.
Am Abend ging es in eine Kleingartenanlage, in eine Gaststätte zum gemeinsamen Essen, Begegnen und Kennenlernen. Dort entstanden Gespräche jenseits der Podien, offen und reich an Erfahrungen. Ich selbst konnte viele Eindrücke und Geschichten mitnehmen, die mir helfen, Standortprobleme besser zu verstehen.
Der zweite Tag begann wieder mit Stelzners Gedichten und Liedern, die dem Kongress eine besondere Atmosphäre verliehen. Seine Worte hatten Wirkung, auch an diesem Morgen. Im darauffolgenden Podium „Die Zeitenwende ist ein Frontalangriff auf die Interessen der Beschäftigten“ sprach Ulrike Eifler (IG Metall Würzburg, Parteivorstand Die Linke) in ihrem Vortrag offen aus, was viele fühlen, aber selten laut ausgesprochen wird. Der Applaus im Saal und zahlreiche Gespräche im Anschluss machten deutlich: Ihre Worte trafen einen Nerv vieler Besucher:innen, die sich dadurch gehört und in ihrer Sichtweise bestätigt fühlten. Danach diskutierten Doris Heinemann-Brooks (ver.di Senioren Hamburg), der Journalist Sebastian Friedrich und Jan Dieren (SPD, MdB). Es wurde deutlich: Rüstung ist keine Investition in die Zukunft, sie wird aus Schulden finanziert und schafft keinen nachhaltigen wirtschaftlichen Mehrwert. Sie schafft nur Jobs, solange gestorben wird. Sie kostet uns nicht nur Geld, sondern auch unsere moralische Substanz und das Leben vieler Arbeiter:innen. Danach kam es zu einer belebten und emotional geführten Diskussion mit dem Publikum. Trotz unterschiedlicher Sichtweisen auf den richtigen Weg wurde spürbar: Das gemeinsame Ziel, der Erhalt von Frieden, soziale Sicherheit und Gerechtigkeit verband alle Anwesenden. Die Vielfalt der Perspektiven zeigte nicht Spaltung, sondern die Tiefe der Auseinandersetzung innerhalb einer Bewegung, die sich einig ist, dass der Weg der Militarisierung nicht der unsere ist.
Anschließend konnten sich die Teilnehmenden in vier Arbeitsgruppen engagieren, die sich mit Aspekten zu der Frage „Was tun im gewerkschaftlichen und betrieblichen Alltag?“ beschäftigten. Zur Wahl standen:
– Wie trifft uns die Militarisierung des Gesundheitswesens in Gewerkschaft und Betrieb?
– Wie und wo trifft uns die Militarisierung der Arbeitsmarktpolitik – welche Auswirkungen hat sie auf Betriebs- und Gewerkschaftspolitik und darüber hinaus?
– Pflugscharen statt Schwerter – Rüstungskonversion statt Hochrüstung
– Militarisierung der Bildungseinrichtungen – Auswirkungen auf Schulen und Universitäten
Die Themen waren relevant und gut gewählt, doch meiner Meinung nach war die Zeit zu knapp, um tiefgehende Gespräche in den Gruppen zu ermöglichen. Ein Zeichen dafür, wie viel Redebedarf es gibt, wie groß das Bedürfnis nach Austausch und Handlungsperspektiven ist.
Es folgte das letzte Podium unter dem Motto „Weil es um alles geht: Gegen Kriegstüchtigkeit und Raketenstationierung in Deutschland und Europa!“. Auf dem Podium saßen Ralf Stegner (SPD, MdB), Özlem Demirel (Die Linke, MdEP), Petra Erler (ehem. Staatssekretärin und Autorin), Markus Hulm (2. Bevollmächtigter der IG Metall Salzgitter-Peine) und Ole Nymoen (Podcaster, Autor). Auch hier wurde viel angesprochen, Sorgen, Kritik, Widersprüche, aber auch Perspektiven. Aber besonders mahnten Sie zu politischer Vernunft und Menschlichkeit, für ein Europa des Friedens!
Als Abschluss kam es zu einer kurzen, aber intensiven Diskussion mit dem Publikum. Sie war emotional aufgeladen, kritisch und streckenweise unübersichtlich. Immer wieder wurde aneinander vorbeigeredet, Missverständnisse standen spürbar im Raum, vieles wurde mehrfach wiederholt, was im Gegensatz zu den anderen Diskussionen diesmal stärker zu vernehmen war. Und doch zeigte sich auch hier: Das Bedürfnis nach Austausch ist groß, die Auseinandersetzung notwendig. Denn so unübersichtlich der Weg manchmal wirkt, das Ziel ist für viele dasselbe: Frieden, Gerechtigkeit und eine andere Politik.
Mein Fazit: Es wurde viel wiederholt. Viel wurde falsch verstanden, vielleicht sogar gewollt falsch verstanden. Aber wir müssen lernen, richtig zu kommunizieren. Wir müssen lernen, richtig zuzuhören. Auch wenn wir verschiedene Positionen vertreten, sind wir geeint im Ziel: dem Ziel des Friedens. Doch wir müssen ihn auch selbst finden, zwischen uns, und in uns. Frieden ist kein Zustand, den man herstellt wie ein Produkt. Es ist eine Beziehung, eine Haltung, ein Kampf. Und manchmal ein leiser, mutiger Anfang!

