Zeitschrift für marxistische Debatte und Einheit

Zu den Ursachen des Holodomor

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Der Holodomor war keine bloße Naturkatastrophe, er lässt sich aber auch nicht als Genozid angemessen erfassen. Tavish Hari bietet einen Überblick über den aktuellen historischen Forschungsstand und fordert eine differenzierte Untersuchung der Ursachen des Holodomor.

Der Holodomor, die große Hungersnot der Sowjetukraine 1932-1933, wird auch heute noch immer wieder von bürgerlichen und anderen Reaktionären für ihre politischen Ziele instrumentalisiert, zum Beispiel um die Unmöglichkeit einer „sozialistischen“ Planwirtschaft zu „beweisen“, oder um den ukrainischen Nationalismus zu stärken und/oder die UdSSR zu dämonisieren, indem die Hungersnot als Genozid an der ukrainischen Nation dargestellt wird. Wie bei allen Kontroversen rund um die Geschichte des Kommunismus, ist es hier wichtig, dass Marxisten dem mit einem historisch fundierten Verständnis der Situation entgegentreten können, ohne in eine einfache Apologetik zu verfallen. Der hier präsentierte Artikel des Geschichtsstudenten und Genossen Tavish Hari gibt dem Leser einen guten Einblick in aktuelle historische Erkenntnissen zu den Ereignissen des Holodomor. Aus marxistischer Sicht sind hierbei besonders interessant die durch die erzwungenen Kollektivierungen auf dem Land hervorgerufenen Klassenkämpfe und die damit einhergehenden katastrophalen Instabilitäten der landwirtschaftlichen Produktion, wie auch die Rolle der Lage am kapitalistischen Weltmarkt bei der Entwicklung der Krise. Tavish hat uns diesen zuvor unveröffentlichten Artikel in englischer Sprache zugeschickt, und ich habe ihn hier für Licht und Luft ins Deutsche übersetzt.

— Viktor Kubin

In diesem Artikel unternehme ich den selten im akademischen Umfeld gewagten Versuch, die Ursachen der Hungersnot der Jahre 1932 und 1933 in der Sowjetukraine aus marxistischer Perspektive näher zu untersuchen.

Die Hungersnot, auch bekannt als „Holodomor” (wörtlich „Tötung durch Hunger“) ist zweifellos ein kontroverses Thema. Obwohl viele Regionen der UdSSR, zum Beispiel Regionen des heutigen Kasachstans, ebenfalls von Hungersnöte 1932-1933 betroffen waren, stellt insbesondere die Hungersnot in der Ukraine ein wichtiges Ereignis in der Sowjet- und Weltgeschichte dar.

Die Ursachen der Hungersnot und die Anzahl der Toten werden von diversen Forschenden unterschiedlich eingeschätzt und interpretiert. Dennoch sind sich viele Forscher einig, dass die Katastrophe weder als Genozid oder Terrorhungersnot (eine Position, die oft von Populärhistorikern mit Sympathien für den ukrainischen Nationalismus vertreten wird), noch als eine reine Naturkatastrophe (ein apologetischer Standpunkt, der oft von russischen Nationalisten vertreten wird) zu verstehen ist.

Im Folgenden möchte ich die verschiedenen Faktoren, die zu der Hungersnot führten und beitrugen, näher erörtern. Dazu gehören unter anderem der Grad der Verantwortlichkeit, der Einfluss des Klassencharakters des Staates, seine Rolle bei der Vertreibung eines großen Teils der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte und die Rolle von Naturkatastrophen. Dabei gehe ich auch auf den nicht zu vernachlässigen unterentwickelten Zustand der aus dem Zarenreich übernommenen Landwirtschaft, sowie auf die damalige internationale Lage ein. Insbesondere letztere spielte eine verhängnisvolle Rolle in der Krise, da der Einbruch der Getreidepreise auf dem Weltmarkt im Zuge der Großen Depression eine der treibenden Kräfte für die brutalen staatlichen Beschlagnahmungsmaßnahmen wurde, die das Ziel hatten, so viel Getreide wie möglich zu gewinnen.

