Ende Juni diskutierten auf der historical materialism Konferenz in Paris 1200 Forscher:innen, Aktivist:innen und Interessierte drei Tage lang über marxistische Theorie, politische Strategien und Analysen der Gegenwart. Der Erfolg der Konferenz wurde jedoch durch das Verbot einiger Teilnehmenden, die der gastgebenden Universität und rechten Gruppierungen ein Dorn im Auge waren, überschattet. Lucien Diehl erläutert, was diese Zensur und die Reaktionen innerhalb der Pariser Linken bedeuten und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen.
Vom 26. bis 28. Juni fand die historical materialism Konferenz unter dem Motto „Combating the Catastrophe“ zum ersten Mal in Paris statt. Drei Tage lang trafen sich ca. 1200 Besucher:innen, darunter ca. 450 vortragende Forscher:innen, Aktivist:innen und Autor:innen, um marxistisch inspirierte Forschung sowie theoretische, politische und strategische Fragen zu diskutieren. Die Themen reichten von Klassenanalyse und Ausbeutungsverhältnissen über Feminismus, technologischem Wandel, politischer Ökologie, Imperialismus und Rassismus, bis hin zu Kunst und Kultur. Die historical materialism Hauptkonferenz findet jährlich in London statt und wird von der gleichnamigen britischen Zeitschrift organisiert.1 In den letzten Jahren fanden ähnliche Konferenzen nun überall auf der Welt statt. Ziel der Zeitschrift, und damit der Konferenzen, ist die Weiterentwicklung marxistischer Theorie über spezifische Strömungen hinaus und die Stärkung marxistischer akademischer Forschung.
Dem Pariser Organisationskomitee gelang es, ein breites und diverses Spektrum an akademischen Disziplinen, politischen Strömungen und Themen zusammenzubringen. Zudem konnten junge Forscher:innen und Aktivist:innen mit bekannten lokalen und internationalen Figuren des zeitgenössischen Marxismus und der internationalen Linken wie Michael Löwy, Richard Seymour, Sandro Mezzadra oder Søren Mau ins Gespräch kommen. Dieser Erfolg wurde jedoch durch Zensurversuche der Universität, Paris-Dauphine, an der die Konferenz stattfand, getrübt. Obwohl das Programm bereits von der Universitätsleitung genehmigt worden war, drohte diese dem Organisationskomitee etwa eine Woche vor Beginn der Konferenz in einer E-Mail damit, die Konferenz abzusagen, wenn nicht drei Panels abgesagt würden: die Plenarsitzungen jeweils der Action Antifasciste Paris-Banlieue (AFA Paris-Banlieue) und der radikalen Umweltbewegung Soulèvements de la terre (im Folgenden: Soulèvements), sowie ein Panel, auf dem die dekoloniale Autorin Houria Bouteldja sprechen sollte.
Dies lag wohl am Druck rechter und zionistischer Gruppen, die vor allem gegen die Anwesenheit Houria Bouteldjas protestierten. Das Organisationskomitee wehrte sich zunächst dagegen, diese drei Auftritte abzusagen. Nachdem es damit gescheitert war, ein paar Tage vor Beginn der Konferenz andere Orte für die gesamte Konferenz zu finden, musste das Organisationskomitee der Forderung der Universität nachkommen, um die Konferenz weiterhin abhalten zu können. Es versuchte daraufhin alternative Orte für die drei verbotenen Panels zu finden. Dies gelang mit der Bourse du Travail de Paris, dem Pariser Gewerkschaftshaus. Die Pariser CGT (Confédération générale du travail – ein linker Gewerkschaftsbund) weigerte sich jedoch, Räumlichkeiten für das Panel mit Houria Bouteldja bereitzustellen. Daraufhin zogen sowohl die AFA Paris-Banlieue als auch die Soulèvements ihre Teilnahme an den jeweiligen Panels zurück.