Die soziopolitische Krise

Die Hungerjahre 1932 und 1933, wie auch die vorherigen Jahre, waren von einer soziopolitischen Krise geprägt. Im Zentrum dieser Krise stand die erzwungene und rasante Kollektivierung der Landwirtschaft. Die damit verbundenen Maßnahmen sollten die staatliche Kontrolle über die Getreideproduktion und andere landwirtschaftliche Güter sicherstellen, um die wachsende urbane Bevölkerung zu ernähren und einen Getreideüberschuss für den Außenhandel zu erzielen.

Aus Sicht des berühmten Historikers Alfred Rieber spielten die eilige und schlecht vorbereitete Umsetzung dieser politischen Maßnahmen, sowie der Verlust der geschäftstüchtigsten und produktivsten Elemente der Landwirtschaft aus den Reihen der wohlhabenden Bauern, bekannt als „Kulaks“, eine zentrale Rolle bei der Hungersnot von 1932-33.1 Rieber hat sicherlich recht, wenn er davon ausgeht, dass die erzwungene Kollektivierung und Entkulakisierung zu Produktivitätsverlusten auf dem Land sowie zu signifikanten Störungen in der Landwirtschaft führten. Doch meiner Meinung nach lag dies nicht an der angeblichen Tüchtigkeit der Kulaken. Die „Produktivität“ der Kulaken lag in erster Linie darin, größeres Ackerland als ärmere Bauern zu besitzen. Die „produktiven“ Aktivitäten der Kulaken bestanden vor allem darin, Millionen von Landarbeitern für sehr niedrige Löhne für sich arbeiten zu lassen, ärmeren Bauern Geld mit Wucherzinsen zu leihen, und sich durch ihren Privatbesitz an überproportional großen Bauernhöfen beinahe alles vermarktbare Getreide anzueignen, wobei ihr Einfluss auf lokale Sowjets noch zu all dem beitrug.2

Stattdessen lag das Problem mehr an den gewaltvollen Exzessen der Kollektivierung und Beschlagnahmungen: In vielen Fällen wurden nicht nur alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse beschlagnahmt, sondern auch die Samen. Gleichzeitig gab es hier eine unproduktive und zerstörerische Tendenz, Sündenböcke zu suchen, was zu Repressionen führte. Verschiedene Historiker haben gezeigt, dass oft nicht nur wohlhabende, sondern auch zahlreiche Mittelbauern und sogar arme Bauern enteignet wurden, die in solchen Fällen als “Podkulakniks” oder “Helfer der Kulaks” bezeichnet wurden. Der Staat war sich der ökonomischen Kosten der Enteignungen und der eiligen Kollektivierung bewusst, doch der politische Erfolg – der Sieg über die Bauernelite – nahm den zentralen Stellenwert ein.3

Stalin sah die Exzesse der Maßnahmen als unangenehme Kosten, und versuchte den Druck auf die Bauern zu regulieren, um eine soziale Explosion abzuwenden.4 Der bekannte Stalin-Historiker Stephen Kotkin gab in einem Interview an, dass es keinen Zweifel an Stalins Verantwortung für die Hungersnot von 1932-1933 gebe und dass seine Politik sie verursacht habe. Kotkin zufolge liegt die Kontroverse in Stalins Intentionen. Nichtsdestotrotz bemerkt der Historiker, dass es zwar keine Mangel an Dokumentationen über von Stalin gewollte Tötungen gibt, es aber dennoch keine einzige gibt, die eine bewusste Absicht Stalins zeigt, die Ukraine oder die Bauern auszuhungern. Im Gegenteil: tatsächlich gibt es Dokumente, die verzeichnen, wie Stalin verspätet Notfallnahrungsmittelhilfe für das Land, einschließlich der Ukraine, freigab. Zudem reduzierte Stalin achtmal in der Periode von 1931 bis 1933 die Quoten der Getreidelieferungen, die ukrainische Bauern leisten mussten, und bemängelte die unzureichenden Notfallmaßnahmen gegen die Hungersnot. Kotkin ist letztlich überzeugt, dass mehr Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn Stalin die Hungersnot öffentlich eingestanden hätte, was der UdSSR geholfen hätte, internationale Hilfe zu erlangen.5

Obwohl die Hungersnot bereits in der erste Jahreshälfte 1932 in der Ukraine ausgebrochen war und bereits mehr als einhunderttausend Opfer gefordert hatte, erkannte die Regierung der UdSSR erst im späten Sommer 1932 die Schwere der landwirtschaftlichen Lage.6 Der Grund für diese Verspätung lag in den schlechten Kommunikationswegen des Systems. Diese wurden durch die Ängste der höheren Behörden und das Bestreben lokaler Bürokraten, sich deren Gunst zu erwirken, zusätzlich verzerrt. Ein Bestreben, das die Exzesse bereits harscher politischer Maßnahmen noch weiter steigerte und dazu führte, dass die Autoritäten zu spät informiert wurden. Der Historiker Cormac Ó Gráda zitiert beispielsweise Stalin, der selbst noch am 25. Juli 1932, inmitten einer bereits katastrophalen Ernte, auf die bis Mitte 1933 die schlimmste Phase der Hungersnot folgen sollte, davon sprach, dass die Voraussichten für die Ernte „zweifellos gut für die gesamte UdSSR“ seien, wobei er gleichsam Probleme in der Ukraine einräumte. Für das Politbüro und die Regierung war die Hungersnot eine Überraschung, und die Reaktion entsprach der allgemeinen Devise dieser Zeit: findet und bestraft die Schuldigen.

Moskau verdächtigte die Bauern und vermeintliche Verbündeten, Getreide zu verbergen, während die Bauern wiederum in manchen Fällen die lokale Entbehrung übersteigerten. Die Hungersnot resultierte in einer Eskalation von Protesten, der Kriminalität und öffentlichen Unruhen. Hierauf reagierte Stalin mit dem drakonischen Gesetz gegen den Diebstahl sozialistischen Eigentums vom 7. August 1932. Dies führte zu Massenmigrationen in urbane Gebiete und sogar zu Fällen von Kannibalismus.7 Dennoch bemerkt auch Ó Gráda, dass die Behörden die Hungersnot in einem größeren Maße bekämpften als zuvor angenommen. Obwohl die Hungerhilfe zu spät kam, passten sie die geplanten Provisionen in den am schlimmsten betroffenen Regionen nach unten an, und lockerte die Restriktionen des Privathandels.8

Nach Einschätzung des Wirtschaftshistorikers Stephen Wheatcroft belieferte das Politbüro die Bauern zum Schluss mit Getreide, statt es strategisch im Osten anzuhäufen, trotz der bedrohlichen politischen Lage in der Mandschurei.9 Dennoch bezichtigt auch Wheatcroft die Regierung der UdSSR der kriminellen Fahrlässigkeit, da sie die Bauern durch gewaltsame Enteignungen im großen Stil einer großen Gefahr aussetzte, ohne eine angemessene vorherige Untersuchung der Situation seitens der Planenden und ohne im voraus größere Getreidereserven anzulegen.