Dies löste in der Pariser Linken eine (Online-)Diskussion aus, die leider überwiegend die Form haltloser Vorwürfe und sektiererischer Polemik annahm. Bevor sich das Organisationskomitee überhaupt ausführlich zur Lage äußern konnte, war die Situation für Bouteldja-Anhänger:innen und einige andere glasklar: Die Konferenz sei ein Ort „weißer Linker“, die unter sich im bürgerlichen Pariser Westen bleiben wollen. Sie habe nichts mit Marxismus oder historischem Materialismus zu tun. Zu guter Letzt wurde den Organisator:innen unterstellt, der „Aufrechterhaltung des weißen politischen Feldes“ in Zeiten zunehmender Faschisierung zuzustimmen – was einem Rassismusvorwurf gleicht.2 Hier stellt sich natürlich die Frage, was Bouteldjas schwammige Formulierungen und politische Kategorien, die sich jenseits jeglicher Standards materialistischer wissenschaftlicher Praxis und Theoriebildung befinden, mit dem historischen Materialismus zu tun haben. Dafür bräuchte es jedoch einen eigenen Artikel.
Kontext und Bedeutungen des Verbots
Relevanter als diese Polemik ist jedoch die Zensur selbst und diejenigen, die sie betraf. Houria Bouteldja ist Mitbegründerin und die vermutlich berühmteste Figur der dekolonialen Strömung und des politischen Antirassismus (wie sie es selbst nennen) in Frankreich. Sie ist allgemein, aber auch in der französischen Linken eine sehr umstrittene Figur. Dies liegt unter anderem an ihren kontroversen Positionen zu Feminismus, Queerness und Homosexualität, sowie ihrer fragwürdigen Theorie des „staatlichen Philosemitismus“ als Grund für den gegenwärtigen Antisemitismus.3 Bouteldja ist auch eine entschiedene Antizionistin, was ihr natürlich zahlreiche Anfeindungen in der bürgerlichen Presse und intellektuellen Szene Frankreichs einbringt. Die hier nur viel zu oberflächlich vorgestellten Kontroversen, die auch innerhalb der radikalen Linken umstritten sind, machen es jedoch vielen schwer, sich in solchen Situationen solidarisch zu zeigen, während andere jegliche Kritik an ihr abweisen und als Angriff werten. Die Schwierigkeit liegt darin, dass die Situation zwangsläufig die Frage aufwirft, ob die Autorin tatsächlich antisemitisch ist oder nicht. Diese Frage müsste erst beantwortet werden, um sich wirklich entscheiden zu können, wie man sich ihr gegenüber verhalten sollte.
Wie bereits erwähnt gerieten neben Bouteldja auch die antifaschistische Gruppe AFA Paris-Banlieue und die radikale Umweltbewegung der Soulèvements de la terre ins Visier der Universitätsleitung. In dem aktuellen politischen Klima in Frankreich, aber auch auf internationaler Ebene, ist es natürlich kein Zufall, dass vor allem antirassistische, antikoloniale, antifaschistische und Umweltbewegungen zensiert werden oder Repressionen ausgesetzt sind. So wurden in Frankreich im Februar die palästinasolidarische Gruppe „Palestine Vaincra” und am 12. Juni die landesweite antifaschistische Organisation „Jeune Garde” vom Innenministerium verboten. Gegen die Gruppe Urgence Palestine läuft aktuell ein weiteres Verbotsverfahren. Gleichzeitig organisierte das Innenministerium unter der Führung des rechtskonservativen und reaktionären Innenministers Bruno Retailleau eine landesweite Jagd auf Migrant:innen. Dazu wurden am 18. und 19. Juni 4000 Polizist:innen und Soldat:innen in französischen Bahnhöfen eingesetzt.4