Diese Sicht teilt auch der sowjetrussische Ökonom und Marxist Andrej Kolganov: Die Willkür und der Druck bei den Getreideaneignungen im Jahr 1931 führten zum Widerstand der Bauern in den Jahren 1932-1933, der das Verbergen von Reserven, unvollständiges Ernten und die vorzeitige Ausschüttung von Getreide in den Kollektiven beinhaltete. Der extreme Ernteausfall von 1932 wiederum sorgte für einen Mangel an Brot und anderen Nahrungsmitteln in den Städten, was zu einem noch stärkeren administrativen Druck auf die Bauern führte, bis hin zu grausamer Tyrannei und Gewalt.10 Dies ging oft nicht nur mit der Beschlagnahmung von Samen und Futter einher, sondern darüber hinaus noch der Nahrungsmittelreserven der Kollektive und individueller Bauern. Diese Umstände, sowie der Diebstahl von Samen durch Bauern der Kollektive, werden im großen Detail in den Berichten des sowjetischen Autors Michail Scholochow beschrieben, sowie in seinen Briefen an Stalin.11 Für den oben erwähnten Marxisten Kolganov besteht kein Zweifel daran, dass solche negativen Beziehungen zwischen den Autoritäten und den Bauern einen hohen Grad der Entfremdung der Bauern vom allgemeinen landwirtschaftlichen Arbeitsprozess, ihrer eigenen Arbeit und ihren Erzeugnissen aufweisen. Demnach war es genau diese Einstellung der Bauern (sowohl der Bauern in den Kollektiven, als auch der individuellen Bauern) zur landwirtschaftlichen Arbeit, welche den Ernteausfall der Jahre 1931-32 signifikant verschlimmerten.12

Schließlich kann nicht außer Acht gelassen werden, dass die geringen verfügbaren Nahrungsmittelreserven nicht nur den oben beschriebenen Umständen geschuldet waren, sondern auch dem Versagen, bereits viel früher einen Getreidekredit von den Kulaken und Mittelbauern zu erzwingen, wie es die Linke Opposition 1926 gefordert hatte. Auch sollten wir nicht die Weigerung der Stalin-Sinowjew-Kamenew Troika (und später der Stalin-Bucharin Dvoika), einen höheren Anteil des Staatsbudgets für die Industrie, insbesondere für die Schwerindustrie, auszugeben, um eine frühere Industrialisierung zu erreichen, nicht vergessen. Diese hätte helfen können, die Landwirtschaft zu mechanisieren und während der Zeit der neuen ökonomischen Politik (NÖP) mehr und billigere Konsumgüter zu erzeugen. Gleichermaßen gab es in den Jahren vor der Kollektivierung zu wenig Schutz für Landarbeiter und, entgegen Lenins Zielen für die NÖP-Periode, wurde es versäumt, eine Bauerngewerkschaft zu schaffen. Diese politischen Fehlentscheidungen und der rasante Wechsel zur gezwungenen Kollektivierung wurden zum Teil von einem vulgären Ökonomismus anstelle einer ernsthaften materialistischen Analyse, sowie von existierenden Klassenwidersprüchen angetrieben. Letztere führten auch dazu, dass die aufsteigende Parteistaatsbürokratie gegen eine zunehmend herausforderungsbereite Arbeiterklasse und eine relativ autonome Bauernschaft ankämpfen musste, um das Land zu industrialisieren. Gleichzeitig versuchte sie, einen größeren Anteil des von den Arbeitern und Bauern produzierten Mehrwerts zu nutzen, um die wachsenden Privilegien, Gehälter und die Größe der Bürokratie zu finanzieren.

Die hier beschriebenen Umstände produzierten eine soziopolitische Krise, die sich vor dem Hintergrund einer weiteren Krise verschlimmerte – einer Krise, die außerhalb der Kontrolle des Staates lag.

Die Umwelt- und Technikkrise

Die landwirtschaftliche Planung und Arbeit im Jahr 1932 fand unter deutlich schlechteren Bedingungen statt als im Vorjahr: Knappheit und Hungersnot in vielen Regionen.

Die Jahre 1931 und 1932 waren zwei Jahre der Ernteausfälle. 1931 war ein Jahr der Dürre mit nachweislich extremer Hitze und geringem Niederschlag, was im frühen Sommer das Erblühen und Ausfüllen der Getreidefelder behinderte. Doch das Folgejahr, 1932, war auf eine andere Weise desaströs, und zwar aus fast gegensätzlichen Gründen: 1932 herrschte ein ungewöhnlich feuchtes Wetter im Oblast Kiew vor, wodurch sich ein großer Teil der Ernte verzögerte und auf den Feldern verrottete.13 Und so verfehlten die Bauern ihre Erntepläne für das Jahr. Die Ernte fiel selbst noch niedriger aus als 1931, verursacht durch eine komplexe Mischung von Naturkatastrophen, wie u.a. Fluten und extremen Regenfällen, die außerdem für einen schweren Pflanzenkrankheitsbefall und Rost sorgten. Der Historiker Mark Tauger gibt an, dass die Ukraine 1932 das Zwei- bis Dreifache des normalen Niederschlags erlitt – Umstände, die auch von damaligen Pflanzenpathologen ausführlich dokumentiert wurden.14