Die Auftrittsverbote sind in diesem Kontext zu verstehen. Laut historical materialism ist es das erste Mal in der Geschichte der Konferenz, dass eine solche Zensur stattfindet, was den Eindruck einer sich verschärfenden reaktionären Tendenz nochmals verstärkt.5 Neben der allgemeinen Repression und Zensur palästinasolidarischer, antirassistischer und antiimperialistischer Organisationen und Aktivist:innen scheint Militanz ein weiterer Faktor für die Verbote zu sein. Tatsächlich sind sowohl die AFA Paris-Banlieue als auch die Soulèvements für ihre militanten direkten Aktionen bekannt. Die Soulèvements organisierten beispielsweise 2023 die große Mobilisierung gegen die „Megabassines” (riesige Agrar-Wasserbecken) in Sainte-Soline. Dabei kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei, was auch in der deutschen Linken für Aufsehen sorgte.6
Solidarität und demokratische Debatten statt Spaltungen und Verbote
In solch einem repressiven und rassistischen Kontext ist es ein politischer und strategischer Fehler für eine linke Gewerkschaft – wie die CGT Paris – das von der Universitätsleitung ausgesprochene Verbot auszuweiten und Bouteldja im Gewerkschaftshaus nicht reden zu lassen. Ein politischer Fehler, denn in der linken und der Arbeiter:innenbewegung müssen zu jeder Zeit die demokratischen Bedingungen für offene Debatten sichergestellt werden – anstatt von Ausschlusspolitik. Dies gilt auch für Bouteldjas fragwürdige politische Schlüsse.7 Nicht aus der naiven Vorstellung heraus, dass sich die besseren Argumente wie auf einem „Markt der Ideen“ selbstverständlich durchsetzen werden. Sondern weil sich nur durch eine kontinuierliche Diskussion, verbunden mit einer gemeinsamen politischen Praxis, die Unzulänglichkeiten und Schwächen problematischer Strömungen wie dieser aufdecken und Gemeinsamkeiten erkennen lassen. Mit anderen Worten: Nur so – und nicht durch Deplatforming und Verbote – kommen wir in unseren strategischen Diskussionen und Überlegungen als Bewegung weiter. Darüber hinaus muss festgestellt werden, dass diese Strömung in der französischen Linken einflussreich ist. Ein Beispiel hierfür ist La France Insoumise (LFI), das zahlreiche Ideen übernommen hat. Es ist ein strategischer Fehler, dessen Vertreter:innen pauschal auszuschließen, da dies ihrem Einfluss nicht entgegenwirken wird. Im Gegenteil: Die Zensur ermöglichte es QG Décolonial, sich einmal mehr als vermeintlich radikaler Flügel zu inszenieren und damit innerhalb der Linken zu glänzen.
Nicht nur die undemokratische Entscheidung der CGT Paris (sowie die ursprüngliche Zensur durch die Universitätsleitung) führte dazu, dass eine Diskussion im Rahmen der Konferenz unmöglich wurde. Eine Reaktion wie die der Bouteldja-Anhänger machte sie ebenfalls unmöglich und verstärkte die bestehenden Spaltungen. Ausgerechnet die Organisator:innen der Konferenz ins Visier zu nehmen, die schließlich Bouteldja und mehrere andere Mitglieder ihres Kollektivs für unterschiedliche Panels eingeladen hatten, anstatt die Institution, die die Zensur zuerst vornahm, zu kritisieren, verpasst die Gelegenheit, die institutionelle Zensur zu thematisieren und dementsprechend gegen den breiteren reaktionären Kontext zu mobilisieren. Selbstverständlich kann man die erste Pressemitteilung des Organisationskomitees zu den Vorfällen kritisieren, die zugegebenermaßen ziemlich harmlos war. Genauso kann man die Entscheidung hinterfragen, die Konferenz an einer tendenziell rechtslastigen Universität abzuhalten, da abzusehen war, dass es zu solchen Problemen kommen könnte.