Die Beschlagnahmungspolitik der Regierung ging von bestimmten Annahmen über das Niveau der Getreideproduktion aus, von der erwartet wurde, dass sie durch die Einführung einer Reihe einfacher technologischer Verbesserungen im ersten Fünfjahresplan um mehr als 35% steigen würde. Die Verbesserungsmaßnahmen sollten Folgendes umfassen: (1) verbesserte Samen, (2) einen verbesserten und früheren Pflanzenanbau durch die Anwendung erhöhter mechanischer Zugkraft, und (3) einen zunehmenden Gebrauch verbesserter Getreidewechselwirtschaft und Düngung, einschließlich Viehdung.15 Des Weiteren wurde davon ausgegangen, dass technologische Verbesserungen die Wirkung schlechten Wetters auf die Ernte mindern würden, und man somit nicht für schlechtes Wetter planen müsse. Obwohl diese Annahmen sich als falsch herausstellten, zögerten die Behörden zuzugeben, dass die Annahmen nicht realistisch waren.16 Auch muss man hier die Vererbung des unterentwickelten Zustands der Landwirtschaft aus dem zaristischen Russland – die geringe Produktivität und fehlende Mechanisierung – sowie die tausendjährige Geschichte der Hungersnöte des Landes (einschließlich im Zarenreich und während der NÖP) bedenken, wenn man die Hungersnot von 1932-33 verstehen will.

Die Weltwirtschaftskrise

Obwohl dies oft übersehen wird, spielte die weltökonomische Lage eine wichtige Rolle in den Ereignissen. Die Industrialisierung der UdSSR benötigte die Tilgung gewaltiger Kosten: für den Import technischer Ausrüstung, für die Beschaffung der notwendigen Rohmaterialien, und um einen minimalen Lebensstandard der Arbeiter auf den Baustellen zu gewährleisten. So wird geschätzt, dass die Regierung etwa vier Millionen Tonnen Getreiden exportierte, um die massiven notwendigen Importe von Maschinerie, wie z.B. Traktoren, zu finanzieren. Interessanterweise forderte Stalin, der die geplanten Zahlen festlegte, 1929 plötzlich eine extreme Intensivierung der Getreideproduktion und Kollektivierung.17 Der russische Historiker Alexander Shubin kritisiert in diesem Zusammenhang viele Forscher dafür, dass sie übersehen, dass zur selben Zeit, als in der UdSSR die Hungersnot ausbrach, in der kapitalistischen Welt eine Krise der Überproduktion, die große Depression, ausbrach. Diese führte zu einer extremen Verschlechterung der Lage auf dem Weltmarkt, sodass die Preise von Ressourcen– einschließlich Getreide – stark fielen. Shubin argumentiert, dass weder Stalin noch die sowjetischen Planer dies hätten vorhersehen können und dass somit alle Berechnungen, auf die sie sich ursprünglich verlassen hatten, auseinanderfielen.