Dennoch sollte man hier, anstatt sich in polemischen Unterstellungen zu verlieren, den eigentlichen Skandal klar benennen: die akademische und politische Zensur sowie die Tatsache, dass sich eine öffentliche Universität den Forderungen der Rechten beugt und diese damit in die institutionelle und mainstreampolitische Landschaft weiter integriert. Die Reaktion der Linken sollte dies aufzeigen und so einheitlich wie möglich gegen konkrete Vorfälle wie diesen Mobilisieren, damit überhaupt eine Antwort auf die allgemeine reaktionäre Stimmungsmache organisiert werden kann. Nur so kann auch von links Druck aufgebaut werden, und die politischen Kosten einer solchen Zensur für die Regierenden und ihre Institutionen erhöht werden. Wie die aktuellen Ereignisse in den USA, aber auch in Deutschland eindrücklich zeigen, ist ein Kampf um die Demokratisierung der Universitäten und Hochschulen im aktuellen Kontext unerlässlich. Für eine linke Bewegung, die etwas erreichen will, ist die Verteidigung und Ausweitung demokratischer Rechte wie Rede- und Meinungsfreiheit sowie die Freiheit der Wissenschaft eine der wichtigsten gegenwärtigen Aufgaben – und sollte als Kampf um eine demokratische Kontrolle und Entscheidungsmacht über Forschung und Lehre durch Studierende, Forschende und alle Universitätsangestellten geführt werden. Damit Forschung und Lehre weder von Universitätsleitungen noch von staatlicher Seite einfach so zensiert und unterdrückt werden können.
- Siehe https://www.historicalmaterialism.org/ ↩︎
- Letzteres wurde in der Mitteilung von QG Décolonial, Bouteldjas Kollektiv, vorgeworfen. Wie bei der gegen hm-Paris gerichteten Polemik wurde die Entscheidung der CGT Paris (die zu verurteilen ist) von QG Décolonial ebenso ohne weiteres als rassistisch qualifiziert. Die Möglichkeit, dass es um inhaltliche Differenzen gehen könnte, wird scheinbar nicht einmal in Erwägung gezogen: „Conférence Historical Materialism : Les Soulèvements de la terre, l’AFA et Houria Bouteldja censurés par l’université Dauphine – Houria Bouteldja censurée par l’UD CGT 75“, QG Décolonial, 26. Juni 2025. https://qgdecolonial.fr/conference-historical-materialism-les-soulevements-de-la-terre-lafa-et-houria-bouteldja-censures-par-luniversite-dauphine-houria-bouteldja-censuree-par-la-bourse-du-travail-de-paris/ ↩︎
- Dazu z.B. dieser Vortrag von 2015, der auch ein weiteres Problem in Bouteldjas Denken aufweist: der Nationalstaat erscheint hier als beinahe allmächtiger, alleiniger Erzeuger rassistischer Kategorien und Dynamiken, der alle Fäden zieht und Gruppen bewusst und systematisch gegeneinander aufspielt. Vergebens sucht man hier nach einem Wort zur historischen Entstehung des Antisemitismus und des Rassismus allgemein, oder zur Rolle der kapitalistischen Produktionsweise in der Herstellung von Differenz: „State racism(s) and philosemitism or how to politicize the issue of antiracism in France?“, 3. März 2015. https://houriabouteldja.fr/state-racisms-and-philosemitism-or-how-to-politicize-the-issue-of-antiracism-in-france/ ↩︎
- „Zweitägiger Einsatz: Frankreich geht an Bahnhöfen gegen Migranten ohne Papiere vor“, Deutschlandfunk, 4. Juli 2025. https://www.deutschlandfunk.de/frankreich-geht-an-bahnhoefen-gegen-migranten-ohne-papiere-vor-100.html ↩︎
- „Statement by the editorial board of historical materialism“, historical materialism Blog, 28. Juni 2025. https://www.historicalmaterialism.org/statement-by-the-editorial-board-of-historical-materialism/ ↩︎
- „Militant für die Umwelt“, analyse & kritik 692, 18. April 2023. https://www.akweb.de/bewegung/frankreich-klimabewegung-sainte-soline-protestcamp-landwirtschaft-biodiversitaet-wasser/ ↩︎
- Der jüngste davon ist der romantische Vorschlag eines „internationalistischen Patriotismus“. Denn Bouteldja zufolge sind die materialistischen Analysen und die kommunistische Idee „nicht zum Träumen geeignet“, „Frankreich“ hingegen schon: Houria Boutelja, „Rêver ensemble. Pour un patriotisme internationaliste“, Contretemps, 11. Februar 2025. https://www.contretemps.eu/rever-ensemble-patriotisme-internationaliste-houria-bouteldja/ ↩︎