Eines der zentralen Ziele der Industrialisierung der UdSSR war es, den technologischen Entwicklungsgrad und den allgemeinen Lebensstandard der imperialistischen Mächte (England, die USA, Frankreich, Japan und Deutschland) zu erreichen und durch die Entwicklung einer mächtigen Schwer- und Verteidigungsindustrie gegen mögliche militärische Interventionen seitens dieser Nationen gewappnet zu sein. Doch dies musste die UdSSR ohne den Besitz von Kolonien und trotz der wachsenden technologischen Kluft zum Westen schaffen. Wie bereits beschrieben, sollte diese Industrialisierung, sowie die Festigung und Stärkung der Macht und Privilegien der herrschenden Bürokratie, durch die Kollektivierung der Landwirtschaft und der Erwirtschaftung von Mehrwert durch staatliche Bauernhöfe und Kollektive erreicht werden. Erstere stellten eine Form des Staatskapitalismus dar, die sich durch die Erzeugung von Mehrwert an einem Pol und Aneignung dieses Mehrwerts am anderen auszeichnete. Letztere verkörperten hingegen keineswegs selbstermächtigende Bastionen der sozialistischen Landwirtschaft, da ihr Potenzial für progressive Transformation durch die Einmischungen der Staatsbürokratie stark beschränkt wurde. In Verbindung mit dem charakteristischen Voluntarismus dieser Zeit, der auch in späteren Jahren in der Politik des Stachanowismus hervortrat, machten sich in der Regierung der UdSSR Erwartungen massiver und unrealistischer Erfolge hinsichtlich des Fünfjahresplans breit. Da sich dies vor dem Hintergrund der Großen Depression und der damit einhergehenden Verbilligung von sowjetischen Rohmaterialien und Getreide auf dem Weltmarkt abspielte, entwickelte die sowjetische Politik eine Tendenz zur Überforderung der Landwirtschaft durch exzessive Beschlagnahmungsmaßnahmen.

Einschätzungen der Toten der Hungersnot

Um die Zahl der Verhungerten von 1932-1933 in der gesamten UdSSR zu ermitteln, hält Kolganov die Berechnungen von V.V. Tsaplin, dem ehemaligen Direktor des zentralen Staatsarchivs der Nationalökonomie der UdSSR, für am verlässlichsten. Laut seinen Daten, welche er durch die Analyse von Archivdokumenten gewonnen hat, starben 1932-1933 mindestens 2.8 Millionen Menschen in der UdSSR an Hunger oder an seinen Folgen – so die Zahlen wie sie staatlich registriert wurden. Die nicht registrierten Toten im Jahre 1933 schätzt er auf 1 Million Menschen. Schätzungen für die nicht registrierten Toten des Vorjahres, 1932, sind schwierig, doch es waren deutlich weniger als 1933, dem schwersten Krisenjahr. Somit schätzt Kolganov die Zahl der Toten schließlich auf insgesamt 4 – 4.5 Millionen Menschen.18 Der russische Historiker Viktor Zemskov schätzt die Zahl auf etwa 3 Millionen, wobei die Hälfte aus der Ukraine stammt.19

Shubin bemerkt, dass das Standesamt auf dem Höhepunkt der Hungersnot zwar nicht alle Todesfälle aufgezeichnet hatte, in seinen Verzeichnissen jedoch ein klarer und gewaltiger Anstieg der Sterberate abgebildet ist.20 Dies zeige, dass die Regierung keine Intention hatte, die Tragödie vor sich selbst zu „verstecken“. So sei die Unterschätzung der Sterberate auf in gewisser Weise verständliche Tendenz zurückzuführen, die lokale Situation gegenüber dem Zentrum herunterzuspielen, wie schon zu Beginn des Artikels beschrieben. Auch bleibt unklar, wie viele Menschen ausschließlich durch den Hunger, und wie viele durch andere Umstände des allgemeinen Zerfalls der sozialen Situation gestorben sind.21

Schlussfolgerungen

Die Hungersnot von 1932-1933 in der UdSSR wurde weder von ethno-rassistischen Überzeugungen, noch von reinem Extraktivismus angetrieben. Keiner der hier erwähnten Forscher teilt die These genozidaler Absichten, wie sie von Populärhistorikern wie Anne Applebaum oder Timothy Snyder vertreten wird. Dennoch wurde die Hungersnot durch spezifische politische Maßnahmen und historische Entwicklungen der Regierung der UdSSR in und mit Verbindung zur Ukraine geprägt. Die Politik der UdSSR dieser Jahre zeichnet sich vor allem durch eine überenthusiastische Entwicklungspolitik, den Willen, zu den mächtigeren westlichen Ländern aufzuschließen, sowie den Aufstieg und der Festigung einer neuen herrschenden Klasse aus. Doch die daraus hervorgehende soziopolitische Krise wurde durch Naturkatastrophen und die Große Depression stark verschlimmert. Letztendlich war es die Unmöglichkeit einer komplett autarken Entwicklung der Sowjetunion, welche sich im Einfluss des Weltmarktes und der internationalen Arbeitsteilung klar abzeichnete, und die vom Zarenreich vererbte Rückständigkeit des Landes, die die Bedingungen für die Entstehung der Hungersnot schufen.

  1. Alfred J Rieber. Stalin As Warlord. Yale University Press, 2022. S. 3.  ↩︎
  2. Marie, Jean-Jacques. Trotsky: Revolutionnaire Sans Frontieres. Payot, 2006. Pp 325-326.  ↩︎
  3. Shubin, Aleksandr Vladlenovich. Mify Sovetskoi Istorii (Myths of Soviet History). Onlineausgabe. S. 47.  ↩︎
  4. Ibid. S. 47.  ↩︎
  5. Aldous, Richard. Kotkin, Stephen. Terrible Talent: Studying Stalin. American Interest. https://www.the-american-interest.com/2017/11/08/studying-stalin/ . 8th November, 2017.  ↩︎
  6. O Grada, Cormac. Famine: A Short History. Princeton University Press 2010. S. 225-226.  ↩︎
  7. Ibid. S. 227.  ↩︎
  8. Ibid.  ↩︎
  9. Wheatcroft, Stephen G. TOWARDS EXPLAINING SOVIET FAMINE OF 1931–3: POLITICAL AND NATURAL FACTORS IN PERSPECTIVE, Food and Foodways, 12:2-3. 2004. S. 120.  ↩︎
  10. Kolganov, Andrey Ivanovich. The Path to Socialism. Traveled and Untraveled. From the October Revolution to the Dead End of Perestroika. Moscow: Lenand, 2018. S. 214.  ↩︎
  11. Ibid.  ↩︎
  12. Ibid.  ↩︎
  13. Wheatcroft, Stephen G. The Turn Away From Economic Explanations for Soviet Famines. Contemporary European History. Cambridge University Press 2018. S. 468.  ↩︎
  14. Tauger, Mark B. Review of The Years of Hunger: Soviet Agriculture, 1931-1933. https://eh.net/book_reviews/the-years-of-hunger-soviet-agriculture-1931-1933/  EH.NET. November 2004. ↩︎
  15. Wheatcroft, Stephen G. The Turn Away From Economic Explanations for Soviet Famines. Contemporary European History. Cambridge University Press 2018. S. 25.  ↩︎
  16. Ibid.  ↩︎
  17. Shubin, Aleksandr Vladlenovich. Mify Sovetskoi Istorii (Myths of Soviet History). Onlineausgabe. https://litmir.org/books/nauchnye-i-nauchno-populjarnye-knigi/istorija/188806-aleksandr-shubin-mify-sovetskoi-istorii.html S. 46.  ↩︎
  18. Kolganov, Andrey Ivanovich. The Path to Socialism. Traveled and Untraveled. From the October Revolution to the Dead End of Perestroika. Moscow: Lenand, 2018. S. 212-213.  ↩︎
  19. Zemskov, Viktor Nikolaevich. Stalin Era: Economy, Repression, Industrialization. 1924-1954. Block-Print 2024. (PDF Version auf Englisch) S. 293.  ↩︎
  20. Shubin, Aleksandr Vladlenovich. Mify Sovetskoi Istorii (Myths of Soviet History). Onlineausgabe. https://litmir.org/books/nauchnye-i-nauchno-populjarnye-knigi/istorija/188806-aleksandr-shubin-mify-sovetskoi-istorii.html S. 48.  ↩︎
  21. Ibid.  ↩︎